Die Ankündigung
Als ich am nächstem Morgen in die Klasse trat, rempelten mich zwei Jungs an, die sich jagten. Kopfschüttelnd ignorierte ich die beiden. Ich meinte mich daran zu erinnern, dass die beiden Tom und Tim hießen. Sie waren Halbbrüder, sahen sich aber dennoch ähnlich und waren die größten Clowns in der Klasse.
Ich ging auf meinen Tisch zu und wäre fast in jemanden reingerannt, da ich mal wieder in Gedanken war. »Kannst du nicht aufpassen?!«, fauchte Sarah, die größte Zicke in der Klasse.
»Musst du denn so blöd im Weg stehen?«, konterte ich kalt und wollte mich setzen, als Jace in die Klasse kam. Sarah rannte mit einem lächeln auf ihn zu und fragte ihn etwas, was ich nicht verstand. Aber ich konnte es mir denken, denn Jace' Gesichtsausdruck änderte sich von 'ist mir alles egal ' in 'sag mal Mädel, bis du so bescheuert?'. Dann schob er sie einfach auf Seite und setzte sich auf seinen Platz.
»Hat Sarah dir einen Antrag gemacht?«, fragte ich, ohne aufzublicken. Er seufzte. »Eigentlich gehört die kürze ihres Rocks und der Ausschnitt ihres bauchfreien Tops ja echt verboten.«, meinte er. Zustimmend nickte ich und drückte ihm einen Stundenplan in die Hand, um den er gestern gebeten hatte. Dankbar nickte er mir zu. Dann kam Frau Morell, unsere Spanischlehrerin rein, -die auch unsere Deutsch-und Politiklehrerin war- und der Unterricht begann.
Gelangweilt bearbeitete ich den Text den sie uns gegeben hatte und schaute mir die Lehrerin an, da heute irgendetwas nicht mit ihr stimmte. Ich überlegte schon eine Weile, was es war, war bisher aber noch auf kein Ergebnis gekommen. Plötzlich fragte ein Schüler zwei Reihen hinter mir: »Madame Morell... können sie uns etwas über den Mord gestern erzählen? Sie sagten ja einmal, dass ihr Mann bei der Polizei arbeitet, also müssten sie ja etwas darüber wissen. Außerdem sind wir ein bisschen besorgt.«
Ich sah, wie Frau Morell bei der Erwähnung des Mordes zusammenzuckte. Langsam wendete sie sich von der Tafel ab und sah uns an. Ihr Blick war traurig auf Tim gerichtet, der die Frage gestellt hatte.
»Die Frau... Die Frau war meine Cousine.«, fing sie mit brechender Stimme an. »Wir standen uns sehr nahe. Weiteres braucht ihr nicht zu wissen.«, sagte sie und drehte sich wieder um. Jeder hier in der Klasse konnte sehen, dass es ihr nicht gut ging. Also sagte ich etwas, was jeden hier überraschte, aber am meisten mich selbst.
»Frau Morell, wieso sind sie nicht zuhause geblieben? Es geht ihnen nicht sehr gut und ich weiß, wie es ist, jemanden zu verlieren, und habe mir damals als ich alleine war immer jemanden gewünscht, der mich tröstet. Ich nehme an, dass die Familie ihrer Cousine jetzt auch jemanden braucht, der sie tröstet. Ich rate ihnen deshalb, sich ein paar Tage frei zu nehmen, und zu der Familie zu fahren. Die Schulleitung würde dass sicherlich verstehen.«
Schweigen. Totenstille. Ich kann es nicht beschreiben.
»Lu...Lucy? Vielleicht hast du recht.«, seufzte die Lehrerin überrascht, aber auch verwirrt. Ich nehme einfach mal an, dass es daran liegt, dass niemand diese Worte von mir erwartet hätte.
»Ich stimme dem zu!«, meinte Jace neben mir und ich zuckte zusammen, so laut kamen mir seine Worte nach dem Schweigen vor.
»Nun denn... Wenn dem so ist, dann werde ich mir heute nach dem Unterricht freinehmen.«, sagte sie und lächelte mich und Jace dankbar an. Dann war die Stunde auch schon zu Ende.
In der zweiten Stunde hatten wir Geschichte und ich stellte meinen Aufsatz vor. Ich schaute der Lehrerin, die Frau Hyo hieß, über die Schulter, als diese die Note aufschrieb. Zufrieden nickte ich, als ich dort eine zwei stehen sah. Danach mussten wir in Partnerarbeit irgendetwas bearbeiten, und ich wusste nicht genau was, da ich nicht zugehört hatte. Also musste Jace, der mein Partner war mir das erklären.
Dann war auch diese Stunde vorbei und ich führte Jace in der Pause ein bisschen im Gebäude rum. Wir redeten nicht viel, aber ich machte hier und da Bemerkungen über andere Schüler, die sich merken sollte.
Als die Pause zu Ende war, gingen wir zum Bioraum und redeten noch kurz, bis Herr Glog reinkam. Aber statt den Unterricht zu starten, holte er tief Luft und fing an zu reden. »Wahrscheinlich habt ihr schon mal gehört, dass jedes Jahr ein Winterball für die Zehntklässler stattfindet. Daher nutzen wir die Stunden erstmal zur Besprechung. Hat wer Ideen für die Ballkleidung?«, fragte er und sofort hoben fast alle aus der Klasse die Hand.
Wir besprachen lange und einigten uns darauf, dass die Jungs im Anzug und die Mädchen in langen altmodischen Kleidern kommen sollten. Nun mussten wir nur noch eine Begleitung für den Ball suchen, und ich war froh, dass mich keiner fragte; ich hatte auf so was echt keinen Bock. Jace anscheinend auch nicht, da er die drei oder vier abwies, die ihn fragten. Nur Sarah gab keine Ruhe und fragte ihn die ganze Zeit.
Letztendlich hatte er sie angeschrien, sie solle zur Hölle fahren. Das hatte sie dann endlich zum Schweigen gebracht.
Nach einer Stunde Erdkunde und einer Stunde Mathe war die Schule endlich vorbei und ich und Jace gingen wieder gemeinsam zur Bushaltestelle. Dabei bemerkte ich, dass er etwa einen halben Kopf größer war als ich -und man musste sagen, ich war mit meinen 1,79 m nicht gerade klein.
»Sag mal... mit wem gehst du eigentlich zum Ball?«, fragte er mich und ich konnte mir denken, woraufhin er hinauswollte. »Mit niemandem.«, antwortete ich, den nichts ahnenden Unschuldsengel spielend. Er seufzte. »Ich auch nicht, aber ich wünschte mir das Thema wäre endlich vorbei, denn Sarah nervt ziemlich.«, meinte er. Ich kicherte.
»Kannst du bitte mit mir zum Ball gehen?«, fragte er, sichtlich unerfreut über das, was er gesagt hatte. Ich seufzte, und überlegte, mit wem ich sonst gehen könnte. Die Antwort war einfach. Mit niemandem. »Okay, aber ich entscheide, was ich anziehe.«, erklärte ich mich einverstanden.
»Wäre besser, denn ich habe keine Ahnung, was du so an Kleidung magst. Aber wenn ich mal überlege, würde ich sagen, du liebst schwarz.«, meinte er. Ich nickte. Wir fühlten uns beide nicht wohl dabei, mit dem anderem zum Ball zu gehen. Dann fiel mir etwas ein.
»Wusstest du, dass wir nach den Winterferien eine Klassenfahrt machen?« Jace verneinte erstaunt. »Wohin denn?«, fragte er und ich grinste -ja, ich muss leider zugeben, unser Verhältnis hat sich soweit gebessert, dass man uns Freunde nennen könnte.
»Das weiß ich auch nicht so genau, aber ich glaube, es geht zu einem Gebirgssee. Sicher bin ich mir aber nicht.«, antwortete ich. Jace verdrehte die Augen. »Kannst du dich eigentlich mal entscheiden?«, fragte er lachend und wuschelte mir kurz durch die Haare.
»Hey! Warte mal, wie meinst du das jetzt?«, fragte ich. »Ich meine, ob du dich mal entscheiden könntest, ob du es jetzt weißt, oder nicht.«, antwortete er. Nun war ich es der die Augen verdrehte. »Das macht keinen Sinn!«, sagte ich, allerdings lächelte ich, was mir irgendwie komisch vorkam.
»Wusstest du, irgendwie fühle ich mich anders, seitdem du hier bist. Ich lache, und bin ungewohnt freundlich...Also in meinem Maße freundlich!«, gab ich zu. Ich wusste zwar nicht warum, aber das war auch egal. »Ich fühle mich auch anders. Ich meine, ich fühle mich frei und fröhlich. Ich lächele sogar öfters. Genau wie du.«, sagte er und ich grinste, ehe ich ihm auf den Arm boxte. Es war freundschaftlich und ich dachte nach.
'Vielleicht kann ich mich ja noch bessern und irgendwann mal meine Gefühle offen zeigen' überlegte ich. Plötzlich klingelte mein Handy und ich nahm den Anruf überrascht an. Als ich dann die Stimme meiner Mutter hörte war ich noch überraschter.
»Lucy, bitte komm schnell runter zur Haltestelle. Ich hol dich ab.«, sagte sie hastig und ich merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. »Mum, was ist passiert?«, fragte ich, doch sie hatte schon aufgelegt.
»Was ist denn los, fragte Jace verwundert. »ich habe keine Ahnung, aber ich muss mich beeilen.«, erklärte ich schnell, und lief schneller, was ein Fehler war, da ich auf Eis sofort ausrutschte, was den Berg runter natürlich nicht so praktisch war.
Jace kam zu mir und wäre auch fast ausgerutscht. »Alles okay?«, fragte er besorgt. Ich seufzte. »Ich hab mir nur das Knie aufgeschlagen und meine Hose hat noch ein Loch.«, meinte ich und deutete auf mein Knie, welches schon zu bluten anfing. Überraschenderweise streckte Jace mir seine Hand aus, welche ich auch nach kurzem Zögern ergriff.
»Danke.«, sagte ich, und klopfte mir die Hose ab. Als ich Jace dann ansah, sah ich sein Grinsen, und ich streckte ihm die Zunge raus. Dann eilte ich den Berg weiter hinunter und Jace folgte mir.
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