»»--Chapter Seventeen--««

╔═.✵.═══════════╗
You who's staring at me
blankly in the mirror
is not me
╚═══════════.✵.═╝
Soobin
"Graaaaa."
Mit einem Kichern stürzte ich mich mal wieder läppisch knurrend auf Yeonjun, der das mit einem kleinen Brummen hinnahm. Dann knurrte er recht beeindrucken zurück, so wie er es immer tat, wenn ich meine klägliche Imitation zu Besten gab. Er lachte leise und verlagerte mich ein bisschen, sodass ich auf ihm drauf liegen konnte ohne, dass er erstickte. Ich graaate ihn wieder an und er gab wieder ein knurrten von sich.
Ich fragte mich insgeheim, was das mit ihm war. Er hatte Hörner, aber wie passte das eigentlich zusammen mit dem Knurren? Er war nicht, als wäre es per se was tierischen, denn welchen Tier mit Hörnern konnte denn schon knurren? Zumal die Hörner... die sahen jetzt auch nicht wie von einem Tier aus, zumindest würde mir kein passendes Tier einfallen. Nichtsdestotrotz waren sie cool. Sie waren ungewöhnlich.
Mit einem Blinzeln legte ich den Kopf auf meinen Oberarm ab und sah ihn an. "Raaaate, warum ich dich so meeega aggressiv anknurre", forderte ich ihn auf und er runzelte die Stirn und schien ernsthaft zu überlegen, was er verrissen haben könnte. Ich strich ihm mit der hat über die Stirn, um sie wieder zu glätten. "Warum?", fragte er schließlich und schlag den Arm um mich, damit ich nicht einfach wie ein Sack von der Couch rutschte. Er war so süß. Er würde mich niemals runterfallen lassen.
"Du hast mein Buch erwischt", erwiderte ich amüsiert. Es hatte eine Weile gedauert, bevor ich es begriffen hatte und bis dahin hatte ich quasi überall nach dem Ding gesucht, nur um zu bemerken, dass es Yeonjun in der Hand hatte. Yeonjun blinzelte, doch dann reichte er es mir ohne zu zögern. "Es tut mir leid, ich wollte es dir nicht wegnehmen", entschuldigte er sich höflich. Meine Damen und Herren. Yeonjun, der Junge mit den Hörner: so aggressiv, schon wieder! Kaum auszuhalten! Der aggressivste Junge der Welt!
Was war nur falsch mit den Leuten?
Ich lächelte freundlich und schon das Buch zurück. "So war es nicht gemeint", versicherte ich und schob es wieder in seine Richtung ohne es ihm abzunehmen. "Du kannst es gerne erst mal haben, ich bin nur froh zu wissen, dass es nicht verloren gegangen ist", erklärte ich. Neugierig legte ich den Kopf schief. "Wie weit bist du?", wollte ich wissen.
Unschlüssig zuckte Yeonjun mit den Schultern. "Seite dreißig", meinte er, "also nicht wirklich weit." Das war wirklich noch relativ zu Beginn. Vielleicht konnten wir es ja zusammen lesen? Wenn wir uns das gegenseitig vorlasen, dann kamen wir beide voran. Ich war zwar fast durch, doch ich hatte kein Problem damit das Ganze für ihn noch mal zu wiederholen. Ich mochte gemeinsames Lesen. Generell konnte ich recht gut vorlesen und Yeonjun bekam es bestimmt auch hin. "Willst du mir vielleicht vorlesen?", schlug ich also vor. Dann konnte er gleich weiter machen und wir hatten beide was davon.
Zu meinem Erstaunen errötete meine geschätzter Mitbewohner. "I-ich...", kam es nur unsicher über seine Lippen, bevor er stockend abbrach. Wurde er da gerade etwa schüchtern? "Was hast du?", fragte ich ihn und musterte ich ihn dabei aufmerksam." Er seufzte und wich meinem Blick aus. "Ich kann nicht so gut lesen", gab er schließlich zu. Ich konnte mir spontan denken, woher der Wind wehen mochte. Normalerweise unterstütze man Schüler, die in irgendeiner Disziplin schwächelten, doch er mit seinen Hörner war wahrscheinlich einfach als Idiot verlacht worden und man hatte es dabei belassen. Yeonjun räusperte sich nervös. "Ich lese sehr langsam und schleppend. Ab und zu hab ich vielleicht mal was meinem kleinem Bruder vorgelesen, aber das gilt nicht wirklich, denn die Sachen sind einfach und ich kann sie fast auswendig."
Ach, Yeonjun. Deswegen war er kein Idiot, aber wahrscheinlich musste ich ihm das erst mal vorsichtig beibringen. "Ja, dann erst recht", meinte ich aufmuntern und boxte ihm leicht vor die Schulter, "Übung macht den Meister." Yeonjun wurde nur noch roter im Gesicht. Offensichtlich wollte er sich nicht vor mit blamieren. "Seit wann liegst du eigentlich auf mir drauf?", fragte er unvermittelt und ich lachte leise. Ich schüttelte meine Flügel einmal aus und sah ihn überlegend an. "Schon seit drei Minuten?", meinte ich. "Erstaunlich", meinte er und dachte wohl, dass ich nicht schnallte, wie er versuchte mich abzulenken. Das konnte ich so passen.
"Gar nicht", meinte ich also nur knapp. Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. "Und jetzt lies", forderte ich ihn auf, "wir wechseln uns ab." Yeonjun seufzte und wich meinem Blick aus. "Ich möchte nicht", erwiderte er, doch es klang eher ein bisschen fragend. Ich legte ihn eine Hand an die Wange und strich ihm mit den Daumen über den Wangenknochen. Klar konnte ich verstehen, dass er unsicher war und wenn er gar keinen Bock hatte, dann würde ich ihm sicher in Ruhe lassen, doch an reiner Unsicherheit sollte es nicht scheitern. "Sieh es mal so: Hier kannst du in Ruhe üben und keiner kann dich stören." Und ich bin mir ziemlich sicher nach ein paar Tagen 'Vorsichhinlesen' hatte sich das sicher schnell geregelt.
Yeonjun nickte leicht und kratzte sich verlegen am Kopf. "Aber warum soll ich dann anfangen?", fragte er und ein kleiner Rosaschimmer zog sich über seine Wangen. Adorable. Ich war immer wieder erstaunt, wie soft Yeonjun einfach war. "Soll ich anfangen?", fragte ich sanft und Yeonjun reichte mir das Buch erneut rüber. "Okay", sagte er nur. Ich nickte, nahm das Buch und machte es mir bequem. "Gut", äußerte ich zufrieden und schlug die erste Seite auf. Dann begann ich zu lesen.
Ich las bestimmt eine gute halbe Stunde einfach nur vor, während ich halb auf Yeonjun drauf lag. Yeonjun hatte sich zurückgelehnt und hörte mir entspannt zu und mittlerweile wurden seinen Augen immer kleiner. Er würde mir doch nicht einschlafen? Ich hielt inne und musterte ihn. "Heeee, nicht einschlafen", zog ich ihn auf, doch er schien es schon wieder ernster aufzufassen, als ich es meine. "Entschuldige", gab er nämlich gleich von sich und klang dabei schon wieder niedlich. Er setzte sich etwas auf und schlag die Arme um mich. "Bist du müde?", fragte ich, worauf hin mir Yeonjun die Haare ein bisschen zurecht zupfte. "Es war einfach nur entspannend, gerade", meinte er und klang fast einen Hauch entschuldigend.
"Überhaupt bin ich ruhig seit ich hier bin."
Ich dachte einen Moment darüber nach und ich konnte mir denken, in welche Richtung seine Gedanken wanderten. Mir ging es ja nicht anders, auch wenn der Kontext vielleicht nicht ganz derselbe war. Auch ich empfand diese Hütte als sichere Zone der Ruhe, fernab jeder Wertung durch andere. Zu Hause hatte ich einen Termin nach dem anderen, schließlich wollte jeder den Junge mit den Flügeln sehen. Wie ein Zirkustier bin ich herumgereicht worden und hatte kaum Zeit für mich gehabt.
Es gab keinen Tag, an dem ich hätte machen können, was ich möchte und wann ich es möchte und hatte ich es mir doch mal rausgenommen, dann hatte es nie lange gedauert, bis sich die nächste Traube Menschen gefunden hatte, die mich begaffte und einem nicht seine Ruhe gönnte. Letzteres hatte sich noch immer nicht geändert, insofern war ich noch immer eingeschränkt sobald ich diese vier Wände verließ und auch Yeonjun würde sicher sofort wieder dämliche Kommentare erhalten, sollte er sich unter Menschen trauen, einfach weil Menschen so waren.
Diese Hütte war uns beide eine Zufluchtsstätte.
"Nun ja, hier ist ja auch recht langweilig, so mit einem Weirdo und ein paar Büchern im Nirgendwo", meinte ich ausweichend, einfach weil Yeonjun manchmal dazu neigte zu viel preiszugeben, ohne nachzudenken, und es dann lowkey zu bereuen. Also ließ ich ihm ein Hintertürchen. Doch zu meinen erstaunen zog er es zu. "Nein, das ist es nicht", widersprach er mir, "das war eher ein Kompliment." Ich lächelte leicht und konnte mich auch nicht gegen das Gefühl wehren, dass wir Fortschritte machten und dass dies mich seltsam zufriedenstellte. "Es ist so schön mal drei Tage am Stück gut behandelt zu werden und keinem Hass abzubekommen", meinte er leise und ich nickte verständnisvoll.
"Ich finde es immer noch bedenklich von dieser Gesellschaft, dass ich scheinbar der einzige bin, der das auf die Reihe bekommt", erwiderte ich nicht viel lauter als er. "Du tust noch viel mehr als das", ließ Yeonjun mich wissen und fuhr mir durch die Haare. Ich mochte, wenn er das tat. Es hatte was Vertrautes. "Ich helfe dir einfach", sagte ich mit einem Grinsen. Ich hatte ihm ja von Anfang an gesagt, dass ich das tun würde. Dass ich ihn aufgegabelte hatte, voller Wut und Trauer, und er versucht hatte, sich meiner Hilfe zu entziehen, fühlte sich Ewigkeiten her an. Kaum zu glauben, dass es gerade mal ein paar Tage waren. "Ich hab ja auch was von", fügte ich hinzu und tätschelte seine Schulter.
Mit einer fließenden Bewegung nach Yeonjun mir das Buch ab. "Ich brauchte keine Hilfe in dem Sinne, ich komme ja klar", sagte er und seufzte leise. Dann lächelte er. "Du gibst mir den Glauben an die Menschheit zurück." Ich bemerkte, wie meine Wangen warm wurden. Ich räusperte mich verlegen, ob dieses Komplimentes und lachte leise. "Du bist süß", erwiderte ich nur und schenkte ihm ein Lächeln. "Ich bin nicht süß", erwiderte er und gab sich wieder kühl. "Ich hab Hörner." Ah ja, richtig. Hörner machte Minus 150 auf Niedlichkeit, wie komisch, dass immer vergaß. "Wenn du lachst, verprügle ich dich." Ich wollte fast lachen, denn das würde er nie. Doch ich begnügte mich mit einem Nicken.
"Leg los", forderte ich ihn auf und Yeonjun fing – tatsächlich ein bisschen stockend – an zu lesen.
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