27

Elisabeth wusste nicht, was sie erwartet hatte, aber dass sie nun vor einem alten Mann in feinstem Anzug stand, der eine sehr junge, sehr hübsche Blondine an seiner Seite hatte, die ihn offensichtlich anhimmelte, war eine Überraschung. Gerade noch hatte sie scherzhaft darüber gesprochen, alle Anwesenden für Gauner zu halten, und jetzt fand sie einen Mann vor, der in seiner ganzen Art jedes Klischee zu erfüllen versuchte, das man so über die Mafia hat. Nur dass er offensichtlich russischer Abstammung war, nicht italienischer. Sie hatte ihm höflich die Hand geschüttelt, ebenso wie seiner Begleitung, und sich dann mühsam durch den Smalltalk mit ihm gequält.

Die andere Frau, die mindestens einen Kopf größer war als sie selbst, hatte sie zur Seite gezogen, sobald sie eine Chance dazu bekam. »Ich bin Nicole«, wiederholte die schlanke Frau, während sie gemeinsam an das Fenster des riesigen, privaten Raums traten.

»Ich bin Lily«, sagte auch Elisabeth erneut. Sie ließ ihren Blick über die Hochhäuser schweifen, die sich vor ihr auftaten. Auch wenn natürlich keine europäische Stadt mit einer Skyline, wie sie Städte in den USA hatten, mithalten konnte, liebte sie es doch, ihre Heimatstadt von oben zu sehen. Moderne Bauten und einige erhaltene alte Stadtvillen reihten sich hier aneinander und in der Ferne konnte man noch die Speicherstadt ausmachen.

»Da hat der alte Michail es also doch noch geschafft, Alex zur Vernunft zu bringen.« Nicole stellte diese Aussage einfach so in den Raum, als erwartete sie, dass Lily wusste, was gemeint war.

Diese hob fragend eine Augenbraue und blickte zu ihrer Gesprächspartnerin auf. Da diese wie sie selbst High Heels trug, war der Größenunterschied sehr auffällig. Nicole strich sich ihre blonden Haare hinters Ohr, während sie eine ungefähre Bewegung in die Richtung der beiden Männer machte. »Dass Alex eine Begleitung mitbringt. Ich glaube, Michail hat es ihm diesmal direkt befohlen, damit Alex endlich mal eine Frau dabei hat.«

Elisabeths Blick wanderte kurz zu Alex. »Er nimmt sonst nie jemanden mit?«

Nicole machte große Augen. »Das wusstest du nicht? Alexander ist bekannt dafür, ewiger Junggeselle zu sein, der es strikt ablehnt, Privates und Berufliches zu mischen. Frauen hätten keinen Platz in seinem Leben, das ist seine Devise.«

Jetzt musste Lily lachen. So gesehen hatte er ja auch keine Frau in seinem Leben, er bezahlte sie lediglich für ihre Dienste. Das war auch eine Art, einen aufdringlichen Chef zum Schweigen zu bringen. Sie versuchte sich an einem verliebten Blick zu Alex, ehe sie antwortete: »Nun, dann fühle ich mich direkt doppelt geehrt, hier sein zu dürfen.«

Ehe Nicole darauf etwas sagen konnte, ging die Tür auf und zwei weitere Männer traten ein, begleitet von zwei sehr unterschiedlichen Frauen. Der eine, dessen Name laut Nicole Fjodor war, war offensichtlich schon fortgeschrittenen Alters und hatte eine Frau an seiner Seite, die tatsächlich dazu passte. Grigorij, wie der andere ihr von Nicole vorgestellt wurde, hatte ebenso wie Michail eine deutlich jüngere Frau dabei. Obwohl sie stark geschminkt war und ihre pechschwarzen Haare kunstvoll hochgesteckt hatte, fragte Elisabeth sich doch, ob sie überhaupt schon jenseits der achtzehn Jahre alt war.

Sie schloss sich Nicole an, um die neuen Gäste zu begrüßen. Die Frau an Fjodors Seite, Katharina, begrüßte Nicole mit einem Hauch von Wärme in der Stimme, während sie für Lily nur einen kühlen Blick übrig hatte. Die vierte in der Runde stellte sich als Mimi vor und war offensichtlich ebenso wie Elisabeth selbst das erste Mal dabei.

Nachdem alle Hände geschüttelt waren, kamen zwei Kellner, die auf Tabletts Sekt servierten. Obwohl sie diese Form von Alkohol verabscheute, griff Lily zu und stieß mit den anderen zusammen an – auf erfolgreiche, neue Geschäftsideen. Sie nahm einen großen Schluck, bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck und schluckte die perlende, bittere Flüssigkeit hinunter. Dann wurde endlich zu Tisch gebeten.

Der Tisch war rund, so dass niemand am Kopf der Tafel sitzen konnte. Sie war froh, dass sie neben Alex Platz nehmen durfte und zu ihrer Linken Nicole saß, die bisher einen sehr zugänglichen Eindruck gemacht hatte. Sie warf einen kurzen Blick auf das Menü, das an jedem Platz auslag – drei Gänge, jeder davon mit Fleisch, dazu eine Auswahl an Nachspeisen – ehe sie sich demonstrativ nach links wendete, um sich Nicole gegenüber offen zu zeigen. Sie spürte, wie Alex neben ihr sich ebenfalls umwendete, um mit Fjodor zu sprechen.

»Es ist lange her, dass ich in so einem feinen Restaurant war«, warf sie wie nebensächlich in den Raum. Wenn sie ehrlich war, war sie das letzte Mal vor einem halben Jahr im Sommer mit ihren Eltern fein Essen gewesen, doch das musste für den Moment niemanden interessieren.

Nicole schien sich begeistert auf das Thema zu stürzen. »Ich liebe es, hier zu essen. Michail sucht sich nur die besten Restaurants in Hamburg aus, aber das hier mag ich am liebsten. Bevor ich ihn kennengelernt habe, kannte ich sowas gar nicht.« Sie grinste schief und strich sich erneut ihre glänzenden Haare hinter ein Ohr. »Wenn man nicht viel Geld hat, kann man sich sowas nicht leisten.«

Kurz huschte Elisabeths Blick zu dem alten Mann. Sie konnte verstehen, warum jemand wie er sich eine Schönheit wie Nicole als Freundin zulegte, doch warum Nicole, die wirklich gut aussah und zumindest bisher durchaus intelligent wirkte, sich auf ihn einließ, wollte ihr nicht in den Kopf.

»Frag nur«, lachte Nicole da plötzlich. »Ich sehe es dir doch an, du fragst dich, was ich von Michail will.«

Während die Kellner den ersten Gang brachten, eine Fischsuppe, nickte Elisabeth ihrer Sitznachbarin zu. Am ganzen Tisch waren Gespräch im Gange, so dass ihre leise Unterhaltung nicht weiter auffiel und sicher nicht belauscht wurde. Sie konnte also ein wenig neugierig sein.

»Da hast du meine Gedanken gelesen, das habe ich mich wirklich gerade gefragt«, gab sie zu.

Nachdem alle ihre Schüssel serviert bekommen hatten, platzierte Elisabeth die blütenweiße Stoffserviette auf ihrem Schoß, legte ihren linken Arm leicht auf dem Tisch ab und griff nach dem Löffel. Nicole neben ihr schien auch zunächst das Essen probieren zu wollen, ehe sie antwortete. Also tunkte sie vorsichtig den Löffel in die Cremesuppe, ließ ihn kurz darüber schweben und führte ihn dann an den Mund. Sie musste zugeben, die Suppe war von herausragender Qualität. Reichhaltig, ohne schwer zu sein, mit klarem Fischaroma, ohne fischig zu schmecken.

»Er hat mich wortwörtlich gerettet«, griff Nicole das Gespräch wieder auf. Ihr linker Ellbogen war auf den Tisch gestützt, während sie mit der rechten Hand die Suppe in wenigen Zügen in sich hinein schaufelte. »Kam einfach so angerollt in seiner Limousine mit den verdunkelten Fenstern, ist ausgestiegen und hat die Kerle zum Teufel gejagt, die mich gerade belästigt haben.«

Elisabeth ließ ihren Blick durch die Runde schweifen. Jeder war mit der Suppe beschäftigt und sie konnte ganz unterschiedliche Standards an Tischmanieren beobachten. Grigorij, der ihr gegenüber saß, fiel ihr besonders negativ auf, da er noch nicht einmal die Serviette ausgebreitet hatte. Die junge Frau an seiner Seite kippte gerade die Schüssel ein wenig zu sich, um an die letzten Tropfen der Suppe zu kommen. Fjodor, in ein Gespräch mit Alex vertieft, griff nach seinem Weinglas, ohne sich vorher den Mund abzuwischen.

Schmunzelnd richtete Lily ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Sitznachbarin. Sie war nicht hier, um die Etikette der Gäste zu beurteilen, so aufschlussreich ihre Beobachtungen auch waren. »Du wurdest auf offener Straße belästigt?«, hakte sie nach.

Nicole leckte sich einmal über die Lippen, ehe sie nach ihrem Glas griff und die letzten Schlucke Sekt austrank. »Warst du schon mal auf St. Pauli? Wenn man da in gewissen Straßen arbeitet, muss man leider damit rechnen, dass ein paar Johns sich nicht an die Regeln halten.«

Lily ging ein Licht auf. Nicole hatte offensichtlich zuvor als Prostituierte gearbeitet. Aus eigener Erfahrung wusste sie, dass St. Pauli in der Tat ein raues Pflaster sein konnte, wenn man in die falschen Straßen geriet. »Und Michail ist einfach so eingeschritten?«

Nicole warf dem Mann an ihrer Seite ein Lächeln zu, das dieser erwiderte, als sie ihm eine Hand auf den Arm legte. Elisabeth meinte, echte Zuneigung zwischen den beiden zu sehen, doch da sie selbst eine Beziehung zu Alex vortäuschte, war es genauso möglich, dass sie es hier mit guten Schauspielkünsten zu tun hatte.

»Er ist ein Gentleman der alten Schule«, erklärte Nicole. »Er hat den Männern ziemlich deutlich erklärt, was er von ihrem Verhalten hält, und da sind sie schnell abgedampft. Danach hat er mich für die ganze Nacht bezahlt und mitgenommen.« Ein schelmisches Grinsen stahl sich auf ihr Gesicht. »Als ich am Morgen fertig war mit ihm, hat er sich geweigert, mich gehen zu lassen. Seitdem lebe ich bei ihm.«

Lily kicherte hinter vorgehaltener Hand. Dann kippte sie elegant den Teller ein wenig von sich weg, um an den letzten Rest der Suppe zu gelangen. Schließlich legte sie den Löffel zurück auf den Unterteller und wischte sich mit der Serviette den Mund ab. Um sie herum wurden die anderen ebenfalls mit der Vorsuppe fertig und wie aufs Stichwort erschienen die Kellner wieder, um die Suppe abzuräumen.

Kaum waren die Kellner mit den leeren Suppentellern durch die Tür verschwunden, traten neue ein, die den zweiten Gang brachten: Jakobsmuscheln auf Blumenkohlpüree mit einer Scheibe Pancetta. Elisabeth zwang sich, ihr höfliches Lächeln zu behalten. Natürlich gab es Jakobsmuscheln. Sie konnte sich an kaum ein feines Essen mit ihren Eltern erinnern, wo es ein Menü ohne diese Delikatesse gab. Doch so teuer diese Meeresfrüchte auch waren, sie hatte sie noch nie gemocht.

»Das hier«, raunte ihr Nicole von der Seite zu und deutete mit ihrer Gabel auf den Teller vor sich, »ist eines der vielen Dinge, die ich dank Michail kennengelernt habe! Ich liebe Jakobsmuscheln!«

»Und genau deswegen stehen sie auf jedem Menü, solange ich entscheiden kann«, kam es von dem älteren Herrn.

Lily schnaubte amüsiert und beschloss, ihre Abneigung für sich zu behalten. Sie nahm stattdessen den Gesprächsfaden wieder auf: »Arbeitest du noch, seitdem du mit ihm zusammen bist?«

Nicole kaute genüsslich auf einem Bissen, ehe sie ihn mit einem wohligen Seufzer schluckte und dann zu einer Antwort ansetzte. »Im Moment nicht. Ich will schon irgendwann wieder arbeiten, aber im Moment habe ich zu viel Spaß daran, einfach tun und lassen zu können, was ich möchte.«

Dazu nickte Lily bloß. Sie konnte den Reiz verstehen, den diese Freiheit hatte, insbesondere auf jemanden wie Nicole, die vermutlich ihr Leben lang nur harte Arbeit gekannt hatte. Ihre eigenen Eltern hatten sie zu schulischen Höchstleistungen getrieben und ihr immer klar gemacht, dass sie erwarteten, dass Elisabeth eines Tages Jura studieren würde. Ebenso hatten sie ihr aber immer auch zugesichert, dass sie alles bekommen würde, was sie wollte. Ein Praktikum hier, eine Studienzulassung da. An Vitamin B hatte es ihr nie gemangelt, und insbesondere ihr Vater hatte ihr stets gezeigt, dass es für sie keine Einschränkungen gab, solange sie nur strebsam war.

Ironischerweise fühlte sie sich erst jetzt, wo sie überall auf Grenzen stieß, sich alles selbst erarbeiten musste und oft genug auch Rückschläge verzeichnen musste, freier als je zuvor.

Nachdem sie die Jakobsmuscheln so schnell, wie es noch möglich war, ohne an Eleganz zu verlieren, hinuntergeschlungen hatte, widmete sie ihre volle Aufmerksamkeit wieder der blonden Frau neben sich. »Wenn du absolut frei wärst, dir deine Arbeit auszusuchen, was würdest du dann machen?«

Zu ihrer Überraschung errötete Nicole. Sie schien einen Moment mit sich zu ringen, ehe sie mit leiser Stimme erklärte: »Das klingt bestimmt blöd, aber ich würde wahnsinnig gerne Dessous entwerfen.«

Elisabeth blinzelte mehrmals. »Dessous? Das ist ... ein ziemlich konkreter Wunsch. Wieso?«

Der Blick von Nicole wanderte zu den Männern in Hörreichweite. Sie senkte ihre Stimme weiter. »Unter uns, findest du nicht auch, dass richtig schicke Wäsche oft richtig unbequem ist? Als ich noch ... gearbeitet habe, hab ich sowas ja ständig getragen. Und wie oft hat da irgendetwas gepiekt oder gekratzt. Das muss doch nicht sein. Ich bin mir sicher, dass das auch anders geht.«

Mühsam unterdrückte Elisabeth ein Lachen. Sie kannte dieses Problem nur zu gut. Im Blue Moon war es ihr erlaubt, praktische Outfits auf der Bühne zu tragen, solange sie trotzdem noch reizvoll waren. Aber in den Clubs vorher hatte man ihr manchmal Dinge zu tragen gegeben, die jede Bewegung zur Qual gemacht hatten. Lächelnd nickte sie. »Ich verstehe in der Tat sehr gut. Ich hasse es, dass ich mich so oft entscheiden muss, entweder gut auszusehen, oder mich gut zu fühlen.«

»Du musst mir beizeiten mal zeigen, wie du es schaffst, nicht gut auszusehen, Ich bezweifle nämlich, dass das geht.«

Die leisen Worte von ihrer anderen Seite ließen Lily unwillkürlich zusammenzucken. Mit einem stummen Fluch schaute sie Alex streng an. »Du solltest Gespräche unter Frauen nicht belauschen.«

»Ganz recht, Alex!«, mischte sich auch Nicole ein, die aber mehr amüsiert als wütend klang. »Wir Ladies wollen auch mal ungestört reden.«

Grinsend legte Alexander ihr eine Hand auf den Schenkel. »Da will ich dir ein Kompliment machen und bekomme nur böse Worte zurück. Das merke ich mir.«

Ein Blick auf Nicole zeigte ihr, dass diese die Unterbrechung genutzt hatte, um sich an Michail anzuschmiegen. Mit einem verführerischen Lächeln imitierte Lily die Pose der anderen Frau und legte ihre Hand auf die von Alex, die noch auf ihrem Bein lag. »Komplimente nehme ich immer gerne.«

Alex legte ihr eine Hand auf die Wange und zog sie näher an sich heran, bis sein Mund beinahe ihr Ohr berührte. Sie spürte die Hitze, die von deinem Körper ausging, und fühlte seinen Atem, der leicht über ihren Hals strich. Ihr Mund wurde trocken. Alexanders körperliche Nähe stellte Dinge mit ihr an, die sehr schnell sehr gefährlich werden konnten.

»Alles gut bei dir?«, hauchte er ihr zu, während er vorgab, ihr einen Kuss auf den Hals zu geben. »Hältst du es noch aus mit diesen Leuten?«

Ein leises Seufzen entfuhr ihr. Nicht nur war dieser Mann neben ihr verboten attraktiv, nein, er kümmerte sich tatsächlich aufmerksam um sein Date, auch wenn sie nur vorgab, sein Date zu sein. Sie drückte ihm einen kleinen Kuss direkt unter sein Ohr, dann rückte sie ein Stück von ihm ab. »Alles gut. Ich genieße das Essen und zumindest ein Tischnachbar ist erträglich.«

Seine Antwort darauf war nur ein empörtes Schnauben, was sie wiederum breit grinsen ließ. Die Kellner kamen, um die Teller abzuräumen, und so musste sie sich wieder von Alex lösen. Sie bedauerte sofort den Verlust seiner Hand auf ihrem Schenkel, doch sie rief sich zur Ordnung. Ein schickes Restaurant mit teurem Essen war nicht der richtige Ort, um ihrer neu gefundenen Lust auf Sex nachzugehen.

Während der nächste Gang gebracht wurde, bemerkte Lily Grigorij, der ihr gegenüber am Tisch saß. Obwohl er in eine leise Unterhaltung mit seiner Begleitung vertieft schien, lag sein Blick auf ihr. Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Obwohl die Augen absolut ausdruckslos waren, hatte sie das Gefühl, als würde er ihr bis auf den Grund der Seele schauen. Sie fühlte sich gewogen und für nicht gut befunden.

Die Kellner stellten synchron den neuen Gang vor ihnen allen auf den Tisch und schon war der Moment verflogen. Grigorij widmete sich seinem Essen und schaute kein einziges Mal wieder zu ihr rüber. Nervös griff Elisabeth nach Gabel und Messer. Hatte sie sich den Blick nur eingebildet?

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