Strafarbeit


Es war 8:00 Uhr, Schulbeginn und ich vollkommen übermüdet. Als ich Jace in der Klasse sah, merkte ich, dass es ihm nicht anders erging. »Morgen.«, murmelte ich müde und Herr Snaoet kam hinter mit ins Klassenzimmer. Er war die Vertretung Frau Morell. Wir hatten die nächsten beiden Stunden bei ihm. Einmal Spanisch und einmal Politik. 

Yay, ich freu mich ja so, mit dem langweiligsten Lehrer der Schule Unterricht zu haben! Also entschloss ich mich dazu, einfach aus dem Fenster zu starren und das stürmische Wetter zu beobachten. DerLehrer würde es eh nicht bemerken, da er nur irgendwelche Sachen laberte.

Als ich später in Politik meine Sachen rausholte, weckte ich Jace auf, da er kurz nach dem Anfang der Stunde angefangen hatte zu schlafen, und es nicht mitbekam, dass wir nun Politik hatten.

»Lass mich!«, grummelte er, doch ich ignorierte das. Ich schüttelte ihn so unauffällig es ging, bis er endlich sein Politikbuch auf dem Tisch liegen hatte. Dann ließ ich von ihm ab und er schlief wieder ein. 

In der Pause weckte ich ihn nochmal, was seine Stimmung in den Keller sinken ließ.

»Mann! Du nervst!«, meinte er und wollte weiterschlafen, doch als er meine Faust in die Rippen bekam -und dass nicht gerade sanft- stand er doch auf.

»Sag mal, wieso bist du eigentlich so müde?«, fragte ich ihn. 

»Ich habe von einem weiteren Mordfall gehört. Die Leiche fand irgendjemand in der Stadtmitte. Ich hab mir die ganze Nacht den Kopf darüber zerbrochen, ob die Morde vielleicht zusammenhängen.«, antwortete er. Ich zuckte zusammen.  

»Die Frau war meine Tante.«, meinte ich, ohne Gefühlsregung. Meine Tante Felice hatte ich eh fast nie gesehen, weswegen ich sie nicht wirklich gekannt hatte, also ging mir all das nicht sehr nahe. »Also sind wir wegen dem selben Grund wach.«

»Das mit deiner Tante tut mir leid.«, sagte er, doch ich winkte ab. Langsam gingen wir zur Cafeteria und aßen unser Frühstück. Irgendwo an einem Tisch tuschelten ein paar Mädchen aus meiner Klasse und zeigten auf uns, was ich einfach mal ignorierte. 

Ich hatte gerade erst mein Pausenbrot aufgegessen, als schon die Klingel die nächste Stunde ankündigte. Seufzend nahm ich meine Schultasche und führte Jace zum Religionsraum, wo wir jetzt eine Doppelstunde mit Herr Glog hatten. Das konnte ja nur gut gehen!

Herr Glog kam ein bisschen zu spät, was aber keinen hier störte. »Guten Morgen Klasse!«, begrüßte er uns steif. Sein graues Harr war wirr und unter seinen Augen waren dunkle Schatten. Dennoch gab er noch Unterricht. Unfassbar, dieser Typ!

»Also, heute nehmen wir nochmals das Thema der letzten Stunde durch. Also wer kann mir sagen, was...« , fing er sofort an, doch ich konnte mich nicht mehr konzentrieren, und schlief ziemlich schnell ein, während Jace schon die Begrüßung verpasst hatte. 

Es war eine Stunde unbemerkt geblieben, dass wir geschlafen hatte, -zum Glück petzen meine Klassenkameraden nicht, da sie wissen wie ich reagieren würde- bis Jace etwas gefragt wurde. Das ging dann nicht nur für ihn scheiße aus, sondern auch für mich. Ich glaube, ich weis jetzt, warum Herr Glog Jace neben mich gesetzt hatte. Mist!

»SO, ihr beiden. Ihr kommt nach dem Unterricht zu mir. Dann bekommt ihr eure gerechte Strafe!«, schnaubte er wutentbrannt und schrieb irgendetwas an die Tafel. Ich seufzte und fing an die Sachen abzuschreiben.

Am Ende der Stunde kamen wir tatsächlich zu ihm, wenn auch ziemlich verschlafen. Schnell erklärte ich ihm, wieso wir so müde waren. Das hieß, ich sagte das mit dem Mord meiner Tante und behauptete ich hätte Jace dann noch angerufen, um ihm zu erklären was los war, und dass wir uns den Kopf dann darüber zerbrochen hatten, was wenigstens zum Teil stimmte.

»So ist das also. Wenigstens ist das mal ein Grund im Unterricht zu schlafen... Nun dann wollen wir euch mal nicht ganz so schlimm bestrafen.«, murmelte er leicht besänftigt. »Mh... Da ihr euch ja so gut zu verstehen scheint, werdet ihr als Strafarbeit in Partnerarbeit ein Referat über das heutige Thema gestalten. Da kann ich dann wenigstens überprüfen, ob ihr wenigstens ein bisschen aufgepasst habt.«, beschloss er hinterhältig grinsend und entließ uns.

»Na toll«, rief Jace, als wir auf dem Flur waren, »und wie sollen wir das in Partnerarbeit schaffen?« Ich seufzte, da ich wusste, worauf das hinauslief.

»Sollen wir uns...Ach, vergiss es!«, meine Geduld war gerade am Ende. Erst als ich ruhiger wurde, konnte ich die Frage stellen. »Kann ich heute Nachmittag zu dir kommen? Ich meine... wenn es deinen Eltern nichts ausmacht.«, fragte ich gequält.

»Meine Eltern wohnen gar nicht bei mir. Sie sagen ich soll hier zur Schule gehen.« Er zuckte mit den Schultern, während ich ihn ungläubig anstarrte. Ich murrte etwas von unfair  und ging kopfschüttelnd weiter. 

»Bist du dann nicht manchmal einsam?«, fragte ich, wobei ich mich unwohl fühlte.

»Nein, eigentlich nicht. Ich hab ja noch meine Katze Minka.«, antwortete er ernst und ich fing an zu kichern. »Du und eine Katze namens Minka?«, fragte ich, immer noch kichernd. Finster starrte er mich an. 

»Nicht! Witzig!«, sagte er mit bösem Blick, doch ich konnte ein Lächeln erkennen. Letztendlich kicherten wir beide. Verwunderte Blicke trafen uns, weshalb wir noch mehr kicherten. Meine Klassenkameraden tippten sich auf den Kopf oder formten Herzchen mit ihren Fingern, was ich ignorierte.

Die Pause war zu Ende und wir gingen zum Physikraum. Dort lauerte Sarah uns auf. Bevor wir in das Klassenzimmer eintreten konnten, schmiss sie sich an Jace ran, weswegen er nach hinten taumelte. 

»Lass mich sofort los, Sarah!«, rief er, während er mit dem Gleichgewicht kämpfte. 

»Aber wieso denn?«, fragte Sarah mit Hundeblick, ließ ihn aber los. Jace seufzte und ballte seine Fäuste zusammen, so, als ob er sich bemühte sie nicht anzuschreien.

»Weil. Du. Verdammt. Nochmal. Nervst.«, machte er ihr ruhig, aber unfreundlich klar. Wütend starrte sie ihn an, drehte sich ruckartig um und schürzte die Lippen. Ich musste über ihr Verhalten grinsen. Ich trat zu Jace und flüsterte ihm »Tussenalarm« ins Ohr, was ihn grinsen ließ.

»Jap, und zwar auf der höchsten Stufe.«, stimmte er mir zu, dann gingen wir schnell auf unsere Plätze, da Herr Korret, unser Physik-und Chemielehrer reinkam. Er begrüßte uns und begann seufzend den Unterricht -er mochte uns zwar, aber wir ärgerten uns immer irgendwie und kamen mit dem Stoff nicht wirklich weiter. 

Grinsend faltete ich zwei Papierflieger und gab einen davon Jace. Verwundert sah dieser mich an. Ich formte mit meinen Lippen pass auf  und warf den Papierflieger nach dem Lehrer. Da ich in der zweiten Reihe saß, konnte ich mit meinen eisblauen Augen das Ziel gut visieren. Ich traf haarscharf an dem Kopf des Lehrers vorbei und der Papierflieger klatschte gegen die Tafel.

»Warst du das Lucille?«, fragte er ohne sich umzudrehen und nannte mich bei meinem Namen, den ich hasste. »Wie kommen sie denn darauf?«, fragte ich mit einem unschuldigen Lächeln. Er drehte sich zu mir um und grinste. Dann hob er den Papierflieger auf und warf ihn mir zurück. Halbwegs geschickt fing ich ihn aus der Luft.

Dann nickte ich Jace zu und er warf den Papierflieger. Es war deutlich zu sehen, dass er den Lehrer sympathisch fand. Als wäre der Papierflieger das Zeichen gewesen, flogen weitere durch die Klasse und letztendlich lachte jeder hier im Klassenraum.

»Okay, das wars aber jetzt. Räumt die Papierflieger in den Müll, und dann müssen wir mal ein bisschen aufholen!«, meinte Herr Korret lachend und die Schüler gehorchten, wenn auch murrend. Ich streckte mich und gähnte. Dann legte ich meinen Kopf auf die Arme und schlief genauso wie Jace ein. Um den verpassten Unterrichtsstoff sorgte ich mich nicht, da ich ihn Nachmittags manchmal wiederholte -vorausgesetzt ich weiß noch was im Unterricht dran war.

Ich wachte durch die Pausenklingel auf und streckte mich wieder. Da Jace noch schlief stieß ich ihn an und als er endlich aufgewacht war, liefen wir zur Bushaltestelle. Auf dem Weg dorthin rief ich meine Mutter an, und sagte ihr, dass ich eine Partnerarbeit aufhatte, und deshalb zu Jace gehen würde. Sie war erst einverstanden, nachdem ich ihr gesagt hatte, dass er nur ein Kumpel war. Als ich aufgelegt hatte war ich wahrscheinlich so rot wie eine Tomate. Meine Mutter war unmöglich!

»Also sind wir Freunde?«, fragte Jace stirnrunzelnd. »Davon wusste ich ja noch gar nichts.«

»Schnauze!«, rief ich und lief noch roter an. Er lachte rau auf und streckte mir die Zunge raus. Genau in dem Moment rutschte er aus, wobei er eine Grimasse zog, für die ich wirklich viel gezahlt hätte, würde er  das nochmal machen.

»Autsch!«, rief er aus. Es sah einfach zu komisch aus. Er saß dort auf dem Boden, seine schwarze Lederjacke halb über seinem Kopf verheddert und seine braunen Haare völlig durcheinander. Ich lachte los und hielt mir kurze Zeit später den Bauch vor lachen. Schnell holte ich mein Handy raus und fotografierte seine Versuche sich zu befreien. Letztendlich half ich ihm aus dem Durcheinander und zog ihm hoch. 

Als ich ihm dann die Bilder zeigte  fing auch er an zu lachen. Als er dann aber auf die Uhr sah, mussten wir uns beeilen, denn unser Bus würde gleich kommen.

Ein paar Minuten -und zwei Stürze meinerseits und noch ein Sturz seinerseits- später bekamen wir sehr knapp den Bus.

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