»»--Chapter Nine--««

╔═.✵.════════════╗
I'm standing in between
the cold sneer
and the loneliness
nobody can understand
╚════════════.✵.═╝

Soobin

Ich war froh, als wir endlich in dem kleinen Einkaufsladen ankamen. Eine Stunde durch die trockene Wüste war nicht wirklich was, was ich jeden Tag machen musste. Ich hielt Yeonjun die Tür auf und folgte ihm dann in das Geschäft. Während Yeonjun zum Gemüse ging, führte mich mein erster Weg zu den Getränken. 

Kritisch musterte ich die Auswahl an gekühlten Getränken und entschied mich schließlich für Wasser, welches ich in einen Korb packte, den ich mir am Eingang mitgenommen hatte. Ich seufzte leise, denn ich merkte schon jetzt, wie der Korb schwer wurde. Wir mussten aufpassen, was wir mitnehmen wollte, schließlich mussten wir es auch noch zurück zur Hütte schleppen. Als ich mich um wandte, um zum nächsten Regal zu gelangen, musste ich feststellen, dass unweit von mir ein Typ stand, der mich offen anstarrte. 

Ich lächelte vorsichtig und versuchte nicht allzu nervös zu werden unter seinem Blick. "Du bist der Junge mit den Flügeln", sagte er ehrfürchtig. Mhm. Hallo auch, dir auch einen schönen Tag. Es war erstaunlich, wie viele mir mit einer gewissen Verehrung entgegentraten, aber trotzdem nie meinen Namen wussten. Oder sie wussten ihn doch, aber er war ihnen egal. Im Grunde sahen sie mich gar nicht, sie sahen nur meine Flügel. Auch, wenn ich mich störte, motivierte ich mich selbst zu einem freundlich Lächeln. Im Grunde wäre ich vielleicht nicht besser. Diese Flügel waren schon arg beeindruckend. "Ja, der bin ich", meinte ich verlegen und nickte dem jungen Mann zu. "Guten Tag." Vorbildfunktion und so. 

Ich spürte einen weiteren Blick auf mir und konnte hinter meinen jetzigen Gesprächspartner Yeonjun erkennen, der mit schmalen Augen die Situation überblickte. Er hatte ein Auge auf mich, wie es aussah. Ich wandte mich wieder meinen Gegenüber zu und lächelte. "Stimmt es das du Glück bringst?", fragte er mich. "Kannst du mich segnen?" Ich schüttelte schnell den Kopf. "Nicht, dass ich das wirklich unter Kontrolle hätte oder bestätigen könnte. Tut mir leid", ließ ich ihn freundlich wissen und hoffte, dass sich das Thema damit schnell erledigt hatte. Doch so schnell wollte er wohl nicht aufgeben. "Sei nicht so schüchtern", sagte er erwartungsvoll, "ich hab das schon von genug Leuten gehört, dass du das kannst. Komm, ich kauf dir auch was dafür." 

Ich unterdrückte ein Seufzen. Zum Himmel, warum glaubten die Leute immer den Leuten, von denen sie irgendwas gehört hatten, aber nicht mir, bei dem sie die Infos aus erster Hand bekamen? Ich konnte niemanden segnen und heilen schon gar nicht. Als ich jünger war, habe ich auf gut Glück Hand aufgelegt, weil mein Vater gesagt hat, ich soll es tun. Der Rest waren reine Selbstläufer. Wann immer dann etwas Gutes passierte, wurde es sofort mit mir in Verbindung gebracht worden. Nicht weil es so war, sondern weil die Menschen es so wollten.  Die 80% der  Fälle, in denen einfach gar nichts passiert, wurden dabei einfach ignoriert. Sollte mal etwas Schlechtes passiert sein, dann wurde erst recht nicht darüber gesprochen. Es passte nicht ins Bild. Niemand wollte einen Jungen mit weißen Vogelfedern auf dem Rücken. 

Alle wollten einen Engel.
Also bogen sie sich alles so, wie sie es brauchten.
Menschen sind so. 

Langsam wurden mehr Leute auf uns aufmerksam und noch ehe ich auf den ersten Kerl antworten konnte gesellten sich zwei Mädchen und ein Mann dazu. Ich lächelte tapfer. Das war mir viel zu viel Aufmerksamkeit und Gewusel. Die nächsten drei fragten mich, ob ich segnen konnte und Nummer eins war so frei es ihnen mal zu bestätigen, obwohl ich ihm grade gesagt hatte, dass ich es eben nicht konnte. 

Wie immer, wenn ich unter Menschen geriet, dachte ich, ich wäre im falschen Film. Die Menschen um mich stellten mir Fragen, aber auf eine Antwort warteten sie nicht. Ich ging einen Schritt zurück und stieß mit meinen Flügeln gegen das Kühlregal, in dem die Getränke standen. Ich zischte leise, doch auch das bekam keiner so wirklich mit. Hilfesuchend ließ ich meinen Blick durch den Laden schweifen, doch Yeonjun war nirgendwo zu sehen. Arg, ich wusste selber, dass es albern war bei ihm Schutz suchen zu wollen, das war nun wirklich nicht seine Aufgabe. 

Doch grade, als ich das dachte, belehrte mich der Ältere eines Besseren. Ein tiefes Knurren überlagerte das Geschnatter der Menschen um mich und sie verstummten. Alle Blick wanderten automatische in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war und ich bildete keine Ausnahme. Zum Glück sonst hatte ich verpasst, wie Yeonjun, gleich eines jungen Gottes, aus den Schatten ins Licht trat. Er legte leicht den Kopf schief und schenkte den Menschen um mich herum einen kalten, ernsten Blick. Jemand musste mich vor dieser Dualität retten, denn ich wusste genau, wie süß er sein konnte, wenn er sich zu einem schiefen Fangzahn-Grinsen hinreißen ließ, doch jetzt, ich schwöre zu Gott, war er so cool, dass es hinter ihm schneite. 

Ich konnte doch unmöglich der einzige sein, der diese selbstbewusste, fast ein wenig erhabene Attitüde, mit der Yeonjun die aufdringlichen Menschen um mich musterte, dermaßen attraktiv fand, dass er ihn einfach gerne einfach auf der Stelle ehelichen würde. Sein Blick wurde fast einen Hauch bedrohlich, als er sich geschmeidig in Bewegung setzte und da ich wusste, dass es nicht mir galt, nahm ich mir raus auch das einfach super ansprechend zu finden. Ich hatte wirklich einen schlimmeren Crush auf Yeonjun, als vielleicht gut für mich war.  

Allerdings konnte ich mich um diesen liebevoll gepflegten Crush leider nicht weiter kümmern, denn es etwas Unerwartetes passierte: Ich wurde zurückgedrängt, weg von Yeonjun. "Was machte der denn hier?", fragte der Herr, der sich zuletzt eingefunden hatte, und stellte sich ebenfalls vor mich. Ich stand ja nicht schon mit meinen Flügeln gegen den kalten Getränkeschrank gepresst, danke. Un.an.ge.nehm. 

Sie wollte mich also beschützen. Der Frust war real. Am liebsten hatte ich sie angeschrien. Nicht ihr beschützt mich vor ihm, er beschützt mich vor euch.  Doch ich hatte noch nie jemanden angeschrien und würde es wahrscheinlich auch nie tun. Jetzt erst mal wollte ich nichts sehnlicher, als von diesen Menschen weg und hin zu Yeonjun. "Heeee", protestierte ich halbwegs. "Stop, er gehört zu mir", sagte ich, doch dafür bekam ich nur einen ungläubigen Blick. 

"Kann er gar nicht, er hat Hörner. Er ist ein Monster." 

Hdosbpvpwv. Ich hatte dafür gar keine Töne mehr. Ernsthaft. Wieso im aller Herrgotts Namen  glaubte mir eigentlich niemand, was ich ihnen sagte?! Dachten sie alle irgendwie, ich bin beschränkt? Wenn ich sagte, ich kann niemanden segnen, dann kann ich niemanden segnen. Und wenn ich sagte Yeonjun gehört zu mir, dann gehört Yeonjun zu mir. Wollten die mich alle einfach nur verarschen?! Und was mich noch viel mehr aufregte, war die Aussage an sich, die Yeonjun sich nur ruhig gefallen ließ. Was erlaubte der Alte sich?

Ich zischte leise. "Bist du ein dreckiger Mensch wegen eines Pickels auf der Stirn?", fragte ich und sah ihn unzufrieden an, was mir einen irritierten Blick von allen einbrachte. "Er ist kein Monster", sagte ich mit Nachdruck und erstaunlich laut für meine Verhältnisse. Die Leute starrten mich an, als wären sie überrascht, dass ich sprechen kann. 

Ein paar Sekunden sagte niemand was. Ich erwartete eine Rechtfertigung oder im  besten Fall eine Entschuldigung für Yeonjun, doch scheinbar waren die Leute hier alle ein bisschen dämlich, denn alles was passierte war, dass sich eines der Mädchen einfach wieder an mich wandte, Yeonjun ignorierte und mich fragte: "Sind deine Flügel weich?" Oh, bitte. Nicht schon wieder an die Flügel. "Sie sehen echt voll weich aus", meinte der Typ, der mich als Erster angesprochen hatte und streckte seine Hand aus. "Nicht", sagte ich schnell.  Ich zog mich noch ein Stückchen zurück. "Bitte. Ich möchte das nicht." 

Offensichtlich war ihm das jedoch egal und ich ehrlich: Ich verstand es einfach nicht. Er wollte doch sicher auch nicht, dass ich an seinen Hintern ging. Oder einfach in den Haaren rumspielte. Oder meine Hände unter sein Shirt steckte. Also wieso konnte er meine Flügel nicht in Ruhe lassen?! Er war ja nicht der einzige, in Grunde waren sie alle genau gleich. 

Ich verstand ja, dass die Dinger faszinierend waren, aber trotzdem waren es meine und sie waren ... intim? Aber dem Kerl war egal. "Komm schon nur mal kurz", säuselte er und streckte seine Hand wieder aus. Es war oft so. Nicht mal verbal klipp und klar zu sagen, dass man das nicht wollte, half irgendwas und ich war nicht aggro genug mich zu wehren, als kniff ich wie so oft die Augen zusammen, um es über mich ergehen zu lassen, doch ich hatte die Rechnung ohne Yeonjun gemacht. Der war definitiv aggro genug, um dazwischenzugehen, wie er mit einem weiteren beeindruckend tiefen Knurren bewies. Ehe ich mich versah – und viel wichtiger noch: eher der Kerl meine Flügel angrabbeln konnte – hatte Yeonjun sich einfach mit Ellenbogeneinsatz durch die Meute gedrängt und ich vor mich geschoben. 

"Pfoten weg", grollte er und alle nahmen brav ein bisschen Abstand. Außer ich. Ich rutschte erleichtern an den Älteren heran und hielt mich an seinem Pullover fest. Endlich fühlte ich mich wieder sicher. "Bitte akzeptiert es", bat ich freundlich und sah hinter Yeonjun hervor, doch mein zuweilen leicht cholerischer Freund hatte wohl eine andere Formulierung im Kopf. "Nichts da bitte", sagte er dunkel, "er sagt nein, also ist es nein, ihr blöden Penner." Ich zog kurz und schnell die Luft ein. Yeonjun! Das konnte er doch nicht so sagen. "Geh weg von ihm, du Monster", zischte eines der Mädchen. Ich seufzte innerlich. Okay, konnte er doch. "Pass auf, was du sagst oder ich zeige dir mal ein Monster", knurrte Yeonjun sie an und sie verstummte. Ich hielt mich noch immer unsicher an Yeonjuns Pulli fest, war jedoch sicher genug, um ihr einen bösen Blick über Yeonjuns Schulter hinweg zuzuwerfen.

"Er ist kein Monster!", wiederholte ich und ich war selber erstaunt, wie fest und deutlich ich klang. "Er ist mein Freund, verstanden?!" Ich sah in die Runde. "Und jetzt lasst uns in Ruhe, Gott verdammt noch mal." Das war eindeutig. Ich war glatte ein bisschen stolz auf mich. Aber ich hatte auch ein schlechtes Gewissen, denn offensichtlich war das auch unhöflich gewesen. "Wird's bald, verfickte Scheiße!" Natürlich musste Yeonjun mich toppen. "Ihr habt ihn gehört! Und wer seine Flügel anfasst, dem reiß ich die Kehle raus, verstanden?" Oh, jaa, er musste immer noch einen drauf legen. Aber siehe da. Auf einfach nahmen die Leute die Beine in die Hand und ließen uns endlich in Ruhe. Ich sah Yeonjun über seine Schulter an. "Das war vielleicht ein bisschen viel, Yeonjun", meinte ich und ich merkte, wie meine Wangen warm wurden. 

"Mir egal", meinte er genervt und ich konnte fühlen, dass ihm hier gar nichts egal war. Er war wütend und gestresst durch die ganze Sache. Ich strich ihm über den Rücken und lehnte dann meinen Kopf gegen seine Schulter. "Hey, beruhige dich", meinte ich sanft und ich spürte, wie er sich wieder etwas entspannte. "Ich bin ruhig", meinte er und er klang erschöpft. "Lass uns nur schnell hier verschwinden." Ich nickte und löste mich von ihm. Ich hatte auch keine Lust mehr länger an diesem Ort zu bleiben, also sollten wir zu sehen unsere Einkäufe schnell zu beenden. 

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