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Luhan machte gerade eine kurze Pause um in der Küche die Reste von der heutigen Mittagskarte zu essen – Rinderbäckchen in Rotweinsauce mit Tagliatellennester und Artischockenblumen – als Junmyeon in die Küche trat. Eine Senkrechte Falte zwischen den Augenbrauen, die Luhan gerne davon geküsst hätte.

„Alles in Ordnung? Du siehst bedrückt aus."

Junmyeon seufzte, bevor er sich neben Luhan an die Küchentheke lehnte. Luhan bot ihm seine Gabel an und Junmyeon stahl ein paar Rindfleischstückchen, bevor er noch einmal seufzte.

„Was? So schlimm dass nicht einmal Kyungsoos Rinderbäckchen es wieder gutmachen können?"

„Ich denke Sehunnie hat Heimweg", vertraute Junmyeon ihm an. „Ich habe versucht die Wohnung so gut wie möglich für ihn herzurichten aber er wirkt mit jedem Tag nur trauriger. Nächste Woche fängt die Uni an und ich weiß nicht ob ich ihn bis dahin wieder aufmuntern kann. Er muss Zuhause schrecklich vermissen. Seoul ist so anders als Chungcheongbuk-do weißt du? Ich verstehe dass er bedrückt ist aber ich wünschte er würde mit mir reden damit ich ihm irgendwie helfen kann."

Luhan beschlich die Vermutung das Sehun nicht wirklich wegen Heimweh bedrückt war. Er versuchte sein schlechtes Gewissen zu unterdrücken. „Du solltest abwarten Junmyeon. Das legt sich bestimmt bald wieder."

Er zuckte die Achseln und sah so bedrückt aus dass Luhan das Herz in der Brust schwer wurde. „In der ersten Woche wirkte alles so gut. Er war so aufgeregt und war gar nicht zu stoppen. Ich habe Angst dass er jetzt angefangen hat zu bereuen hierhergekommen zu sein." Er sah Luhan mit geweiteten Augen an. „Oder schlimmer! Was wenn er bereut bei mir eingezogen zu sein?"

„Das tut er bestimmt nicht", versicherte Luhan. „Er ist dein Bruder, ich bin mir sicher dass er gerne mit dir zusammenlebt."

„Ich hoffe es." Er lächelte zerknirscht. „Weißt du ich bin mir gar nicht so sicher wie gut ich Sehunnie in Wahrheit kenne. Ich wusste nicht, dass er jemanden hat in den er verliebt ist." Luhan biss sich auf die Unterlippe. „Und als ich ihn darauf angesprochen habe, wollte er mir nicht sagen wer es ist." Er schüttelte den Kopf, die Falte zwischen seinen Brauen noch tiefer. „Mein kleiner Bruder hat Geheimnisse vor mir Luhan."

„Die hat er bestimmt nicht", sagte Luhan schnell. „Es ist ihm wahrscheinlich nur peinlich. Du weißt wie Jugendliche manchmal sind."

Luhan war früher alles peinlich gewesen. Sein Körper hatte nicht immer so reagiert, wie sein Verstand es ihm befahl und sein Mund war dazu verdammt gewesen zu stottern und dumme, überstürzte Dinge zu sagen. Er war sich immer etwas weniger klug als seine Mitschüler vorgekommen und hatte sich dafür geschämt wenn er etwas nicht wusste, was die anderen als Selbstverständlichkeit betrachteten. Er hatte mit seinen Freunden, nicht darüber gesprochen und seine Familie war keine Option gewesen, obwohl er es wahrscheinlich hätte tun sollen und vielleicht auch nur damit sie ihm sagten, dass alles ganz normal war und er sich erst an sich selbst gewöhnen musste. Als Teenager, so hatte er gelernt, entfremdete man sich nämlich von sich selbst und musste sich erst wieder kennenlernen. Das dauerte und war ganz normal.

Luhan fragte sich ob Sehun auch jemanden brauchte mit dem er reden könnte und ob es Luhans Schuld war, dass ihm eine Person, vielleicht die Wichtigste, gestohlen wurde. Luhan hatte ihm das Versprechen abgenommen Junmyeon nichts von Luhan zu erzählen aber mit wem sonst sollte er darüber reden? Sehun war nicht wirklich noch in dem Alter in eine Identitätskrise zu verfallen aber so viel hatte sich in den letzten Wochen mit dem Umzug und dem baldigen Studienbeginn geändert...und dann war da natürlich auch noch die Sache mit Luhan und seinem Starrsinn unbedingt in ihn verliebt sein zu müssen. Sehun sollte mit jemandem darüber reden und Luhan hatte ihm Junmyeon als Vertrauensperson weggenommen.

Er seufzte tief.

„Entschuldige Luhan ich wollte dich nicht mit meinen Problemen belasten."

„Was? Oh nein mach dir keine Sorgen ich höre dir gerne zu", versicherte er schnell. „Ich musste nur darüber nachdenken wie schwer man es als Teenager hat."

Junmyeon nickte bestätigend mit dem Kopf. „Und dann hat sich auch noch Sehunnies ganzes Umfeld verändert. Wusstest du dass er noch immer wächst? Er ist fast volljährig aber sein Körper gibt ihm keine Pause."

„Er wird noch größer?", fragte Luhan und konnte den Horror aus seiner Stimme nicht verbannen.

„Nicht wahr? Ich war erst im Frühjahr zuletzt Zuhause und er ist trotzdem wieder ein ganzes Stück gewachsen! Es hat mal eine Zeit gegeben, da war er noch so viel kleiner als ich." Er ließ den Kopf hängen. „Ich will nur dass es ihm gut geht."

Junmyeon bestätigte ihm mal wieder, dass er der beste Mensch auf diesem Planeten war und Luhan war warmes Wachs in seinen Händen. „Vielleicht hilft es wenn Sehunnie mit jemand anderem spricht? Familie ist immer tückisch."

Junmyeon hob den Kopf an und sah Luhan mit strahlenden Augen an. „Würdest du das tun Luhan?"

Luhan hatte nicht unbedingt sich selbst mit ‚einem Freund' gemeint und erkannte seinen Fehler nun zu spät.

„Ehrlich gesagt weiß ich nicht ob ich die richtige Person dafür bin Junmyeon. Ich bin...niemand der gute Ratschläge verteilt, wie du oder Kyungsoo."

„Aber du stehst mir immer mit Rat und Tat zur Seite Luhan", seine Augen waren so unglaublich weich. Er war so unglaublich gutaussehend. „Ich habe Sehunnie viel Gutes über dich erzählt."

„Ja?", fragte Luhan mit Feuerwerk dass in seiner Brust explodierte und ihn von innen zu beleuchten schien.

Junmyeon nickte ernst. „Würdest du mit ihm reden Luhan? Vielleicht öffnet er sich dir ja lieber als mir. Er weiß dass er dir vertrauen kann."

„Okay", versprach er, weil Junmyeon seinen Kopf auf Luhans Schulter gelegt hatte und Luhan ihm alles versprechen würde.

„Danke Luhan, das bedeutet mir viel!" Er richtete sich wieder auf und stütze sich von der Küchentheke ab. „Oh tut mir leid, ich habe dich total von deinem Mittagessen abgelenkt."

„Schon gut", versicherte Luhan. Junmyeon lächelte zum Abschied und setzte seinen Weg fort in den Gastbereich. Luhan sah ihm verträumt hinterher.

„Brauchst du einen Stuhl?", rief Minseok vom anderen Ende der Küche aus. „Du siehst aus als würdest du gleich zusammenklappen."

Luhan kicherte – er kicherte normalerweise nicht und würde es später bestimmt bereuen. „Ich fühle mich ein klein wenig schwach", gab er zu.

Baekhyun lachte laut und nasal und Kyungsoo runzelte konzentriert die Stirn. „Hat dich dein Tinder-Date nicht flach gelegt oder wieso schmachtest du Junmyeon diese Tage noch mehr hinterher als sonst?" Und da war Kyungsoos berühmt berüchtigte spitze Zunge und seine Angewohnheit kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Außerdem schaffte er es irgendwie immer perfekt mit einem Messer in unfassbarer Geschwindigkeit zu hantieren und gleichzeitig zu reden ohne zu stocken.

„Es lief nicht gut", flüsterte Minseok, so dass alle es deutlich über das Brutzeln der Pfannen hören konnten. „Ist zu früh gekommen."

„Na und? Dann wartet er halt."

Kyungsoo legte sein Messer ordentlich beiseite, trocknete sich die Hände und wandte sich anschließend langsam um, damit er Baekhyun einen langen, anklagenden Blick zuwerfen konnte, bis es auch bei Baekhyun dämmerte. „Oh."

Die nächsten Tage bekam Luhan Sehun kein einziges Mal mehr zu Gesicht und langsam entschwand die Sorge, dass Sehun Junmyeon etwas von ihrem Katastrophenabend erzählen könnte und auch Sehun selbst entschwand immer weiter aus seinen Gedanken.

Es war ein gemütlicher Sonntagabend mit wenig Gästen und Yixings sanften Klavierklängen als Sehun das Restaurant betrat. Er trug eine dünne, blassrote Sommerjacke über zu langen und breiten Jeanshosen und hatte die Hände tief in deren Taschen vergraben. Luhan seufzte leise.

Chanyeol, der gerade ein Getränk an einen Tisch gebracht hatte, begrüße Sehun mit einem strahlenden Lächeln und brachte ihn an einen Tisch. Sehun setzte sich und sackte in sich zusammen, wie ein eingefallener Sack Kartoffeln, sobald Chanyeol sich wieder abwandte. Es war ein herzzerreißender Anblick.

„Was hat er bestellt?", fragte Luhan, sobald Chanyeol zurück an die Bar kam.

„Noch nichts aber er scheint auch nichts zu wollen. Sieht aus als hätte Junmyeon einmal Recht gehabt mit seinen Sorgen um seinen kleinen Bruder. Der Junge sieht wirklich bedrückt aus."

„Mhm. Wo ist Junmyeon noch gleich?"

„Büro", antwortete er. „Telefoniert mit Heeyeon."

Luhan nickte und klopfte Chanyeol auf die Schulter. „Hältst du den Laden für eine Sekunde alleine am Laufen?"

„Kein Problem, ich hab ja Jisoo."

„Danke." Luhan verschwand in der Küche und wandte sich an Minseok und Kyungsoo. „Wir haben einen Trauerkloß auf dreizehn. Ich brauche etwas um ihn aufzumuntern."

„Brandy", antwortete Kyungsoo ohne zu zögern.

„Kein Alkohol", wandte Luhan ein. „Noch Minderjährig." Kyungsoo nickte mitleidig.

„Himbeer-Parfait!", warf Baekhyun ein.

„Süß ist denke ich die richtige Richtung."

Minseok rieb sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger, bevor er aufsah. „Wie wäre es mit Eiscreme? Nichts hilft besser gegen Kummer als Eiscreme."

„Bis auf Brandy", murmelte Kyungsoo.

„Eiscreme klingt gut", bestätigte Luhan. Das Restaurant servierte nur selbstgemachte Eiscreme in ausgefallenen Sorten wie Cashew-Nougat, Pistazie-Karamell und Schoko-Blaubeere. Minseok liebte es mit Zutaten zu spielen und Kyungsoo perfektionierte die Dinge mit der richtigen Mischung.

Minseok bereitete einen extra großen Eisbecher vor, den er mit Beeren, Minze und dünnen Schokoscheiben in verschieden Figuren verzierte und zum Schluss noch ein wenig Himbeersauce über alles tröpfelte.

„Wenn das nicht jedes Herz wieder zur Ruhe bringt dann weiß ich auch nicht."

„Es ist Kunst", bestätigte Luhan, der schon immer einen süßen Zahn hatte. Er griff nach einem kleinen Teller mit einer Servierte und einem Löffel und stellte ihn neben den Eisbecher auf sein Tablett ab.

Er brachte den Eisbecher nach draußen und legte ihn auf den Tisch vor Sehun ab, der bis dahin noch kein einziges Mal aufgesehen hatte. Nun blickte er verwundert auf den Eisbecher und anschließend zu Luhan auf. Etwas in seinem Gesicht wandelte sich aber er senkte den Kopf wieder, bevor Luhan es entschlüsselt hatte.

„Ich bin nicht hungrig", sagte Sehun leise.

Luhan schob den Stuhl zurück und setzte sich Sehun gegenüber, sein Tablett auf dem Schoß balancierend. „Ich habe gehofft dass du das sagen würdest. Ich hätte beinahe angefangen zu sabbern als Minseok den Eisbecher vorbereitet hat." Er griff nach dem Löffel auf dem Teller und kratzte sich ein wenig Eis darauf. Er schloss die Augen als es auf seiner Zunge dahinschmolz. „Himmel."

Sehun sah ihn mit großen Augen an, blickte jedoch schnell fort sobald Luhan die Augen wieder öffnete.

„Also", sagte Luhan und ließ seinen Löffel wieder in Eis versinken. „Wieso siehst du so als, als würde eine Gewitterwolke über deinen Kopf regnen? Meine Gäste könnten denken dass du unseretwegen bedrückt bist und das macht sich nicht gut fürs Geschäft."

„Ich bin nicht bedrückt."

„Das war eine sehr schlechte Lüge Sehunnie. Versuchen wir es noch einmal." Er ließ seine Stimme weicher werden. „Du bereitest Junmyeon wirklich Sorgen. Bist du in Ordnung?"

Sehun schluckte schwer hinunter. „Nein."

„Okay. Gut, das ist wenigstens eine ehrliche Antwort. Möchtest du darüber reden?"

Er blickte ihn erstaunt an. „Du weißt wieso."

Luhan nickte langsam und rutschte auf seinem Stuhl etwas weiter nach vorne um nicht zu laut sprechen zu müssen. „Sehun es tut mir wirklich leid aber ich kann leider nicht ändern, wie ich empfinde."

„Aber ich auch nicht."

Das wurde doch schwieriger als Luhan gedacht hatte. Er hätte Junmyeon nicht versprechen dürfen mit Sehun zu sprechen. Er schob den Gedanken von sich. „Ich weiß und das ist bestimmt nervig aber wie wäre es wenn du zumindest nur für Junmyeon ein Lächeln auf deine Lippen zauberst? Na?"

Sehun sah so unbeeindruckt aus, dass Luhans Herz ein wenig in seiner Brust versank. „Du schärst dich nur um Hyung nicht wahr? Ich bin dir total egal."

Woah. Luhan kannte Sehun doch gar nicht, wie bitte sollte der andere ihm etwas bedeuten? Das war auch nicht der richtige Ansatz. „Nein so meinte ich das nicht." Auch wenn er es genau so gemeint hatte.

„Ich brauche keine Hilfe. Am wenigsten von Hyung." Er verschränkte grummelnd die Arme vor der Brust. „Es ist immerhin alles seine Schuld."

Luhan lächelte angestrengt. „Sag das noch einmal und ich ziehe dir mit dem Löffel hier eins über. Weißt du was für Sorgen Junmyeon sich um dich macht? Ich mag ihn lieber als dich mögen, ich gebe es zu, aber Junmyeon kann nichts, rein gar nichts, dafür verstanden? Wenn du absichtlich den Trauerkloß vor ihm spielst um ihm eins auszuwischen dann bin ich schwer von dir enttäuscht Sehun."

Sehun brauchte einen Moment, bevor er aus seiner Starre erwachte und den Kopf schüttelte. „Nein, ich meine, ich weiß. Natürlich." Seine Ohren waren Feuerrot vor Scham. „Ich wollte Hyung damit nicht eins auswischen, ehrlich nicht. Ich war einfach nur mies drauf."

„Okay", sagte Luhan und aß weiter. „Also müssen wir dafür sorgen dass du weniger mies drauf bist."

„Wir?"

„Junmyeon hat mich auf dich angesetzt und ein glückliches Du ist äquivalent zu einem glücklichen Junmyeon - was viel wert ist. Vor allem für mich." Vielleicht sollte Luhan aufhören Öl ins Feuer zu schütten. „Was ich damit sagen möchte ist, es ist meine Schuld dass du so drauf bist. Na ja, ich wäre auch schwer von mir begeistert gewesen wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre." Er wartete darauf ob Sehun lachen würde und tatsächlich zuckten seine Mundwinkel, was Luhan erfreute. „Also sollte ich dir auch ein bisschen zur Hilfe kommen. Und was hilft am besten um ÜBER jemanden hinweg zu kommen?" Er grinste schwer über den Witz den er gleich machen würde. „Genau! UNTER jemanden zu kommen. Verstehst du?"

Sehun blinzelte ihn an. „Du willst mit mir schlafen?"

Luhan verschluckte sich beinahe an dem Schokostück dass er gerade im Mund hatte. „Nein", sagte er mit Betonung. „Aber ich kann dir Tipps geben und so was. Ratschläge für nächstes Mal. Du weißt schon, in fünf Monaten wenn du erwachsen bist und tun und lassen kannst was du willst."

Sehun nickte langsam.

„Ich helfe dir über mich hinwegzukommen und du gibst dich dafür ein bisschen glücklicher. Klingt das nach einem Deal?"

Sehun sah ihn ein wenig misstrauisch an aber schließlich zuckte er seufzend die Achseln. „Gut."

„Sehr schön." Luhan gab sich innerlich einen Klaps auf die Schulter. Das hatte er gut gemacht. „Und jetzt iss den Rest des Eisbechers, so lange ich gnädig und gut drauf bin." Er drückte Sehun den Löffel in die Hand und zerzauste ihm bei der Gelegenheit noch die Haare, bevor er sein Tablett ergriff und aufstand.

Als er zurück an die Bar ging bemerkte er Junmyeon, der gegen den Türrahmen zur Küche lehnte und ihn mit warmen Augen betrachtete. Luhans Herz schlug ein bisschen schneller. „Danke", sagte Junmyeon, sobald Luhan nahe genug gekommen war. „Ich wusste er würde mit dir reden."

„Gerne", antwortete Luhan. „Aber ich weiß nicht ob es etwas gebracht hat."

„Das hat es bestimmt."

Und alles war es wert gewesen für den Ausdruck in Junmyeons Augen und dem Druck seiner warmen Hand als er Luhans für einen flüchtigen Moment drückte.

Luhan atmete tief aus als Sehun auf ein Neues vor seiner Haustüre stand. Er winkte ihn herein und schloss die Tür hinter ihm.

„Wieso weißt du immer ganz genau an welchen Tagen ich nicht arbeiten muss?"

Sehun streifte sich die Schuhe von den Füßen und legte seinen Rucksack daneben. Das Semester hatte gerade erst angefangen und Sehun sollte eigentlich nicht vor seiner Haustür auftauchen sondern Freunde unter seinen Kommilitonen machen.

„Junmyeon hat einen Arbeitsplan am Kühlschrank hängen", antwortete Sehun. „Deshalb weiß ich wann du frei hast."

„Aber du konntest nicht wissen dass ich Zuhause und unbeschäftigt bin", sagte Luhan.

„Du bist also nicht beschäftigt?", erwiderte Sehun grinsend. Luhan hatte sich schon wieder selbst verraten.

„Was ich damit sagen möchte ist: Hast du kein Telefon oder so? Etwas damit du mich zuvor anschreiben kannst?"

„Doch aber seit ich Tinder gelöscht habe kann ich dir auch keine Nachrichten mehr schicken." Sie hatten ihre Nummern, auf Luhans Beharren, nicht ausgetauscht und auch niemals außerhalb von Tinder miteinander geschrieben, bevor sie sich getroffen hatten (was ziemlich bald geschehen war). „Ich hätte mir deine Nummer wahrscheinlich von Junmyeon-hyung besorgen können aber", er senkte den Blick. „Ich wusste nicht ob das für dich in Ordnung geht."

Luhan klopfte ihm auf dem Rücken, damit er wieder aufsah. „Es hätte mich nicht gestört." Er streckte die gleiche Hand mit der Handfläche nach oben zu ihm aus. „Gib mir dein Handy dann speichere ich dir meine Nummer sofort ein." Sehun reichte ihm sein iPhone nachdem er es entsperrt hatte. „Und dann rufst du mich das nächste Mal an, bevor du hier aufkreuzt in Ordnung?"

„Das heißt es ist in Ordnung dass ich vorbeikomme?" Er klang hoffnungsvoll und ein wenig glücklich.

„Fürs erste", antwortete Luhan nach einem Moment. „Ich habe dir versprochen dir auszuhelfen also halte ich mein Wort auch." Nur hatte Luhan gar keine Ahnung was er mit ihm tun sollte.

Sehun nickte ernst, als erwarte er einen großartigen Plan, der ihn von Luhan losreißen würde und ihn bereit für den Rest der Welt machte...ein Plan den Luhan nicht hatte. „Mh gehen wir ins Wohnzimmer." Noch mehr ernstes Nicken. „Ist es okay dass du hier bist?", setzte er fort. „Solltest du nicht bei deinen coolen Uni-Freunden sein und ein wenig die Sau rauslassen?"

„Wir haben heute Morgen ein paar Einführungen in die jeweiligen Fächer gehört aber das war das einzige was auf dem Programm stand." Er zögerte kurz. „Am Freitag gibt es eine Fachschafts-Party auf die ich wahrscheinlich hingehen möchte."

„Das klingt noch nicht allzu sicher." Luhan ließ sich in die Polster sinken und Sehun folgte einen Moment darauf. Heute trug er weite, ausgewaschene Jeans, die mal wieder rein gar nichts für seine Beine machten.

„Na ja Hyung wird wahrscheinlich dagegen sein, dass ich dorthin gehe. Ich bin noch nicht volljährig."

Luhan zuckte die Achseln. „Sag es Junmyeon nicht. Solche Partys sind wichtig für deinen sozialen Status."

Sehuns Brauen stiegen gleichzeitig vor Überraschung nach oben. „Ich dachte du wärst auch dagegen?"

Luhan zuckte die Achseln. „Übertreib es einfach nicht. Trink nicht zu viel und stell keinen Unsinn an, dann sollte schon nichts weiter dabei sein." Solche Tipps einem minderjährigen zu geben, der mit hoher Wahrscheinlichkeit noch nicht viel Ahnung vom Trinken und Feiern hatte, waren wohl so nutzlos, wie sie gutgemeint waren. Aber Luhan hatte es versucht.

Sehun fuhr sich mit den Handflächen über die Oberschenkel. „Okay, dann gehe ich."

„Falls Junmyeon fragt hast du keine Bestätigung von mir bekommen, klar?"

„Klar", versicherte Sehun und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Du bist wirklich cool weißt du?"

„Nicht wirklich", sagte Luhan. „Komm nicht wieder auf komische Gedanken."

„Das tue ich gar nicht."

Er sah ihn durch zusammengekniffene Augen an, beließ es aber dabei. „Also, um zur Sache zu kommen. Gibt es jemanden den du magst Sehun?" Sehun sah ihn an als hätte er ihm eine sehr dämliche Frage gestellt. Wahrscheinlich hatte er das. „Außer mir", korrigierte er nach einem Moment.

Sehun zuckte die Achseln. „Nein?"

„Niemanden?"

„Ist eine Person nicht genug?"

Luhan seufzte. Wieso war er so hartnäckig? „Manchmal nicht, in diesem Fall mit Sicherheit nicht."

„Ist das der Grund warum du Tinder hast obwohl du in Hyung verliebt bist?", fragte Sehun, während seine Finger sich in dem Stoff seiner Jeans verkrampften.

Luhan ließ ein paar Herzschläge verstreichen, unsicher ob er antworten sollte, bevor er es doch tat: „Junmyeon ist die Person, die ich liebe. Alle anderen sind die Leute, die ich ficke."

„Und das geht so in Ordnung für dich? Keine...keine Gefühle und alles?"

Luhan seufzte. „Sehun du bist wirklich so verdammt jung." ‚Und naiv', fügte er in Gedanken hinzu. „Man kann mit Leuten schlafen ohne Gefühle für sie zu besitzen. Manchmal reicht es sich einfach zu ihnen hingezogen zu fühlen oder sie attraktiv zu finden." Manchmal reichte sogar noch viel weniger als das.

Sehuns Finger lösten sich langsam aus seiner Jeans. „Dann findest du mich attraktiv?"

Luhan zog eine Grimasse. „Du schweifst ab."

Sehun lehnte sich ein Stück zu ihm herüber. „Ist das ein Ja oder Nein?"

„Das ist ein ‚ich hätte mit dir geschlafen, solange ich nicht gewusst habe das du erstens: Minderjährig und zweitens: Auch noch das kleine Brüderchen von Junmyeon bist." Er zeigte auf sein Gesicht. „Seitdem hat dein Gesicht in meinen Augen die Attraktivität einer ungeschälten, fleckigen, keimenden Kartoffel."

Sehun sank langsam zurück. „Du bist so fies."

Er tätschelte sein Knie. „Ich weiß, ich weiß. Nicht meine beste Eigenschaft aber ich kann mit mir leben."

„Ich mag dich trotzdem."

„Und schon sind wir wieder auf gefährlichem Untergrund. Ehrlich Sehun du musst dir das abgewöhnen. Öffne deine Augen für andere Leute."

Sehun grummelte irgendetwas dass Luhan nicht verstanden hatte aber er fragte nicht nach. „Also stell dir zumindest vor es gibt eine Person, die du magst", setzte Luhan fort. „Es gibt ein paar einfache Regeln zu beachten um diese Person für dich zu gewinnen." Luhan dachte angestrengt nach. „Sei du selbst. Das ist das wichtigste. Sich zu verstellen bringt niemandem etwas." Auf den Punkt war Luhan sogar ziemlich Stolz. „Außerdem musst du das Beste aus dir selbst herausholen. Sei so freundlich und zuvorkommend wie du kannst. Sei einfach dein bestes Ich ohne aus deiner eigenen Haut zu fahren. Du könntest zum Beispiel ein bisschen an deiner Kleiderwahl arbeiten", schlug Luhan vor. „Aber bleib dabei du selbst."

„Aber so bin ich."

„Dann sei ein bisschen anders."

Sehun sah ihn verwirrt an und Luhan musste zugeben, dass er nicht wirklich viel Sinn ergab. „Gut vergiss das mit der Kleidung, das war ein schlechtes Beispiel." Sehun sah an sich hinunter und nahm seine Unterlippe zwischen die Zähne. Luhan fühlte sich sofort schlecht. „Du musst nichts ändern Sehun! Schon vergessen? Der wichtigste Punkt ist dass du Du selbst bleibst."

„Und was wenn...das nicht genug ist?" Jetzt sah er wieder so unendlich traurig aus und Luhan erinnerte sich an eine Zeit als er sich dieselbe Frage immer und immer wieder gestellt hatte.

„Dann ist das nicht die richtige Person für dich", sagte Luhan sanft. „Du bist genug, in jeder Hinsicht, hast du verstanden? Du musst anderen Leuten nicht gefallen, nur um ihre Zuneigung damit zu gewinnen. Das solltest du niemals tun."

Sehun nickte nach einem Moment.

„Gut. Ich wollte dich nicht verunsichern aber ich bin froh dass du das verstanden hast."

Sehun dachte für eine ganze Weile nach, bevor er wieder den Mund öffnete. „Luhan?"

„Hm?"

„Würdest du mit mir einkaufen gehen?"

„Hast du mir gerade nicht zugehört?", fragte Luhan erschöpft. „Ich habe doch gesagt dass du dich nicht ändern musst."

Sehun zuckte die Achseln. „Nein das meine ich nicht. Es ist nur...mir ist aufgefallen dass ich vielleicht echt anfangen sollte meine eigene Kleidung zu kaufen?"

„Was?", fragte Luhan erstaunt. „Wie meinst du das?"

Er zuckte die Achseln. „Na ja ich hab mir nie viel aus Klamotten gemacht um ehrlich zu sein. Früher habe ich Hyungs alte Sachen angezogen und als ich zu groß für sie war, die Sachen meines Vaters. Alles passt nie so richtig aber für die Schule hatte ich ja meine Schuluniform also war das auch egal." Er blickte verlegen auf seine Hände hinunter. „Für unser Date habe ich mir Sachen von Jongin ausgeliehen."

Luhan war ein wenig erstaunt über seine Worte, weil er niemals wirklich gedacht hatte das Sehun sich schlecht kleidete – na ja vielleicht stimmte es wirklich, dass Sehun nicht immer vorteilhaft für seine Körperform angezogen war. „Ich weiß eigentlich auch nicht viel über Kleidung", gab er zu. „Aber ich komme mit dir, wenn dich das beruhigt."

Sehun strahlte ihn an. „Danke! Das würde mir bestimmt helfen!"

Und Luhan hatte das Gefühl dass er sich immer weiter und weiter in die ganze Sache hineinritt.

-

Es endete damit dass Luhan zwei Tage später nach seiner Frühschicht vor dem großen Einkaufszentrum in Itaewon stand und sich fragte, wieso genau, er dem kleinen Bruder von Junmyeon versprochen hatte ihn zum Einkaufen zu begleiten.

Sehun kam ein paar Minuten nach der verabredeten Zeit angerannt, mit roten Wangen und keuchendem Atem. Er beugte sich nach vorne als er vor Luhan schlitternd zu stehen kam und versuchte gleichzeitig zu Atem zu kommen und sich für seine Verspätung zu entschuldigen.

„Ich habe kaum vier Minute gewartet, kein Stress Sehun." Er steckte sein Telefon zurück in seine Hosentasche auf dem er bis dahin ein Spiel gespielt hatte, über das Baekhyun und Chanyeol gestern während ihrer Schicht gesprochen hatten. Er musste Sahnetörtchen mit Obst verzieren, bevor die Zeit ablief und sie ihm gegen den Bildschirm geschleudert wurden. Wenn er es nicht schaffte, endeten sie in einem Haufen Sahne und Teig. Luhan hatte mehr Spaß daran als er zugeben würde.

„Ich bin noch nicht vertraut mit dem ganzen U-Bahn System in Seoul. Das ist alles so kompliziert mit den Umsteigemöglichkeiten und Fahrrichtungen."

Luhan nickte. Richtig Sehun kam aus einer eher ländlichen Gegend und musste überwältigt von Seouls Größe sein. „Wie kommst du sonst zurecht? Seoul kann einem ganz schön in den Hintern beißen. Vor allem das Wetter im Winter ist eine Bitch."

Sehun kniff ein paar Mal die Augen zusammen, bevor er die Achseln zuckte. „Ich versuche mich schnell daran zu gewöhnen."

Sie gingen zu den Drehtüren des Haupteingangs, während Luhan vor vereisten Gehwegen im Winter warnte und aufbrechendem Asphalt im Sommer. Sehun sah sich mit großen Augen um, überwältigt von der Größe. Luhan fand ihn fast ein wenig niedlich.

„Okay. Wo willst du hin und was ist dein Budget?"

„Ich weiß nicht. Hyung hat mir seine Kreditkarte gegeben und gesagt ich soll mich nicht zurückhalten." Das klang ganz nach Junmyeon, fand Luhan.

„Okay gut dann tob dich aus."

Sehun sah Luhan an und fuhr mit den Augen seinen Körper entlang. Luhan trug einfache schwarze Hosen und ein denim button-up über einem weißen T-Shirt.

„Du siehst wirklich gut aus."

Luhan seufzte. „Ich kann dir zeigen, wo ich normalerweise einkaufen gehe und von dort aus können wir ja weitersehen."

Sehun nickte mehrfach und folgte Luhan zu den Rolltreppen. Das Einkaufszentrum hatte fünf Stockwerke, wobei der oberste Bereich nur von Restaurants und Cafés besetzt wurde. Luhan fuhr mit Sehun ins dritte Stockwerk und ging ihm voraus ins ‚Dive In' – eine amerikanische Modekette, die auch in Südkorea Fuß gefasst hatte. Das Geschäft bot Kleidung für beide Geschlechter an und war zweistöckig und damit nicht zu klein. Die Preise waren auch schwer in Ordnung und nur ein Ticken höher als H&M für eine, so fand Luhan, ziemlich gute Qualität.

Luhan steuerte die Herrenabteilung an und wandte sich dann wieder zu Sehun um. „Sieh dich um und nimm mit was dir gefällt."

Sehun zögerte kurz, dann setzte er sich langsam in Bewegung. Er ging durch die Reihen an Kleiderbügeln, zu den den Tischen mit gefalteten T-Shirts und Jeans und blieb eine Weile vor einer Schaufensterpuppe stehen, die an einem der Regale, mit Hüten und Schuhen, lehnte. Er hob ein Shirt unbeholfen hoch, betrachtete es und warf es sich über den Arm. Er sah so verloren aus, dass Luhan Mitleid mit ihm bekam.

„Du bist beinahe zwanzig Jahre alt und warst noch nie einkaufen?"

Sehun zuckte die Achseln. „Ich musste mir darum nie Gedanken machen. Manchmal war meine Mutter einkaufen und ich habe ihre Tüte getragen, dann hat sie meistens etwas für mich ausgesucht." Er biss sich auf die Unterlippe. „Das ist super peinlich", murmelte Sehun. „Ich hätte mit Jongin gehen sollen."

„Es ist nur ein bisschen peinlich", beschwichtige Luhan. „Und vor mir muss dir nichts peinlich sein. Du hast dich schon genug blamiert."

Sehun lief feuerrot an und Luhan bereute ein wenig so gemein zu ihm zu sein. Er klopfte ihm auf den Rücken. „Okay zeig her, du magst dieses Shirt?"

Er reichte es ihm ohne etwas zu sagen. Luhan zog es vor sich auseinander und sah dann wieder zu Sehun zurück. „Ist es dein persönlicher Stil deine Kleidung in Übergrößen zu tragen?" Sehun schüttelte den Kopf. „Dann ist dieses Shirt nichts für dich Sehunnie. Das ist in XXL und du bist wahrscheinlich eine S."

Luhan nahm Sehun nun praktisch an der Hand und lief noch einmal durch den ganzen Laden mit ihm. Er zeigte auf Shirts und Sehun nickte oder schüttelte den Kopf und mit der Zeit fing er schließlich an selbst nach Dingen zu greifen, hob sie hoch und fragte ihn ob sie ihm gefallen.

„Es ist deine Entscheidung."

„Ich will nur eine zweite Meinung."

„Na dann. Das rechte definitiv und das linke würde ich nicht mal mit einer Zange anfassen."

Sehun grinste. „In Ordnung."

Luhan war noch nie mit einem anderen Mann einkaufen gewesen, nicht einmal mit Minseok oder Junmyeon aber er hatte viele Freundinnen, die ihn gerne begleiteten und von denen er auch das ein oder andere gelernt hatte. Luhan hatte einen schlichten aber gut abgestimmten Kleidungsstil, wohl auch weil er auf der Arbeit immerzu ein Hemd und eine Fliege, manchmal auch ein Sakko oder eine Weste trug.

Sehun und Luhan hatten beide Arme voll als Sehun schließlich die gesamten zwei Stockwerke abgeklappert hatte und bereit dazu war alles anzuprobieren.

Das gute am ‚Dive In' war dass sie nicht angaben wie viele Kleidungsstücke man mit in die Kabinen nehmen durfte, deshalb ließ Luhan seinen Berg auf den kleinen Stuhl in der Kabine fallen, bevor er Sehun eintreten ließ. „Ich warte hier falls du mich brauchst."

„Okay." Luhan ging zu der Couch gegenüber und ließ sich darauf fallen. Außer ihnen stand noch ein Mädchen, vor einer Umkleidekabine – wahrscheinlich um ihren Freund zu beraten, eine Mutter mit ihrem Teenagersohn und zwei andere Kabinen waren ebenfalls besetzt, wahrscheinlich hatten sie keine Begleitung.

Luhan stützte das Kinn auf seine Handballen und den Ellbogen auf den Knien ab, während er wartete. Der Vorhang schwang auf und Sehun trat mit unsicherem Blick heraus. „Sieht das gut aus?"

Es war ein einfaches schwarzes Shirt mit einem V-Ausschnitt, der nicht sonderlich tief ging. Das Shirt lag ihm jedoch enger an, als das was er heute oder die letzten Male getragen hatte. Er versank darin nicht und seine schmale Statur kam gut zur Geltung. „Was denkst du?", fragte Luhan statt zu antworten. „Gefällt es dir?"

„Ich denke schon aber ich bin mir nicht ganz sicher."

Luhan lachte leise. „Es sieht gut aus Sehunnie. Ehrlich."

Das ganze wiederholte sich ein paar Mal mit unterschiedlichen Shirts und ein paar Hosen – Hosen die ihm endlich richtig passten und nicht krumm auf seinen Hüften saßen und seine Beine verschluckten. Luhan war schwer zufrieden mit dem Stand der Dinge. Sehun schien ein Auge dafür zu entwickeln, was ihm an sich selbst gefiel und was er eher nicht anziehen würde. Luhan hätte niemals gedacht, dass er einem Teenager jemals die Kunst des Einkaufens beibringen müsste aber er war sehr stolz auf seine Leistung.

„Luhan?"

„Hm?"

„Könntest du kurz reinkommen?"

Luhan stand auf und ging zur Umkleide herüber. „Was ist? Sieht es so schlimm aus dass du dich nicht traust herauszukommen?" Luhan zog den Vorhang beiseite um zu Sehun zu schlüpfen und betrachtete den anderen. Er trug dunkelblaue Jeanshosen mit Fransen und Löchern an den Knien und das Shirt dass er Luhan vorhin auswählen ließ. Die Kombination sah ziemlich gut an ihm aus.

„Und?"

„Und was?", fragte Luhan.

Sehun seufzte und trat einen Schritt auf Luhan zu. Die Kabine war nicht groß genug für zwei ausgewachsene Männer und es bedurfte nur einen halben Schritt zurück, bis Luhans Rücken den Spiegel traf. Sehun stand dicht vor ihm.

„Sieht es gut aus?"

„Wieso fragst du mich das? Das musst du selbst wissen."

„Ist es nicht normal, dass man der Person gefallen möchte, die man mag?" Er grinste auf ihn hinunter und Luhan spürte Sehuns Atem bei jedem Ausatmen über seine Wange streichen. Er hob einen Arm an und stützte den Unterarm gegen den Spiegel neben Luhans Kopf ab, plötzlich noch so viel näher.

Luhan seufzte. „Es steht dir wirklich sehr gut Sehun." Er tätschelte seine Wange. „Passt super zu deinem Kartoffel-Gesicht."

Sehun, der den Atem angehalten hatte als Luhan die Hand gehoben hatte, ließ alle Luft aus seinen Lungen entweichen. „Fies. Ich sehe immer noch aus wie eine Kartoffel?"

„Jap."

„Selbst in den neuen Klamotten?"

„Das ändert nichts an deinem Gesicht."

Sehun ließ die Schultern sinken. „Verdammt auch."

Luhan schüttelte den Kopf, mehr amüsiert als angepisst über Sehuns Anmachversuch. Vielleicht gewöhnte sich Luhan langsam daran oder er nahm alles einfach ein bisschen weniger ernst.

-

Sehun kaufte seine gesamte Garderobe neu, inklusive einem neuen Rucksack für die Uni und einem Paar neuer Sneakers, weil er sie im Vorbeigehen gesehen hatte und wie festgefroren vor dem Schaufenster stehengeblieben war und sie – er machte keine Scherze – geschlagene zwei Minuten lang angestarrt hatte.

Es war spät geworden und Luhan war müde von seiner Arbeit am Morgen und den vielen Stunden, die sie jetzt schon im Einkaufszentrum verbracht hatten. Er schlug also vor erst noch etwas essen zu gehen und eine Pause zu machen, bevor sie nachhause gingen. Sehun sah weder müde noch erschöpft aus, was Luhan ihm ein klein wenig verübelte (nur weil Luhan eifersüchtig darauf war).

Sie bestellten Fastfood, weil das am schnellsten ging und balancierten Tablets und Einkaufstüten sicher zu einem kleinen Tisch herüber. Luhan ließ sich geschafft in den Stuhl sinken und griff sogleich nach ein paar Pommes, die er sich unzeremoniell in den Mund schob.

„Dafür dass du in Hyungs Restaurant arbeitest, isst du sonst nicht wirklich etwas Hausgemachtes oder?"

Luhan zeigte mit einer neuen Pommes auf Sehun. „Denkst du ernsthaft ich mache mir auch nur die Mühe selbst zu kochen, wenn ich mich stattdessen von Kyungsoo oder Minseok verwöhnen lassen kann?"

Sehun zuckte die Achseln. „Aber du arbeitest ja nicht jeden Tag."

Luhan kochte nicht gerne. Er hasste es wenn Öl in alle Richtungen spritzte und ihm die Arme verbrannte oder Wasser überschäumte und die ganze Herdplatte verbrannte. Er hatte sich längst damit abgefunden, dass die Küche in seiner Wohnung größtenteils zur Dekoration diente. „Selbst wenn ich für mich selbst kochen würde", sagte Luhan zu Sehun. „Würde es niemals so gut wie im Restaurant schmecken also gebe ich mir gar nicht erst die Mühe." Er klopfte sich die Hände von überschüssigem Salz ab und packte seinen Burger aus. „Dann kann ich auch gleich so etwas essen. Minseok achtet schon darauf dass ich noch in meine Arbeitskleidung passe."

Sehun trank einen Schluck aus seiner Cola. Luhan bemerkte dass er am Strohhalm kaute und wusste nicht wieso ihn das überhaupt überraschte. „Ich würde dich auch mögen wenn du nicht mehr in deine Arbeitskleidung passt."

„Weißt du Sehun diese ganze Sache hier hat doch eigentlich den Zweck dass du aufhörst mir die ganze Zeit zu sagen, dass du mich magst, nicht wahr? Ich denke du verfehlst das Ziel."

Sehun schmollte – er SCHMOLLTE! - Luhan würde ihm eines Tages seine verdammte Unterlippe abreißen.

„Danke dass du mit mir gekommen bist", sagte Sehun dann. „Du hast mir sehr geholfen."

Luhan hatte den Mund voll mit Pommes und Burger, sagte Sehun jedoch trotzdem, dass es nicht der Rede wert war. Wahrscheinlich hatte Sehun kein Wort verstanden aber er lächelte trotzdem still in sich hinein und biss ein Stück seiner Pommes ab.

Donnerstagnachmittag, direkt nach Luhans Schichtbeginn, sah er Sehun zum ersten Mal in einem seiner neuen Outfits, denn er belegte einen Tisch in der Ecke des Raumes, bestellte bei Chanyeol ein Glas Fanta und blieb anschließend geschlagene drei Stunden dort sitzen ohne irgendetwas zu tun.

Luhan hatte angestrengt versucht ihn zu ignorieren, während er seine Gäste bediente und freundlich lächelte. Jetzt jedoch, da sich das Restaurant ein wenig leerte ging er zu Sehun herüber.

„Wie lange willst du noch hier sitzen?"

Sehun lächelte zu ihm auf. „Ich hatte nichts zu tun."

„Und dann setzt du dich in ein Piekfeines Restaurant, bestellst eine Fanta und machst gar nichts?", fragte er mit erhobener Augenbraue. „Wenn du meinetwegen hier bist dann werde ich dich auf der Stelle hier herauswerfen. Das habe ich dir beim letzten Mal geschworen."

„Ich bin nicht wegen dir hier", sagte Sehun schnell und es war so offensichtlich dass er log, dass Luhan sich beherrschen musste sich nicht mit der Hand übers eigene Gesicht zu klatschen. „Ich hatte wirklich nur ein wenig Zeit."

„Wenn du wirklich hier sein willst dann geh in den Privaten Bereich. Neben Junmyeons Büro ist ein leeres Zimmer. Du kannst dorthin gehen und tun und lassen was du willst." Junmyeon empfing dort für gewöhnlich Gäste, die das Restaurant für einen Abend, wegen einer Hochzeit oder einer Feier, mieten wollten oder Vertreter irgendeiner Firma, die ihren neuen Wein an ihn verkaufen wollten. Das Zimmer war dementsprechend komplett eingerichtet und nicht ungemütlich.

Sehuns Schultern sackten hinunter. „Aber dann sehe ich dich gar nicht mehr." Sein Blick glitt zu der Schütze um Luhans Hüfte hinunter. „Du siehst wirklich gut darin aus."

Luhan lächelte ihn sehr freundlich an. „Ich werde dich jetzt zur Tür begleiten."

„Du kannst mich nicht rauswerfen", stritt Sehun.

„Willst du wirklich darauf wetten?"

„Nicht wirklich", murmelte Sehun.

Luhan seufzte. „Du solltest wirklich nicht einfach alleine hier herumsitzen, okay? Die Leute könnten sich wundern." Und er wollte um jeden Preis vermeiden, dass seine Kollegen, gar Junmyeon, sich über Sehun Gedanken machten und eventuell auch anfingen sich zu wundern, weshalb er hier einfach nur herumsaß. „Außerdem: Hatten wir nicht abgemacht dass du aufhörst mir hinterher zu schmachten?"

Sehun verzog das Gesicht. „Vielleicht."

Luhan würde wahrscheinlich niemals verstehen können wieso Sehun so verdammt Stur und eingefahren auf ihn war. Luhan hatte ihm bestimmt nicht nur seine besten Seiten gezeigt. Er fragte sich ob er ihm jemals seine guten Seiten gezeigt hatte.

„Willst du noch etwas essen, bevor du gehst?", fragte Luhan um das Gespräch wieder auf die richtige Bahn zu bringen.

„Isst du mit mir?"

Luhan gab sich geschlagen. Mit Sehun endete es irgendwie immer, dass er sich schließlich geschlagen gab. „In Ordnung." Er hatte noch keine Pause gemacht und Chanyeol hatte bereits vorhin gegessen als konnte sich Luhan erlauben ein wenig zurückzutreten. Das Restaurant war zudem nicht sonderlich voll.

Sehun strahlte auf und griff nach seinem Rucksack um Luhan in die Küche zu folgen. Kyungsoo machte ihnen zwei schnelle Teller Trüffel-Risotto und Luhan, der normalerweise immer in der Küche aß, bedeutete Sehun ihm zu folgen. Junmyeon war heute außer Haus (was Donnerstage nicht gerade zu Luhans Lieblingstagen machte) und damit war auch der Raum neben Junmyeons Büro mit Sicherheit nicht besetzt.

„Komm in Zukunft hierher wenn du dich unbedingt im Restaurant herumtreiben willst", sagte Luhan und schloss die Tür hinter ihnen. „Am besten aber du bleibst einfach in der Uni." Er ließ sich auf die Couch vor dem kleinen Abstelltisch nieder und Sehun nahm die andere, ihm gegenüber. „Apropos, morgen ist doch die Party von der du erzählt hast nicht wahr?"

Sehun nickte, wahrscheinlich zu gut erzogen um mit vollem Mund zu sprechen.

„Und gehst du hin?"

„Ich denke schon."

„Sehr schön. Weiß Junmyeon Bescheid?"

Kopfschütteln. „Er denkt ich übernachte einfach nur bei Jongin."

„Vielleicht ist das auch ganz gut so." Junmyeon war in konstanter Sorgenstimmung um seinen kleinen Bruder und Luhan wollte wirklich nicht, dass er noch mehr Grund dazu hatte. „Du lernst dort bestimmt nette Leute kennen."

„Mhm."

„Schlepp jemanden ab", grinste Luhan. „Das gehört zu einer guten Uni-Fete dazu."

Sehun verzog den Mund ein klein wenig. „Ich denke nicht-"

„Versuch es zumindest, mach Erfahrungen weißt du? Du musst ja nicht gleich mit jedem in die Kiste steigen aber geh auf Leute zu, tauscht ein wenig Körperflüssigkeit aus, solche Dinge."

Sehun legte seinen Teller auf dem Tischchen vor sich ab. „Du bist wirklich kein Vorbild, weißt du das?"

Das wusste Luhan und er hatte es niemals angezweifelt. „Ich erzähle dir hier von der Realität, solche Dinge geschehen bilde dir nicht etwas anderes ein." Er zuckte die Achseln. „Du bist jung das ist alles ganz normal. Leb ein bisschen."

„Gut", sagte Sehun und vielleicht hatte sich Luhan den trotzigen Ton in seiner Stimme nur eingebildet aber er bezweifelte es.

Luhan leerte seinen Teller und stand dann auf. „Iss auf und geh nachhause Sehun. Junmyeon arbeitet heute nicht und er freut sich bestimmt darüber ein wenig Zeit mit dir zu verbringen." Er wandte sich zur Tür, drehte sich jedoch noch einmal zu ihm um, als er die Hand schon auf die Türklinke gelegt hatte. „Und noch eine Sache Sehun. Ich habe dir meine Handynummer nicht gegeben, damit du mir Guten Morgen und Gute Nacht wünschen kannst."

Sehun seufzte. „Ja schon klar."

„Komm gut nachhause Sehunnie", sagte Luhan mit einem Lachen in der Stimme, bevor er Sehun alleine ließ.

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Ich habe keine Erfahrung mit Tinder oder so also weiß ich nicht wie die App genau funktioniert und ob man die Nummer seines 'Dates' nicht automatisch bekommt usw. also sollte irgendetwas abweichen gehen wir einfach davon aus, dass Tinder fiktiv ist und so funktioniert wie ich hier beschreibe ;D

Ich hoffe ihr mochtet dieses Kapitel und seid gespannt auf das nächste. (Nächstes Kapitel wird lustig!) :D

Liebe Grüße
Cherry

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