FOUR
❝ nor law, nor duty
bade me fight ❞
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Niemand will Ihnen hier etwas Böses.
Niemand will... etwas Böses.
Niemand... Böses.
Captain Rogers Worte hallten in meinem Kopf wieder wie ein unendliches, verhöhnendes Echo; bei jeder ungewollten Wiederholung klang er lauter und aggressiver und seine Worte wurden spöttisch verzerrt.
Ich war mir des Umstandes seiner rechten Hand um mein Armgelenk nur allzu deutlich bewusst; er hatte mich sofort festgehalten, sobald er die Feindseligkeit in meinen Augen gelesen hatte.
„Miss Crimson...", sagte er warnend, aber ich war schon auf die Beine gesprungen und riss mich von ihm los. Ich sollte mir keine Hoffnungen machen, dies war mir wahrscheinlich bloß gelungen, weil der Captain mich unterschätzt hatte.
In ein, zwei Schritten hatte ich den Raum durchquert und griff mir in blinder Wut eine der feinen Schraubzieher, die neben dem demolierten Metallarm auf dem Operationstisch lagen.
Der Winter Soldier sah mich kommen, aber der Captain war zu langsam, um meinen von Adrenalin und blankem Hass getränkten Körper Einhalt zu gebieten.
Kaum zwei Sekunden, nachdem ich mein Versteck aufgegeben hatte, lag ich halb auf dem gefesselten Winter Soldier und hielt ihm den Schraubenzieher an den Hals.
Ich war mit so viel ungewolltem Schwung bei ihm angelangt, dass mich die Wucht meiner eigenen Geschwindigkeit auf seine Höhe gehoben hatte.
Unter meinem Körper hob und senkte sich sein Brustkorb, während er seine nach wie vor beschleunigte Atmung zu kontrollieren versuchte. Sein Kopf war in einer Halterung gefesselt, aber seine Augen taxierten mich genau.
Meine Hand am Kunststoffgriff des Schraubenziehers war schwitzig und die provisorische Waffe wäre mir beinahe aus der Hand gerutscht, als ich meinen Griff um die intakte Schulter des Winter Soldiers verstärkte, und den Schraubenzieher eine Spur näher an seine pochende Halsschlagader brachte.
Obwohl er unmittelbar aus dem Eis kam, war seine Haut geradezu fiebrig heiß. Seine Pupillen waren geweitet, eine Nachwirkung des cryogenischen Schlafs oder meines plötzlichen Auftauchens, das konnte ich nicht sagen.
„Bleib zurück", fauchte ich den Captain an, der sich mir rasch genähert hatte. „Oder ich ramme ihm den Schraubenzieher in den Hals!"
Die Techniker hatten sich inzwischen wieder aus der Deckung gewagt, aber Captain Rogers hielt sie mit einer einzigen Handbewegung zurück.
Der Winter Soldier unter mir machte eine abrupte Bewegung, so als wollte er sich mit bloßer Willenskraft von seinen Fesseln befreien.
Dort, wo sein Armstumpf saß, stützte ich meine Hand ab, um ein wenig Abstand zwischen dieses Monster und mich zu bekommen.
„Miss Crimson, ich glaube, Sie haben etwas gründlich falsch verstanden." Der Captain näherte sich mir vorsichtig; seine Hände abwehrend erhoben. Ich erkannte in seinen Augen die Sorge um seinen Freund und verstand einfach nicht, warum der idealistische Captain America sich von so jemanden blenden ließ.
Ich versuchte indes aus der unmittelbaren Nähe des gefesselten Winter Soldiers zu entkommen, ohne ihm einen Angriffspunkt zu bieten und meinen Schraubenzieher auch nur den Bruchteil eines Augenblicks von seiner Halsschlagader zu entfernen. Sobald Rogers sich sicher war, dass sein Freund nicht in sofortiger Gefahr war, würde er mich sicherlich innerhalb einer halben Sekunde ins Jenseits befördern.
Vorsichtig rutschte ich vom Winter Soldier herunter und wünschte mir dabei inständig, dass wir beide mehr Kleidung am Körper trugen, als wir es augenblicklich taten.
Seine Augen sprangen zwischen dem Captain und mir hin und her, und während wir noch immer entschieden zu viel Hautkontakt hatten, versuchte er ebenfalls, mich sofort abzuschütteln.
„Was hab ich falsch verstanden?", fauchte ich zurück, aber meine Stimme zitterte gewaltig. „Dieser Mann hat meinen Vater ermordet und du willst ihn damit durchkommen lassen?"
„Orla, richtig?", fragte Captain Rogers sanft und kam noch einen Schritt auf mich zu. „Ich darf Sie doch so nennen, oder? Ihr Vater hat Sie zumindest so genannt, als er mit uns über Sie gesprochen hat. Er hat Sie sehr geliebt."
„Kein Dank geht an euch beide", brachte ich zwischen zwei Schluchzern hervor. Überrascht bemerkte ich, dass Tränen über meine Wangen liefen.
Ich heulte. Ich saß halb auf dem gefährlichsten Attentäter der Nachkriegszeit, stand vor dem tödlichsten Soldaten derselben Epoche – und weinte. Der gesamte Druck der vergangenen Woche; die Angst, die Wut, das Unglauben brachen aus mir heraus, als seien alle Dämme mit einem einzigen Schlag gebrochen worden.
Was für eine großartige Leistung. Wirklich souverän.
„Hey, Orla, ich glaube du hast eine ganz falsche Meinung von uns." Captain Rogers näherte sich mir noch weiter, und wäre ich nicht so damit beschäftigt gewesen, das letzte bisschen Würde zu verlieren, das ich noch besessen hatte, während ich einem wehrlosen Mann einen Schraubenzieher an den Hals hielt (bei meiner unruhigen Hand hatte ich ihm wahrscheinlich schon unförmige Muster ins Gesicht gekratzt), dann hätte ich vielleicht gesehen, was er vorhatte. „Bucky, das heißt, der Mann, den du gerade bedrohst, er macht so etwas nicht mehr."
Der Winter Soldier schwieg. Seine Kiefer waren aufeinander gepresst, und ich sah kalte Ablehnung in seinen Augen aufblitzen.
„Er tötet keine unschuldigen Menschen mehr, seit er weiß, wie er die Gedankenkontrolle in seinem Kopf umgehen kann. Nicht wahr, Bucky?" Der Captain schenkte uns beiden ein freundliches Lächeln und war inzwischen nur noch wenige Zentimeter von mir und entfernt. „Tony Stark weiß das auch. Er hat dich absichtlich mit Falschinformationen gefüttert, um Buckys und meinen Aufenthaltsort herauszufinden."
Ich quetschte den Schraubenzieher so tief in die Haut des Winter Soldiers, dass ein kleines Rinnsal Blut sich aus der Wunde löste. Außer einem Zucken seiner gefesselten Hand bekam ich keine Reaktion von seiner Seite. „Ihr lügt. Ihr habt meinen Vater getötet, weil er euch hier gesehen hat und euren Standort an die UNO weitergeben wollte."
Plötzlich waren Rogers Hände um meine eigenen Handgelenke, der Schraubenzieher entglitt meinen schlaffen Fingern und ich wurde vom Körper des Winter Soldiers hinabgezogen.
„Orla, dein Vater war auf unserer Seite. T'Challa hat ihm die Wahrheit erzählt. Dass Bucky sich nicht unter Kontrolle halten kann, und dass er Tonys Eltern töten musste, weil HYDRA ihn dazu gezwungen hat. Stark ist auf einer Art persönlichen Vendetta und er will nicht einsehen, dass Bucky für seine Taten keinerlei Verantwortung einbüßen kann. Dein Vater war sehr verständnisvoll. Bucky hat ihm seinen Fall genau geschildert, ihm von denen verschiedenen Basen von HYDRA berichtet und welche Methoden sie an ihm verwendet haben."
Der Captain flüsterte die Worte beruhigend in mein Ohr, während ich von ihm in eine erzwungene Umarmung gezogen worden war, die er dazu verwendete, meine wild um sich schlagenden Arme festzuhalten. Er umklammerte mich von hinten, und ich war gezwungen, weiter in das Gesicht des Winter Soldiers zu sehen, der mich eisig musterte. Eine Schnittwunde zog sich über seinen Hals.
„Dein Vater hat alle Aufzeichnungen abgespeichert und ist, nachdem er sich von uns beiden verabschiedet hat, mit einem Hubschrauber zum Flughafen geflogen. Zumindest sollte er das; denn das Königshaus ist infiltriert worden. Jemand, der nicht wollte, dass diese sensiblen Informationen über HYDRA an die Öffentlichkeit geraten, hat deinen Vater getötet und seine Leiche in einem zerstörten Wagen deponiert, damit es so aussah, als ob er vom Palast kommen würde."
Ich hörte auf mich in seinen Armen zu winden. Die Stimme des Captains war hypnotisierend und solange ich nicht in die Richtung des Winter Soldiers sah, war ich beinahe ruhig.
Rogers ließ mich vorsichtig los. „Orla, es tut uns unglaublich Leid. Dein Vater war ein großartiger, gerechter Mann. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, wie wir ihn verschonen hätten können, wir hätten sie sofort ergriffen. Das musst du mir glauben."
„Er auch?", fragte ich trotzig und deutete mit meinem Kinn in die Richtung der Winters Soldiers, der seinen Kopf in die vorgegebene Halterung gelegt hatte und geradezu lethargisch an die Decke starrte, als ginge ihn das alles nichts an. Ich vertraute ihm nicht, egal, was der Captain sagte.
„Bucky würde genauso handeln", sagte Rogers nach einer kleinen Pause, die entstanden war, als der Winter Soldier sich schlichtweg nicht zu den Worten des Captains geäußert hatte. „Du musst ihn entschuldigen; der Auftauungsprozess zehrt an seinen Nerven."
„Tony Stark hat mir gesagt, der Winter Soldier habe meinen Dad umgebracht", erwiderte ich trotzig. „Woher weiß ich denn nun, wer von euch beiden die Wahrheit sagt? Es steht Wort gegen Wort."
„Stark hat sich schon in der Vergangenheit Methoden geübt, die man unter anderen Umständen als gerissen oder gar absichtlich täuschend beschreiben könnte." Der Captain sah mich an und in seinen Augen lag nichts anderes als die Wahrheit. „Seine Vendetta macht ihn blind, kalt und herzlos. Bucky hat seinen Vater getötet, das ist schon wahr, aber er tat dies in keiner Weise aus einem freien Willen heraus."
Ich blickte hinauf, zu dem Stuhl, an den der Winter Soldier gefesselt war. Sein Blick, der auf dem Captain ruhte, war beinahe versöhnlich, aber sobald er bemerkte, dass ich ihn musterte, traten seine Kiefer überdeutlich hervor, und er wandte sich ab.
Der Winter Soldier schien nachtragend zu sein. Und nicht sonderlich gesprächig.
„Warum bin ich hier?", fragte ich und blickte den Captain an, dessen Hände zwar nicht auf mir waren, aber in absoluter Reichweite, für den Fall, dass meine Mordgelüste zurückkehren würden.
„Tony muss von der Wahrheit hinter dem Tod deines Vaters erfahren haben. Da er überall Kundschafter hat, ist das nicht weiter verwunderlich. Mit ein paar Nachforschungen muss er auf dich gestoßen sein und hat dir seine Seite der Wahrheit erzählt." Der Captain warf einen warnenden Blick in Buckys Richtung und ich war mir beinahe vollkommen sicher, dass der Winter Soldier auf irgendeine Weise seine Abneigung für meine Person stumm zum Ausdruck gebracht hatte. „Ihr seid zur Wohnung deines Vaters gefahren, aber ich habe dort schon auf euch gewartet, weil ich die Mitschnitte zerstören musste; nicht diejenigen, in denen Bucky seinen Bericht über HYDRA abgibt, sondern die, die zu viel über unseren Aufenthaltsort verraten würden."
„Du warst das!", rief ich. „Wie hat Stark dich entkommen lassen, sobald ich bewusstlos war?"
„Nun, auf keinen Fall kampflos. Aber da er mir ohne seinen Anzug weit unterlegen ist, gelang es mir, ihn rasch zu überwältigen und mit dir zu fliehen. Ich musste dich unter Narkose halten, weil es zu gefährlich gewesen wäre, dich vor Wakanda wieder aufzuwecken."
Ich ließ meinen Blick aus dem Fenster schweifen. Der Mond malte tanzende silberne Bilder auf den Wasserfall und obwohl die breite Fensterfront schalldicht zu sein schien, bildete ich mir ein, das entfernte Rauschen an mein Ohr dringen zu hören.
Das war also die Wahrheit. Nicht Tonys verzerrte Version davon, sondern die unumstößliche.
Zumindest wollte ich das glauben. Meine Erleichterung, die Ideale des Captains nicht getrübt zu sehen, spielte in meinem Wunsch mit, meine gesamten Bedenken und mein Misstrauen über Bord zu werfen. Wenn es sich lediglich um Captain Rogers handeln würde, dann wäre ich wahrscheinlich sogar geneigt, ihm auf der Stelle zu glauben; aber mit dem Winter Soldier im Hintergrund, dessen kalte, eisblaue Augen sich tief in meine Seele gebohrt hatten, wurde dieser Umstand deutlich erschwert.
„Ich möchte dir glauben", sagte ich und sah den Captain dabei gerade aus an. „Das will ich wirklich. Aber er...", ich machte eine abwertende Bewegung in die Richtung des Soldiers, „...er wirkt als seelenloser Auftragsmörder einfach viel zu authentisch, als dass ich aufhören könnte, Starks Wahrheit Glauben zu schenken."
Ein heiseres, trockenes Lachen ließ mich herumfahren. Der Winter Soldier, dessen Haar nun ein wenig zurückgefallen war und seine erstaunlich ansehnlichen Gesichtszüge offenlegten, sah mich mit einer Mischung aus Verachtung und Belustigung an.
„Glaub' nur weiter, was du willst, Puppe. Es ist vollkommen unerheblich. Dein Vater war derjenige, der uns helfen konnte, nicht du." Jetzt, da ich seine Stimme zum ersten Mal laut und deutlich vernahm, erkannte ich dieselbe Färbung wie bei dem Captain, unweigerlich amerikanisch und die sanften Vokale der Ostküste waren ebenfalls vorhanden. Trotz allem schien eine Schwere auf seiner Sprache zu liegen, wie ein fremder Akzent, den er sich nicht abgewöhnen konnte, fast so, als fürchtete er sich, seine Worte zu amerikanisch, zu westlich zu akzentuieren.
„Hast du mich gerade 'Puppe' genannt?", fragte ich ungläubig. „Ich weiß ja nicht aus welcher Zeit zu kommst, aber heutzutage haben Frauen Rechte und müssen sich nicht länger von Männern wie dir so betiteln lassen."
Der Captain packte mich am Arm, bevor ich irgendetwas Dummes machen konnte, aber meine Wut war inzwischen größtenteils verraucht. Oder zumindest kurzzeitig abgekühlt.
„Bucky, das stimmt so nicht. Orla kann uns in Wahrheit tatsächlich behilflich sein." Captain Rogers, der offenbar die Rolle des Vermittlers in all den Jahren bei den Avengers perfektioniert hatte, blickte seinen besten Freund strafend an. Dann wandte er sich wieder mir zu, die ich so eine Antwort niemals erwartet hatte.
„Wobei helfen?", fragte ich misstrauisch. „Ich bin kein UN-Mitglied oder Diplomat."
„Das nicht; aber du arbeitest im englischen Außenministerium mit direkter Verbindung ins Weiße Haus."
„Na und?"
„Wir haben deinen Vater gebraucht, damit er die Wahrheit über Bucky und HYDRA vor der UNO vorträgt. Mit der drückenden Beweislast hätten wir gewiss an einige Nationen appellieren können."
Ich schüttelte den Kopf. „Ich weiß ja nicht, was du von mir denkst, Rogers, aber ich arbeite in einem wirklich unbedeutenden Posten und keiner wird mir Gehör schenken, wenn ich anfange von HYDRA zu predigen. Wahrscheinlich stecken sie mich in die nächste Anstalt und sagen, dass der Tod meines Vaters mich verrückt gemacht hat."
„Darüber sprechen wir noch", erwiderte der Captain und zog mich langsam auf die Beine. „Du wirst trotzdem einige Zeit mit uns hier verbringen müssen. Durch die Machenschaften deines Vaters bist du markiert und das hier ist der einzige Ort, an dem du sicher bist."
Ich warf einen Blick auf den Winter Soldier, der mit leerem Blick auf seinen Armstumpf starrte. „Muss das sein?"
Der Captain winkte einen Techniker herbei, der sich zögerlich näherte. Wahrscheinlich hatte er Angst, ich würde ihm ebenfalls einen Schraubenzieher in den Hals rammen wollen.
„Bring sie in mein Quartier und sieh zu, dass sie sich frisch machen kann." Der Techniker nickte knapp und der Captain wandte sich wieder mir zu.
„Sobald ich hier fertig bin, suche ich dich auf und dann überlegen wir, wie wir weiter vorgehen." Seine Stimme klang weich und sanft und ich war froh einen Anker in dieser Irrenanstalt gefunden zu haben, der wenigstens ein Fünkchen Räson in seinem Körper hatte.
„Okay, Captain Rogers." Ich verschränkte meine Arme vor der Brust, langsam wurde mir in diesem dünnen Krankenhaushemd wirklich kalt.
„Bitte, nenn mich Steve", erwiderte er und ich nickte knapp.
Hinter ihm hob der Winter Soldier den Blick und fixierte mich mit seinen eisigen Augen, so lange, bis ich mir sicher war, dass Steves ehrliche Freundlichkeit nicht von ihm aufgegriffen wurde.
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