FIVE

your eyes are hollow,
your heart is shallow
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Das heiße Wasser auf meiner Haut revitalisierte mich in einer Art und Weise, die ich nicht in Worte fassen konnte.

Die Aufregungen der letzten Stunde; mein Erwachen in einem Land, in dem ich zuvor noch nie gewesen war, die Begegnung mit Captain America und dem Winter Soldier und die daraus resultierende Erkenntnis – alles wurde von dem weichen, fast kochendem Wasser weggespült, das aus dem Duschkopf im Badezimmer von Steves Suite drang.

Am liebsten wäre ich ewig in dem dampfenden Kompartiment geblieben, und hätte die gesamte Flasche von dem überaus männlichen Shampoo, das in der Ablage stand, auf mir verteilt.

Captain America hatte einen guten Geschmack, was neumodische Pflegeprodukte betraf – das musste man ihm hoch anrechnen.

Schließlich trat ich hinter der beschlagenen Glaswand hervor und wickelte mich in ein riesiges, beinahe schon verboten flauschiges Handtuch ein, das irgendein voraussehender Bediensteter des Königs mir hingelegt hatte, zusammen mit einem übergroßen Bademantel.

Eine Weile stand ich vor dem breiten Spiegel und betrachtete mich selbst.

Mein langes blondes Haar, das in den letzten Tagen kaum Liebe von mir erfahren hatte, hing kraftlos herab, während sich meine Haut durch die hohe Temperatur des Wassers rosa verfärbt hatte.

Der Captain bewahrte zwar keine Bürste in seiner Suite auf, aber mit dem scheinbar unbenutzten Kamm ließ sich die unendliche Anzahl von Knoten mehr und weniger gut entfernen.

Als ich im Frotteemantel aus dem Badezimmer trat, saß ein dunkelhaariges Mädchen auf Steves Bett und balancierte einen Apfel zwischen ihren Händen.

Ich erschrak mich so sehr, dass ich einen spitzen Schrei ausstieß und das Mädchen ließ den Apfel fallen.

„дерьмо", fluchte sie und der Apfel, der rasant über den Boden des Zimmers gerollt war, verharrte abrupt, als sie ihre Hände aussteckte und ihre einzelnen Finger durch die Luft tanzen ließ, wie eine exotische Puppenspielerin. Die Frucht flog elegant in ihre ausgestreckten Hände zurück.

Mit schuldbewusstem Gesicht legte sie den Apfel auf einem vollgeräumten Tablett ab, das neben ihr auf der Bettdecke stand und blinzelte mich verschwörerisch an. „Du hast nichts gesehen. Steve hasst es, wenn ich mit Essen spiele."

Ich war zu perplex, um zu antworten.

Wer in aller Welt war das?

Jetzt, da ich sie näher und ausgiebiger betrachten konnte, als in dem Moment, in dem ihre Präsenz mich vollends überrascht hatte, fiel mir auf, dass sie vielleicht doch ein wenig älter war, als ich sie zuerst geschätzt hatte.

Sie war definitiv schon erwachsen, vielleicht zwanzig, einundzwanzig. Sie trug eine schwarze Hose und einen ebenso schwarzen Pulli, auf dem ein Schriftzug in roten, kyrillischen Buchstaben aufgedruckt war.

Ihre Stimme zeigte einen osteuropäischen Akzent auf, obwohl sie sich Mühe zu geben schien, diesen Umstand zu kaschieren.

„Wie hast du das gemacht?", waren die einzigen Worte, die ich hervorbrachte und deutete auf den Apfel, der so unschuldig auf dem Tablett lag, als wäre er nicht gerade ohne menschlichen Einfluss durch das Zimmer geschwebt.

„Oh", sagte die junge Frau. „Das ist meine Gabe. Erzwungene Telekinese."

Das Tablett löste sich von der Bettdecke und schwebte auf mich zu. Ich war zu erschrocken, um mich zu bewegen.

„Du sollst essen, sagt Cap." Sie blinzelte mich neugierig an. „Hast du Hunger? Ich habe dem Koch gesagt, er soll dir Blinis machen."

Sie hob ihren rechten, ringbesetzten Zeigefinger und ein pfannkuchenartiges Teil stieg von einem Teller auf und umkreiste mich.

Um ihre Hände war ein roter Schimmer erschienen, so als beschwor sie irgendeine ätherische Kraft hervor, die ihr half, gewöhnliche Gegenstände zu bewegen, ohne dass sie diese berühren musste.

Der Pfannkuchen hatte seine kurze Reise offenbar beendet, er landete wieder auf dem Teller und das Tablett schwebte auf einen niedrigen Tisch zu, um den mehrere Sitzpolster drapiert waren.

„Ich bin übrigens Wanda", stellte die junge Frau sich vor und in ihren Augen blitzte Vergnügen auf.

„Orla", antwortete ich knapp und beobachtete das Tablett dabei, wie es sicher auf der Glasfläche des Tisches aufsetzte.

„Ich habe dir Kleidung mitgebracht." Sie hielt mir ein Bündel Stoff hin, das ausschließlich in schwarz und dunkelrot gehalten war. Ich zögerte, die Kleidung entgegen zu nehmen. Diese Wanda erschien mir zwar freundlich, aber ich wusste nicht so richtig, was ich aus ihrem Auftauchen schließen sollte.

Sie bemerkte mein Zögern und das fröhliche Lächeln verschwand. „Es ist vielleicht nicht besonders modisch, aber allemal besser als das, was Steve für dich vorgesehen hatte."

Hastig nahm ich das Bündel von ihr in Empfang. „Nein, das ist es nicht", versicherte ich ihr schnell. „Ich weiß nur nicht, was du hier machst und wer du bist."

„Ich bin Wanda", wiederholte sie, das Lächeln war auf ihre dunkel geschminkten Lippen zurückgekehrt. „In der Außenwelt kennt man mich vielleicht eher als Scarlet Witch."

Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Natürlich! Das Mädchen war der sokovianische Neuzugang zu den Avengers, die sich hauptsächlich dadurch auszeichnete, dass sie ihre Kräfte nicht unter Kontrolle hatte. Wenn mich nicht alles täuschte, dann war das Desaster in Laos vor inzwischen mehr als zwei Wochen auf ihre Fahne zu schreiben.

„Und du unterstützt den Captain?", fragte ich langsam. Inzwischen hatte ich mir ungefähr zusammengereimt, dass der Bruch zwischen Tony Stark und Steve Rogers die übrigen Avengers gezwungen hatte, eine Seite einzunehmen. Wanda hatte sich offenbar für den Captain entschieden.

Sie gab einen zustimmenden Laut von sich und ich bemerkte, wie sie immer wieder sehnsüchtig in Richtung der Pfannkuchen blickte.

„Du kannst dir ruhig etwas nehmen." Ich deutete in die Richtung des Tabletts und Wanda schüttelte schnell den Kopf.

„Nein, das Essen ist für dich. Steve war äußerst bestimmt."

Ich grinste mit einem Blick auf die Unmengen, die auf dem Tablett vor sich hin dampfen.

„Wanda, ich bitte dich. Ich schaffe das niemals."

Mehr hatte sie nicht gebraucht. Wanda machte einen glücklichen Hopser und war schneller, als ich schauen konnte bei dem Tisch angelangt, wobei sie sich auf ein Sitzkissen fallen ließ und einen der Pfannkuchen mit einer beinahe unmerklichen Bewegung ihres Daumens in der Luft zerriss.

„Du bist die erste, die mit mir Essen teilt", sagte Wanda zwischen zwei Bissen. „Das heißt, bis auf Pietro und Viz, aber der eine ist tot und der andere hat einen synthetischen Magen."

Ich versuchte nicht einmal ansatzweise zu verstehen, wovon sie sprach. Wanda blinzelte mich hinter ihren langen Wimpern scheinheilig an, während sie den Pfannkuchen in eine dunkle geleeartige Masse eintauchte, die in einer Schüssel neben dem Teller aufbewahrt wurde.

„Dafür beantworte ich alle deine Fragen", versprach sie mir und seufzte wohlig, als sie noch einen Riesenbissen dieser seltsamen Konstruktion in ihrem Mund verschwinden ließ. „Aber du solltest dich zuerst umziehen, nicht dass du dich erkältest. Cap stellt sein Appartement immer gern auf fröstelnde Minusgrade. Ich glaube, er hat sich an seine Zeit im Eis gewöhnt."

Sie kicherte und nahm sich einen dampfgegarten Brokkoli, den sie von mir aus gerne haben konnte.

Ich leistete ihrem Vorschlag Folge, indem ich ohne ein weiteres Wort ins Bad zurückkehrte und Wandas Sachen anprobierte. Sie war ein wenig kleiner als ich, aber da es ohnehin so aussah, als würde sie gerne Kleidung in Übergröße tragen, stellte diese Tatsache kein großes Problem dar.

Eigentlich trug ich selten schwarz – von der Beerdigung meines Vaters mal abgesehen – und ich bemerkte erstaunt, wie gut mir diese Farbe stand. Vielleicht hätte ich nicht so oft unvorteilhafte, helle Farben anziehen sollen.

Ach, das Kreuz der blonden Artvertreter, die sich dafür kein weißes Kleid leisten konnten.

Mein Haar war inzwischen beinahe trocken und ich bemerkte, dass Wanda mir eine kleine Kosmetiktasche in die Kleidung eingewickelt hatte, die herausfiel; sobald ich die flachen Schuhe von der Hose befreite. Interessiert betrachtete ich den Inhalt; schwarze Mascara, dunkler Lidstrich, bräunliches Rouge, pechschwarzer Lipgloss – Himmel, dieses Mädchen fuhr auf dunkle Schattierungen ab.

Zum Glück hatte sie mir ebenfalls eine Dose Pflegecreme eingepackt, denn nach zwei Tagen ohne Behandlung meiner wertvollen Feuchtigkeitssalbe erinnerte meine Haut bereits unschön an eine Apfelsine.

Ich trug eine sanfte Schicht der Creme auf und verstaute den Rest des Sets hinter einer Dose Rasierschaum, die unweigerlich Steve gehören musste.

Schließlich trat ich aus dem Badezimmer und wollte mich gerade das Wort an Wanda richten, als ich bemerkte, dass sie große, blonde und vor allem wütende Gesellschaft hatte.

„Maximoff, nicht du sollst dir hier den Bauch vollschlagen", schimpfte der Captain Wanda gerade, die ungerührt etwas Pudding aus der Luft leckte.

„Dann weck' mich halt nicht mitten in der Nacht auf und erwarte, dass ich springe und Anstandsdame spiele. Dafür möchte ich Bezahlung. In Form von Essen", ergänzte sie trotzig. „Ich bin auch nicht – oh, hey, Orla."

Steve drehte sich bei ihren letzten Worten überrascht in meine Richtung um, während Wanda die Ablenkung nutzte und sich eine letzte Frucht aus einem überproportionierten Obstkorb stibitzte.

„Orla, wie geht es dir?", fragte er schnell und seine Augen studierten mein Gesicht. „Soll ich später wiederkommen?"

Ich schüttelte rasch den Kopf und durchquerte den Raum, wobei ich versuchte, ihn nicht anzusehen.

Im Nachhinein war es mir überaus peinlich, seinen besten Freund angefallen zu haben. Obwohl ich den Winter Soldier nach wie vor nicht über den Weg traute, war ich mir inzwischen relativ sicher, dass Captain America die Wahrheit sagte.

Er war Captain America. Wenn man sich auf sein Wort nicht mehr verlassen konnte, dann war die Welt ein Ort, an dem Leben nicht länger möglich war.

Steve Rogers strahlte so viel Charisma, so viel Stärke und Macht aus, dass es schwer war, sich seinem Bann zu widersetzen. Dort, wo Tony mich unsicher zurückgelassen hatte, schien Steve auf ganzer Linie zu brillieren; er war schlagfertig, schnell, clever und gerissen – und dabei zwischenmenschlich auch noch unglaublich gewieft.

Auch wenn er die besorgende Angewohnheit hatte, mit Psychopathen befreundet zu sein.

„Hast du gegessen?", fragte Steve besorgt, kaum, dass ich bei ihnen angelangt war und er warf Wanda über meinem Kopf hinweg einen sehr wütenden Blick zu.

„Nein, noch nicht. Aber das kann warten", sagte ich tapfer und versuchte das Knurren meines Magens zu überspielen. „Worüber willst du mit mir sprechen?"

Steve ließ sich in den Sitzpolster neben Wanda sinken, während ich es ihm gleichtat. Unter seinem auffordernden Blick nahm ich mir ein Stück Brot.

„Es geht um Bucky."

Ich seufzte innerlich auf. Na super, der anerkannte Psychopath hatte wieder einmal oberste Priorität. Auch wenn er meinen Vater nicht getötet hatte, war die Liste seiner Opfer dennoch lang und ich wusste nicht, ob ich es mit mir vereinbaren konnte, so jemandem politische Immunität zuzusichern.

„Ich glaube, Orla braucht eine umgehende Einführung in die Ereignisse der letzten Wochen", warf Wanda schläfrig ein. Sie hatte sich satt und zufrieden wie eine Katze auf einem Sitzkissen eingerollt und blinzelte uns an. „Oder am besten für alles, das seit dem ersten Weltkrieg geschehen ist."

Steve sah sie liebevoll an, wie sie die Augen schloss. Wenige Sekunden später war ihr gleichmäßiger Atem das einzige Geräusch im Raum.

Sie war wohl wirklich das Nesthäkchen der Avengers, diejenige auf die jeder Acht gab und um die sich jeder sorgte.

Sie verdiente das Misstrauen nicht, das ihr von der Weltöffentlichkeit entgegengebracht wurde. Wenn sie jemand so sehen könnte, wie Steve und ich es gerade taten, all die Angst vor Scatlet Witch wäre mit einem Mal gebannt.

Steve griff meinen Gedanken auf. „Sie ist ganz anders, als sie von den Medien gemalt wird, oder?"

Ich nickte stumm und zog die Ärmel meines Sweatshirts über meine Handgelenke.

„Du hättest Bucky sehen sollen, bevor HYDRA ihn gefangen genommen hat. Er war ein absoluter Frauenschwarm; offenherzig, großzügig und unglaublich loyal." Steve stützte seine Ellbogen auf den Knien ab und sah nachdenklich in meine Richtung. „Er hat in mir Captain America gesehen, lange bevor ich mir überhaupt habe träumen lassen, einem solchen Bild gleichzukommen. Bucky war der einzige, der durchgehend für mich da war, egal, was geschehen ist; egal, wie aufgegeben ich wirkte, er war immer zur Stelle, um die Scherben aufzusammeln und mich wieder zusammenzusetzen. Ohne ihn wäre ich nicht hier."

Ich verschränkte die Arme vor meiner Brust und sah ihn an. Steve klang ernüchtert und erschöpft, so als hätte er nicht länger die körperliche Kraft, alleine gegen all das anzutreten.

„Er hat mich damals nicht aufgegeben und deswegen werde ich das jetzt auch nicht tun. Bucky ist nicht er selbst, und ich werde nicht ruhen, bevor die letzte Spur des Winter Soldiers nicht aus dem Mann verschwunden ist, den ich kannte und meinen Freund genannt habe."

Ich biss mir auf die Lippen. „Ich weiß, dass er dir viel bedeutet, aber man sollte nicht vergessen, das manche Schäden irreparabel sind. Was mit seiner Psyche angestellt wurde, klingt nach einer tiefgreifender Persönlichkeitsveränderung. Ich bin kein Psychologe, aber HYDRA erscheint mir nicht harmlos – und erst recht nicht so, als würden sie wollen, dass der Winter Soldier, ihre Waffe, jemand anderem in die Hände fällt."

Steve lachte bitter auf. „Wow, Orla, du übertriffst sogar deinen Vater. Er war wenigstens noch leicht optimistisch, dass wir vor dem internationalen Gericht einen offiziellen Bescheid gewinnen können, der uns die Macht gibt, HYDRA aus jeder Regierung dieser Welt zu entfernen und damit Rache üben können, für das, was sie Buck angetan haben."

Ich hob müde einen Mundwinkel. „Das klingt nach ihm. Immer den Silberstreif am Horizont verfolgen."

Steve schwieg und sein Blick wanderte über die schlafende Wanda über die Suite hinweg zu mir hin, die ich ihn mitleidig anblickte.

„Orla", murmelte er schließlich und ich hob meinen Blick vom Boden. „Würdest du vielleicht mit ihm reden? Unter vier Augen? Ich glaube, dass ihr beide keinen sonderlich guten Start hattet und ich kann nicht zulassen, dass diese persönlichen Gefühle seinen potentiellen Seelenfrieden beeinträchtigen."

„Ich weiß nicht, Steve...", wand ich mich. Der Gedanke, mit dem Winter Soldier sprechen zu müssen – und dann auch noch räsoniert – klang nicht sonderlich vielversprechend.

Er blickte mich flehentlich an. „Bitte, Orla. Bucky sagt manchmal Dinge, die im Nachhinein vielleicht etwas unüberlegt waren. Lass dich davon nicht ins Bockshorn jagen. Dein Dad hat es auch nicht getan."

Mein Dad...

Ich hatte ganz vergessen, dass er vor wenigen Tagen in derselben Position gewesen war; umgeben von einem Helden, den jeder kannte und schätzte, und der sinistren Figur im Hintergrund, die für die ihm angetanen Ungerechtigkeiten gerächt werden sollte.

Mein Dad hatte zugestimmt, dem Winter Soldier eine Chance zu geben. Und ich wäre nicht seine Tochter, wenn ich nicht versuchen würde, seiner Philanthropie gleichzukommen.

Mein Blick fand Steves und ich atmete tief ein. „Na gut. Ich werde mit ihm reden. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihm auch tatsächlich helfen kann."

Auf Steves Gesicht erschien Unglauben und dann unbändige Freude. Er sah noch viel besser aus, wenn er lächelte.

„Danke, Orla. Ich weiß gar nicht, wie ich das wettmachen soll!"

Ich musste lachen und deutete auf das Tablett mit Essen, das selbst nach Wandas Attacke noch immer entschieden zu beladen war. „Fürs Erste könntest du mir helfen, diesen riesigen Berg Blinis zu vernichten."

Steve schenkte mir ein schiefes Grinsen. „Klingt nach 'nem fairen Deal."

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