28

»Beeindruckende Aussicht, nicht wahr?«

Die tiefe Stimme von Grigorij riss Lily aus ihrer stummen Betrachtung. Während die Gesellschaft auf Dessert wartete, hatten sich alle vom Tisch erhoben. Es hatte sie wie magisch zurück zur Fensterfront gezogen. Sie fühlte sich auf seltsame Weise gleichzeitig alleine und mitten drin, wenn sie auf die Flut aus Lichtern und Schatten der Stadt unter ihr schaute. Es war ein tröstliches Gefühl.

Mit ihrem professionellen Club-Lächeln drehte sie sich zu dem Mann um. Er war klein, auch wenn er sie immer noch um einen halben Kopf überragte. Sie konnte sehen, dass er Anzugschuhe mit etwas mehr Absatz als gewöhnlich trug. Ein eitler Mann, der seine geringe Größe als Defizit ansah. »Ich liebe Hamburg bei Nacht.«

Er nickte stumm und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarre. »Die Nächte sind immer schön in unserer Perle.«

Schweigend standen sie nebeneinander, doch jegliches positive Gefühl, dass ihr die Skyline zuvor gebracht hatte, war verschwunden. Der stämmige Mann stand zu nah an ihr dran und statt wie sie aus dem Fenster zu schauen, lag sein Blick starr auf ihr. Sie schluckte.

»Du wirkst nicht wie der Typ Frau, den unser Alex mitbringen würde.«

Nervös befeuchtete Elisabeth ihre Lippen. »Was soll das heißen?«

Er zog erneut an seiner Zigarre und puffte ihr den Rauch ins Gesicht, ohne mit der Wimper zu zucken. »Du bist zu poliert.«

»Poliert?« Unwillkürlich entfuhr ihr ein Lachen. »Was auch immer das heißen soll.«

»Die einzigen Frauen, mit denen Alex sich abgibt, sind die Schlampen in seinem Club.« Grigorijs Stimme klang hart. »Und du wirkst nicht so, als ob du für Geld die Beine breit machst.«

Ein Zittern erfasste ihren Körper, doch Lily weigerte sich, vor diesem schmierigen Kerl Schwäche zu zeigen. Wenn Alex in illegale Geschäfte verwickelt war, dann war es dieser Mann definitiv auch. Sie würde weder sich noch Alex die Blöße geben, ihr Bildungsbürgertum durchscheinen zu lassen. »Das klingt beinahe so, als ob du implizieren willst, dass Alex mich für meine Gesellschaft bezahlt. Oder habe ich mich verhört?«

»Hah!« Grigorij grinste plötzlich breit. »Ich sehe, du bildest dir viel darauf ein, mit ihm hier zu sein. Aber sag mir, Schätzchen.« Er trat noch näher an sie heran. »Weißt du überhaupt, wer er ist?«

Sie konnte den Wodka und den Zigarrenrauch im Atem des Mannes riechen. Seine braunen Augen starrten sie nieder, als wollte er sie an Ort und Stelle sezieren. Erneut leckte sie sich über die Lippen. »Er ist niemand, auf dessen schlechter Seite man enden will. Ich bin klug genug, das zu wissen. Und ich habe das Gefühl, damit bin ich klüger als du.«

Sein Grinsen wurde noch breiter. »Mmmh, du gefällst mir, Mädchen. Loyal. Das ist eine Eigenschaft, die ich sehr schätze. Bist du dir sicher, dass du mit ihm auf das richtige Pferd setzt?«

Lily konnte sehen, wie sein Blick einmal ihren Körper runter und wieder rauf wanderte. Sie kannte diesen Ausdruck. Im Club schauten viele Männer sie so an. Aber was sich dort wie ein Kompliment anfühlte, bereitete ihr hier nur Übelkeit. Sie zwang sich, nicht vor ihm zurückzuweichen, sondern ihn stattdessen grimmig anzuschauen. »Loyal nennst du mich und willst mich im selben Atemzug abwerben? Ich habe mit Alex definitiv zumindest auf das intelligentere Pferd gesetzt.«

Das Grinsen verschwand augenblicklich aus seinem Gesicht. »Und doch hat er es versäumt, dich zu warnen, dass du deine Zunge hüten solltest.«

Das Blut in ihren Adern schien sich in Eis zu verwandeln. Hatte sie den Bogen überspannt? Sie wusste immer noch nicht, mit welcher Art von Kriminellen sie es hier zu tun hatte, aber jedes Wort, das aus Grigorijs Mund kam, ließ ihre Alarmglocken schrillen.

»Ich könnte über den Fehltritt hinwegsehen«, fuhr er ungerührt fort, während er sich wieder zum Fenster umdrehte. »Beantworte mir ein paar Fragen. Arbeitest du für Alexander?«

Lily entging nicht, wie er sich hinter sie schob und ihr so nah stand, dass sie seinen Atem in ihrem Nacken kitzeln spüren konnte. Sie wollte nichts lieber, als sich umdrehen und nach Alex Ausschau halten, aber sie hatte das Gefühl, wenn sie jetzt Schwäche zeigte, würde sie sich nur noch mehr in Gefahr bringen.

Stocksteif stand sie da, den Blick starr auf die Welt hinter dem Fenster gerichtet. »Ich gehe aus Prinzip nicht mit Arbeitgebern aus.«

»Hätte mich auch gewundert. Wie gesagt, du wirkst zu poliert.« Sie meinte, seine Nase an ihrer Schulter zu spüren. Nur mit Mühe unterdrückte sie ein Schaudern, während Grigorij ungerührt die nächste Frage stellte. »Wie hast du ihn kennengelernt?«

Bedacht holte sie die sorgfältig vorbereiteten Worte hervor. »Er hat mich eines Nachts davor gerettet, alleine und zu Fuß durch die Straßen von Hamburg stolpern zu müssen. Er war so galant und zurückhaltend, dass er mich sofort für sich gewinnen konnte. Normalerweise würde ich nicht zu fremden Männern ins Auto steigen, aber Alex war so charmant und vertrauenserweckend, dass ich mich auf Anhieb sicher gefühlt habe.«

»Wenn du Schutz suchst, bist du bei ihm definitiv an der falschen Adresse.« Wie um seine Worte zu unterstreichen, platzierte er seine feuchten Lippen auf ihrem Nacken.

Mit einem unterdrückten Zischen trat sie von ihm weg und drehte sich zu ihm um. »Genug. Außer Alex hat niemand die Erlaubnis, mich anzufassen.«

Ohne ihm die Chance auf eine Antwort zu geben, trat sie an ihm vorbei. Suchend flog ihr Blick durch den Raum, bis sie Alex gefunden hatte. Er stand auf der anderen Seite neben der Tür, in ein Gespräch mit dem alten Mann vertieft, und würdigte sie keines Blickes. Wut und Enttäuschung machten sich in Lily breit. Sie hatte erwartet, dass er zumindest auf sie aufpassen würde, wenn er sie schon unvorbereitet mit in die Höhle des Löwen nehmen würde.

Mit wenigen entschlossenen Schritten ging sie auf ihren Stuhl zu und ließ sich darauf fallen, die Arme vor der Brust verschränkt. Wieder wanderte ihr Blick zu Alex. Und plötzlich ging ihr auf, dass die Hand, die er an der Wand über seinem Kopf abgestützt hatte, so fest zur Faust geballt war, dass seine Knöchel beinahe weiß hervortraten. Sein Blick lag voller Aufmerksamkeit auf Michail, aber sie hatte das Gefühl, dass Alex ganz genau wusste, wo sie war.

Nicole, die auf Toilette verschwunden war, kam auf sie zugeeilt und setzte sich wieder neben sie. »Hey, Lily, alles okay?«

Mit einem schmalen Lächeln nickte sie. »Alles klar, warum auch nicht?«

Der Blick der Blondine huschte kurz zu Alex, dann zurück zu ihr. »Dein Mann sieht mörderisch aus und ich bezweifle, dass es an dem lahmen Witz liegt, den Michail ihm gerade erzählt.«

Unwillig schüttelte Lily den Kopf, doch sie konnte nicht verhindern, dass sie für den Bruchteil einer Sekunde zu Grigorij schaute, der seine Begleitung zu sich gezogen hatte und gerade dabei war, ihr ungeniert den Rock hochzuschieben, während sie in seinen Armen aus dem Fenster schaute.

»Keine Ahnung, was Alex hat«, brachte sie knapp über die Lippen.

»Ah«, machte Nicole, die ihrem Blick gefolgt war. »Hat Grischa was Dummes gesagt? Keine Sorge, das ist sein Ding. Dummheit, meine ich. Keine Ahnung, was Michail in ihm sieht, aber du solltest nen Scheiß auf das geben, was aus seinem Mund kommt.«

Bevor sie darauf antworten konnte, tauchte Alex hinter ihr auf und zog sie vom Stuhl. Seine Hand umfasste entschlossen ihr rechtes Handgelenk und ohne auf ihren Protest zu achten, zerrte er sie hinter sich aus dem privaten Zimmer in den Flur, der zu den Toiletten führte. Kaum waren sie außer Hörreichweite, presste er sie mit seinem ganzen Körper rückwärts an die Wand.

Seine Hände kamen hart auf ihrer Taille zu liegen, doch seine Stimme klang sanft, als er ihr zuflüsterte: »Hat Grigorij dir was getan?«

Ungeduldig schaute Lily zu ihm hoch. »Er hat Scheiße gelabert und mir einen widerlichen Kuss auf den Nacken gegeben.«

Der Griff um ihre Taille verkrampfte sich, während Alex die Stirn an der Wand ablegte. »Verfluchte Scheiße. Sorry, Lily, das hätte nicht passieren sollen. Ich hab gesehen, dass er dir auf die Pelle gerückt ist, aber ich kann es mir nicht leisten, ein Gespräch mit Michail abzubrechen, um Grigorij in seine Schranken zu weisen.«

Heiße Wut wallte in Lily auf. Mit aller Kraft stieß sie ihre Hände in seine Brust, doch er bewegte sich keinen Zentimeter. »Soll das eine Entschuldigung sein?«, verlangte sie zischen zu wissen. »Was, muss ich mir gefallen lassen, dass mich hässliche Männer begrabschen, nur weil du für meine Dienste heute bezahlst?«

»Das wollte ich nicht sagen...«

»Was dann?«, herrschte sie ihn an. Angst mischte sich in ihre Wut und ließ sie umso heißer aus ihr sprudeln. »Ein Gespräch mit deinem Boss ist wichtiger als meine Sicherheit?«

Alex öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sofort schloss er ihn wieder. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihre Brust hob und senkte sich hektisch, während sie um Atem rang. Sie hatte damit gerechnet, dass sie heute auf andere Menschen stoßen würde, die wie Alex illegalen Geschäften nachgingen. Aber die seltsamen Machtverhältnisse, die sie unter der Oberfläche erahnen konnte, deuteten auf etwas ganz anderes hin. Etwas, was ihr Angst machte.

Für mehrere Momente schauten sie sich nur in die Augen. Lily konnte in Alexanders Blick sehen, dass er überfordert war. Vielleicht hatte er nicht damit gerechnet, dass einer seiner Geschäftspartner so dreist sein würde. Vielleicht hatte er gedacht, dass alles locker ablaufen würde.

Vielleicht war er einfach unfassbar naiv.

»Es tut mir leid«, kam es schließlich von ihm. Seine Hände ließen ihre Taille los und schlossen sich stattdessen um ihr Gesicht, während er ihr ernst in die Augen schaute. »Es tut mir wirklich leid, Lily. Ich hab gesehen, dass etwas nicht stimmt, und bin nicht eingeschritten. Das war scheiße.«

Die Wärme seiner rauen Hände auf ihren Wangen fühlte sich auf ungebetene Weise beruhigend an. Ihr Puls beruhigte sich langsam und sie spürte, wie ihre Angst langsam zerfloss. Doch ihre Wut blieb. Sie weigerte sich, seine Entschuldigung anzuerkennen.

Als könnte er spüren, dass es nicht genug war, schloss Alex die Augen und holte tief Luft. Dann öffnete er sie wieder, strich ihr mit einem Daumen über ihren Wangenknochen und nickte. »Wenn du willst, können wir sofort gehen. Sag ein Wort, und wir verschwinden.«

Überrascht blinzelte sie. Damit hatte sie nicht gerechnet. Doch noch während sie ihre Überraschung verdaute, spürte sie, wie alles in ihr schrie, genau das zu tun. Sie wollte nichts lieber, als von hier wegzulaufen. Jede weitere Minute in Grigorijs Nähe erschien ihr wie Folter. Die Aussicht, dem entkommen zu können, war wie ein Sonnenstrahl an einem eisigen Wintertag.

Unsicher fuhr sie mit ihren Händen über Alexanders starke Brust. »Wäre das okay? Oder bringt dich das in Schwierigkeiten?«

»Scheiß auf Schwierigkeiten«, schoss er sofort zurück. Ein entschlossener Ausdruck stand in seinem Gesicht. »Wenn du dich hier nicht mehr sicher fühlst, ist das wichtiger.«

Der letzte Rest ihrer Wut schmolz dahin. Das waren die Worte, die sie hatte hören wollen. Sie gaben ihr Sicherheit. Mit einem Lächeln legte sie eine ihrer Hände auf seine Wange. »Okay. Danke. Lass uns zurück zu den anderen gehen.«

Jetzt war es Alex, der überrascht aussah. »Was? Zurück zu den anderen?«

Sie nickte nachdrücklich. »Ja. Aber unter der Bedingung, dass wir sofort gehen, wenn ich mich unwohl fühle. Egal, was für ein wichtiges Gespräch du gerade führst, wenn ich dir eine Hand aufs Knie lege, dann gehen wir. Aufs Knie, nicht auf den Oberschenkel.«

Ein Wirbel von Emotionen tanzte durch seine Augen, doch bevor Lily daraus schlau werden konnte, hatte Alex sich schon wieder aufgerichtet und war von ihr weggetreten. »Ich salutiere vor Ihrer Stärke, Madam. Sie haben mein Wort. Ein Zeichen und wir sind weg.«

Wärme machte sich in ihrem Bauch breit. Während sie sich unter seinem Arm einhakte, musste sie darum kämpfen, Alex nicht blöd anzulächeln. Vielleicht war es die aufregende Situation, die Gefahr, die sie gerade überstanden hatte, die Panik, die sie gefühlt hatte, die jetzt durch Alex beseitig worden war. Aber sie konnte spüren, tief in sich, dass sie diesen Mann nicht mehr loslassen wollte.

Er mochte ein Gangster sein, ein Mitglied der Mafia oder irgendeines Russen-Clans. Er mochte sie leichtfertig in Gefahr gebracht haben. Aber die Art, wie er sie ansah, wie er noch vor ihr verstanden hatte, was sie gerade brauchte, zupfte an ihrem Herz. Er war ihr Retter in finsterer Nacht.

Entschlossen ordnete sie ihre Gesichtszüge in ihr übliches professionelles Lächeln, während sie ihre Gefühle niederkämpfte. Sie hatten keinen Platz hier, mit ihm. Sie sollte sich von dem Alex, den sie im Auto kennengelernt hatte, verabschieden, und ihn nur noch als zahlenden Kunden sehen.

Alles andere würde ihr Herz langfristig nicht überleben.

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