26

Als Lily aus dem Taxi stieg, musste Alexander schlucken. Der schneeweiße Mantel bildete einen scharfen Kontrast zu ihren feuerroten Haaren, die sie zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt hatte. Der Mantel ging ihr bis zu den Knien, wo schwarze Hosenbeine zum Vorschein kamen, die wiederum genau so lang waren, dass er noch die silberfarbenen High Heels sehen konnte, auf denen sie nun mit unerlaubt festen Schritten auf ihn zukam.

Er beugte sich zu ihr hinab, um ihr einen Kuss auf die Wange zu hauchen. »Ich sehe, du hast das Geld gut investiert.«

Sie blickte unter langen, schwarz getuschten Wimpern zu ihm auf. »Die Schuhe gefallen dir wohl, mh?«

Lachend bot er ihr einen Arm an, den sie mit hochgezogener Augenbraue annahm. Er führte sie die Straße entlang zu seinem geparkten Auto, wo er ihr die Tür aufhielt und ihr beim Einsteigen half. Als er auf seiner Seite eingestiegen war und den Motor startete, bemerkte er, dass sie jede seiner Bewegungen aufmerksam beobachtete.

»Habe ich etwas im Gesicht?«

Als Antwort legte Lily den Kopf schief. »Ich versuche herauszufinden, ob du unter deinem Mantel einen normalen Anzug trägst. Die Vorstellung, dass du heute noch besser gekleidet bist, bereitet mir Sorge.«

Schmunzeln lenkte Alex den Wagen in den Verkehr. »Warum? Hast du Angst, neben mir blass auszusehen?«

Zu seiner Überraschung nickte sie. »Voll ins Schwarze. Wenn ich den attraktivsten Mann von Hamburg schon begleite, will ich daneben nicht völlig untergehen.«

Kurz schielte er zu ihr rüber. »Guter Versuch. Was geht dir wirklich durch den Kopf?«

Sie blies die Wangen auf und verschränkte die Arme vor der Brust, ehe sie die Luft zischend wieder ausstieß. »Ich weiß immer noch nicht, was du eigentlich machst. Dein Auftritt mit dem Taxi war jedenfalls denkwürdig. Wie soll ich dein Date spielen, wenn ich nicht einmal weiß, in welchem Gewerbe du tätig bist?«

Konzentriert blickte Alex auf die Straße, um sich nicht anmerken zu lassen, dass ihn diese Frage aus dem Konzept gebracht hatte. Er hatte gehofft, wenn er ihr genug zahlte, dann würde sie ignorieren, dass sie noch gar nichts über ihn wusste. Aber natürlich hatte sie ihn sofort durchschaut.

»Du musst es mir nicht sagen«, fügte sie hinzu. »Ich werde einfach annehmen, dass du in illegale Geschäfte verwickelt bist und heute Abend alle anderen Gauner sind. Das sollte mir helfen, authentisch deine Freundin zu spielen, oder was denkst du?«

Er bemerkte, wie sein Griff ums Lenkrad fester wurde. Angespannt erwiderte er: »Das ist das Gegenteil von dem, was hilfreich wäre. Es ist kein Problem, wenn mein Boss und die anderen Anwesenden bemerken, dass du nicht weißt, worum es geht. Glaub mir, Lily. Das macht dich nicht unglaubwürdig.«

Wieder starrte sie ihn von der Seite an, doch Alex blickte stur geradeaus. Es war für ihre Gesundheit besser, wenn Michail und Grigorij gar nicht erst auf die Idee kamen, dass sie wusste, dass sie es gerade mit der organisierten Kriminalität zu tun hatte. Er hatte noch nie eine Frau mitgenommen, weil er genau gesehen hatte, wie die anderen Frauen, die unwissend mitgenommen worden waren, im Laufe des Abends immer misstrauischer geworden waren. Und die eine, die dann angefangen hatte, Fragen zu stellen, hatte man kurze Zeit später aus der Elbe gefischt. Er wollte nicht, dass Lily dasselbe Schicksal widerfuhr.

Seufzend gab er sich einen Ruck. Vielleicht sollte er einige Punkte von den Regeln noch einmal verdeutlichen. »Schau. Heute Abend werden einige sehr reiche Männer anwesend sein und wie reiche Männer so sind, haben sie ihren Reichtum oftmals nicht auf ganz legalen Wegen angehäuft. Sie werden nervös, wenn man zu neugierig ist. Sie wählen aus, wem sie vertrauen. Keiner will plötzlich die Polizei wegen Steuerhinterziehung am Arsch haben.«

Für einen Augenblick noch schaute Lily ihn an, dann richtete sie ihren Blick ebenfalls nach vorne. »Kein Wunder, dass du Frauen bezahlen musst, damit sie dich begleiten. Klingt nicht nach einem Leben, das man freiwillig mit seinem Partner teilen will.«

Darauf konnte er nur schnauben. »Wie gesagt. Ich bezahle für Sex nicht, weil ich sonst keinen kriege, sondern weil ich es schätze, dass es unverbindlich ist und ich der Frau danach keine Rechenschaft schuldig bin. So ist es leichter für jeden von uns.«

Zielstrebig steuerte er das Auto auf einen großen Parkplatz, der auch im Herzen von Hamburg beinahe leer stand. Der Kontrolleur an der Einfahrt schaute ihn nur kurz an, ehe er die Schranke hoch ließ. Alex suchte sich einen Platz in der Nähe des Hintereingangs des Restaurants aus, damit sie nur kurz durch die Kälte mussten.

Rasch stieg er aus, lief um das Auto herum und öffnete Lily dann die Tür. Zu seiner Überraschung warf sie ihm ein Lächeln zu und ergriff die Hand, die er ihr hinhielt. Er hatte befürchtet, dass sie ihm aufgrund seiner Worte böse sein würde, doch stattdessen stand plötzlich die Lily vor ihm, die er vom Club, von der Bühne kannte. Ein verführerisches Lächeln, Schwung im Schritt, absichtsvolle Nähe zu ihm und doch eine Distanz, die sie nur noch interessanter machte. Geräuschvoll stieß er die Autotür zu, ergriff ihre Hand und führte sie ins Restaurant.

Heute Abend würde er das erste Mal mit Begleitung erscheinen. Sie sollten sehen, wie kostbar die Frau an seiner Seite war, aber auch, dass sie ihm und nur ihm gehörte. Niemand sollte es wagen, sich ihr zu nähern. Für diese Männer gab es nur eine Regel: Eine Frau war für jeden zu haben, solange kein anderer Mann absoluten Besitzanspruch auf sie erhob. Und er würde dafür sorgen, dass jeder im Raum glasklar sah, dass Lily ihm gehörte.

Und sei es auch nur für die Nacht.

Sein Blick wanderte zu dem hell erleuchteten Restaurant, dem sie sich näherten. Eine plötzliche innere Unruhe ergriff ihn. Er konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass es eine ganz schlechte Idee war, Lily mitzunehmen.

War es, weil er immer noch nicht ausschließen konnte, dass sie von der Polizei auf ihn angesetzt worden war?

Jemand vom Personal öffnete ihnen die Tür, während drinnen ein Kellner sofort an sie heran trat und ohne zu fragen in einen Hinterraum führte.

»Man kennt dich hier wohl?«, flüsterte Lily ihm leise zu.

»Mein Boss bevorzugt dieses Etablissement für Geschäftsessen, entsprechend war ich schon öfter hier«, erklärte Alex ebenso leise. Dass das Restaurant zur Organisation gehörte und die meisten hier wussten, dass er einer der Bosse war, verschwieg er.

Sie waren die ersten, die nach Michail und seiner Begleitung in das Hinterzimmer traten. Amüsiert bemerkte Alex, dass sein Boss mal wieder Nicole dabei hatte. Mit einem Grinsen trat er auf das ungleiche Paar zu und reichte der Frau die Hand. »Nicole, welche Freude, dich heute hier zu sehen.«

»Ach, Alex, du alter Chameur!«, protestierte die blonde Frau kichernd, während sie zuließ, dass er ihr einen Kuss auf die Hand hauchte.

Dann legte Alex eine Hand auf Lilys unteren Rücken und schob sie ein Stück vor. »Michail, Nicole, das ist Lily. Lily, das ist mein Chef, Michail, und seine bezaubernde Freundin Nicole.«

Der alte Mann umfasste Lilys Hand mit seinen beiden. »Eine Freude für uns, dich in unserer Runde begrüßen zu dürfen, meine Liebe. Ich hoffe, Alex behandelt dich gut? Er ist wie ein Sohn für mich und ich bin nur zu bereit, ihm den Hintern zu versohlen, wenn es sein muss.«

Lily lachte mit professioneller Gelassenheit auf. »Den Hintern kann ich ihm auch alleine gut versohlen, machen Sie sich darum keine Sorgen.«

»Kein Gesieze hier, meine Liebe«, wies Michail sie sofort warm zurecht. »Wir sind alle Freunde hier.«

Alex stieß langsam die Luft aus. Er hatte nicht realisiert, wie angespannt er gewesen war. Doch jetzt, wo er Lily so entspannt mit Michail und Nicole plaudern sah, ging ihm auf, dass er sich völlig umsonst Sorgen gemacht hatte. Diese feurige Tänzerin ging ganz in der Rolle der charmanten Freundin auf, die er ihr zugewiesen hatte.

Es war gut, dass Nicole heute hier war. Von allen Blondinen, mit denen Michail sich gerade umgab, war sie ihm die liebste. Sie war clever und wusste ganz genau, woran sie beim Boss war. Aber sie war auch absolut loyal, immerhin hatte sie ihm viel zu verdanken. Mit Nicole hatte Lily zumindest eine Gesprächspartnerin, die halbwegs normal wäre.

Von Fjodor und Grigorij konnte er das nicht erwarten. Weder die beiden Männer selbst noch die Frauen, die sie üblicherweise mitbrachten, boten viel Gesprächsmaterial für Menschen außerhalb der Organisation. weil sie es offensichtlich als unter ihrer Würde empfanden, über etwas anderes als das Geschäft zu sprechen.

Während Michail Lily mit belanglosen Fragen ablenkte, kam Nicole ihm näher. Der ernste Gesichtsausdruck verriet ihm ihre Gedanken, noch bevor sie die Frage aussprach. »Weiß sie Bescheid?«

Alex schüttelte den Kopf. »Nein. Weder über Michail noch über den Club.«

Die junge Frau fluchte leise und schaute ihn wütend an. »Riskantes Spiel, Alex.«

»Es war dein Schatz, der darauf bestand, dass ich jemanden mitbringe. Ich hatte keine Wahl.«

»Man hat immer eine Wahl«, zischte sie zurück, doch ihr Blick wurde weicher. »Ich kümmere mich darum, dass sie nichts mitbekommt. Versprochen.«

Bevor Alex etwas darauf erwidern konnte, winkte Michail seine Begleitung wieder zu sich. Äußerlich um Gelassenheit bemüht, schaute er zu Lily. Vielleicht hätte er es drauf ankommen lassen sollen und wieder alleine auftauchen sollen. Niemand mochte es, wenn Zivilisten mit von der Partie waren.

Doch er wusste, diese Option hatte es nicht gegeben. Nicht im Moment. Nicht jetzt, wo er mehr denn je Michails Schutz und Zustimmung brauchte. Er musste seine Position festigen und dem Boss zeigen, dass er angepasst war. Zahm. Kontrollierbar.

Was er jedoch bereute, war, dass er nach dem heutigen Abend nicht riskieren konnte, erneut mit Lily gesehen zu werden. Selbst in seinem Club konnte er ihr nicht zu nahe kommen. Niemand durfte auf die abwegige Idee kommen, dass diese Frau jemand war, an dem ihm etwas lag. Das würde sie nur in Gefahr bringen.

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top