20. Brielle

Its time to spiral

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Es passiert einen Tag vor Weihnachten. Die alltägliche Folter der Schule ist für das Jahr beendet und es bleibt nichts mehr zu tun, als Dekorationen aufzuhängen, Punsch zu trinken, übers Eis mit den Jungs zu laufen und Avery dämliche Memes zu schicken, die nur wir lustig finden. Ich habe gerade das Geschenk für meine Freundin fertig eingepackt (mit Quinns Hilfe habe ich ihr ein schickes Schnittmusterset aus dem Internet besorgt), als das Telefon klingelt.

Dad ist für ein paar letzte Besorgungen zum Supermarkt gefahren, damit wir die Feiertage auch genug zu Essen haben (er ist einer dieser Leute, die plötzlich viel zu viele Nahrungsmittel kaufen, weil sie denken, wir würden binnen drei Tagen genug für eine Woche verbrauchen), deswegen bin ich rangegangen.

„Hallo?", frage ich in den Hörer, den ich mir an die Schulter klemme, während ich in den Kühlschrank schaue. Irgendwo steht noch ein Joghurt, den ich vor dem Mittagessen verdrücken will.

„Guten Tag, hier ist das Grey Nuns Community Hosital in Edmonton. Mein Name ist Mary St. Germain, ich würde gerne mit Mr. Alistair Taylor sprechen."

Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, das kühle Plastik des Joghurts in meiner Hand. Was will bitte ein Krankenhaus von meinem Dad? „Der ist nicht da, hier ist seine Tochter. Soll ich was ausrichten?"

„Seine Tochter?", fragt die Frau am Telefon mit einem überraschten Unterton. „Oh, dann sind Sie sicherlich auch die Tochter von Annabell Taylor, richtig?"

„Das ist meine Mutter, ja", erwidere ich mit unsteter Stimme. Ich habe es die letzten Wochen geschafft, nicht allzu viel an meine Mutter und ihren fehlenden Platz in der Weihnachtsvorbereitung zu denken, da kann ich es nicht gebrauchen, wenn irgendeine Krankenschwester anruft und mir von ihr erzählt. „Wer will das überhaupt wissen?"

„Miss Taylor, es tut mir wirklich leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber Ihre Mutter Mrs. Annabell Taylor war in einen schwerwiegenden Autounfall verwickelt. Derzeit liegt die Patientin bei uns im Koma und ist im kritischen Zustand. Ihren Kontaktinformationen nach haben wir Mrs. Taylors Unfallkontakt angerufen, Ihren Ehemann."

„Ex-Mann", korrigiere ich säuerlich. Das sieht ihr ähnlich, dass sie ihre wichtigen Informationen nicht aktualisiert und uns in ihre Probleme zieht. „Was soll das heißen, kritischer Zustand?"

Mary St. Germain klingt irritiert, als sie antwortet: „Ihre Mutter hat schwerwiegende Verletzungen erlitten, als sie in den Unfall involviert wurde. Zu diesem Zeitpunkt können wir nicht sagen, ob und wann sie wieder aufwacht. Es tut mir wirklich leid."

Ich sollte etwas fühlen, als die Frau am Telefon das sagt, aber stattdessen bin ich gereizt. Verärgert. Was bildet sich Mom überhaupt ein? Sie sollte wissen, dass ich zu dieser Zeit nicht an sie denken will, sie sollte wissen, dass ich sauer auf sie bin und nicht einmal daran denken will, dass sie meine Mutter ist. Was fällt ihr ein, sich in einen Unfall verwickeln zu lassen, um jetzt auch noch unser Weihnachtsfest zu ruinieren? Es hat ihr wohl nicht gereicht, mich und Dad zum Umzug zu zwingen, nachdem sie unser Leben ruiniert hatte, sie musste noch einen draufsetzen.

Ich fühle mich verraten. Kalt und allein gelassen.

„Miss Taylor? Sind Sie noch in der Leitung?"

„Bin noch da", erwidere ich knapp. „Soll ich das meinem Dad ausrichten? Er kommt sicher gleich vom Einkaufen wieder, halbe Stunde oder so."

„Ich verstehe, dass das ein Schock für Sie ist und Sie nicht genau wissen, wohin mit Ihren Gefühlen", fängt Mary auf der anderen Seite an, aber kommt nicht weiter, denn ich unterbreche sie mit einem hohlen Lächeln.

„Ich weiß sehr wohl wohin mit meinen Gefühlen", gebe ich mit beinahe schon trotziger Stimme zurück. „Vielen Dank, dass Sie uns informiert haben, aber probieren Sie es lieber bei einem von Moms Liebhabern, mit denen Sie die Familie kaputt gemacht hat, vielleicht kümmert es ja einen von denen. Schönen Tag noch." Ich lasse Mary keine Chance mehr, zu antworten, sondern lege auf.

Meine Hand zittert und sicherheitshalber stelle ich den Joghurt auf dem Küchentresen ab. Mein Gesicht hat Feuer gefangen, aber der Rest meines Körpers ist eiskalt geworden. Was soll ich denn jetzt fühlen? Mom hat es also geschafft, sich ins Koma zu befördern. Toll. Es interessiert mich nicht so sehr, wie es mich wohl interessieren sollte, aber ich kann nicht an sie denken, ohne gleichzeitig in Rage zu verfallen. Dad wollte, dass ich deswegen einen Therapeuten aufsuche, aber ich habe ihn abgewimmelt und gesagt, dass das vergeht, wenn ich wieder Eishockey spiele.

Vielleicht ist das ja auch das, was ich jetzt tun sollte. Wenn ich aufs Eis gehe, dann bekomme ich den Kopf frei. Kann an meine Mutter denken, ohne ihr Gesicht vor mir zu sehen, ohne ihren falschen, entschuldigenden Blick vor mir zu haben, mit dem sie versucht hat, mich zu besänftigen, nachdem Dad sie gezwungen hat, mir von ihren ganzen Affären zu erzählen. Sie hat tatsächlich geglaubt, ich würde mich auf ihre Seite begeben, oder sie dafür nicht hassen, aber wenn sie das wirklich gedacht hat, dann scheint sie mich nicht gut zu kennen.

Ich knalle die Kühlschranktür zu, das klirrende Echo hallt in der Küche wider, während ich den Blick auf den Rest vom Geschenkpapier werfe, mit dem ich eben noch Averys Geschenk eingewickelt habe. Ärger durchflutet mich. Gerade jetzt, wo ich angefangen habe, mich auf Weihnachten zu freuen, muss mir Mom auch das kaputt machen.

Ich schreibe Dad eine Nachricht, wer angerufen hat und lege sie auf den Küchentisch, bevor ich Averys Geschenk in meine Tasche lege, mir einen Mantel überziehe und in ein paar dicke Schneestiefel schlüpfe, dann verlasse ich das Haus, den Joghurt auf dem Tresen stehen lassend.

Draußen stürmt es.

Schnee fliegt durch die Luft, Eis bedeckt den Boden. Schneidender Wind dringt durch den dünnen Stoff meiner Trainingshose und greift mit gefrorenen Fingern nach meiner Haut, eine Wand aus weißen Wolken am Himmel, die mein komplettes Sichtfeld einnehmen. Der kanadische Winter hat die ganze Stadt in einen Umhang aus Schnee gehüllt. Weiße Mützen bedecken die Bäume, Decken aus Schnee zieren die Dächer und die Wege sowie Vorgärten sind mit allerlei Schneemännern, Überresten von Schneeballschlachten und Haufen an Schnee bedeckt, daneben verzweifelt freigeschaufelte Einfahrten, die erneut in der weißen Welt untergehen.

Binnen Sekunden sind meine dunklen Locken feucht und ein eisiger, klammer Film bedeckt die Haut in meinem Gesicht. Zum Glück wohnt Avery nicht allzu weit weg, sodass ich einige Minuten später vor ihrem Haus ankomme und meinen kalten Finger in die Klingel drücke. In der Einfahrt steht der in die Jahre gekommene Combi ihrer Mutter, bedeckt mit einer schmalen Schicht an Schnee.

Obwohl ich erwartet habe, dass ich sie sehe, verschlägt es mir für einen Moment trotzdem den Atem, als Avery die Tür öffnet. Ihre Lippen verziehen sich zu einem überraschten Lächeln, als sie mich erblickt. „Was machst du denn hier?", fragt sie, bevor sie einen halben Schritt zur Seite tritt und mich am Ärmel aus der Kälte zieht. „Ich dachte, du wolltest mit den Jungs zum Sportcenter fahren?" Die hab ich vergessen. Mist. Ich mache mir eine gedankliche Notiz, mich später bei Nate zu melden und zu erklären.

Avery hat eine ihrer neuste Kreationen an, eine wunderbare, seidene Bluse, die dunkelgrün und schwarz im Licht der Lampe schimmert und noch dazu mit silbernem Garn bestickt ist, sodass es aussieht, als würden kaum zu erkennbare Schneeflocken auf ihrem Körper liegen. Ihre Haare sind zu einem dicken Knoten auf ihrem Kopf gebunden, zusammengehalten durch ein rotes Tuch und an ihren Füßen trägt sie ein paar flauschige pinke Pantoffeln. Die Pantoffeln haben Hasenohren. Als sie sieht, dass ich die Hasenhausschuhe entdeckt habe, werden ihre Wangen ein wenig dunkler. „Wehe, du sagst du etwas. Ich habe nicht mit dir gerechnet, sonst hätte ich sie natürlich weiterhin vor dir geheim gehalten."

„Natürlich hättest du das", entgegne ich lachend. Ich streife meine Stiefel von den Füßen, winkle die Lippen an und frage dann: „Hast du noch ein Paar?"

Avery verdreht die Augen. „Witzig", murmelt sie. „Jetzt sag schon, was machst du hier?"

„Ich muss dir doch noch ein Geschenk vorbeibringen", erwidere ich, die Probleme meiner Mutter für den Augenblick vergessen und in die hinterste Ecke meines Kopfes gesteckt. „Santa Claus hat es gerade erst bei abgeladen."

Sie zieht eine Augenbraue hoch. „Ich hab dir doch gesagt –"

„Und ich habe dich ignoriert", unterbreche ich sie lächelnd. Ich fische das Geschenk auf meiner Tasche und halte es ihr entgegen. „Frohe verfrühte Weihnachten."

„Brielle!", sagt Avery tadelnd, nimmt das Geschenk aber entgegen. „Du solltest mir nichts kaufen. Ich habe jetzt nichts für dich und – jetzt sehe ich aus, wie die schrecklichste Freundin des Jahres." Sie presst die Lippen zusammen. „Hättest du nicht wenigstens bis zu meinem Geburtstag warten können?"

„Der ist erst in fast 10 Monaten", erwidere ich trocken. „Solange warte ich sicher nicht, um dir ein Geschenk zu machen."

„Du bist unglaublich", sagt sie.

„Ich weiß." Ich grinse sie an, bis Avery ausgiebig seufzt und dann meine Wange küsst.

„Das ist sicher nicht der einzige Grund, wieso du hier bist, oder?", fragt sie, als ich meinen Mantel ausgezogen und zu den anderen Jacken an die Kommode gehangen habe. Im Spiegel an der Wand habe ich einen kurzen Blick auf mein verkühltes, feuchtes Gesicht werfen können.

„Ist es so abwegig, dass ich dich sehen wollte?"

Avery, die den Weg in die Küche anführt, wirft mir einen zweifelnden Blick über die Schulter. „Ein wenig schon, ja, wenn man bedenkt, dass es keine vierundzwanzig Stunden her, dass wir uns gesehen habe. Außerdem habe ich dir erst vor einer halben Stunde diesen Instagram-Post mit der dicken Katze geschickt, die vom Sofa gefallen ist."

„Über den bin ich dir auch sehr dankbar", erwidere ich, auch wenn ich den Post noch nicht angeguckt habe. Zu sehr war ich fixiert, ihr Geschenk einzupacken und dann ... „Meine Mom liegt wohl im Koma", sage ich, als mir Mary St. Germains Stimme wieder in den Ohren geistert.

Avery bleibt wie zur Salzsäule erstarrt stehen. „O Gott", sagt sie fast schon im Flüsterton. „Das ist ja schrecklich! Was ist – ich meine, seit wann weißt du das?"

Ich zucke mit einer Schulter. „Seit ungefähr zwanzig Minuten", meine ich. „Das Krankenhaus hat angerufen, aber es ist keine große Sache, wirklich. Mach dir keinen Kopf darum", füge ich an, in der Hoffnung, dass Avery mir einen Tee anbietet, mit dem ich mich aufwärmen kann.

Es liegt Avery augenscheinlich sehr fern, mir jetzt einen Tee anzubieten. Sie geht einen Schritt auf mich zu und greift mit ihren warmen Fingern nach meinen kalten Händen. „Komm schon, natürlich ist das eine große Sache! Es ist deine Mutter!"

Eine Falte erscheint auf meiner Stirn. „Ich weiß, gerade deswegen ist es ja keine große Sache. Ich will von ihr nichts wissen."

Avery blickt mich mit einer Mischung aus Mitleid und Sorge an, diese ätzende Art von Blicken, die mir meine Freunde aus dem alten Eishockeyteam gegeben haben, als sie von der Fremdgeherei erfahren haben, als würden solche Blicke irgendwas besser machen. „Sag sowas nicht", meint sie leise.

Als ich das Anzeichen sehe, dass Avery mich umarmen will, trete ich einen Schritt zurück und lasse ihre Hand fallen. „Lass das", sage ich.

„Brielle ..."

„Nein, hör auf", unterbreche ich sie. Der Ärger wallt wieder in mir auf, wie ein langsam überkochender Topf, der auf der Herdplatte vergessen wurde. Mir wird warm, sodass ich die Ärmel meines Pullovers aggressiv bis zu meinen Ellbogen zerre. „Es ist mir vollkommen egal, was mit dieser Frau passiert oder was aus ihr wird. Sie hat sich dazu entschieden, diese Familie zu zerstören, also hat sie das Privileg verloren, dass ich mich um sie sorge, wenn es ihr nicht gut geht." Ich recke das Kinn in die Höhe. „Es wäre mir besser gegangen, hätte das blöde Krankenhaus gar nicht erst angerufen, aber natürlich hat sie meinen Dad nicht aus ihrem Notfallkontakt entfernt." Ein Schnauben entkommt mir. „Bestimmt hat sie die lächerliche Hoffnung, er würde sie zurücknehmen, wenn er nur genug Mitleid mit ihr hat."

Mit zusammengepressten Lippen sieht Avery mich an, mitleidig, sorgenvoll, abwartend.

Ich wende den Kopf zur Seite. „Hör auf mich so anzusehen", brumme ich. „Mitleid kann ich nicht gebrauchen."

„Ich habe kein Mitleid mit dir", sagt sie. An ihrem Ton kann ich nicht erkennen, ob sie es auch so meint. „Es steht dir zu, wütend zu sein."

Ich schnaube erneut. „Natürlich bin wütend", meine ich mit etwas zu lauter Stimme.

„Aber", fährt Avery unbekümmert fort, ihre Stimme hart, „ich glaube nicht, dass dir wirklich nichts daran liegt, was aus deiner Mutter wird. Warum sonst wärst du jetzt hier? Wieso sonst hättest du mir davon erzählt, wenn es dich nicht doch irgendwie mitnimmt?"

„Es nimmt mich nicht mit", presse ich hervor. „Ich habe es dir gesagt, weil du meine Freundin bist. Weil ich es dir sagen wollte." Als sie nicht antwortet, zwinge ich mich dazu, sie wieder anzusehen.

Averys Augenbrauen sind weit in ihre Stirn gezogen. „Weißt du, es sollte mir egal sein, wenn du mich anlügst, weil ich es durch Quinns dämliche Notlügen schon gewohnt bin, aber es regt mich auf, dass du dich selbst belügst."

Ein hohles Lachen entkommt mir. Was fällt ihr ein? Ich ringe mit meinen Fingern, bevor ich sie tief in die Taschen meiner Hose befördere. „Ach?", frage ich mit höhnendem Unterton in der Stimme, für den ich mich wohl schuldig fühlen sollte. „Du weißt auf einmal besser über mich Bescheid als ich? Du weißt selbstverständlich, was ich fühle und denke, weil du natürlich die allwissende Avery bist, hatte ich vergessen."

„Du kannst mich ruhig beleidigen", sagt Avery mit leiser, fester Stimme, „aber tu nicht so, als würdest du nicht wissen, was du hier machst."

„Wenn du es doch so genau weißt, warum erhellst du mich dann nicht?", entgegne ich, während der Siedepunkt immer näher rückt. Mein Brustbereich fühlt sich heiß und unnachgiebig an, mein Blick ist fest auf meine Freundin gerichtet, die mich unbeeindruckt ansieht. „Na los, sag schon. Was mache ich."

„Wenn du glaubst, dass du dich so benehmen kannst und ich es einfach hinnehme, dann hast du dich in mir aber gewaltig getäuscht, Brielle." Die Art, wie sie meinen Namen ausspricht, lässt mich fast straucheln. Verschwunden ist die Wärme, die Sorge, die Verbundenheit, gänzlich ersetzt durch kühle Distanz, die wie kleine Dolche in meinen Bauch stoßen. „Wenn du dich so verhalten willst, dann kannst du wieder gehen und wiederkommen, wenn du dich beruhigt hast. Du tust vielleicht so, aber dir liegt trotz allem noch etwas an deiner Mutter – "

Es kocht über. Der Siedepunkt sendet brennende Flammenzungen durch meinen Körper. Eine Welle an Wut und Ärger fließt durch meinen Kopf, ertränkt jeden rationalen Gedanken, den ich noch haben könnte. Hinterlässt nur noch Feuer. Nur noch Flammen und das lodernde Tor zur Hölle, das ich mit lauter, zitternder Stimme aufstoße. „Es ist mir sowas von egal", schreie ich, kümmere mich nicht um Averys erschrockenen Gesichtsausruck, kümmere mich nicht darum, wie meine Stimme von den Wänden widerhallt, kümmere mich nicht darum, dass ich nicht gefragt habe, ob ihre Mutter da ist. „Soll sie doch draufgehen, es kümmert mich nicht! Sie hat alles ruiniert! Sie hat nicht mehr das Recht dazu, meine Mutter zu sein!"

Heftig hebt und senkt sich meine Brust. Mit schwerem Atem betrachte ich Avery. Meine Fingernägel pressen sich in meine Handinnenflächen, reißen in meine Haut, als wären sie dünne Blätter. Ich spüre es gar nicht.

„Wieso soll ich mir jetzt noch Gedanken darüber machen, was mit ihr ist? Meinst du, sie hat sich einmal gemeldet, seit ich mit Dad weggezogen bin? Sie interessiert sich genauso wenig für mich, wie ich mich für sie und das ist gut so. Ich will sie nicht in meinem Leben haben. Ich ..." Meine Stimme versagt nicht, aber ich höre trotzdem auf zu reden.

Avery kommt wortlos einen Schritt auf mich. Ich bereite mich auf einen Schlag vor, werde aber überrascht, als ihre Finger sanft und vorsichtig über meine Wangen wischen. Als sie sie zurückzieht, glänzen sie feucht im Licht. „Es interessiert dich", sagt sie lediglich.

„Was –"

Ich kann mich nicht erinnern, zu weinen angefangen zu haben, aber plötzlich spüre ich die Tränen auf meiner Haut, schmecke sie auf meiner Oberlippe. Hektisch wische ich mir mit den eigenen Händen übers Gesicht, auch wenn der Schaden sowieso schon angerichtet ist.

„Du hasst sie vielleicht", meint Avery, „aber es dir trotzdem nicht egal, was mit ihr passiert. Trotz allem ist sie immernoch deine Mutter." Als ich den Mund öffne, kommt sie mir zuvor: „Ich sage nicht, dass du ihr verzeihen sollst oder was auch immer, aber dir selbst vorzulügen, dass es dich kalt lassen würde, wenn sie im Koma liegt ... Das bist nicht du." Sie sagt das, als wüsste sie, dass es stimmt. Sie sagt das, als würde sie mich wirklich besser kennen als ich selbst.

Vielleicht tut sie das.

„Ich habe nie gesagt, ich würde sie hassen", entgegne ich leise. Meine Stimmbänder fühlen sich rau an, obwohl ich nur kurz laut geworden bin. Heiße Scham ersetzt die Flammen der Wut in mir. Die Haut in meinem Gesicht brennt. „Ich ... Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anschreien."

Avery lächelt. Es erreicht fast ihre Augen. „Ich weiß."

„Wirklich, ich –"

„Ich weiß", wiederholt Avery. Sie greift nach zwei meiner Finger und hält sie mit ihren umklammert. „Ich kann mir nur vorstellen, wie sehr es wirklich wehtut. Du ...", sie beißt sich auf die Lippe, als würde sie mit sich selbst hadern, weiterzureden, tut es aber einen Augenblick später doch. „Du redest nicht von ihr."

„Warum sollte ich auch?", gebe ich zurück und kann den Trotz nicht ganz aus meiner Stimme vertreiben. „Sie hat es mir nicht gerade einfach gemacht, freudestrahlend über meine ach so tolle Mutter zu reden."

„Hör zu", sagt meine Freundin, ein strenger Unterton schwingt in ihr mit, „ich hab keine Ahnung, was sie dazu getrieben hat, zu tun, was sie getan hat, noch weiß ich nicht, was zwischen euch alles passiert ist, aber ... aber ich bin mir ziemlich sicher, dass du es irgendwann bereuen wirst, wenn sie jetzt stirbt."

Ich will ihr sagen, dass sie Unrecht hat, dass sie keine Ahnung hat, von wem sie da redet und dass ich in hundert Jahren nicht mehr in die Nähe von dieser Frau sein will, aber kann es nicht. Meine Zunge ist taub, hängt an meinem Gaumen, als wäre sie festgeklebt. Ich kann nur atmen und auf Avery blicken, die trotzdem meine Finger hält, kann mich auf die Wärme ihrer Haut konzentrieren, die langsam die Hitze aus mir zieht, die langsam dazu beiträgt, dass ich denken kann, ohne zu wüten.

Ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, als ich sie das letzte Mal gesehen habe. Die verquollenen, roten Augen, die zur dünnen Linie gepressten Lippen, ihre ungemachten schwarzen Haare. Sie hat noch geweint, als Dad und ich aus der Wohnung sind und sie hat geweint, als sie uns das einzige Mal auf dem Weg nach St. Dorothea angerufen hat. Sie hat geweint und ich habe nichts getan.

Ich habe die ganze Zeit lang nur daran gedacht, dass ich sie nie wieder sehen will und jetzt könnte diese Zukunft tatsächlich eintreffen und das letzte Bild, das ich von meiner Mutter hätte, wäre ihr verweintes Gesicht. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich als Letztes zu ihr gesagt habe, kann mich nicht mehr an ihre Worte erinnern, die aus dem Lautsprecher von Dads Handy gedrungen waren, bevor er aufgelegt hat. Dad hat die ganze Zeit über nicht ein einziges Mal geweint, während ich Mom nur weinend gesehen habe.

Meine Mom könnte sterben.

Und ich hasse sie, aber ich will nicht, dass das letzte ist, was ich über sie denke.

Ich will nicht, dass ich mich nur an das schlimme mit ihr erinnere. Sie ist, trotz allem, trotz der Fehler, trotz all der Fehler, ist sie meine Mutter. Ich will sie nicht in meinem Leben haben.

Sie soll aber auch nicht sterben.

Sie ist meine Mutter.

Ich schließe krampfhaft die Augen, versuche nicht daran zu denken. Versuche nicht in den Gedanken zu versinken, die mir Friedhöfe und Beerdigungen und schrecklich aufwendige Blumengestecke zweigen, versuche nicht daran zu denken, dass ich sie nicht lächelnd sehen konnte.

„Hast du dich beruhigt?", fragt Avery und zwingt mich damit, meine Augen wieder zu öffnen. Sie hält noch immer zwei meiner Finger fest, reicht mir mit der anderen ein Taschentuch und bricht den Blickkontakt nicht ab.

„Schätze mal", murmele ich, nehme das Taschentuch und wische mir beschämt über die Augen. „Tut mir leid", wiederhole ich erneut.

Als Avery dieses Mal lächelt, sieht sie auch so aus, als würde sie es meinen. „Dieses eine Mal lass ich dir durchgehen, aber wage dich das nicht ein zweites Mal, kapiert?"

„Kapiert", erwidere ich. „Ich – keine Ahnung, was in mich gefahren ist. Ich schätze, ich hab – keine Ahnung. Es nicht verarbeitet oder so. Keine Ahnung."

„Drei Mal keine Ahnung", sagt sie. „Wow, du musst wirklich ratlos sein."

Ich versuche mich an einem Lächeln, bin aber sicher, nur eine Grimasse zu ziehen. Um nicht antworten zu müssen, zucke ich mit den Schultern. Was soll ich denn sagen? Was kann ich sagen, ohne wieder wütend zu werden, ohne wieder in meinen Emotionen zu versinken, die mich in die Tiefe ziehen. Je weniger ich an meine Mutter denken will, desto mehr kämpft sich ihr Gesicht in den Vordergrund.

„Komm schon", murmelt Avery, ehe sie mich an der Hand mitzieht und wir den Rest des Weges in die Küche gehen, wo sie mich auf einen der Stühle bugsiert. „Meine", sie stockt, wirft mir einen Blick zu, schluckt sichtlich. „Ich bin bis heute Abend allein", sagt sie dann mit schneller Stimme. „Kirchending. Weihnachten und so, du weißt schon."

„Oh." Ich will Avery sagen, dass sie ruhig erwähnen kann, dass sie eine Mutter hat, vertraue meiner Stimme aber nicht. Ich bleibe ruhig, meine Hände fest in meinen Schoß gepresst, während meine Freundin mich aus einiger Entfernung heraus betrachtet.

„Was hast du jetzt vor?", fragt sie und bricht damit die Stille. „Ich meine, du kannst natürlich bleiben, solange du willst, aber ... willst du nicht mit deinem Dad zu ihr fahren?"

Irritiert blicke ich auf. „Dad weiß es noch gar nicht", erwidere ich schließlich. „Er war nicht da, als das Krankenhaus angerufen hat und ... ich weiß nicht, ob er zu ihr fahren wollen würde." Ich weiß nicht, ob ich das will.

„Oh. Wieso hast – hast du es ihm nicht gesagt?"

Meine Lippe tut weh, als ich fest darauf beiße. „Keine Ahnung. Ich wusste nicht, was ich machen soll, also wollte ich ... mich ablenken oder so. Deswegen bin ich hergekommen."

„Verstehe." Averys Blick wird wieder so weich, dass ich meine Augen abwenden muss. „Ich hab vorhin noch mit Quinn geschrieben", fängt Avery an, ihre Stimme nicht ganz im Plauderton, aber normal genug, dass es mich nicht quält, ihr zuzuhören, „und er meint, er hat ewig viel für Weihnachten vorzubereiten. Seine blöde Stiefmutter hat ungefähr einhundert Leute eingeladen, bei sich zu essen und zu feiern und natürlich bleibt es an Quinn hängen, das ganze Haus auf Vordermann zu bringen, während sie und diese beiden Teufel faulenzen. Ich wette, wenn sie keinen Catering-Service bestellt hätte, dass er auch noch das gesamte Essen vorbereiten müsste. Ich hab ihm gesagt, er soll sich einfach wegschleichen und herkommen, aber seitdem kam keine Antwort. Entweder, er ignoriert mich, weil er weiß, dass ich Recht habe oder die Hexe hat ihm wieder einen ganzen Schwall neuer Aufgaben gegeben. Hast du gehört, dass er letztens den Garten jäten sollte? Obwohl es so krass geschneit hat." Sie schüttelt den Kopf, die Lippen zusammengepresst. „Wenn er einfach nur lassen würde, dass ich ihm helfe, dann ..."

Den Rest lässt sie ungesagt, aber mittlerweile kenne ich meine Avery gut genug, um zu ahnen, was sie meint. Sie will ihm helfen, will Quinn aus diesem Haus ziehen und kann nicht akzeptieren, dass er seine Probleme allein lösen will. Ich weiß, was sie fühlt und wie es ist, nur hilflos zusehen zu können, während einem geliebten Menschen das Leben ruiniert wird.

Ich öffne den Mund, aber als kein Ton kommt, schließe ich ihn wieder und räuspere mich. Beim zweiten Versuch klappt es. „Nate wollte, dass ich ihm und Finnley helfe, Austin und Zoe über die Weihnachtsferien endlich zu verkuppeln. Er meint, er hat keine Lust mehr, nur zuzusehen, wie Austin nicht den Mumm hat, Zoe zu fragen." Ich versuche mich erneut an einem Lachen. „Glaubst du, Zoe würde ihm überhaupt eine Chance geben?"

„Austin?", fragt Avery, eine Augenbraue leicht angewinkelt. „Ich schätze schon. Als er das Team verlassen hat, damit du mitmachen kannst, hat Zoe ganz schön oft über ihn geredet, aber sie hat auch genauso oft über Nate gemeckert, weil er ständig ihre Hausaufgaben abschreiben will." Sie zuckt mit einer Schulter. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob Zoe überhaupt auf einen von den Jungs steht. Sie hat noch nie irgendwie sonderliches Interesse gezeigt, weißt du, auch vorher nicht. Sie ist schon so ewig mit ihnen befreundet, wahrscheinlich sind sie für sie eher sowas wie nervige Brüder."

„Ich schätze, da ist was dran. Ich würde ungern jemanden daten, mit dem ich aufgewachsen bin."

Avery lächelt mich an. „Dann habe ich ja fast Glück, dass du erst kürzlich hierher gezogen bist."

„Auf jeden Fall." Ich weiß nicht, wieso ich das gesagt habe, denn kaum hat die letzte Silbe meinen Mund verlassen, spüre ich, wie meine Augenwinkel anfangen zu brennen. Das bereits feuchte Taschentuch von Avery nützt mir da auch nicht mehr viel. „Gott", murre ich. „Tut mir leid. Ich weiß, du meinst es nicht so, aber –"

„O Gott, nein", ruft sie aus, geht einen Schritt auf mich zu. „Gott nein, so hab ich das nicht gemeint, tut mir leid, ich – ich hab gar nicht nachgedacht, was ich gesagt habe! O Gott, das war so unsensibel von mir, Mom würde mir jetzt bestimmt einen Vortrag darüber halten, wie ich – " Sie hält inne, die Augen aufgerissen. „Und der Preis an die schlechteste Freundin überhaupt geht an mich." Averys Lippen sind verzerrt, als wüsste sie nicht genau, ob sie erlaubt ist, zu lächeln oder nicht. Sie betrachtet mich abwartend.

Ich seufze nur. „Ist okay. Du kannst darüber reden, dass du eine Mutter hast, Babe."

Bei der Nennung ihres Kosenamens verzieht sie zwar kurzzeitig den Mund, aber ihre Miene wird ein wenig weicher. „Okay", murmelt sie. „Okay, das ist gut. Ich meine – natürlich ist nichts gut, aber du weißt schon. Es ist gut."

Beinahe kommt es mir so vor, als Avery die erfahren hat, dass ihre Mom im Koma liegt und nicht ich. Die nervöse Energie im Körper meiner Freundin breitet sich weiter aus, sodass sie nicht nur zu schnell und zu viel redet, sondern auch noch anfängt mit einem Fuß zu wippen und an den Falten ihrer Bluse zu zupfen, sodass der Stoff im gleißenden Licht der Neonröhren an der Decke leuchtet und strahlt, als wäre sie ein fluoreszierender Weihnachtsbaum.

„Wenn ich über meine Mom reden kann", fängt sie an, wartet kurz ab, als würde sie erwarten, dass ich schreiend und heulend zusammenbreche, fährt aber fort, als ich nichts dergleichen tue, „dann kann ich dir sagen, dass meine Mom heimlich mit Pastor Jenkins über mich redet. Ich glaube, sie erzählt ihm alles, was sie nur erzählen kann, und dabei redet sie auch darüber, wie ich mich in der Schule mache und was ich für Zukunftsvorstellungen habe. Ich glaube, wenn ich nicht persönlich beim Pastor gewesen wäre, dann würde er sie bestimmt auch noch darüber ausfragen, ob ich nicht bald mal einen Freund mit nach Hause bringe." Ihr entkommt ein gezwungenes Lachen. „Kannst du dir das vorstellen? Ich soll einen Typen mit nach Hause nehmen?" Avery schüttelt sich übertrieben. „Nein, Danke. Es reicht schon, dass Quinn einen schlechten Männergeschmack hat, da muss ich nicht auch noch nachziehen und ihm Konkurrenz machen."

Es erwärmt mein Herz von innen, dass Avery alles daran legt, um mich abzulenken. Auch abseits von Nervositätsanfällen ist ihr größtes Talent wohl, ununterbrochen zu reden und von einem Punkt zum nächsten zu springen, aber dass sie es versucht einzusetzen, damit ich nicht an meine im Koma liegende Mutter denken muss, ist nur ein weiterer Grund, mein Herz an sie zu verlieren. Wenn ich nicht bereits wüsste, dass sie mich ebenfalls mag, dann würde ich sie wahrscheinlich jetzt zum ersten Mal küssen. Einfach so, einfach aus dem Gefühl heraus, das in mir brodelt, dieses warme, blubbernde Gefühl, das sich so anfühlt, als hätte ich eine hauseigene warme Mahlzeit gegessen. Für den Bruchteil eines Augenblickes fühle ich mich gut.

Glücklich, sogar.

Der Moment vergeht, so schnell er gekommen ist und mir wird wieder kalt. Ich presse meine Hände zusammen. „Danke", sage ich leise.

Ich muss nicht sagen, was ich damit meine. Averys Stirn verliert die Falten und ihre Schultern sacken ein wenig in sich zusammen. Sie entkrallt einen Finger aus ihrer Bluse. „Nicht dafür", erwidert sie. Bevor ich überhaupt den Mut oder die kraft aufbringen könnte, etwas Weiteres zu sagen, fragt sie: „Wie wäre es mit einem Tee? Mit extra Zucker." Sie lächelt mich an.

Ich kann nur nicken und dem Universum für dieses Mädchen danken.

Diesem wunderbaren Mädchen, das mich selbst, nachdem ich sie im Affekt angeschrien habe, noch bei sich haben will und mir einen Tee kocht, damit ich nicht nur meine Hände wärmen kann.

Die Kälte verlässt langsam meine Finger.


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