Chapter 1
Ich saß an meinem Fenster, die Hände um eine dampfende Tasse Tee geschlossen.
Draußen hatte es angefangen zu schneien. Winter. Meine Lieblingsjahreszeit, denn im Winter konnte ich hinaus aufs Eis. Kein anderes Hobby ließ mein Inneres so hell erstrahlen, wie das Eis. Ich fühlte mich unbesiegbar, frei, wie eine kleine Schneeflocke.
Gestern hatte ich wieder ein kleines Turnier in unserem Dorf gewonnen. Danach war ich mit meinen Freundinnen feiern gegangen. Keine gute Idee, denn mein Kopf pochte noch immer wie verrückt.
Meine Augen verfolgten das Schneespiel, welches draußen vor sich ging. Hunderte kleine Flocken flogen zu Boden, manche wurden wieder in die Luft gewirbelt, nur damit sie sich dann erneut auf die frische Schneedecke legen konnten.
Hinter mir knisterte ein Feuer im Kamin. Ansonsten war es still. Das war auch einer der Gründe, warum ich den Winter so liebte. Es war ruhig.
»Eve! Herzlichen Glückwunsch! Du warst gestern so schnell weg. Ich konnte dir noch gar nicht gratulieren«, durchbrach meine Mutter diese Stille.
Es stimmte. Ich war gestern so müde gewesen, dass ich einfach in mein Zimmer gerannt bin und eingeschlafen war.
Sie kam in mein Zimmer und zog mich in ihre Arme. So stürmisch, dass ich beinahe meinen Tee verschüttet hätte.
»Danke Mum, aber du erdrückst mich fast«, gab ich gepresst zurück und meine Mutter lockerte ihren Schraubstockgriff.
Ich nippte an meinem Tee und blickte hinaus, während meine Mutter einfach nur da stand und mich an sah. Ich fragte mich, was sie dachte. Was ging in ihr gerade vor? Überlegte sie, meine langen, braunen Haare abzuschneiden oder wollte sie mir ein neues Kostüm für mein nächstes Turnier kaufen. Letzteres wäre mir lieber.
Ich konnte schließlich schlecht jedes Mal das gleiche tragen.
»Du wirst nun an keinem dieser Miniturniere teilnehmen mein Kind! Ich will, dass du nach dem Sternen greifst. Du sollst ganz weit nach oben kommen. Die erste Frau, die sich durchschlägt. Ich will nicht, dass du deine wertvolle Zeit mit diesen Kinderturnieren vergeudest. Du bist für größeres bestimmt.«
Ihre Augen begannen zu leuchten, als hätte ich ihr gerade ein neues Auto geschenkt.
Misstrauisch zog ich die Augenbrauen hoch.
»Bitte? Du weißt doch so gut wie ich, dass das ein Ding der Unmöglichkeit ist. Diese Männer, die "ganz oben" stehen, sind zu gut. Ich hab niemals eine Chance gegen die. Ich würde mich doch bloß lächerlich machen. Mum...«
»Ich meinte doch auch nicht von heute auf morgen. Du wirst es schaffen. Ich werde dich an einer Schule anmelden, auf die auch der Olympiasieger vom letzten Jahr gegangen ist. Du wirst sie alle in den Schatten stellen.«
Ich konnte nichtmal was zurück geben, denn meine Mutter war so schnell aus meinem Zimmer verschwunden, wie sie gekommen war.
Es war seltsam, die Vorstellung, bei der Olympiade mitzumachen. Ich wäre das einzige Mädchen unter den ganzen Jungs und Männern. Bestimmt würde ich mich dort nur zum Affen machen und auch die letzte Ehre der Frauen in den Dreck ziehen.
Ich konnte ihre Stimmen förmlich hören, wie sie schallend durch die Gänge der Schule klangen.
Frauen können das doch nicht. Gewinnen ist Männersache.
Meine Fäuste ballten sich und ich setzte meine Tasse ein bisschen zu heftig auf dem Fensterbrett ab.
Nein, ich würde ihnen zeigen, dass gewinnen bestimmt nicht nur Männersache ist. Ich werde es ihnen beweisen, ihnen zeigen, dass ich es kann.
Seufzend ließ ich mich nach hinten in mein Kopfkissen sinken und schloss die Augen. Das war alles zu viel für meinen verkaterten Körper.
Langsam drehte ich mich auf die Seite und presste die anderen Hälfte des Kissens, auf dem ich lag, auf meine andere Gesichtshälfte, in der Hoffnung, das Pochen würde weniger werden.
Als mich endlich der Schlaf übermannte, war ich sehr dankbar. Ich wollte diesen Tag einfach nur beenden und die Geschehnisse verarbeiten, doch die Sache mit meiner Mutter schien mich auch im Traum nicht loslassen zu wollen.
Ich machte mich gerade für Olympiade fertig. Mein Haar war zu einem ordentlichen Knoten hochgesteckt worden und mit blauen Edelsteinen verziert worden. Saphirblau. Das war immer meine Farbe gewesen auf den Turnieren in meinem Dorf und auch jetzt sollte sich dies nicht ändern.
Mit mir machten sich noch 50 andere Männer und Jungs bereit.
Ich konnte ihre Blicke spüren, konnte sehen, wie sie mich belächelten, doch ich reckte nur mein Kinn und strich mein kurzes Kleid glatt.
»Evengeline Collins! Bitte aufs Eis!«, ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher.
Langsam erhob ich mich. Mein Herz hämmerte wie verrückt gegen meine Brust, doch ich freute mich. Ich wollte jetzt endlich aufs Eis und allen zeigen, was ich konnte.
Doch schon als ich einen Fuß auf das Eis setzte, merkte ich, dass irgendwas nicht stimmte.
Ich fuhr zur Mitte der riesigen Fläche und verbeugte mich leicht.
Die Richter nickten mir zu und die Musik erklang.
Ein langsames Klavierstück, das jedoch immer schneller wurde, genau wie auch ich auf dem Eis.
Ich machte Pirouetten und zog meine Kreise, hinterließ meine Spuren auf den Eis und das letzte sollte ein Sprung sein.
Ich machte mich bereit zum Absprung, doch plötzlich brach mein Bein einfach weg, so als wäre ich auf einen Stein auf einem Hang getreten, der nicht fest genug war. Ein Stein, der einem den Boden unter den Füßen weg zog.
Ich landete hart auf dem Eis und als ich mich auf setzte, sah ich die anderen Mitstreiter, die an die Fenster drängten und mir dreckig entgegen lachten.
Keuchend schreckte ich hoch. Mein Herz hämmerte wie verrückt und meine Finger krallten sich in die Bettdecke.
Ein kurzer Blick auf die Uhr verriet mir, dass es knapp vier Uhr morgens war.
Verdammt, warum konnte ich nicht einfach schlafen?
Ich sank wieder zurück in mein Kissen, welches total nass geschwitzt war. Eine Weile starrte ich an die Decke, ging meinen Traum nochmal in Ruhe durch.
Ich musste es schaffen! Ich durfte meine Mutter nicht enttäuschen, aber was noch viel wichtiger war, ich durfte mich selbst nicht enttäuschen.
Ich würde auf diese Schule gehen und mich von Profis trainieren lassen und dann würde ich gewinnen und es allen zeigen.
Ein leichtes Lächeln legte sich auf meine Lippen und ich konnte zufrieden und mit einem Ziel vor Augen einschlafen. Gleich morgen würde ich meiner Mutter sagen, dass ich es durchziehen wollte und dann konnte es los gehen.

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