Chapter 4

Die Nacht war grausam. Das Bett war so hart, wie ein Felsbrocken und ich musste Angst haben, dass mir irgendwelche Krabbeltiere übers Gesicht liegen.
Am liebsten hätte ich geschrien. So laut ich konnte, doch ich wusste, dass es nichts bringen würde.

Gegen morgen hörte ich ein leises Klappern an meiner Tür, die kurz darauf geöffnet wurde.
Langsam öffnete ich meine Augen und blinzelte einen Mann um die 40 an.
»Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken ich brauche nur diesen Wischmop.«
Er griff nach besagtem und verschwand dann auch wieder.
Seufzend schloss ich die Augen. Bitte, das konnte doch alles nur ein schlechter Traum sein.

Als es dann Zeit wurde, meinen müden Körper aus dem Bett zu hieven, tat ich dies und zog mich langsamer an, als ein Faultier.
Verdammt, ich hatte kaum geschlafen. Natürlich war ich müde. Was hatte ich auch schon erwartet?
Ich verließ mein "Zimmer" und suchte das Bad auf. Nur für Männer. Natürlich.

»Wollt ihr mich verarschen?«, zischte ich mehr zu mir selbst und schluckte. Schließlich stieß ich die Tür auf und ging an den Jungs vorbei, die hinter den Duschvorhängen verborgen waren. Wenigstens keine Gemeinschaftsduschen.
Ich fing an, meine Zähne zu putzen und ließ meine Wut wohl an meinen Zähnen aus, denn ich schruppte wie verrückt.
Im Spiegel sah ich, wie Justin gerade ebenfalls ins Badezimmer kam.
Kurz stoppte ich meinen Putzvorgang, nur um dann doppelt so schnell weiter zu machen.

»Willst du dein Zahnfleisch abtöten?«
Ich sah ihn im Spiegel an und spuckte dann die Zahnpasta aus.
»Wie würde es dir denn gehen, nach einer Nacht in einer verdammten Abstellkammer«, fauchte ich und Justin hob abwehrend die Hände.
»Hey, ich kann gar nichts dafür«, gab er zurück und ich seufzte. Leider hatte er Recht und ich sollte mich auch nicht so aufregen. Schließlich wollte ich ja selbst hier her, aber es hätte trotzdem einen bitteren Beigeschmack.

Schnell wusch ich noch mein Gesicht und brachte mein Zeug dann wieder in mein Zimmer, tauschte es gegen meine Schulsachen aus und machte mich dann auf den Weg ins Klassenzimmer.
Neugierige Blicke lagen auf mir und ich würde am liebsten jetzt schon davon rennen, aber nein, ich würde hier bleiben und kämpfen. Egal, wie hart es werden würde.

In der Menge konnte ich den Jungen mit der Harry Potter Brille ausmachen. Er schien der einzige zu sein, der in diesem Klassenzimmer halbwegs erträglich war, also setzte ich mich neben ihn und lächelte vorsichtig.
»Tut mir leid, dass ich so kratzbürstig zu dir war. Ich war einfach etwas gereizt«, meinte ich und er winkte nur ab.
»Wäre ich an deiner Stelle wohl auch. Ich bin Joey und du?«
»Evengeline , aber du kannst mich Eve nennen«, meinte ich und lächelte.

Als der Lehrer in die Klasse kam, wurde es zu meiner Überraschung sofort still. Es wunderte mich, dass diese Jungs hier schonmal was von Manieren gehört hatten.
»Guten Morgen. Wie ihr vielleicht schon bemerkt habt haben wir einen neuen Schüler...ich meine eine neue Schülerin«, verkündete der Lehrer und die Jungs drehten sich alle sofort mit einem breiten Grinsen zu mir um. Offenbar schienen sie schon zu wissen, was gleich folgen würde.

»Evengeline , ich muss dich bitten, uns einen kleinen Vorgeschmack von deinem können zu geben«, sprach der Lehrer und ich schluckte. Ich sollte also aufs Eis. Kein Problem.
Langsam stand ich auf und ging durch die Reihen nach vorne. Die Jungs folgten mir.
»Ich muss noch meine Schuhe holen gehen«, sagte ich und wollte schon los laufen, aber der Lehrer hielt mich zurück.
»Du bekommst in der Eishalle welche von uns.«

Da ich keinen blassen Schimmer hatte, wo die Eishalle war, führte mich die Lehrkraft dorthin. Die Jungs rannten mir wie ein Rudel ausgehungerter Wölfe hinterher und als ich die Eislaufschuhe anzog, musste ich schwer schlucken.
Ich durfte nun auf keinen Fall versagen.

»Bereit?«, ließ mich die Stimme von Mr Harrington zusammen fahren.
Ich nickte hastig und stand auf.
»Gut, dann bitte. Das Eis gehört dir.«
Vorsichtig setzte ich einen Fuß auf das Eis und ab diesem Moment war ich mir sicher, dass ich noch nie auf so einem perfekten Untergrund gelaufen bin.
Die Plätze in meinem kleinen Dorf waren alle ziemlich uneben und nicht bearbeitet, aber dieses Eis hier war ein Traum.

Ich glitt mit Leichtigkeit in die Mitte und tanzte über das Eis, wie eine kleine Schneeflocke.
Ausgelassen drehte ich mich um mich selbst, sprang in die Luft, hob ein Bein an.
Das war es, was ich jetzt brauchte. Nur das Eis und mich und sonst niemanden.
Ich dachte an das kleine Turnier bei mir Zuhause. Das letzte, dass ich gewonnen hatte. Ich stellte mir die Musik vor und sprang in die Luft, drehte mich dabei und drehte den Sprung sauber aus. 
Das erstaunte Raunen entging mir nicht und es war wohl das schönste Geräusch an diesem Tag.
Ich war mit Glück erfüllt und konnte beinahe vergessen, dass ich mein Zimmer mit einem Haufen Reinigungsmittel und Spinnen teilte.

»Wow, das war beeindruckend. Deine Mutter hat nicht übertreiben, als sie dich hier angemeldet hat«, lobte mich der Lehrer und ich lächelte stolz.
Eigentlich wollte ich gar nicht runter vom Eis, aber das Training war erst heute Nachmittag. Vorher musste ich mich durch den Unterricht quälen.

Kurz glitt mein Blick über die Tribünen und stockte, als ich dort einen Jungen sitzen sah. Hatte er mich etwa beobachtet?
Das war ja nicht schlimm. Schließlich hatte meine ganze Klasse mir zugesehen.
Bei genauerem Hinsehen erkannte ich aber, dass es Justin war und ich kniff meine Lippen fest zusammen.
Was machte er denn hier? Hatte er keinen Unterricht?

Ein leichtes Lächeln glitt über seine Lippen. Dann erhob er sich einfach und verschwand.
Ich schüttelte meinen Kopf und zog schnell die Schuhe aus, tauschte sie gegen meine schwarzen Turnschuhe und gab die Eislaufschuhe wieder Mr Harrington zurück.
»Gut, geht schonmal vor in die Klasse. Ich bringe die wieder zurück«, meinte er und die Klasse setzte ich sind Bewegung.
Diesmal ging ich als letzte und das mit Absicht, denn ich wollte meine Ruhe haben.
Ich war gespannt, was dieser Tag noch so mit sich bringen würde.

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