Das erste Opfer


Jace und ich schwiegen während der gesamten Busfahrt, nur am Ende verabschiedeten wir uns, und ich konnte fühlen, unser Verhältnis war besser geworden. Allerdings wusste ich nicht, ob es daran lag, das wir eine ähnliche Vergangenheit hatten, und somit den Schmerz teilten, oder ob es einfach daran lag, dass wir nun etwas über den jeweiligen anderen wussten. An meiner Haltestelle angekommen stieg ich aus und lief die paar Meter durch den Wald zum Haus. Leise trat ich in den Flur ein und schloss die Tür hinter mir. »Mum! Ich bin zu hause!«, rief ich, erwartete aber keine Antwort. 

Ich ging nach oben in mein Zimmer, wo ich meine Hausaufgaben erledigte. Danach setzte ich mich vor den Computer und googelte nach keltischen Göttern, da wir einen Aufsatz darüber in Geschichte schreiben sollten. Das hatten wir seit Freitag auf, und da wir morgen, am Dienstag Geschichte hatten, musste ich das machen. Ich entschied mich über die Göttin Arianrhod, die für den Mond und das Morgenrot bekannt ist, zu schreiben. Es dauerte eine halbe Stunde, bis der Aufsatz fertig war. Dann erledigte ich meine Mathehausaufgaben und packte meine Schultasche. 

Es war nun 18:19 Uhr, meine Eltern waren auf der Arbeit und ich wollte mir gerade ein spätes Mittagessen machen, als das Telefon klingelte. Ich seufzte genervt, schnappte mir aber dann doch das Telefon und ging ran. 

»Wer da?«, fragte ich, da mir die Nummer auf dem Display unbekannt war. »Wer wohl?«, fragte eine bekannte Stimme patzig. »Wer sollte dich sonst anrufen?«, fragte Jace. Ich wollte ihn eigentlich am liebsten eine Ohrfeige geben, -für den Kommentar den er gerade von sich gegeben hatte. Aber eigentlich stimmte es ja sogar. Meine Eltern riefen mich nur in Notfällen an, und der Rest? Eigentlich rief sonst niemand an.

»Was willst du?«, fragte ich genervt. Er antwortete nicht sofort. »Nur fragen, ob du mir den Stundenplan schickst. Ich weiß nämlich nicht was wir morgen haben. Außerdem habe ich noch nicht alle Bücher, deswegen müssen wir morgen wahrscheinlich in ein-«, er brach mitten im Satz ab. »Was ist denn?«, fragte ich. 

»Wenn du einen Fernseher hast, schalte mal auf WDR1.«, sagte er und schwieg. Ich beeilte mich den Fernseher einzuschalten und auf den Sender umzuschalten.

'... wurde die Leiche einer jungen Frau gefunden. Es wurde mehrmals auf sie eingestochen. Was den Täter und den Grund betrifft, tappt die Polizei noch im dunklen. Experten untersuchen die Frau, konnten bisher aber noch nichts finden. Weitere Nachrichten dazu gibt es heute um acht Uhr. Und nun zum Wetter. In-' Ich stellte den Fernseher aus und äffte die Sprecherin nach. 

»Und nun zu Wetter. Es interessiert uns nämlich nicht was mit der Frau geschah, wir müssen nur unseren Job machen!« Kopfschüttelnd verarbeitete ich die Information. 

»Jace, hast du den Fundort der Frau mitbekommen?«, fragte ich schließlich. »Ja, sie wurde hier in der Stadtmitte gefunden. Ihr Name ist aber noch unbekannt.«, antwortete Jace mir. »Danke. Ich bringe dir den Stundenplan morgen mit. Außerdem kannst du in meine Bücher gucken.«, bot ich ihm an und er nahm es dankend an. Dann legten wir auf.

Nach einiger Zeit ging ich nach oben. Dort spielte ich ein bisschen an meinem Handy. Dann ging ich duschen. 

Es war 21:43 Uhr, als ich mich schlafen legte. Ich lag aber noch lange wach, da ich den heutigen Tag nochmals überdenken musste. Es war einfach nur zu komisch; Heute morgen, der vorletzte Montag vor den Winterferien, kommt ein Neuer in die Klasse, benimmt sich ähnlich wie ich an meinem ersten Schultag und muss sich neben mich setzen. Nervt mich durch seine bloße Anwesenheit. Dann aber in den letzten beiden Stunden verhindert er, dass bemerkt wird, dass ich mal wieder schlafe. Danach schläft er selber ein und hätte die Schulklingel verpasst, hätte ich ihn nicht geweckt. Und danach erzählen wir uns etwas von unserem Leiden, vertragen uns und umarmen uns. Ich muss schon sagen, das war der verrückteste Schultag in meinem Leben. Eine Frage wollte mir allerdings nicht aus dem Kopf gehen: Wieso war Jace erst mitten im Schuljahr in meine Klasse gekommen, und wieso ging das überhaupt?

Mit diesem Chaos in meinem Kopf schlief ich ein.


   

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