Chapter 3

Eine sanfte Stimme weckte mich auf.

»Hey, du bist angekommen«, sagte sie leise und ruhig, aber dennoch hörte ich sie und öffnete müde meine Augen.
Die Flugbegleiterin lächelte mich freundlich an.
»Du solltest aussteigen.«
Ich sah mich um. Das Flugzeug war bereits leer. Offenbar stand es wirklich schon ein paar Minuten.
Mit einem leichten Lächeln nickte ich der jungen Frau zu und erhob mich. Ich griff nach meiner Handtasche und verließ das Flugzeug.

Sofort wehte mir der eisige Wind um die Nase und kleine Schneeflocken verfingen sich in meinem dunklen Haaren.
Ich war angekommen. Das hier würde nun also meine Heimat sein.

So schnell mich meine Beine trugen lief ich über den Platz in die Mall. Ich suchte nach dem Gepäckband, holte meinen Koffer und suchte mir dann ein Taxi.
Hier war alles viel ruhiger und nicht so chaotisch, wie Zuhause.
Eine halbe Stunde später war ich dann bei der Schule angekommen.
Die International School Of Ice Skating.
Ich konnte es nicht fassen, dass ich nun tatsächlich hier stehe.
Es kam mir mehr wie ein Traum vor. Ein wundervoller Traum, der niemals enden sollte.

Tief atmete ich durch, straffte meine Schultern und stieß die große Eingangstür auf, welche mit aufwändigen Goldornamenten geschmückt war.
Sofort klebten die Blicke der Jungs auf mir, doch ich sah sie nicht an, tat so, als würde ich sie nicht sehen.
Sie waren nicht da. Was nicht da war, konnte mir auch nicht weh tun.
Der Griff und meinen Koffer wurde fester und ich setzte mich in Bewegung.
Alle waren so plötzlich still und es kam mir so vor, als würden meine Schritte in den großen Flur wiederhallen.

Leicht zuckte ich zusammen, als sich ein großer Junge vor mich schob.
Mit einem Grinsen blickte er zu mir herab und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Wo willst du hin, Püppchen? Und warum hast du einen Koffer? Das hier ist kein Wellnesshotel«, sagte er mit einer Tonlage, die mir sofort verriet, dass er mein Dasein lächerlich fand.

»Ich hab mich nicht verlaufen und jetzt geh mir aus den Weg«, knurrte ich und wollte mich an ihn vorbei schieben, aber wie es auch sein sollte, war er natürlich stärker als ich.
»Oh, das Kätzchen fährt die Krallen aus«, lachte er und am liebsten hätte ich ihn eine geknallt.
Gerade als ich meinen Mund öffnen wollte, um weitere Worte an diesen Dummkopf zu verschwenden, trat jemand aus dem Klassenzimmer, vor dem wir standen, den ich nur allzu gut kannte.
Justin.
Justin Fork.

Ich schluckte schwer und wich augenblicklich einen Schritt zurück.
Monatelang war ich ihm aus den Weg gegangen, weil ich gemerkt habe, dass ich auf den besten Weg war, mich in diesen Arsch zu verlieben. Den Weiberheld, den jeder liebte, weil er gut aussah und auf den Eis ein Gott war und jetzt war er hier?

»Eve? Was tust du denn hier?«
Sein Blick glitt hinter mich auf meinen Koffer und ich konnte sehen, wie er schluckte.
Schnell hatte ich mich wieder gefangen und reckte mein Kinn.
»Ich muss weiter«, sagte ich nur und nutzte den Moment der Überraschung, um mich an den beiden vorbei zu schieben.
Ich hatte jetzt keine Lust, mich auch noch mit Justin herum zu ärgern. Die anderen Jungs waren schon Hindernis genug. Da brauchte ich nicht auch noch ein Gewicht namens Justin an meinem Bein, das mich daran hindert, die Hindernisse zu überwinden.

Mit schnellen Schritten stieg ich die Treppe hoch. Den Koffer schleppte ich mühselig hinter mir her.
»Soll ich dir helfen?«, fragte ein anderer Junge, auf dessen Nase eine kreisrunde Brille saß. Er meinte es nicht böse, aber ich wollte keine Hilfe, weshalb ich ihn nur finster ansah und weiter ging.
Das würde hart werden, aber ich war bereit, für das zu kämpfen, was mir wichtig war und das war das Eiskunstlaufen.

Ich ging ins Sekretariat, um zu sagen, dass ich nun angekommen war. Ich brauchte einen Schlüssel für mein Zimmer und die Bücher für den Unterricht. Da ich spät dran war und der Unterricht bereits angefangen hatte, musste ich den Stoff selbständig nachlernen, aber das dürfte kein Problem sein.

Die Sekretärin lächelte mich an.
»Evengeline Collins. Hier ist der Schlüssel zu deinem Zimmer. Leider hatten wir nichts besseres mehr. Naja...du warst spät dran. Eigentlich hätten wir gar keine Leute mehr angenommen, aber deine Mutter hat uns überzeugt.«

Ich nickte leicht und lächelte kurz. Dann ging ich mein Zimmer suchen. Leider stand auf meinem Schlüssel keine Nummer, weshalb ich einfach bei jeder Tür probierte. Etwas anderes blieb mir nicht übrig.

»Hey, willst du bei mir einziehen?«
Die Stimme ließ mich erstarren und ich brauchte gar nicht nachzusehen, wem sie gehörte.
Justin kam auf mich zu und lehnte sich vor mir an die Wand.

»Nein, ich suche nur mein Zimmer«, gab ich zurück. Ich sah ihn dabei nicht an, da ich genau wussten was er für eine Wirkung auf mich hatte und ich hasste es. Ich hasste es, dass es nach all den Wochen nicht besser geworden ist, sondern schlimmer.

»Zeig Mal her.«
Justin nahm mir sanft den Schlüssel aus der Hand und musterte ihn.
Er lachte leicht und schüttelte den Kopf.
»Das ist jetzt nicht deren Ernst«, murmelte er nur und ich starrte ihn verständnislos an.
Was war nicht deren Ernst?

»Was denn?«
Ich verschränkte meine Arme vor der Brust und wartete, bis er mir endlich meinen Schlüssel wieder gab, doch daran schien Justin gar nicht zu denken.

»Komm, ich zeig dir dein Zimmer.«

Widerwillig folgte ich ihn. Wir gingen die Treppe hinunter ins Erdgeschoss und dann in den Keller.
Langsam wurde ich nervös, als Justin vor einer schlichten, weißen Brandschutztür stehen blieb.
Er steckte den Schlüssel hinein und er passte.
Als er die schwere Tür öffnete musste ich schlucken.
Dort stand nur ein Bett inmitten von Reinigungsmitteln und Besen.

»Ich...du verarschst mich doch«, flüsterte ich fassungslos.

Justin senkte den Blick und schüttelte den Kopf.
»Nein, leider nicht. Die Schlüssel zu den Zimmern haben alle Nummern drauf und soweit ich weiß sind alle Zimmer belegt. Der einzige Schlüssel ohne Nummer ist der zum Abstellraum. Es tut mir leid. Das ist echt... übel.«

Ein paar Sekunden blieb ich vor meinem neuen Reich stehen. Dann packte ich den Schlüssel und stieß meinen Koffer hinein.
»Danke«, sagte ich nur. Dann ließ ich die Tür hinter mir zu fallen und schuf so eine Barriere zwischen mir und Justin.
In der Tat. Es war übel. Es war übel, dass ich hier offenbar nicht mehr wert bin, als ein Besen, doch ich würde ihnen allen zeigen, dass sie einen Fehler gemacht hatten. Sie würden es bereuen, dass sie mich hier rein gesteckt hatten.

Mit einem Seufzen ließ ich mich auf meinem Bett nieder und stützte meinen Kopf auf meinen Handflächen ab.
Ich vermisste mein Zuhause jetzt schon. Eine sträkende Hand und ein paar beruhigende Worte würden jetzt in dem Moment wirklich gut tun.

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