25

Als sie geduscht und wieder angezogen in den Raum zurückkam, war Alex gerade dabei, seine Hose vom Boden aufzusammeln. Sie trat auf ihn zu, reckte sich hoch und gab ihm einen Kuss auf den Hals. »Ich verschwinde dann mal.«

Er blickte auf sie hinab und legte ihr eine Hand auf die Wange. »Du warst umwerfend, Lily.«

Sein Daumen strich über ihre Unterlippe und auch sein Blick fiel darauf. Hitze, die wenig mit Erregung zu tun hatte, breitete sich in ihrem Körper aus. Nervös löste sie sich von ihm. Solche Gesten waren nicht gut. Sie lösten in ihr das Bedürfnis aus, ihn zu küssen, und das war aus guten Gründen streng tabu. Dass er sie küssen wollte, war eine Sache. Dass sie es plötzlich auch wollte, war gefährlich.

»Bevor du das Weite suchst...«

Etwas in seinem Tonfall ließ sie aufhorchen. »Ja?«

Er streifte sich seine Hose über, ehe er fortfuhr. »Ich könnte Sonntag deine Dienste noch einmal gebrauchen.«

Elisabeth schluckte. Er klang dabei so geschäftlich, dass sie sich unwillkürlich schäbig vorkam. »Ich arbeite sonntags nicht.«

»Darum geht es nicht«, entgegnete er sogleich, während er nach seinem Hemd griff. Innerlich fluchend bemerkte Lily, wie sie ihren Blick kaum vom Spiel seiner Muskeln abwenden konnte, während er zuerst einen, dann den anderen Arm hineingleiten ließ. Seine braunen Augen richteten sich wieder auf sie. »Ich habe ein Geschäftsessen und mein Boss ist der Meinung, dass es zum guten Ton gehört, eine Begleitung dabei zu haben.«

Für einige Atemzüge konnte Elisabeth ihn nur anstarren. Warum hatte sie plötzlich das Gefühl, bei Pretty Woman gelandet zu sein? Sie schluckte, leckte sich über die Lippen und schüttelte dann energisch den Kopf. »Sorry, ich date keine Kunden.«

Augenblicklich hob er eine Hand. »Oh, keine Sorge, ich würde dich bezahlen für den gesamten Abend. Und es wäre auch nur das Abendessen. Alle Dienste darüber hinaus würde ich extra bezahlen, falls uns beiden der Sinn danach steht.«

Unsicher fuhr sie sich mit einer Hand über ihren Oberarm. »Ich weiß nicht ... das habe ich noch nie gemacht.«

Er trat auf sie zu und legte ihr zwei Finger unters Kinn, um sie zu zwingen, zu ihm aufzusehen. »Du bist angenehme Gesellschaft, Lily. Niemand würde wissen, dass du hier tanzt und ich dich bezahle. Du wärst für einen Abend meine Begleitung, mehr nicht.«

»Soll ich deine Freundin spielen?« Je mehr sie darüber nachdachte, umso weniger gefiel ihr die Idee. Sie hatte Alex zwar außerhalb kennengelernt, aber die Beziehung zwischen ihnen war einfacher, wenn sie streng auf den Club begrenzt blieb.

»Du kannst auch einfach nur mein Date sein«, erwiderte Alex, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. »Eine Frau, die mir gefällt, die aber noch nicht bereit ist, sich ganz auf mich einzulassen. Was immer für dich funktioniert.«

»Und, äh, an wie viel hattest du gedacht?« Noch immer lagen seine Finger unter ihrem Kinn, noch immer stand er direkt vor ihr. Seine Nähe machte sie nervös, was vorher nie der Fall gewesen war. Er sah einfach verdammt noch mal zu gut aus. Sie musste das Gespräch unbedingt auf neutralen Grund zurückführen.

Ein Grinsen huschte über seine Lippen. »Verhandlungssache. Ich zahle dir, was immer du willst.«

Sie entzog sich seiner Berührung und drehte ihm dem Rücken zu. Es war offensichtlich, dass dieser Mann Geld hatte. Vermutlich konnte sie hohe Forderungen stellen und er würde einwilligen. Nachdenklich starrte sie zu Boden. So angenehm ihr Job hier auch war, er brachte ihr nur genug Geld, über die Runden zu kommen. Sie konnte nicht sparen, nicht in ihre Zukunft investieren. Genauso wenig wollte sie über ihr Studium hinaus hier tanzen.

Zusätzliches Geld, wie sie es sich jedes Mal, wenn sie ihn sah, verdiente, bedeutete zusätzliche Schritte Richtung Unabhängigkeit. In ihrem Hinterkopf war immer die Stimme, die ihr sagte, dass sie sich jederzeit an ihre Eltern wenden konnte. Dass sie ein sicheres Netz hatte, wenn sie es brauchte. Und sie hasste das. Sie hasste die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Eltern ihr eine Zukunft aufbauen wollten.

Seufzend drehte sie sich wieder zu Alex um. Da stand er, die Hände in den Hosentaschen vergraben, vollkommen entspannt, den Blick abwartend auf sie gerichtet. Für ihn ging es hier nur um ein Geschäft, das drückte seine gelassene Körperhaltung deutlich aus. Er bezahlte sie, weil er ihre Gesellschaft in jeglicher Hinsicht zu genießen schien, aber gerade nicht, weil er darüber hinaus Interesse an ihr hatte. Das war gut. Sicher. Berechenbar. Sie konnte sein Geld nehmen, ihren Teil tun, und war nicht an ihn gebunden.

Sie hatte nichts zu verlieren.

Wenn sie es schaffte, es ebenso professionell und geschäftlich zu halten wie er. Warum musste er auch so verflucht gut aussehen und so unfassbar selbstbewusst sein?

»Also?«

Elisabeth leckte sich über die Lippen. »1.000 Euro und ich mach's.«

Ein Grinsen erschien in seinem Gesicht. »Wenn du glaubst, dass hohe Forderungen mich abschrecken, hast du dich getäuscht. Deal.«

Schnaubend hielt sie ihm die Hand hin. »Deal.« Nachdem er eingeschlagen hatte, erklärte sie: »Die Höhe meiner Forderung resultierte allein aus dem Wert, den ich meinen Diensten zuschreibe. Hätte ich dich abschrecken wollen, hätte ich einfach nein gesagt.«

Für einen Moment standen sie einfach nur voreinander und schauten sich an. Wieder bemerkte sie, wie sein Blick zu ihren Lippen huschte, doch bevor sie auch nur reagieren konnte, hatte er sie schon an sich gezogen, sich heruntergebeugt und ihr einen Kuss auf den Hals gedrückt. »Ich lasse dir einen Zettel mit Anweisungen an der Theke hinterlegt, den du morgen Abend abholen kannst.« Sein warmer Atem kitzelte ihren Nacken, während er die Worte leise gegen ihr Ohr murmelte. »Nach deiner Schicht heute findest du zusätzlich etwas Geld dort hinterlegt, um dir was zum Anziehen zu kaufen. Cocktailkleid, aber für ein Geschäftsessen. Ich vertraue darauf, dass du was Angemessenes auswählst.« Er richtete sich wieder auf. »Sonntag hole ich dich hier vorm Eingang ab und wir klären weitere Details.«

Elisabeth nickte bloß. Sie hatte keine Ahnung, worauf sie sich hier eingelassen hatte, aber der Eindruck, plötzlich in einem Film gelandet zu sein, verstärkte sich. Nur dass sie kein bettelarmes Aschenputtel war, das von einem reichen Prinzen in die Welt von teurer Fashion entführt wurde. Sie hatte aus dem Haus ihrer Eltern ausgewählte Stücke mitgenommen, als sie ohne Ankündigung ausgezogen war. Sie kannte sich besser in der Welt der High Society aus, als dieser Mann ahnen konnte.

Sie unterdrückte ein Grinsen. Vielleicht würde das Abendessen ja auch ganz witzig. Gezwungener Smalltalk und beste Manieren lieferten ihr immer einen Grund zum Lachen. Sie reckte sich ein wenig, um ihm ebenfalls einen Kuss auf den Hals zu geben. »Ich bin schon sehr gespannt. Bis Sonntag, der Herr.«

»Mmmmh«, kam es von ihm nur, während er ihre Lippen auf seiner nackten Haut offensichtlich genoss. »Bis Sonntag.«

***

Sie hatte mit der Email gerechnet und trotzdem traf es Elisabeth unvorbereitet. Seit sie denken konnte, war es eine der wichtigsten Traditionen im Hause Petersen, in der Weihnachtszeit Karten an alle Verwandten und Bekannte zu schreiben. Da ihre Eltern jedoch ihre Adresse nicht kannten, kamen die Adventsgrüße in digitaler Form.

Neben den üblichen Floskeln, die ihre Mutter seit Jahren in stets gleicher Form zu Papier brachte, beinhaltete diese Email jedoch auch eine Einladung zum Adventskaffee. Natürlich tat sie das, denn es war eine Tradition, dass der erste Advent mit der einzigen Tochter sowie den Großeltern zusammen gefeiert wurde. Traditionen waren wichtig. Traditionen hielten die zunehmend individualistische Gesellschaft zusammen.

Schnaubend schloss Elisabeth die Email und stützte ihren Kopf auf ihren Händen ab. Sie konnte förmlich die Worte ihrer Mutter hören, wie sie ohne Unterlass die Bedeutung von Traditionen proklamiert. Wenn sie es wenigstens ernst meinen würde. Soweit sie das beurteilen konnte, waren Traditionen ihrer Mutter genauso egal wie ihr selbst. Aber es gehörte sich, als eine Petersen wert darauf zu legen, also tat sie es. Es gehörte sich, die Schwiegereltern zum Adventskranz zu laden, also tat sie es.

Und es gehörte sich, dass die einzige Enkelin auch anwesend war.

Gegen ihren Willen schlich sich ein Schuldgefühl in ihre Gedanken. Wieder stöhnte Elisabeth tief auf, während sie die Email erneut aufrief. Ihr alter Laptop gab ein surrendes Geräusch von sich, als wäre der bloße Akt, das Mailprogramm aufzurufen, eine Überforderung. Die Sätze tippten sich beinahe von selbst, doch gerade, als sie ihren Namen unter den Absatz setzte, hielt sie inne. Sie hatte im gleichen formellen, freundlichen Tonfall wie ihre Mutter geschrieben. Obwohl sie inzwischen seit drei Jahren nicht mehr bei ihren Eltern lebte und diese selten besuchte, verfiel sie immer noch und ohne es zu bemerken in alte Muster.

Grimmig löschte sie den Text und schrieb stattdessen eine Zeile. »Ich werde da sein.«

Entschlossen drückte sie auf Senden und schob dann den Laptop von ihrem Schoß. Sie konnte es nicht gebrauchen, dass ihre Stimmung durch Gedanken an ihre Eltern getrübt wurde. Heute Abend wollte sie strahlen und Alexander beweisen, dass sie jeden Cent wert war, den sie verlangt hatte. Bis zum ersten Advent war noch fast ein ganzer Monat. Das war mehr als genug Zeit, sich wann anders darüber den Kopf zu zerbrechen.

Während sie ihre Beine über die Bettkante schwang, wanderte ihr Blick zu dem schwarzen Jumpsuit, den sie sich schon raus gehangen hatte. Zwar hatte er tatsächlich Geld zu seiner Notiz an sie angefügt, doch sie war bei ihrem ursprünglichen Plan geblieben. Sie hatte diesen Jumpsuit nur einmal getragen, es war das letzte Stück, was ihre Eltern ihr gekauft hatten. Ihre Mutter hatte darauf bestanden, dass sie mit abgeschlossenem Abitur nun bereit für erwachsenere Kleidung war und sich ebenso präsentieren sollte, wenn sie zum nächsten Geschäftsessen mit den Partnern des Vaters ging. Sie hatte sich den Jumpsuit selbst ausgesucht und liebte ihn immer noch – insbesondere, weil er gemacht für ihre winzige Statur erschien, wo normalerweise nur Frauen mit Modelgröße wirklich in diese passten.

Grinsend zog sie ihr Handy hervor und machte ein Foto von den Schuhen, die sie sich für das Geld tatsächlich neu gekauft hatte. Sie waren zehn Zentimeter hoch mit dünner Sohle und noch dünneren Absatz. Nur schmale Schnüre aus Leder, das ebenfalls silberfarben war, würden ihre Füße halten. Sie hatte schon immer so ein Paar Schuhe besitzen wollen, doch für ihre konservativen Eltern kam das nie in Frage und für ihren Nebenjob waren sie ungeeignet, obwohl sie dort auch oft High Heels trug.

Sie öffnete den Chat mit ihren drei Freundinnen und postete das Bild ohne Kommentar hinein. Es dauerte nur wenige Sekunden, ehe die erste Antwort eintrudelte.

»Wen willst du denn heute verführen?«

Lachend setzte sie sich auf den Fußboden, um sich mit dem Rücken an ihr Bett zu lehnen. »Vielleicht wollte ich mir nur mal was gönnen?«

»Wenn ich mir was gönnen will, kauf ich Nagellack von Essie, keine Schuhe für 1000€. Raus mit der Sprache!« Juliane hatte offenbar nicht vor lockerzulassen.

Schmunzelnd tippte Elisabeth eine Antwort ein. Sie konnte und wollte ihnen nicht die Wahrheit sagen, aber sie wollte trotzdem diesen besonderen Abend mit ihnen teilen. »Ich bin aus Versehen in einer RomCom gelandet und werde heute von einem Millionär zum Essen ausgeführt.«

Während ihre Freundinnen darüber spekulierten, wie viel Wahrheit wohl in diesen Worten lag, wanderten Elisabeths Gedanken zu ihrer Chefin. Obwohl sie Alex vertrauen wollte, war sie auf Nummer sicher gegangen. Sie hatte Mutter Gina erzählt, dass Alexander sie für ein Geschäftsessen bezahlte und ihr die Adresse des Restaurants, in dem es stattfinden würde, genannt. Zwar hatte die ältere Frau sehr skeptisch geschaut, doch sie hatte genickt und ihr versichert, dass sie sich am Montagmorgen bei ihr melden würde, um zu prüfen, ob sie noch am Leben war.

Und sie hatte erneut das Gefühl gehabt, dass sie etwas nicht verstand. Mutter Gina hatte übermäßig ernst gewirkt. Als hätte sie tatsächlich Bedenken, sie mit Alex ausgehen zu lassen. Lily konnte das grundsätzlich verstehen, immerhin war sie sich nach der Begegnung im Fake-Taxi ziemlich sicher, dass Alex keiner legalen Tätigkeit nachging. Aber da war noch mehr in Ginas Blick gewesen. Etwas, was sie nicht deuten konnte.

Mit einem Stöhnen erhob sie sich vom Boden und tapste ins winzige Bad. Es war Zeit zu duschen und sich fertig zu machen. Alex würde sie in zwei Stunden vor dem Eingang des Blue Moons erwarten. Wenn er sie schon bezahlte, wollte sie zumindest alles in ihrer Macht Stehende tun, um hübsch für ihn auszusehen. Außerdem war sie sich sicher, dass er sich ebenfalls in Schale werfen würde und so gut, wie er schon normalerweise aussah, musste sie sich anstrengen, nicht neben ihm zu verblassen. Sie wollte, dass ihm bei ihrem Anblick die Knie schwach wurden - mindestens so sehr, wie ihre Knie schwach wurden, wann immer er im Club war.

Gleichzeitig wusste sie aus Erfahrung, dass sie dann am meisten Selbstbewusstsein besaß, wenn sie mit ihrem eigenen Aussehen zufrieden war. Obwohl Alex ihr aufgeschrieben hatte, was sie am Abend erwarten würde, war sie doch aufgeregt. Sie kannte sich in der Welt der Schönen und Reichen aus, doch als Neue in der Runde würden alle Augen auf ihr liegen. Sie hoffte, dass sie nicht die einzige sein würde, die von dem konkreten Inhalt des Geschäftsessens keine Ahnung hatte. Vielleicht war es auch besser, wenn sie es nicht wusste.

Entschlossen schob sie den Gedanken weg und trat unter die Dusche. Wenn es etwas zu wissen gab, würde Alex sie einweihen. Wenn nicht, dann nicht. Daran etwas ändern konnte sie auch nicht.

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