»»--Chapter Eight--««

╔═.✵.══════════╗
And then your wings 
were spread in front
of my eyes
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Yeonjun

Zunächst bemerkte ich gar nicht, dass ich seine Hand noch in meiner hielt, doch als ich es merkte, schoss mir das Blut in die Wangen und ich ließ los. Es war irgendwie so natürlich gewesen, sie zu halten, so... wie sollte man das sagen? Ich runzelte die Stirn. Er kommentierte das nicht und biss sich nur auf die Lippe, während er weiter neben mir herging.

Nach ein paar Schritten, nahm ich seine Hand erneut, dann ließ ich sie, nach ein paar weiteren Schritten, wieder los, ehe ich sie nach ein paar Metern zum dritten Mal nahm. "Was tust du?", fragte er dann doch mal, auch wenn er sich gegen die Behandlung nicht wehrte. Er drehte die Flügel einmal und spreizte sie nach hinten ab, wirkte jedoch amüsiert und fröhlich und ich wusste nicht, wie genau ich das festmachte, aber irgendwie hatte ich bei dem Flügelschlagen auch eher das Gefühl, dass es amüsierter Natur war, nicht nervöser oder gar unwohlsamer.

"Ich... ähm...", mein Blick wanderte auf unsere Hände, "ich, also... es gibt mir seltsamen Frieden, wenn ich sie halte." Das war wohl die beste Art es zu beschreiben. "Ich kann was fühlen. Irgendwie verstehe ich die Leute. Wenn sie das fühlen, was ich fühle, dann verstehe ich, warum sie sich einbilden, dass du helfen kannst." Ich ließ ihn wieder los. Selbst, wenn es mir irgendwie Ruhe gab, seine Hand zu halten, so war es immer noch Soobins Hand und niemand sollte sich herausnehmen, ihn auszunutzen. Erst recht nicht ich. Er war mir ein so guter Freund, ich sollte versuchen das zu wertschätzen und zurückzugeben.

Soobin betrachtete seine Hand und verzog den Mund nachdenklich. "Ich glaube zwar immer noch, dass das Einbildung ist, aber du kannst sie halten", bot er an und ich lachte nur mit einem Augenrollen. Jemand musste ihn beschützen, er war viel zu lieb. "Niedlich", urteilte ich und er verzog den Mund etwas mehr. Wenn ich mich nicht irrte, dann legte sich sogar eine leichte Röte auf seine Wangen. "Niedlich?", hakte er nach und schwieg kurz, "Du bist niedlich!"

Ich glaubte es ja wohl nicht. "Bin ich nicht?!", intervenierte ich mit einem dunklen Blick, "Ich bin der Kerl mit den Hörnern!" Wenn das kein Totschlagargument war, dann wusste ich auch nicht. "Du bist niedlich, wenn ich das sage", antwortete er fest und ließ sich nicht von dem Laserblick stören, der ihn in zwei Hälften teilte. War dieser Junge denn zu fassen? Er war doch unglaublich. Ehe ich mich versah, schmollte ich. "Ich bin nicht niedlich", versuchte ich es nachdrücklicher, aber ich hatte bereits verloren, als ich das Schmollen nicht hatte unterdrücken können. Damnit. Er machte mich ganz verlegen.

Soobin kicherte nur. Dann grinste er zufrieden. "Yeonjun. Du hast mir außerdem sehr geholfen." Ich winkte ab. "Ich hab nichts gemacht", meinte ich vage. "Doch hast du. Das mit den Flügeln... ich konnte vorher nur das", er spreizte sie zur Seite ab und sie hatten eine wirklich imposante Größe, "doch jetzt kann ich so viel mehr." Er ließ sie kreisen, schüttelte sie aus, spreizte sie nach hinten und ließ sie schlagen, was ein wenig Wind aufwirbelte. "Dadurch hast du mir Lebensqualität zurückgegeben." Verdammte Wangen, hört auf warm zuwerden!! Ich hatte nur getan, was ich für richtig hielt, mehr nicht! Es war einfach gewesen, ihm zu helfen war richtig und gut. Das war nichts wofür ich Dank erwartete.

"Hör auf", flüsterte ich nur verlegen, denn ich konnte wirklich nicht damit umgehen. Ich war noch nie so behandelt worden. Die Welt war böse und jetzt kam Soobin und fand alles toll, was ich machte. Er war so lieb zu mir. Er sagte bitte und danke und als ich mich dafür bedankt habe, meinte er auch noch, dass ich nicht danke dafür sagen muss, weil das für jeden Menschen selbstverständlich sein sollte, dass er so behandelt wurde und er hatte recht damit, doch für mich, meinen geschundenen Körper und meine verwundete Seele war das neu.

"Aber wenn ich es dir nicht sage, wer sagt es dir dann??", meinte er mit einem Grinsen und stupste mich an. "Was sagen?", murmelte ich fragend. "Wofür ich dir schon mal alles dankbar sein kann!" Ich kaute ein bisschen auf meiner Unterlippe. "Ich...", begann ich unentschlossen, "wie gesagt, hab ich gar nichts gemacht. Du hast mich aufgenommen, nicht andersherum." Er lächelte breit. "Es geht hier nicht um weltliche Güter", erklärte er, "das, was du für mich tust, kann man mit Geld nicht kaufen." Ich sah ihn nur mehr als verwirrt an. "Aber-" "Nichts aber."

Er machte einen kleinen Hüpfer und mein Blick fiel auf eine kleine Stadt, die sich in der Ferne bereits abzeichnete. Die Zeit war ziemlich schnell vergangen. "Mal abgesehen davon, dass ich nach schlaflosen Jahren endlich wieder auf der Seite pennen kann, komm ich mir endlich nicht mehr vor wie ein Freak. Das liegt nicht daran, dass du Hörner hast, sondern daran, dass du mich weitestgehend so behandelst, als hätte ich keine Flügel, außer eben in den Moment, wenn du das Gefühl zu haben scheinst, dass du auf sie aufpassen musst. Du passt besser auf sie auf, als ich selbst, aber thematisierst sie nicht. Ich bin dir dankbar."

Ich konnte mich nicht ganz dagegen wehren, dass Herz Wangen simultan wärmer wurden. "Ich bin einfach nur nicht scheiße zu dir", brabbelte ich wieder, "du aber fütterst mich durch und ich kann dir dafür nicht mal was wiedergeben. Ich sollte einen Job suchen." Er lachte nur leise. "Noch verfressen wir zusammen das Erbe meines Onkels, dann sehen wir weiter." Er seufzte. "Hör zu, das ist mehr als nicht Scheiße sein. Du stellst keine Erwartungen an mich. Du willst mich nicht benutzen, siehst mich nicht als celeste Attraktion. Weißt du wie viele mir schon an die Flügel gefasst haben, weil sie denken, dass es sie segnet? Weißt du, wie viele dabei grob werden? Weißt du wie viele gefragt haben, ob sie meine Flügel anfassen durften? Ich hab es dir ja schon gesagt: Nur einer und das warst du, dabei hattest du nur im Sinn mir zu helfen. Bei dir fühlte es sich sogar gut an."

"Aber auch das ist selbstverständlich, genau wie das, wofür ich mich bei dir bedankt habe", nun wurde ich endgültig verlegen, "ich geb dir deine Worte zurück: Dafür musst du dich nicht bedanken, das solltest du voraussetzen können." Ich zischte. "Wer sich in Zukunft nicht dran hält, wird auf nen Pfahl gesetzt." Soobin blinzelte nur, schien es aber nicht richtig zu verstehen.

"Naja, ist es nicht, das habe ich die letzten fünf Jahre gelernt", widersprach er mir lieber. "Well, same", meinte ich nur. Er gab ein unzufriedenes Geräusch von sich und ich stimmte mit ein, indem ich ein noch unzufriedeneres Geräusch verlauten ließ. "Wir sollten aufhören uns gegenseitig zu bemitleiden", meinte ich und er nickte. "Die Leute tun, als wäre ich heilig, aber gleichzeitig auch so, als wäre ich deswegen verpflichtet, ihnen Gutes zu tun, verstehst du was ich meine?"

Ich nickte. "Das ist auch furchtbar", meinte ich leise und dachte darüber nach, "keine Ahnung was schlimmer ist. Ich wurde gemieden, beschimpft, bedroht, geschlagen... Meine eigene Familie empfindet mich als Last. Meinetwegen hat mein Vater uns verlassen. Aber immerhin lastet kein Erwartungsdruck auf mir." Unglücklich verschränkte Soobin die Arme. "Aber dennoch haben sie Erwartungen an dich. Sie unterstellen dir Boshaftigkeit, ohne dich zu kennen und behandeln dich dementsprechend beschissen."

Verstimmt presste ich die Lippen zusammen. "Wenn ich wollte, dann könnte ich es mit ihnen allen aufnehmen und sie Lektionen lehren." Soobin legte mir die Hand auf den Unterarm und wieder war es merkwürdig beruhigend. Vielleicht lag es an mir und er hatte einfach diese Wirkung auf mich. "Aber das tust du nicht. Genau wie ich nicht auf Knopfdruck und durch Hand auflegen Leute heile. Wir erfüllen beide nicht die Erwartungen, die man an uns stellt." Ich schnaubte halbherzig. "Nun... Das ist auch nicht unsere Aufgabe."

"Du Yeonjun?" Fragen sah ich Soobin an und konnte sehen, wie sein Gesichtsausdruck immer kritischer wurde. "Warum auf einen Pfahl setzen? Weil ihnen dann langweilig wird und sie über sich nachdenken müssen?" Pfffthahhahaha. Ich überholte ihn, legte ihm die Hände an die Wangen und ging rückwärts weiter, während ich seine Wangen knietschte. "Awwwww. Babe. Du musst um jeden Preis beschützt werden", eröffnete ich dem engelsgleichen Jungen mit den weißen Flügeln. Er war ja so was von unschuldig und pur, er hatte wirklich nicht verstanden, was ich gemeint hatte.

"Und zu mir sagen, ich sei niedlich", setzte ich einen drauf. Ein amüsiertes Lächeln schlich sich wie von selbst auf meine sonst so ernsten Züge. "Wasch? Lasch dasch!" Er versuchte mich abzustreifen oder zumindest meinen Griff zu lockern, denn stand meine Hände ganz wegzunehmen, ließ er seine einfach auf meinen liegen, als er meinen Griff gelöst hatte.

"Damit es unbequem ist", schlussfolgerte er. Naja, wohl eher, weil sie verdient hatten, einen Pfahl im Arsch zu haben, aber naja. "So oder so ähnlich", bestätigte ich, "denk einfach nicht weiter drüber nach." Ich ließ ihn wieder los. Dann sickerte es ihm wohl doch ins Hirn. "Yeonjun, Mann, ich hatte so einen Baumstamm im Kopf, was ... nein, sei nicht so grausam! Das ist ja furchtbar! Schäm dich!" Ich lachte nur leise. "Erinnere mich nachher daran. Wie weit ist es noch?"

Er kam wieder neben mich und deutete auf die immer näher erscheinende Stadt. "Nur noch die Straße runter, wir sind gleich da." Ich nickte und verspannte mich leicht. Hoffentlich waren nicht zu viele Menschen unterwegs. Hoffentlich konnten wir einfach schnell einkaufen und wieder verschwinden.

Ich hatte keine Lust auf Stress, aber wie ich mein Glück kannte, würde es welchen geben.

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