SIX
❝ i'm nobody. who are you?
are you a nobody, too? ❞
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Am nächsten Morgen wurde ich von einer Kombination der grellen Sonnenstrahlen, die durch das breite Fenster in mein Gesicht schienen, und einer abrupten Erschütterung geweckt, die sich so anfühlte, als hätte sich jemand auf die unbesetzte Seite des Doppelbetts geworfen.
„Frühstück!", rief eine fröhliche Stimme und ich öffnete erschreckt die Augen.
Wanda saß neben mir – sie trug nun eine weinrote Bluse, ihr Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten aufgesteckt – und auf ihrem Schoß war ein erneutes Tablett aufgestützt, diesmal häuften sich jedoch Kuchen, Obst und Cornflakes, sowie Tee, Kaffee und Orangensaft darauf. Wer auch immer das Fresspaket hergerichtet hatte, schien die Intention zu haben, eine ganze Kompanie durchzufüttern.
Wanda sah mich aus großen Augen an. „Darf ich?", fragte sie und deutete auf die Schale mit den Vollkornflakes.
Schlaftrunken setzte ich mich auf. „Ja, klar."
Während ich noch versuchte, die ungewohnte Kulisse als eine freundliche einzustufen, und meine Augen noch ein paar Augenblicke geschlossen hielt, hörte ich an meinem Ohr das Knacken von jemanden, der Cornflakes ohne Milch aß.
„Sag mal, geben die dir hier kein Essen?", fragte ich belustigt.
Wanda machte eine unschlüssige Handbewegung, wobei ein paar Cornflakes über den Rand der Schüssel schwappten und auf dem weißen Kissenbezug des Bettes landeten. „Doch, schon, eigentlich, aber mit Freunden zu essen, macht doch viel mehr Spaß."
Um ihre Hand erschien der rote Schimmer, als die Cornflakes geordnet in die Schüssel zurückflogen und keinen Krümel auf der Bettdecke hinterließen.
Ich musste lächeln. Freunde? Ich war erst seit einem Tag hier und Wanda erachtete mich schon als Vertraute. Wenn es mit den anderen Superhelden, die diesen Komplex bewohnten, doch auch so einfach wäre.
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, sagte Wanda, nachdem sie die letzten Krümel aus der Schüssel in ihren Mund geklopft hatte: „Ich glaube, Cap mag dich."
Ich versuchte, nicht rot anzulaufen. „Oh, wirklich?", erwiderte ich verlegen und nahm mir ein Apfel vom Tablett.
„Ja." Wanda nahm sich ein Keks aus einer Schale und dippte es in den Kaffee. Igitt. „Ich habe ihn mit Barnes über dich reden hören. Er sagt, er vertraut dir und setzte große Hoffnungen auf dich."
Oh, großartig. Nun hatte ich auch noch einen Ruf, zu dem ich aufleben musste.
„Was hältst du von..." – Ich versuchte ihre Bezeichnung für den Winter Soldier zu verwenden – „...Barnes?"
„Er ist okay, schätzte ich. Immerhin hat er Cap unterstützt, als es hart auf hart kam. Ich denke, der echte Bucky Barnes ist tief unter dieser gemeinen, harten Fassade vergraben, und mit den richtigen Mitteln könnten wir ihn vielleicht zutage fördern."
Während wir den Großteil des Frühstücks bewältigten, erzählte Wanda mir auf meinen Wunsch hin ein wenig über all das, was hier vor sich ging.
„Also dass Cap und Stark sich vollkommen verfeindet haben, hast du schon mitbekommen. Stark möchte die Avengers einer Regelung unterstellen, sodass wir unsere Handlungsfreiheit und Autonomie verlieren. Cap wollte das nicht; für ihn war es essentiell, unabhängig zu sein, und das geht nicht, wenn wir der Befehlsgewalt irgendwelcher Institutionen unterstehen. Der Streit war zuerst wirklich nur per Debatte ausgetragen, als in Wien, bei dem Kongress, der dieses Thema besprechen sollte, eine Bombe gezündet wurde. Sofort wurde der Winter Soldier verdächtigt, da dieser immerhin auf freiem Fuß war und der Attentäter eine gewisse Ähnlichkeit zu ihm aufwies."
Das hatte ich gehört. Diese Ereignisse waren ein paar Tage vor dem Tod meines Vaters geschehen, als meine Welt noch intakt gewesen war. Wie jeder andere verfolgte ich Nachrichten um die Avengers mit mäßiger bis größerer Interesse.
„Cap hat sich auf die Suche nach Barnes gemacht, weil er nicht wollte, dass er den Behörden in die Hände fällt und hat ihn in Rumänien tatsächlich ausfindig gemacht. Dabei wurden sie jedoch von der Polizei erfasst und nach Berlin gebracht. Nach einer enormen Katastrophe, in der Cap und Stark sich endgültig überworfen hatten, konnte Barnes aus der Einrichtung fliehen und Cap und Sam fanden ihn schließlich. Er schien wieder halbwegs normal zu sein – in der Einrichtung war er nämlich Amok gelaufen –, und als sie die wahre Identität des Bombenlegers herausfanden, ein sokovianischer Ex-Soldat, der Rache für den Tod seiner Familie bei einer Avengers Intervention wollte, riefen sie ihr Team zusammen. Also die Avengers, die sie gegen Stark unterstützen würden, falls ein Kampf tatsächlich ausbrechen sollte."
„Wer war in welchen Teams?" Die Verteilung der Dynamiken war mir ehrlich gesagt nicht ganz klar. Ich kannte die meisten Avengers beim Namen, hätte sie aber niemals einer Gruppe zuordnen können.
„Stark wurde unterstützt von Colonel Rhodey, Natasha, Vision und König T'Challa – der in diesem Augenblick lediglich Rache an Barnes für den Tod seines Vaters üben wollte, der er in Wien ums Leben kam. Auf Caps Seite waren Barnes, Sam, Scott, Clint und ich."
Ich versuchte die Vornamen rasch der gesamten Identität der handelnden Personen zuzuordnen, aber Wanda erzählte ungerührt weiter.
„Also haben wir gekämpft", sagte sie. „Und Cap und Barnes konnten entkommen, um den sokovianischen Attentäter aufzuhalten, von dem sie inzwischen wussten, dass er sich in Sibirien befand. Stark, der nun eigentlich relativ versöhnlich gestimmt war – er hatte eingesehen, dass Barnes nicht schuldig war –, folgte den beiden und wir, das heißt Team Cap, wurden in ein Unterwasser-Gefängnis eingewiesen."
Wanda griff sich noch ein Keks. „Dort oben in Sibirien hat Zemo, so der Name des Sokovianers, Stark, Cap und Barnes einen Kameramitschnitt einer Mission des Winter Soldiers gezeigt, aus dem hervorgeht, dass Barnes den Autounfall von Starks Eltern ausgelöst hat. Stark wurde rasend wütend, sie haben gekämpft, Cap und Barnes haben knapp gewonnen – und dann flohen sie zusammen mit T'Challa, der Barnes' Unschuld eingesehen hatte, hierher nach Wakanda. Cap hat uns aus dem Gefängnis befreit und jetzt sind die meisten von uns hier und warten darauf, dass Stark so weit abkühlt, als dass wir uns wieder unter die Leute mischen können."
„Was ist mit Barnes?", fragte ich. „Aus deiner Erzählung geht hervor, dass er einmal 'Amok gelaufen' sei und dann wieder relativ gemäßigt war. Wieso das?"
Wanda sah mit einem Mal nervös aus. „Ich glaube, das sollte nicht ich dir erklären, sondern er oder Cap."
Da sie wirklich standhaft zu sein schien, ließ ich das Thema fallen und löste mich aus der Bettdecke. Vor dem Fenster erkannte ich eine atemberaubende Landschaft, die man von der Forschungseinrichtung aus einer gewissen Erhöhung betrachten konnte. Der Wasserfall, der im Tal zu einem Fluss geworden war, schlängelte sich glitzernd durch die Steppe und ich beobachtete ein paar große Säugetiere, vielleicht Antilopen, dabei, wie sie am Fluss Wasser schöpften.
Während ich in meine Beobachtungen versunken war, öffnete sich die Tür zur Suite und Steve trat ein. Er trug ein weißes T-Shirt und eine dunkle Jeans und ich bemerkte verlegen, wie sehr sich der Stoff seines Shirts über seinen muskelbepackten Oberkörper spannte.
Auf seinem Gesicht blitzte dieselbe Verlegenheit auf, wie ich sie fühlte, als er mich am Fenster verharren sah.
„Oh, gut", sagte er und lächelte. „Du bist wach."
Wanda, die im Schneidersitz auf dem Bett saß und Trauben in ihren Mund schweben ließ, ignorierte er vollkommen.
Ich nickte langsam. „Tut mir leid, dass ich dein Bett okkupiert habe."
Das letzte, an das ich mich gestern Abend erinnerte, war, dass Steve darauf bestanden hatte, dass ich in seinem Bett schlafen würde, während er sich eine andere Unterkunft suchen würde. Ich war zu müde gewesen, um großartig zu protestieren, weshalb es mir nun umso peinlicher war.
Ich musste über meine eigenen Gedanken die Stirn runzeln. So besonnen verhielt ich mich normalerweise doch auch nicht.
„Kein Problem, Orla, ich habe dir schon versichert, dass du mein Gast bist." Er durchquerte das Zimmer und ließ sich auf das aufgewühlte Bett sinken, wobei er mich die gesamte Zeit über beobachtete.
Ich wandte ihm wieder meinen Rücken zu und ließ den Blick weiter über die Steppe wandern. Es war wirklich idyllisch hier oben. Ein äußert seltsamer Ort, um eine Forschungsstation zu errichten. Aber was wusste ich schon von wissenschaftlichen Institutionen...
„Orla?", brach Steve plötzlich die Stille, die lediglich durch das dumpfe Aufprallen von Wandas Trauben auf der Bettdecke in regelmäßigen Abständen durchschnitten worden war. „Fühlst du dich bereit, mit Bucky zu sprechen?"
Ich drehte mich zu ihm um. „Jetzt?"
Er nickte und ich seufzte innerlich auf. Eigentlich hatte ich gehofft, ein wenig Schonungszeit zu bekommen, aber nichts schien Steve wichtiger zu sein, als die Sicherheit seines besten Freundes.
„Na gut. Ich muss mich nur noch schnell fertig machen."
Ich schnappte mir wahllos ein paar Kleidungsstücke von dem Haufen, den Wanda mir hier gelassen hatte und verschwand im Bad.
Während ich meine Morgenhygiene vornahm, versuchte ich hinter Steves widersprüchliches Verhalten zu kommen. Er schien so viel Selbstsicherheit auszustrahlen und doch waren die letzten Minuten von äußerstem Schweigen geprägt worden. Dabei hatten wir uns gestern Abend doch so gut verstanden. Wahrscheinlich war er müde. Oder einfach nicht sonderlich gesprächig.
Wanda trug offensichtlich gerne Hosen, die einem die Luft abschnürten, gleich neben Kleidern, die so luftig waren, dass ich sie niemals freiwillig anziehen würde. Ihre Sweatshirts und Hemden jedoch waren neben schwarz oder dunkelrot auch noch überaus bequem.
So schlüpfte ich nur wenige Minuten später vollkommen fertig aus dem Bad. Steve und Wanda unterhielten sich kichernd über etwas – naja, Wanda kicherte und Steve grinste – und erneut fiel mir ins Auge, wie vertraut sie miteinander umgingen. Sie waren viel mehr als bloße Menschen mit Superkräften, die durch Zufall aneinander geraten waren.
„Wir können los", kündigte ich mich an und Steve erhob sich rasch vom Bett.
„Bucky ist im entferntesten Teil des Komplexes", erklärte er. „Ich glaube zwar nicht, dass er hier jemandem gefährlich wird, aber es war sein eigener Wunsch, möglichst abgeschottet vom Rest der Anlage zu sein."
Ich nahm die Information mit einem Nicken zur Kenntnis. Anscheinend besaß der Winter Soldier, zumindest bis zu einem gewissen Grad, ein Ausmaß an Ichbewusstsein, das ihn daran erinnerte, wie schnell er eine Gefahr werden konnte. Wenn er sich dieses Umstands bewusst war, dann war das auf jeden Fall schon einmal ein positiver Anhaltspunkt.
Ich winkte Wanda zum Abschied zu, während Steve die Hände in den Hosentaschen vergraben hatte und vor sich hin schwieg.
Unter Steves Anleitung durchquerten wir den gesamten Komplex, der in mindestens vier Untergebäude aufgeteilt war. Diese wurden durch einzelne überirdische Tunnel miteinander verbunden, deren Fenster es einem erlaubten, die Sicht über die atemberaubende Wüstenlandschaft zu bewundern.
Den ganzen Weg über hüllte Steve sich in nachdenkliches Schweigen und ich bemerkte, wie angespannt er war.
Der Winter Soldier war offenbar ein paar Stockwerke unter der Erde einquartiert, denn gegen Ende stiegen wir mehrere Treppensätze hinab und die breiten Fenster wichen künstlichem Licht.
Schließlich blieb Steve vor einer geschlossenen Stahltüre stehen, die man lediglich mit einem Code öffnen konnte.
„Er wollte es so, nicht ich", verteidigte er sich, als er meinen irritierten Blick bemerkte. „Er vertraut sich selbst kein Stück."
Dass ich das auch nicht tat, verschwieg ich lieber.
„Bist du bereit?", fragte Steve und schenkte mir ein ermutigendes Lächeln. Seine Hand schwebte über der Eingabetaste für den Code.
Es war nur ein Gespräch. Ich musste diesem irrwitzigen Plan nicht zustimmen. Wenn diese Invention katastrophal verlief, würde Steve selbst vielleicht einsehen müssen, dass sein bester Freund für immer verloren war. Nur ein Gespräch.
„Ich bin bereit", erklärte ich und Steve öffnete die Tür.
Der Raum, der dahinter zum Vorschein kam, war kaum beleuchtet. Ein schwaches Licht brannte an der gegenüberliegenden Wand und ermöglichte den Blick auf ein schmales Bett, ein Waschbecken und zwei Stühle, in deren Mitte ein Tisch stand.
Der Winter Soldier saß auf dem Bett, sein Blick ausdruckslos gen Boden gerichtet. Als er das Öffnen der Tür vernahm, hob er den Kopf.
Ich hörte, wie die Tür hinter mir ins Schloss fiel und Steves Schritte sich auf der anderen Seite langsam entfernten. Großartig.
„Ähm, Mr. Barnes?", fragte ich vorsichtig und hoffte innerlich, dass er sich nicht irgendwie für meine Attacke von gestern revanchieren wollte.
Licht blitzte metallisch auf, als er sich erhob und sein – jetzt intakter – linker Arm in einem bedrohlichen Silberton schimmerte.
Ich hatte keine Zweifel daran, dass er nun vollkommen tödlich war und da ich mein Glück nicht austesten wollte, schätzte ich, das Diplomatie angesagt war.
Mit gespielter Selbstsicherheit zog ich den Stuhl, der auf meiner Seite des Tisches stand, zurück.
Der Winter Soldier, der nun in eine dunkle Jacke gekleidet war, verharrte bewegungslos; seine unnatürlich blauen Augen waren auf mich fixiert.
Er war nicht ganz so muskulös wie Steve, aber die Tödlichkeit haftete an ihm mit einer ganz anderen Intensität. Er wirkte wie die schmale Klinge eines eleganten Langschwertes, das, einmal richtig geschwungen, noch mehr Schaden anrichtete, als der schwerste Morgenstern.
„Steve sagt, du willst reden", brach ich die Stille, die durch sein eisiges Schweigen in die Unendlichkeit gezogen wurde. „Ich bitte dich; dann sprich."
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