Chapter 2

Am nächsten Morgen erwachte ich, da ein eiskalter Windzug meine nackten Schulter kitzelte.
Müde öffnete ich die Augen und sah meine Mutter, die gerade das Fenster geöffnet hatte.
»Mum...«, nuschelte ich verschlafen und rieb mir den Schlaf aus den Augen.
Die junge Frau drehte sich zu mir und strahlte mich an.
»Guten morgen mein Spatz.«

Wieder kam mir das Gespräch von gestern Abend in den Sinn. Ich würde auf die beste Schule der Welt gehen, endlich die Chance haben, etwas bedeutendes zu gewinnen. Ich könnte meiner Leidenschaft nachgehen und würde von den besten Lehrern der Welt trainiert werden.
Ja, das war es, was ich wollte.

Langsam setzte ich mich auf und räusperte mich, da meine Stimme noch etwas heiser von der Nacht war.
»Mum, ich will das durchziehen. Ich will auf diese Schule«, sprach ich aus und reckte stolz das Kinn. Ich würde es denn Männern schon zeigen.

Meine Mutter lächelte. »Ich hätte dich so oder so dorthin geschickt. Dein Talent darf nicht vergeudet werden.«

»Du meinst, selbst wenn ich nicht wollen würde, hättest du mich in diese Schule gesteckt? Gegen meinem Willen?«

Meine Mutter seufzte. »Wenn du das so sagst, dann klingt es so hart, aber ja. Du musst gefördert werden, aber du willst es ja selber. Also, ich gehe jetzt gleich telefonieren und sichere dir einen Platz. Die Anmeldefrist endet morgen, aber besser spät als nie, hm?«

Ich nickte mechanisch und wartete, bis sie aus meinem Zimmer verschwunden war.
Dann schälte ich mich aus meinem Bett und zog mir gleich meinen Bademantel an.
Es war bitterkalt und nur in meinem dünnen Nachthemd fröstelte es mich sehr.

Langsam ging ich zu meinem Schrank hinüber und zerrte den Koffer heraus. Er war ganz verstaubt. Klar, seit mein Vater mit seiner Sekretärin abgehauen ist, haben wir kein Geld, um in den Urlaub zu fahren, aber das machte mir nichts aus. Ich liebte mein kleines Dorf.

Nach geschlagenen fünf Minuten kam meine Mutter ganz aufgeregt zurück.
»Eve! Du musst sofort packen! Es geht heute schon los. Ich hab mich vertan. Die Anmeldefrist ist schon seit einer Woche abgelaufen, aber ich hab sie überzeugen können, dich noch aufzunehmen, auch wenn sie misstrauisch waren, weil du...naja...«

»Weil ich kein Junge bin. Schon klar.«
So langsam ging mir dieses frauenfeindliche Getue in den höheren Wettbewerben echt auf die Nerven.

Meine Mutter half mir dabei, die Sachen zusammen zu suchen und ich legte sie dann ordentlich in den Koffer.
Schließlich war es dann soweit und meine Mutter fuhr mich zum Flughafen. Ich war etwas überrascht, dass es so schnell ging, da ich eigentlich der Meinung war, ich könne mich noch in Ruhe von meinen Freunden verabschieden, doch mehr als eine Nachricht wahr scheinbar nicht mehr drin.
Ich werde sie so vermissen...

»Ach Schatz, zieh nicht so ein Gesicht. Das ist deine große Chance«, meinte meine Mutter aufgeregt. Ihre Augen funkelten voller Begeisterung und ich musste leicht lächeln. Es war schön, meine Mutter wieder so zu sehen, denn wenn ihre Augen so glänzten, waren es meistens bloß Tränen gewesen.

Auf dem Flughafen herrschte das reinste Chaos.
Ich hatte noch nie so viele Menschen auf einmal gesehen.
Man kam kaum voran und als meine Mutter dann auch noch der Meinung war, ich müsse langsam selbständiger werden und einfach wieder fuhr, schluckte ich schwer.

Ich stand hier, inmitten einer Menschenmasse, die ich noch nie zuvor so gesehen hatte und wusste nichtmal, wo mein Flugzeug warten würde.
Etwas überfordert drängte ich mich durch die Leute.
Ich wollte zu einer dieser blauen Infotafeln.
»Tut mir leid.«
»Tschuldigung.«
Immer wieder sagte ich diese Wörter, wenn ich eine Person vorsichtig zur Seite schieben musste, aber schließlich hatte ich mein Ziel erreicht.

Die Maschine hieß E76 und ich musste durch Gang 6 gehen, um an Board zu kommen. Das dürfte nicht so schwierig sein.
Also machte ich mich auf die Suche nach dem besagten "Gang 6".

Langsam wurde die Zeit knapp und ich rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Mall. Diesmal hatte ich keine Zeit mehr, mich zu entschuldigen.
Ich schubste die Leute beiseite und zog meinen Koffer hinter mir her.

»Gang 6. Wo ist der?«, fragte ich eine Dame, die in Uniform in einem Glaskasten saß.

»Da vorne links.«

Wow, so einfach wäre es gewesen.
Hastig rannte ich durch den engen Gang und schluckte, als mir auffiel, dass ich meinen Koffer ja noch immer dabei hatte.
Verdammt! Ich war so durcheinander.
Hastig legte ich ihn auf das Gepäckband und stürmte dann in die Maschine.

»Das war aber knapp Madame«, meinte einer der Flugbegleiter. Ich nickte ihm nur kurz zu und zeigte mein Ticket. Dann suchte ich meinen Platz und ließ mich seufzend hinein fallen.

Oh Mann, hoffentlich würde es an der Schule geregelter zu gehen.
Nochmal so ein Durcheinander hielt ich nicht aus. Ich war es einfach nicht gewohnt.

Mein Kopf sank gegen die kühle Scheibe, auf der sich mein Atem sichtbar machte.

»Liebe Passagiere, bitte anschnallen! Die Maschine startet in Kürze«, ertönte eine Stimme aus den Lautsprecher.
Müde tastete ich nach den Gurt und tat, wie mir befohlen.
Ich war schon jetzt total erschöpft, aber bis ich in Kanada ankommen würde, dauerte es sowieso noch. Ich konnte also beruhig noch ein Schläfchen halten.

Ein kleiner Ruck ging durch die Maschine und dann ging es los.
Sie rollte auf die Startbahn zu und beschleunigte.
Bald würde ich also meine Heimat verlassen und in ein neues Abenteuer aufbrechen.
Wenn ich sagen würde, ich wäre nicht aufgeregt, dann würde ich lügen, denn ich war aufgeregt. Sehr sogar!
Meine Knie zitterten sogar ein wenig und in meinem Bauch breitete sich ein leichtes Übelkeitsgefühl aus.
Diesen Zustand nannte ich auch gerne "die Referatskrankheit", weil man bei einem Referat genau das gleiche Gefühl hatte. Zumindest ging es mir immer so. Gott, wie ich Referate doch hasste...
Jedoch dankte ich meinem Körper, denn ich musste diesen Zustand nicht den ganzen Flug über ertragen, denn schon bald schickte er mich in das Land der Träume und ich konnte ein wenig Energie tanken, die ich auch brauchen würde, wie sich sehr bald heraustellen sollte.

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