19. Avery
Hello guys, gals and non binary pals! Schon mal ein heads up, dieses Buch ist bald vorbei! Es kommen noch ein paar Kapitel, aber dann ist die Geschichte rund um Avery und Brielle abgeschlossen! Sie ist kürzer als die von Quinn, aber das liegt auch nur daran, dass ich mich endlich mal zurückhgehalten habe, lol. Außerdem will ich immer noch, dass dieses Buch ebenfalls veröffentlicht wird, deswegen solltet ihr es all euren Freunden sagen, damit sie es hypen <3
Außerdem verbiete ich es euch für mich zu kommen, weil ich wieder blatant Othello-Slander vertreibe!!
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Manchmal ist es seltsam, wie einfach eine Lösung scheint, wenn man sie erst einmal vor Augen hat. Ich habe mir so viele Gedanken gemacht, habe mich nächte- und tagelang damit befasst, was ich sagen muss, was ich tun kann, was ich sein soll und schließlich, ist es so leicht wie atmen. Brielle hat Recht. Ich muss nicht alles sofort wissen, ich muss nicht verstehen, was ich bin und was ich fühle, wenn ich dafür noch nicht bereit bin. Es gibt keine Deadline und es gibt auch keine Prüfung, die ich bestehen muss. Alles, was ich machen muss, ist glücklich sein und die Gefühle in mir zulassen. Ich kann mich damit befassen, wenn ich mehr Erfahrung habe, wenn ich mir mehr Gedanken machen kann, aber im Moment bleibe ich lieber im Stillstand.
Ich bleibe stehen, halte Brielles Hand und fühle mich gut dabei.
Was ich außerdem gelernt habe: Die Selbstfindung sieht bei jedem anders aus. Sie dauert bei jedem unterschiedlich lang. Ich kann mich nicht mit anderen vergleichen und Ergebnisse erhoffen, die bei anderen längst eingetreten sind.
Das, wie hätte es anders sein könne, habe ich Quinn zu verdanken. Als ich ihm erzählt habe, wie sehr ich mir den Kopf zerbrochen und wie sehr es mich gestresst hat, nicht zu wissen, was ich bin, hat er müde gelächelt und gesagt: „Nur weil ich schon so früh wusste, dass ich schwul bin, heißt das nicht, dass das jeder tut. Ich meine, du bist doch das beste Beispiel dafür, dass man nicht immer weiß, was in sich selbst vorgeht und selbst wenn man es tut, dann ist man nicht immer bereit dafür, direkt den nächsten Schritt zu gehen. Entspann dich einfach. Genieß es."
Wann ist Quinn bitte so schlau geworden? Seit wann ist er es, der mir Ratschläge fürs Leben gibt, wenn es doch eigentlich immer andersherum war? In den letzten Monaten ist so viel passiert, ich weiß gar nicht mehr, was davon echt ist und was davon ich nur geträumt habe.
Eine Person allerdings nimmt überhaupt keine Rücksicht auf meine Selbstfindungsphase und macht mit ihrem Leben so weiter, als wäre überhaupt nichts geschehen.
Mrs. Lawrence hat eine ihrer letzten Englischstunden damit eingeläutet, die Aufsätze von allen einzusammeln und dabei so breit zu grinsen, als hätte sie einen Friedensnobelpreis gewonnen. Als sie schließlich alle Blätter auf einem schicken, gerade Stapel vor sich liegen hat und sich an den Tisch setzt, geht der eigentliche Horror erst los. Dass bald Weihnachten ist, scheint die Englischlehrerin nicht sonderlich zu interessieren. Für sie ist es immer noch Halloween.
„Damit ihr alle nicht ganz so lange darauf warten müsst, um zu wissen, ob ihr einen guten Aufsatz geschrieben habt oder nicht", fängt sie heiter an, „werde ich jetzt mit euch die Titel und Themen aller Aufsätze durchgehen – anonym natürlich", fügt sie lächelnd an, als allen Schülern die Farbe aus dem Gesicht gelaufen ist, „und dann können wir ein wenig diskutieren! Das klingt doch nach einer guten Beschäftigung, nicht wahr?"
Es gibt einseitiges, sehr unenthusiastisches Gemurmel und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass der Rest der Klasse sich auch bessere Methoden der Folter vorstellen kann.
Das Lächeln der Englischlehrerin fällt für keine Sekunde in sich zusammen. „Wir können auch noch einen letzten Überraschungstest schreiben, damit ich sehen kann, ob ihr wirklich gelernt habt", fährt sie nebensächlich klingend fort, während sie den ersten zusammengehefteten Aufsatz aufnimmt. Ein Großteil der Schüler „Das dachte ich mir fast."
„Und ich dachte, wir hätten das Mittelalter lange hinter uns gelassen", murmelt Brielle neben mir.
Mein schnaubendes Lachen tarne ich rasch als Husten, damit Mrs. Lawrence mich nicht mit einem heiter-bedrohlichen Blick taxiert.
„Dann fangen wir direkt an, ja?" Sie blickt lächelnd in die Klasse, als würde ihr das alles wirklich Spaß machen.
Ich frage mich, ob das im Studium zur Lehrkraft dazugehört, oder ob man sich Foltermethoden für die Schüler in seiner Freizeit ausdenken muss. Jedenfalls kann ich mir kurz vor den Feiertagen bessere Dinge vorstellen, als dass jeder von uns vor der Klasse vorgeführt wird, während Mrs. Lawrence sich in ihrer allgegenwärtigen Weisheit sonnt.
Als würde sie wirklich nicht wissen, was sie dort tut, legt sie den Blick auf den ersten Aufsatz. „Wie die Manipulation in Othello nicht funktioniert, wenn man sein Gehirn anstrengt." Mrs. Lawrences Lächeln gefriert ein wenig. „Nun. Das ist ein sehr reißerischer Titel, nicht wahr? Nichtsdestotrotz werde ich natürlich jedem die Chance geben, sich in seinem Aufsatz zu beweisen, auch wenn ich vielleicht nicht übereinstimme. Für mich ist Othello ein Meisterwerk der Manipulation, ein Zeuge der Zeit, in dem es kein Internet und keine Zeitung gab, in dem nur auf das Wort eines anderen vertraut wurde."
„Also haben die alle damals wirklich nicht nachgedacht", murmelt Brielle.
„Waren zu sehr damit beschäftigt, jedem dahergelaufenen Dichter in den Hintern zu kriechen", erwidere ich, ohne die Lippen zu bewegen.
Brielle grunzt leise.
„Machen wir weiter", sagte Mrs. Lawrence, legt den ersten Aufsatz zur Seite und nimmt den nächsten auf. „Ah, na das sieht doch gut aus! Othello, Desdemona und Iago – eine Tragikomödie. Oh." Sie legt die Stirn in Falten. „Ich glaube, hier wurde das Buch nicht richtig gelesen. Es ist keineswegs eine Komödie."
Ich spüre den Luftzug hinter mir, als eine Hand in die Höhe schnellt. Als ich den Blick über meine Schulter werfe, sehe ich das grinsende Gesicht Austins.
„Das ist – ah. Ja?" Mrs. Lawrence hat aufgeblickt und Austins Hand ebenfalls gesehen.
„Aber ist das nicht der Sinn dieser Arbeit gewesen?", fragt er. „Dass wir das Buch lesen und die Themen interpretieren, wie wir sie für richtig halten? Als ich das Buch gelesen habe, habe ich mich oftmals vor Lachen nicht mehr einbekommen, also muss es ja irgendwie eine Komödie sein, nicht?"
„Also ... ich schätze, da ist etwas dran", erwidert die Lehrerin zurückhaltend. „Wobei ich dir versichern kann, dass Shakespeare Othello niemals als Komödie im Sinn hatte."
Austin schnaubt belustigt. „Ich glaube, dann hätte er es nicht so witzig schreiben sollen."
Der zweite Aufsatz folgt schnell dem ersten auf den Stapel und bald schon der dritte, vierte und fünfte, alle mit weniger reißerischen Titeln oder ausgefalleneren Inhalten. Ich schätze mal, der Großteil der Klasse hat es wie ich gelöst – nach Inhaltsangaben und alten Aufsätzen gegoogelt, sich ein paar Themen herausgekramt und dann nach gut Glück losgeschrieben. Wobei ich mir fast sicher bin, dass der Großteil der Klasse dabei nicht vor eine sexuelle Identitätskrise gestellt wurde.
Mrs. Lawrence wird mit jedem Aufsatz weniger heiter, als würde auch sie langsam erkennen, dass es nicht ihre beste Idee war, ihrer Klasse Shakespeare vorzusetzen und gehaltvolle Diskussionen zu erwarten. Sie nimmt das nächste Blatt zur Hand, seufzt lautlos und liest vor: „Othello – ein Feigling im Leben, ein Sünder im Tod. Oh, Leute, hat denn keiner von euch das Buch gelesen?"
Ich versuche ihre Stimme so weit es geht auszublenden, während sie erzählt und erzählt, davon redet, wie toll Othello doch ist und was für ein Glück wir haben, dass Shakespeare es geschrieben hat. Nach wie vor habe ich das Buch nicht zur Gänze gelesen und ich habe auch nicht vor, das nachzuholen. Es war langweilig und irgendwie öde und ich werde Englischlehrer nie verstehen, die davon schwärmen könnten, bis die Sonne untergeht.
Es dauert eine ganze Zeit, bis Mrs. Lawrence den nächsten Aufsatz zur Hand nimmt, wobei sie mittlerweile selbst nicht mehr allzu enthusiastisch aussieht, als könnte auch sie es kaum erwarten, dass es endlich zur Pause läutet. Mein Mitleid hält sich allerdings in Grenzen. „Identität, Gender und Erwartungen der Gesellschaft – Wie Othello in die Moderne transportiert werden kann." All ihre Lebensgeister scheinen mit einem Mal zurück gekehrt zu sein. Mrs. Lawrence lächelt und sagt: „Das ist es, was ich lesen will, Leute! Endlich sieht es so aus, als hätte sich jemand wirklich mit dem Stück auseinander gesetzt!"
Ich muss Robins erzwungen neutralen Gesichtsausdruck nicht sehen, um zu wissen, dass das sein Aufsatz ist. Als er meinen Blick bemerkt, grinst er mich an, zieht den Ärmel seines Shirts höher, sodass ich ein Stück weißen Stoff darunter erkennen kann – und auf dem weißen vertrauten Armband prangt das von mir eingearbeitete Symbol der Venus.
Mein Mund fällt auf.
Robin formt ein: „Später", mit den Lippen, dann dreht er – nein. Nein, dann dreht sie sich wieder nach vorne, lässt das Armband unter ihrem Shirt verschwinden und tut so, als wäre der Aufsatz nicht von ihr.
Ich muss mich stark zusammenzureißen, nicht lauthals zu lachen. Wie lange ist es her, dass ich Robin die Armbänder gegeben habe, wie lange ist es her, dass Robin sich mir und Quinn anvertraut hat? Es scheinen Monate zu sein und jetzt trägt sie die Armbänder mit den weiblichen Pronomen und ich könnte vor Freude und Stolz schreien. Während ich mit meinen eigenen Problemen beschäftigt gewesen war, habe ich kaum daran gedacht, dass Robin noch immer mit ihrer eigenen Identität gekämpft und – wie es jetzt den Anschein hat – endlich gewonnen hat.
Eine Welle an warmen Gefühlen ertränkt mich. Es fühlt sich erneut so an, wie es sich angefühlt hat, als ich Brielle dabei zugesehen habe, wie sie in ihrem ersten offiziellen Spiel gespielt und gewonnen hat. Ein Mensch, der mir lieb ist, geht in sich auf und gewinnt im Leben – das ist es, was mich glücklich macht.
Ich werfe einen Seitenblick auf Quinn, der aussieht, als würde er jeden Moment einschlafen. Fehlt nur noch einer, füge ich meiner gedanklichen Strichliste hinzu, die ich gerade erfunden habe. Dass Lucas hinter Robin sitzt, ignoriere ich gekonnt, genau wie den Drang, ihm eine reinzuhauen.
Das Ende der Stunde kann nicht schnell genug kommen. Die letzten zwanzig Minuten fühlen sich wie zwanzig Stunden an, meine Augen huschen immer wieder zum Uhrzeiger und ich könnte schwören, dass er sich manchmal einfach gar nicht bewegt. Zeit scheint anzuhalten, wenn sie vorbeigehen soll und zu fließen, wenn sie anhalten soll. Man könnte meinen, die Zeit wäre ein Charakter in einem Shakespeare-Stück und nur dafür da, um mich zu quälen.
Als es schließlich klingelt und die Klasse nicht schnell genug ihre Sachen packen kann, reiße ich an Quinns Ärmel, damit er nicht einfach wieder verschwindet und deute dann auf Robin, die mit pinken Wangen auf ihrem Stuhl sitzen bleibt. „Gibt Neuigkeiten", sage ich lediglich.
Robin wartet, bis die meisten den Klassenraum verlassen haben, dann steht sie auf, zieht beide Ärmel ihres Shirts hoch und präsentiert Quinn als auch Brielle und mir die Armbänder an ihren Unterarmen. Ihr Lächeln könnte Glühbirnen zum Erblassen bringen.
„Oh wow", sagt Quinn.
„Hey, cool", meint Brielle, die ihre Finger mit meinen verschlungen hat.
„Was hat dich dazu bewegt?", frage ich leise und blinzle die Hitze weg, die in meinen Augenwinkeln sitzt.
Mit einem Nicken deutet Robin an, dass wir ihr folgen sollen. „Ich bin nicht ganz sicher", sagt sie, als wir den Flur betreten und den Gang mit langsamen Schritten entlanggehen. „Als ich diesen Aufsatz geschrieben habe, habe ich mich in unendlich lange Diskussionen im Internet verloren, in denen es darum ging, wie Shakespeare Gender nutzt, um Stereotypen zu porträtieren. Erst wollte ich eigentlich nur darüber schreiben, dass es schon ein wenig abgefucked ist, dass wir lernen müssen, wie Frauen und als Frauen gelesene Figuren entweder charakterlose Trophäen oder Opfer waren, aber nie das Recht darauf hatten, auch Geschichte zu schreiben. Aber irgendwie habe ich mich, glaub ich, dann daran verloren und hab darüber nachgedacht, wie ich das auf mein Leben projizieren kann." Sie seufzt belustigt, als wir durch eine Tür in einen leeren Klassenraum treten.
Robin wirft ihre Tasche auf einen Stuhl, setzt sich auf den Tisch und lehnt sich mit entblößten Unterarmen und dem Venus-Symbol darauf nach hinten. „Es war 'ne ganze Menge an Denken nötig, bis ich aus dem Sumpf wieder rausgekommen bin", gibt sie zu.
Unwillkürlich lache ich und lasse mich auf dem Tisch neben ihr nieder. Meine eigene Tasche fällt unbeachtet auf den Boden. „Das kenn ich nur zu gut. Dieser blöde Aufsatz ist schuld daran, dass ich tagelang Identitätsprobleme hatte und nicht mehr auf mein Leben klar gekommen bin."
„Ernsthaft?", fragt Robin grinsend, schüttelt dann den Kopf. „Mrs. Lawrence sollte für ihr Verbrechen eingesperrt werden."
„Also wirklich."
Quinn, der an der Tür stehen geblieben ist, fragt langsam: „Also bist du jetzt bereit, dich zu outen?"
„Ich", fängt Robin vorsichtig an, „denke nicht. Zumindest nicht so, wie du es meinst." Sie lächelt, als nicht nur Quinn verwirrt die Augenbrauen zusammenzieht.
„Ich glaub nicht, dass ich das verstehe", sagt Brielle.
„Schon gut, ich erklär's euch", erwidert sie. „Ich will einfach nur sein, wie ich mich wohl fühle, ohne dass ich Leuten erklären muss, was das heißt oder wie sie das verstehen sollen. Eigentlich ... ja, eigentlich kann ich es damit vergleichen, wie du am Anfang des Schuljahres mit Avery geflirtet hast, ohne uns je zu sagen, dass du auch auf Mädchen stehst. Du hast es einfach getan und damit eine Antwort auf eine Frage gegeben, die nie gestellt wurde, verstehst du?"
„Oh", sage ich. „Oh, so meinst du das."
Robin lacht. „So ungefähr. Es war ein komisches Beispiel, zugegeben, aber wenn es funktioniert." Sie zuckt mit den Schultern.
„Also", fängt Quinn erneut an, langsam und unsicher, als ob er auf Zehnspitzen über einen brennenden Boden balancieren würde, „machst du so weiter, wie zuvor?"
„So würde ich das nicht sagen", entgegnet Robin, die über die Frage nicht sonderlich überrascht klingt. „Ich werde einfach so leben, wie ich es will und wem es nicht passt ... tja, mir auch egal." Sie zuckt mit den Schultern. „Vielleicht werd ich es ein, zwei Mal erklären, wenn ich gefragt werde, aber irgendwann höre ich einfach auf, mich darum zu kümmern. Ehrlich, eigentlich kann es mir egal sein, ob die Leute es verstehen, oder? Solange ich mich damit wohl fühle, reicht mir das aus." Sie lacht erneut, ein helles, erheiterndes Geräusch in dem schummrigen Klassenzimmer und ich kann das pinke Leuchten in ihren Wangen erkennen. Robin sieht glücklich aus.
Mein Lächeln brennt in meinem Gesicht. „Das ist die richtige Einstellung. Scheiß auf alle anderen. Scheiß auf uns, um ehrlich zu sein. Du schuldest niemanden eine Erklärung oder eine Entschuldigung, wenn du einfach nur du bist." Meine Stimme ist ein wenig lauter geworden, als ich gesprochen habe und mittlerweile sind alle Augen auf mich gerichtet. „Was denn?", frage ich herausfordernd grinsend. „Ist doch so."
„Klar, keine Frage", sagt Quinn.
„Aber dass du dabei auch fluchen würdest", ergänzt Brielle, die mich mit aufgerissenen Augen anblickt. „Das war irgendwie heiß."
Robin verzieht das Gesicht. „Müsst ihr hier in aller Öffentlichkeit flirten?"
„Oh?" Ich drehe den Kopf zu ihr, meine Augenbrauen so hochgezogen, dass ich sie in meinem Haaransatz untergehen spüre. „Das ist so homophobisch von dir."
Schnaubend erwidert sie: „Ah, ja, natürlich, wie von mir zu erwarten war, denn wie wir wissen, bin ich der Inbegriff von Homophobie." Ihre Stimme trieft vor Sarkasmus.
Brielle und ich grinsen uns an, während Quinn nur leise seufzt. „O Mann", murmelt er, während er sich die Stirn reibt. „Ich dachte, wir wären hier in einem emotional aufgeladenen Moment, aber irgendwie hast du es geschafft, es kaputt zu machen."
„Robin, hab ich den Moment kaputt gemacht?"
„Vielleicht ein bisschen, aber ich glaube, ich kann dir verzeihen, wenn du mir eine Erdbeermilch kaufst."
„Deal." Ich grinse in Quinns Richtung. „Da, siehst du? Moment gerettet."
Quinn verdreht die Augen. „Wie du meinst. Was hast du jetzt vor?"
Robin zuckt mit einer Schulter. „Keine Ahnung. Ich weiß nicht so recht, ob ich meinem Vater das sagen soll oder überhaupt kann. Keine Ahnung, wie er reagiert."
Ich beiße mir auf die Lippen, die Gedanken an ein Gespräch mit meiner eigenen Mutter im Kopf und wie sie wohl reagieren würde, wenn ich ihr von Brielle erzähle. „Ich glaube", fange ich langsam an, „von allen Eltern, ist dein Vater derjenige, der wahrscheinlich alles akzeptieren würde, was du ihm sagst."
Ein schmales Lächeln legt sich auf Robins Lippen, als sie mir den Kopf zu wendet. „Wahrscheinlich", echot sie, während sie mit einem Finger über das Venus-Symbol auf dem Armband fährt. „Ich bin mir nicht sicher, ob mir das als Absicherung reicht. Ich meine, mein Dad ist klasse, versteht das nicht falsch, aber ...", sie lässt eine Pause und blickt an meiner Schulter vorbei an die Wand, die Augenbrauen zusammengezogen und eine kaum sichtbare Falte auf ihrer Stirn, „das ist was anderes, als ihm zu sagen, dass ich keine Lust darauf habe, Baseball weiterzumachen."
„Das ist wohl fair", meint Brielle. „Letztendlich bleibt es sowieso deine Entscheidung, wem du es erzählst und wem nicht, wobei ich fast sicher bin, dass dein Dad es irgendwie rausfinden wird, wenn du in der Schule kein Geheimnis mehr daraus machst. Manche Lehrer wissen nicht, wann sie sich aus Dingen heraushalten sollen und den Eltern etwas zu erzählen, dass sie ihnen nicht erzählen sollten, ist eins ihrer liebsten Hobbys."
Robins Gesicht verliert einiges an Farbe. „O Gott", murmelt sie. „Du hast Recht. Ich kann schon vor mir sehen, wie Mrs. Lawrence voller Vorfreude meinen Dad anruft, um ihm zu sagen, dass sie mich mit den richtigen Pronomen angeredet hat. Mist."
„Es wäre dann wohl besser, wenn er es von dir erfährt, oder?", fragt Quinn. „Zumindest glaube ich, dass es das wäre."
„Definitiv. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie meine Mutter wie in einem James Bond Film zuhause auf mich warten würde, wenn sie sowas von einem Lehrer erfahren sollte." Ich erschaudere bei dem Gedanken.
Das Gesicht zu einer Grimasse verzogen, krallt Robin eine Hand in den Tisch, während sie mit der anderen am Stoff des Armbands zieht. „Ich weiß nicht, ob ich ihm das schon erzählen kann", sagt sie leise. „Er ist mein Dad. Ich ... ich hab doch nur noch ihn."
Etwas eiskaltes fällt in meine Magengegend und presst meinen Körper nach unten. Diese Angst, die eigene Wahrheit zu sprechen und damit jemanden zu verlieren, den man tief in seinem Herzen hält, kommt mir nur allzu bekannt vor. Ich durchschneide die Distanz zwischen Robin und mir mit einen Hand, greife nach ihrem Arm und drückte fest zu, in der Hoffnung, ein wenig von meiner Wärme an sie zu geben. „Ich weiß, was du meinst", sage ich. „Du solltest dich nicht gezwungen fühlen, deinem Vater etwas zu sagen, dass du für dich behalten willst, selbst wenn deine Angst unbegründet sein sollte."
Sie blickt mit glänzenden Augenwinkeln auf und presst die Lippen zusammen. „Es ist eigentlich so unsinnig", erwidert sie. „Ich kenne meinen Dad, ich weiß, wie er ist, ich weiß, dass er mich so liebt, wie ich bin, aber es fühlt sich trotzdem so an, als würde ich mich einem komplett Fremden anvertrauen, dessen Reaktion den Rest meines Lebens bestimmt."
„Dein Vater kennt dich doch aber auch", sagt Brielle mit ungewöhnlich leiser Stimme. „Er wird wissen, dass du ihm etwas verheimlichst, wenn du es ihm nicht sagst, oder nicht?"
Robin vergräbt das Gesicht in einer Hand. „Das ist alles so ein kompliziert Haufen", brummt sie zwischen ihren Fingern hindurch. „Wieso kann es nicht einfach ... einfach sein? Wieso muss ich mir so viele Gedanken darüber machen, wer ich bin und was ich fühle, nur um dann danach auch noch die Aufgabe zu bekommen, alle darüber zu informieren, die mir nahe stehen, während mich Angstzustände packen, wenn ich nur daran denke?" Sie seufzt ausgiebig, eine Geste, die ich tief in mir ebenfalls fühle.
Meine und Robins Situation ist so gleich und doch so verschieden, dass ich fast schon lachen will. „Es ist unfair", sage ich deswegen nur.
„Das kannst du laut sagen", erwidert sie.
„Aber", füge ich an, trotz allem irgendwie lächelnd und wissend, dass es nicht aussichtslos und tragisch ist, wie in Mrs. Lawrences geliebtem Othello, „du bist hier sicherlich nicht allein, weißt du? Wenn du dich dazu entscheidest, es durchzuziehen, dann kannst du dir aber sowas von sicher sein, dass ich nicht von deiner Seite weichen werde."
Robin lacht auf, auch wenn es ein wenig wie ein schluchzen klingt. „Danke", sagt sie. „Ich habe es auch nicht wirklich anders erwartet." Sie schüttelt zur Veranschaulichung ihren Arm, an dem mein Armband wie ein stetiger Erinnerungsmoment hängt, festgehalten auf Stoff und Stickereien, die ich nur für das Wohl meiner Freundin angefertigt habe.
Ich fange Quinns und Brielles Blicke auf, die mich und Robin mit einer Mischung aus Zuneigung und Wunder betrachten und grinse sie an. Nichts auf dieser Welt ist besser, als zu wissen, dass man geliebt und geschätzt wird, egal ob von Freunden oder Familie.
„Du kannst du dich auf mich verlassen."
***
Ratschläge und Pep Talks zu vergeben, sind einfacher, wenn man die darin enthaltenen Vorschläge nicht selbst durchziehen muss. Es ist eine Kleinigkeit Robin zu sagen, dass sie keine Angst davor haben soll, ihrem Vater die Wahrheit zu beichten, wenn ich ganz einfach ignorieren kann, dass ich meiner eigenen Mutter diese Wahrheit eigentlich ebenfalls schuldig wäre. Ich kann mich in einem Panzer verstecken und so tun, als hätte sich seit dem Start des Schuljahres nichts verändert, als hätte ich nicht mitansehen müssen, wie meinem besten Freund das Herz gebrochen wird, während ich meines an das wunderbarste Mädchen der Schule verloren habe, als hätte ich nicht meinen ersten Kuss und meinen ersten Tanz mit besagtem Mädchen gehabt, denn selbst aus der Sicherheit einer Wand aus Lügen und Täuschungen würden mich die Schuldgefühle plagen, weil ich meiner Mutter nicht einfach die Wahrheit sage.
Selbst wenn ich nicht genau weiß, was diese Wahrheit ist.
Pastor Jenkins hat sein Bestes gegeben, um mich näher heranzubringen, aber es war letztendlich Brielle gewesen, die mir wirklich gezeigt hat, dass ich keine Deadline dafür hab, um diese Wahrheit zu erkennen. Es kümmert mich nicht, dass ich nicht weiß, welches Laber der vielen Sexualitäten auf mich zutrifft, denn warum sollte es auch? Ich weiß, dass ich Brielle gern habe, ich weiß, dass ich es liebe, sie zu küssen und ihren warmen Daumen auf meinem Handrücken zu fühlen und ich weiß, dass ich es missen würde, wenn sie plötzlich nicht mehr in meinem Leben wäre und das ist alles, was ich wissen muss.
Wozu muss ich noch mehr wissen?
Als meine Mutter von der Arbeit nach Hause kommt, habe ich einen festen Entschluss gefasst, aber kaum sehe ich sie mit einer Kiste der Kirche in mein Zimmer treten, bricht dieser Entschluss in sich zusammen, wie ein Puzzle, das vom Tisch fällt. „Die hab ich von Pastor Jenkins bekommen", sagt sie, ehe sie die Kiste auf mein Bett stellt. „Er hat mir erzählt, dass er sich daran erinnert hat, wie gerne du schneiderst, deswegen ist er den Kirchenkeller noch einmal durchgegangen und hat diese Sachen für dich herausgesucht." Mom nimmt einen dicken dunkelblauen Ballen an Stoff aus der Kiste, der aussieht, als hätte er tatsächlich ein paar Jahre in einem dunklen Keller gelegen.
„Das ist", fange ich an, als Mom mir den Ballen in die Hand drückt, „wirklich nett von ihm." Meine Zunge liegt schwer in meinem Mund, die Wörter, die ich eigentlich sagen will, kleben wie dickflüssiger, hartnäckiger Honig in meinem Rachen. Ich räuspere mich. „Tatsächlich habe ich vor ein paar Tagen mit Pastor Jenkins gesprochen und er –"
„Wie, du warst ohne mich in der Kirche?", unterbricht Mom mich, eine weiße, fast aufgebrauchte Garnrolle in der Hand. „Du hast mir gesagt, du gehst da nicht mehr hin."
„Tu ich auch nicht. Ich – ich brauchte Rat und Pastor Jenkins war der einzige, zu dem ich gehen konnte."
„Du kannst ja wohl auch zu mir kommen, wenn du Rat brauchst", erwidert Mom, bevor sie mir das Garn kräftig in die Hand presste. „Ich bin immerhin deine Mutter."
„Es war", fing ich an, werde aber erneut unterbrochen.
„O, sieh dir das an!", sagt Mom und befördert ein grellpinkes Etwas aus der Kiste, welches sie wie ein Neugeborenes an sich drückt. „So eine Puppe hatte ich, als ich ein junges Mädchen war."
Erst jetzt erkenne ich den leicht eingedellten Puppenkopf, der aus ihrer Armbeuge hervorlugt. Die Puppe trägt ein pinkes Kleid und hat pinke Schuhe an, sowie eine schreckliche pinke Schleife im Haar. Wieso Pastor Jenkins denkt, ich könnte sowas gebrauchen, ist mir schleierhaft. Vielleicht glaubt er, ich würde anfangen Puppenkleider zu nähen.
„Mom", versuche ich erneut. „Willst du gar nicht wissen, wieso ich bei Pastor Jenkins war?"
„Geht es mich denn etwas an?", fragt sie mit einer angezogenen Augenbraue. „Wenn du es mit ihm im privaten besprochen hast, dann musst es mir nicht sagen. Wirklich", fügt sie an. „Meinst du, ich weiß nicht, dass man als Teenager Dinge vor seinen Eltern geheim halten will? Ich war auch mal sechzehn."
Ich unterdrücke den Drang, ausgiebig zu seufzen. Mein Entschluss ist zerbröselt und der wenige Mut, den ich mir angeredet habe, ist verschwunden. Ich weiß, ich werde es Mom irgendwann sagen müssen, aber dieser Tag soll nicht heute sein. „Er hat mir geholfen, mich dazu zu entscheiden, dass ich Mode studieren will", sage ich schließlich, eine Notlüge, die keine Lüge ist. Die Broschüre für das College, die er mir mitgegeben hat, liegt sicher auf meinem Nachttisch, während ich die Website der Toronto Metropolitan University ungefähr zweihundert Mal aufgerufen habe.
Das Gesicht meiner Mutter leuchtet binnen einer Sekunde auf. „O, wirklich?", fragt sie begeistert und lässt die eingedellte Puppe fallen, damit sie mich mit beiden Händen an den Schultern packen kann. „Das ist wunderbar!" Sie drückt mich an sich, wobei sie nicht darauf achtet, mir Luft zum Atmen in den Lungen zu lassen. Eine ihrer Hände landet in meinen Haaren und sie streicht mir über den Kopf, als wäre ich wieder sechs Jahre alt und gerade aus einem Albtraum erwacht.
Ihr vertrauter Geruch erfüllt meine Nase. „Danke", murmele ich, auch wenn ich nicht ganz vergessen habe, dass Mom mir durch die Blume gesagt hat, dass sie nicht glaubt, dass ich erfolgreich sein werde. Selbst, wenn sie mich in meiner Entscheidung unterstützt, wofür ich dankbar genug bin, muss ich ihr noch beweisen, dass ich mir auch darüber hinaus einen Namen machen werde.
Ich werde erfolgreich sein.
„Das muss ich feiern", sagt sie, bevor sie von mir ablässt und in Richtung Tür verschwindet. „Zur Feier des Tages werde ich Essen bestellen. Warte, ich hole die Bestellkarten!" Sie lässt mir nicht einmal die Möglichkeit, noch etwas zu sagen, oder zu protestieren, da ist sie bereits die Hälfte der Treppen hinuntergestiegen.
Ich seufze. Zumindest eine Wahrheit konnte ich Mom beichten, denke ich, während der Rest der Geschichte auf meiner Zunge brennt.
Mom, ich date ein Mädchen.
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