»»--Chapter Eighteen-««

╔═.✵.══════════╗
I'm the only bad Thing
in this World
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Soobin

Yeonjuns klare, sanfte Stimme erfüllte den Raum, während er aus dem mittlerweile dritten Buch, das wir zusammen so lasen, vorlas. Es war genau, wie es mir gedacht hatte. Yeonjun war kein Idiot, er brauchte nur Übung und die ständigen Anfeindungen seiner Umwelt hatten ihn daran gehindert sich diese zu holen. Alles was es gebraucht hatte, war ein Hütte mit einem Typen drin, der ihn nicht auslachte und mittlerweile hatte ich fast das Gefühl, dass er inzwischen noch besser vorlesen konnte, als ich. Auf jeden Fall liebte ich es seiner Stimme zu lauschen und mich durch sie in andere Welten locken zu lassen. 

Heute jedoch war ich unkonzentriert, denn mich hatte ein Gedanke erfasst, der mich einfach nicht mehr loslassen wollte.

Seit dem Yeonjun sein Handy auf das Regel zu meinem geworfen hatte, hatte er es nicht mehr in die Hand genommen, geschweige denn dem Ding auch nur eines Blickes gewürdigt. Als er es dort losgeworden war, hatte er gemeint, dass sich sowieso keiner melden würde, aber langsam wollte ich das gar nicht mehr glauben. Er war fünf Wochen bei mir und konnte mir nicht vorstellen, dass keiner versucht hatte ihn in dieser Zeit zu erreichen. Fünf Wochen sind quasi ewig. Konnte man noch man die ersten zwei Tage noch die Füße still halten, wenn der eigene Sohn nicht wieder auftauchte – okay – aber fünf Wochen? Ich konnte mir nach wie vor – und trotz allem, was Yeonjun schon über sie erzählt hatte – nicht vorstellen, dass sie sich so gar keine Sorgen machte.

"Du hörst mir gar nicht zu." 

Ich blinzelte und sah zu Yeonjun, der aufgehört hatte vor zu lesen. Ich biss mir auf die Lippe und schenkte ihm einen entschuldigenden Blick. "Es tut mir leid", sagte ich schuldbewusst und er klappte das Buch zu und strich mir eine Strähne aus der Stirn. "Was beschäftigt dich so, Soobin?", fragte er. Ich zögerte kurz, doch dann warf ich einen Blick zu dem Regal. "Sie können sich doch unmöglich nicht bei dir melden", meinte ich nur zweifelnd. 

Yeonjun seufzte und legte den Kopf in den Nacken, dann stand er auf und ging zu dem Handy rüber. "Gib mir ein Ladekabel", forderte er mich auf und ich folgte ihm. Ich machte einen Abstecher zur Kommode und öffnete eine der Schubladen, bevor ich ein Ladekabel zutage förderte. Daraufhin gesellte ich mich zu ihm und zu einer von vier Steckdosen, die wir hier in der Hütte hatten. Yeonjun hängte das Handy an, dessen Akku nach fünf Wochen ohne Storm dann doch den Geist aufgegeben hatte, und startete es. Dann legte er es auf die Arbeitsplatte vor uns. 

Es passierte tatsächlich einfach gar nichts. Kein Klingel, keine Vibration und auch keine Benachrichtigung. Ich stieß enttäuscht die Luft aus meinen Lungen aus und ich war mir sicher, dass es Yeonjun nicht besser ging, doch er hatte sich besser im Griff. "Wow", entkam es mir schließlich. "Ich weiß ehrlich nicht was trauriger ist." Ich griff nach meinem Handy und schaltete es ein. Bei mir ging das Gesumme quasi sofort los. Es flogen Nachrichten und verpasste Anrufe rein, wie jede Woche, wenn ich das Handy einmal hochfuhr, um zu schauen, was ich so verpasst hatte, auch wenn es immer dasselbe war. Ich wartete kurz bis mein Handy sich beruhigt hatte und überflog, was so gekommen war. "Segne meine Mama – immerhin die", meinte ich und reichte das Handy einfach an Yeonjun weiter, damit er sich den bunten Mix an Nachrichten geben konnte, den ich so bekam. 

Das reichte von 'Babybin, ich mach mir Sorgen! ;__; Wo bist du? Isst du genug?' von meiner Mutter, über die Nachrichten meines Vaters, die aussagten, dass ich aufhören soll mich so pubertär zu verhalten und ich endlich meine Termine wahrnehmen soll, bis hin zu den Nachrichten meiner Schwester, die mich freundlich wissen ließ, dass sie hofft, ich sei endlich verreckt. Yeonjun überflog die Nachrichten und dann schaltete er das Telefon mit einem Kopfschütteln geradewegs wieder aus. "Dass du es überhaupt anmachst, wundert mich", meinte er und ich seufzte leise. "Man weiß nie was passiert, nicht das einen von ihnen krank wird, dann sollte ich das schon wissen", erklärte ich und Yeonjun nickte das ab. 

Er schaltete auch sein Telefon wieder aus und legte es zurück auf das Regal. "Meine ganze Familie steht unter Druck, jetzt, wo ich weg bin, können sie atmen", erklärte er nun seinerseits, "sie haben mich ja weg geschickt." Er wandte sich ab und ging zurück zur Couch um sich wieder auf diese falle zu lassen. "Deine Schwester ist arm dran was?", fragte er und schien ein bisschen seinen Gedanken nachzuhängen. "Steht im Schatten deiner riesigen Flügel und bildet sich ein, es wäre deine Schuld. Der schlimmste ist eigentlich dein Dad." Ich nickte leicht und setzte mich wieder zu ihm. 

"Exakt", bestätigte ich leise und ich schluckte leer. Ich liebe meine Schwester egal was sie sagte. Sie konnte nichts dafür. Sie war auch nur ein Opfer der ganzen Sache und ich konnte verstehen, dass sie unter mir litt. Ich seufzte schwer und wandte den Blick zur Decke. "Meine Schwester hasst mich", begann ich und mein Stimme klang seltsam rau, "sie ist 13, da ist ohnehin jeder dein Feind, aber Dad, und auch Mom, verstehen gar nicht, wie sehr sie auf mich fixiert sind und ich habe versucht ihr alle Liebe zu geben, die meine Eltern versäumten, doch das ging irgendwann nicht mehr." 

Ich fuhr mir durch die Haare. Dann lehnte ich mich an Yeonjun an und er zögerte nicht und legte den Arm um mich. "Dann ist sie explodiert mir gegenüber. Und dann wieder und wieder..." Ich sag Yeonjun an und zuckte mit den Schultern. "Scheiß auf alles, aber diese Flügel haben mich meine Babysister gekostet", schloss ich und konnte einen bitteren Unterton nicht unterdrücken. 

Yeonjun strich mir über den Arm und es hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Es half mir mich besser zu fühlen. "Tut mir echt leid", meinte er und ich zuckte nur noch mal hilflos mit den Schultern, "irgendwann wird sie es verstehen." Ich nickte leicht. Ich hoffte darauf. Sie war nur ein Kind, vielleicht würde sie das ganze noch mal überdenken, wenn sie erwachsen wurde. "Ja, gut möglich. Und vielleicht wird sie sich sogar für all diese Nachrichten schämen." Ich rieb mir mit den Händen über das Gesicht und sah ihn dann wieder an. 

"Was ist mit deinen Geschwister?", wollte ich von ihm wissen. "Sind die auch so drauf?" Wahrscheinlich war es auch für die nicht leicht. Ganz sicher sogar. Das Ganze war doch alles so verkorkst. Yeonjun wog den Kopf. "Hmm, jain", gab er an und nahm sich ein paar Sekunden, um sich das durch den Kopf gehen zu lassen. "Na ja und die haben auch Grund dazu", meinte er schließlich und bestätigte meine Vermutung, "die werden gemobbt meinetwegen." Ich seufzte frustriert. "Siehst du", fing ich an, "nicht das gleiche, aber doch dasselbe." Ich verwarf die Arme. "Dabei verstehe ich es bei dir echt nicht. Deine Hörner sind  wirklich lit, du siehst so verdammt cool damit aus", meinte ich nur wieder und, heck nein, ich würde sicher nie von der Meinung abweichen. Yeonjun sagte ein paar Sekunden nichts. 

"Ich bin mir selbst nicht mehr sicher, ob die nicht recht haben und ich werde zum Monster."

Die Worte kamen langsam und unsicher über seine Lippen. Ich stieß die Luft aus meinen Lungen aus und krabbelte ihm endgültig auf den Schoß. Wurde Zeit mal ein ernstes Wort mit ihm zu reden. Das konnte so nicht weiter gehen. Ich legte meine Hände auf seinen Schultern ab und sah ihn durchdringend an. "Von ein paar Fangzähnen und ein paar Hörnern?", stellte ich infrage. "Fühlst du dich denn anders? Ich denke nicht." Er war einfach Yeonjun. Seine Hörner machten ihn nicht aus. Ob er nun dieser Dinger hatte oder nicht, sie berührten nicht seinen Kern. Was sie taten, war dafür zu sorgen, dass seine Umwelt begonnen hatten, auf ihn in einer gewissen Weise einzuwirken. Also veränderten sie ihn vielleicht, aber eben nicht direkt... sie triggerten nur, dass es anderen taten. Seine Mutter, die Menschen auf der Straße, die Leute in seiner Schule. Yeonjun hatte das nicht verdient. 

Yeonjun antwortete mir nicht, also sah ich berufen einfach weiterzureden. "Das Einzige, was versucht aus dir ein Monster zu machen ist dein Umfeld, das dich so lange wie Scheiße behandelt, bis da drin", tippte ihm bedeutsam vor die Brust, "eine Dunkelheit wächst, die es schaffen könnte dich dazu zu bringen, dass du wirst, was sie gerne sehen wollen, um ihre dämlichen Vorstellungen zu bestätigen und damit sie sich auf die Schulter klopfen können und sagen 'Ich hab es doch immer schon gewusst', weil sie zu dumm sind zu sehen, dass sie sich ihre eigene Realität erzwungen haben." Ich schnaubte wütend und atmete schließlich einmal tief durch. "Die hat aber nicht mit deinen Hörnern zu tun", sagte ich sanft und sah ihn wieder an und wieder legte sich eine Weile Stille über uns. 

"Ich bin froh, dass du ihnen den Gefallen nicht getan hast", meinte ich schließlich, "denn selbst als es so weit war, dass wirklich etwas hätte was passieren können, hast du, anstatt auf irgendwen loszugehen, dich zurückgezogen. In eine verdammte Wüste." Ich schüttelte nur leicht den Kopf. "Das machen Monster nicht, Yeonjun. Die richten ihren Gram nicht gegen sich selbst." Monster sind egoistisch. Die machen was sie wollen und interessieren sich nicht dafür, welche Schneisen sie dabei hinterlassen. So war Yeonjun nicht. Das war nicht sein Style. 

Was wohl auch nicht so Yeonjuns Style war, war mich einfach mal nicht infrage zu stellen. Aber sollte es ihm verübel? Er hatte nie gelernt wie es ist, wenn jemand vertrauen in ihn hatte, außer vielleicht sein kleiner Bruder, wobei er ihm wahrscheinlich nur glaubte, weil er Kind war und fest davon ausging, dass sich das erledigen würde, je älter Jaejun wurde. "Woher willst du das wissen?", zischte er also und schluckte leer. "Woher weißt du das ich nicht schon längst wen krankenhausreif geprügelt habe? Oder getötet? Google doch noch mal." 

Ich musterte ihn nur. Versuchte mit vorzustellen, dass er mal irgendwen verletzte haben könnte. Aber das Bild wollte sich nicht in meinem Kopf bilden. Vielleicht hatte er mal einen Tisch geflippt, aber egal wie er seinem Ärger mal irgendwann eventuell Ausdruck verliehen haben mochte, er hätte nie in Kauf genommen, dass dabei jemand verletzt oder gar getötet würde. Ich sah ihm in die Augen und schüttelte den Kopf. "Hast du nicht", sagte ich unbeeindruckt von seinen Fragen. Nimm mein volles Vertrauen, Yeonjun, bitte schön. 

"Du bist kein Monster, Yeonjun."

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