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Luhan wich langsam zur Seite, während Junmyeon ‚Sehunnie' fragte was er hier tat und wieso er noch nicht schlief und ihm mit der Hand immer wieder Fussel von den Kleidern strich. Luhan müsste einfach hinter die Theke kommen, bevor Sehun ihn bemerkte, dann könnte er sich in Sicherheit bringen und in Ruhe über seine nächsten Schritte nachgrübeln. Er könnte das Land verlassen oder nach Jeju ziehen und dort auf einem Fischerboot aushelfen. Er könnte sich auch einfach vergraben gehen. Wenn Junmyeon von der Sache Wind bekäme...Luhan wollte sich wirklich nicht vorstellen was Junmyeon mit ihm anstellen würde.

Er drehte sich schnell um und machte sich möglichst klein und unauffällig während er zur Theke ging. Sicherheit und ihn trennten nur noch wenige Schritte, bevor Junmyeon nach ihm rief. Luhan wollte wirklich, wirklich dringend im Boden versinken.

„Luhan?"

Er hatte zwei Mal gerufen, Luhan konnte ihn wirklich nicht ohne guten Grund auch noch ein drittes Mal ignorieren. Er wandte sich langsam um, mit einem Lächeln auf den Lippen von dem seine Wangen schmerzten. „Ja?"

Junmyeon hatte Sehun am Arm ergriffen und kam auf ihn zu. Luhan hatte alle Mühe nicht los zu quietschen, wie die Highschool Mädchen in den Shoujo-Manga, die seine Schulfreundin Minzi so gerne las.

„Luhan erinnerst du dich an meinen kleinen Bruder Sehunnie?"

Luhans Augen wanderten von Junmyeon langsam zu Sehun, der ihm unverhohlen ins Gesicht sah. Luhan wich unweigerlich einen Schritt zurück und wäre über seine eigenen verräterischen Füße gestolpert, wenn Junmyeon ihn nicht am Unterarm gepackt hätte.

Er lachte, sein übliches wundervolles Junmyeon-Lachen. „Was ist mir dir? Bist du in Ordnung?"

„J-ja", versicherte Luhan schnell. „Er...es ist nur", er räusperte sich und zwang sein Gehirn dazu schneller zu arbeiten. „Er hat sich so verändert." Und das hatte er. ‚Sehunnie' war zuletzt für die Eröffnung von Junmyeons Restaurant in Seoul gewesen. Damals hatte Junmyeon sie zum ersten Mal einander vorgestellt aber der Junge vor ihm ähnelte in keiner Weise dem kleinen, dünnen Jungen mit den dicken, schmutzigen Brillengläsern, an den Luhan sich erinnern konnte. „D-das muss wohl die Pubertät gewesen sein", sagte er und wandte den Blick schnell von Sehun ab. „Du hast dich wirklich gemacht Sehun."

„Nicht wahr?", strahlte Junmyeon. „Er ist so gutaussehend geworden! Ich hätte nie gedacht dass er mal größer sein wird als ich, ich bin immer wieder eifersüchtig wenn ich ihn sehe."

Luhan lächelte nur und wünschte sich jemand würde ihm endlich den Gnadenstoß geben.

„Du hast dich nicht verändert", sagte Sehun und seine Stimme brachte Luhan zum Zusammenzucken.

„Was? Was willst du damit sagen?" Er lachte angestrengt. „Nicht verändert? Haha. Was soll das denn bedeuten?"

„Von vor drei Jahren meine ich." Sehuns Augen funkelten als Luhan ihn wieder ansah. Luhans Herz pochte panisch gegen seinen Brustkorb.

„Ich wollte Jongdae noch ein wenig mehr über den Innenraum erklären, jetzt da alle Gäste weg sind und dann können wir zusammen dicht machen." Er blickte ‚Sehunnie' entschuldigend an. „Das könnte eine Weile dauern, tut mir leid."

„Kein Problem Hyung. Ich warte gern."

Junmyeon klopfte seinem kleinen Bruder erneut auf den Rücken, bevor er sich Luhan zuwandte. „Könntest du ihn in die Küche bringen? Kyungsoo und Minseok haben bestimmt etwas für ihn." Sehun verzog das Gesicht darüber wie ein Kind behandelt zu werden aber Luhan war zu sehr damit beschäftigt eine kleine Panikattacke zu bekommen als das wirklich zu bemerken.

„Ich?"

Junmyeon lächelte ihn warm an und wandte sich dann ab um wieder zu Jongdae zu gehen. Luhan sah langsam wieder zu Sehun, der ihn noch immer ansah. Er biss die Zähne fest aufeinander. „Es ist...wirklich lange her Sehunnie."

„Na ja", antwortete Sehun leise.

Luhan spürte wie etwas in seinem Inneren überkochte. Er ergriff Sehuns schmales Handgelenk mit mehr Kraft als nötig und lächelte ihn breit an. „Komm ich zeige dir unsere Küche."

Luhan brachte Sehun in den hinteren Bereich und vorbei an der Küchentür, wo Minseok und Kyungsoo gerade aufräumten. Er ging ein Stockwerk tiefer mit ihm und riss die Tür zur Umkleidekabine auf, bevor er ihn hineinzog. Die Tür fiel hinter Luhan zu, während Sehun sich umblickte. „Das ist nicht die Küche", sagte er sanft.

Luhan explodierte. „WAS ZUR HÖLLE?" Er packte Sehun am Hemdkragen und zog ihn zu sich heran. „Du bist Junmyeons kleiner Bruder! Du verfluchter Mistkerl hast mich angelogen! Du bist...oh Gott DU BIST JUNMYEONS KLEINER BRUDER!"

Sehun war leicht zusammengezuckt und blickte nun verlegen zu Boden. „Entschuldige ich wollte dich nicht anlügen."

„Anlügen?! Hier geht es nicht mehr nur um eine dumme Lüge!! Du hättest mir sagen müssen wer du bist! Ich hätte dich niemals - NIEMALS – auch nur angerührt wenn ich es gewusst hätte. Oh Gott." Er stolperte zurück und fuhr sich mit einer Hand durch die Haare. „Was sollte das alles? Wieso hast du mir nicht gesagt, dass wir uns kennen?"

Sehun ließ die Schultern hängen. „Weil ich dich mag."

„Red' keinen Unsinn", fuhr er ihn an. „Du bist nicht nur Minderjährig sondern so Tabu, wie meine eigene kleine Schwester! Oh Gott Junmyeon wird mir das niemals verzeihen."

„Ich hatte nicht vor Hyung etwas zu sagen", murmelte Sehun.

Luhan nickte. „Sehr gut, jetzt sprechen wir dieselbe Sprache. Du wirst Junmyeon niemals etwas davon erzählen, hast du mich verstanden? Und du sagst nie wieder dass du mich magst, klar? Ich meine das ernst Sehun, ich breche dir alle Knochen wenn das rauskommt."

Sehun schob seine Unterlippe nach vorne, was Luhan nur wieder zum Rasen brachte. Wie kann er nur die ganze Zeit SCHMOLLEN?

„Das kannst du nicht von mir verlangen", sagte er trotzig. „Ich kann nicht einfach aufhören dich zu mögen."

Luhan ballte die Hände zu Fäusten. „Nein? Soll ich dir dabei behilflich sein?"

Sehun wandte das Gesicht ab. „Du bist so fies."

„Ja okay! Ja so ist es! Ich bin fies und du bist verflucht noch einmal minderjährig und der kleine Bruder von Junmyeon." Er funkelte ihn an. „Also vergessen wir einfach beide, dass wir uns diesen Samstag überhaupt über den Weg gelaufen sind und sprechen niemals wieder darüber. Am besten wir sprechen überhaupt nicht mehr miteinander." Er atmete tief aus. „Gut dass wir das geklärt haben."

Luhan wollte sich gerade abwenden und schnell verschwinden, bevor Junmyeon bemerkte das sein kleiner Bruder und Luhan gar nicht in der Küche waren, als Sehun etwas sagte das ihn innehalten ließ.

„Was?", fragte er und wandte sich wieder zu ihm.

„Nein."

„Nein?"

„Nein", bestätigte Sehun. „Ich will nicht dass wir so tun als wäre Samstagabend nicht geschehen und ich will auch nicht dass du nicht mehr mit mir sprichst."

Luhan ermahnte sich dazu Ruhe zu bewahren. „Weißt du, das ist wirklich nichts über das sich verhandeln lässt."

„Dann-" Sehun atmete tief ein. „Ist es okay für dich wenn ich Junmyeon davon erzähle?"

Luhan spürte wie alles um ihn herum plötzlich sehr dumpf und ruhig wurde. „Du kleiner Mistkerl", flüsterte er.

Sehun sah zu Boden. „Tut mir Leid."

„Du willst mich erpressen?"

Sehun zögerte, dann nickte er. „Ja ich denke schon."

„Weißt du was? Mir egal! Dann erzähl Junmyeon eben alles, ich lasse mich doch nicht von einem Kind erpressen!" Nur meinte Luhan seine Worte nicht ernst. Seine Knie zitterten und seine Kehle fühlte sich an, wie zusammengepresst. Er wollte nicht dass Junmyeon davon erfuhr, er würde es nicht ertragen wenn er Luhan mit Abscheu ansah.

Sehun nickte. „Okay."

Er kam auf ihn zu aber Luhan wich keinen Schritt von der Tür zurück. „Können wir nicht...noch einmal darüber reden? Komm schon Sehun", bat er mit brechender Stimme. „Das kann nicht dein ernst sein."

Sehun blieb direkt vor ihm stehen, Luhan drückte sich unweigerlich etwas fester gegen das Holz in seinem Rücken. „Geh mit mir aus."

„Was?"

„Geh mit mir aus und ich schwöre dann werde ich Junmyeon niemals ein Wort davon erzählen. Versprochen."

„Ich KANN nicht mit dir ausgehen", zischte Luhan. „Zum Teufel auch, du bist Junmyeons kleiner Bruder!" Außerdem wäre es unklug genau das zu tun, was er vor Junmyeon verheimlichen wollte.

„Ich will dich nur kennenlernen", setzte Sehun unbeirrt fort. „Mehr nicht."

Luhans Kopf drehte sich. „Wie lange?", entkam es ihm schließlich so leise, wie jemand der kläglich eine Niederlage einräumen musste.

Sehuns Gesicht strahlte auf. „Ich weiß nicht."

Luhan funkelte ihn wütend an. „Das ist bescheuert."

Sehun sah verlegen aus. „Gut nicht lange."

„Das ist immer noch verdammt vage."

Er zuckte strahlend die Achseln und Luhan harrte noch einen Moment aus, bevor er schließlich seufzend nachgab. Er würde Sehun schon schnell loswerden. Er war gut darin Leuten seine schlechtesten Seiten zu zeigen und selbst Sehun würde dann akzeptieren müssen, dass Luhan nichts für ihn war.

„Eine Bedingung", erhob Luhan. „Nicht vor Junmyeon und niemals im Restaurant. Wenn ich auch nur das Gefühl habe, dass du mich ansiehst, dann schmeiße ich dich hier mit einem Tritt in deinen Allerwertesten raus. Wir treffen uns ein paar Mal auf ein Eis oder was auch immer Kinder in deinem Alter machen und dann begraben wir die Sache unter viel Zement. Verstanden?"

Sehun sah bedrückt aus und fuhr demonstrativ mit den Augen über seinen Körper. „Aber du siehst so gut aus in einer Schürze."

Luhan stöhnte auf und hoffte das das eine gute Idee gewesen war.

Als Luhan und Sehun schließlich in die Küche gingen, ihren miserablen Deal mit einem Strahlen von Sehun und einem gepeinigten Seufzen auf Luhans Seite besiegelt, stellte Luhan Sehun mit hängenden Schultern vor.

Minseok blinzelte mehrfach, griff dann nach einem Handtuch und trocknete sich daran die Hände ab. „Du bist Junmyeons Sehunnie? Oh wow was ist mit dir passiert?" Er grinste ihn an. „Du warst damals noch so klein!"

Sehun kratzte sich verlegen über den Nacken. „Ich bin ein bisschen gewachsen."

„Wie alt warst du damals noch mal?"

„Sechzehn."

Minseok formte ein rundes O mit den Lippen. „Erst süße Sechzehn! Dann bist du mittlerweile was? Neunzehn?"

Sehun warf Luhan einen schnellen Blick zu, bevor er nickte. „Fast zwanzig."

„Ich kann es immer noch kaum glauben, wo hast du deine Brille gelassen?"

„Ich trage jetzt Kontaktlinsen, es sieht ein bisschen...besser aus."

Minseok klopfte ihm freundschaftlich auf den Rücken und zeigte auf Kyungsoo und Baekhyun. „Die beiden kennst du noch nicht. Kyungsoo ist Koch und meine rechte Hand und der Typ dort, der sich mit Heidelbeerkuchen vollstopft, das ist Baekhyun." Baekhyun äußerte einen Gruß mit vollem Mund, woraufhin Kyungsoo ihm einen angeekelten Blick zu warf.

„Freut mich sehr euch kennenzulernen."

„Ebenso", sagte Kyungsoo freundlich. „Wobei ich das Gefühl habe dich bereits gut zu kennen. Junmyeon redet ständig über seinen ‚Sehunnie.'"

Minseok lachte bestätigend. „Komm probier' ein paar Desserts, Kyungsoo und ich haben ein bisschen herumgespielt." Er wandte sich zu Luhan um. „Wieso stehst du da so rum?"

Luhan erwachte aus seiner Starre und ließ sich von Minseok an den Schultern zu Baekhyun herüber schieben. Mindestens zwanzig verschiedene kleine Törtchen und Cremes standen auf kleinen Tellern und Schälchen vor ihnen. Der Anblick war so bunt und schön angerichtet, dass Luhan für eine Sekunde vergaß, dass er beinahe mit Junmyeons kleinem Bruder geschlafen hatte.

„Ihr seid Genies, das sieht genial aus!"

„Schmeckt auch", sagte Baekhyun, noch immer mit vollem Mund. „Probiert das da!" Er zeigte auf ein Himbeeren Parfait auf dem dünne Platten weißer Schokolade lagen.

Minseok schob Luhan einen kleinen Teller mit einem Stück Schokoladenkuchen zu. „Das wird dir eher gefallen. Das ist Trüffel Schokolade mit Cranberry-Rum."

„Deshalb sollten wir heiraten", sagte er zu Minseok und griff nach einer Gabel um sich ein Stück abzubrechen. Sehun stand auf der anderen Seite des Tisches, neben Kyungsoo und beobachtete ihn dabei.

„Nicht bei deinem schlechten Geschmack was Fußballmannschaften angeht. Sehun sei nicht schüchtern, such' dir auch was aus. Ich weiß nicht was du magst aber ich denke wir haben von allem etwas da." Sehun wandte den Blick von Luhan ab und griff nach einem Obsttörtchen in einem Mürbeteigförmchen mit Macadamianuss-Pudding.

„Und?", fragte Minseok. Luhan nickte anerkennend.

„Mach das auf die Karte. Tatsächlich nimm alles andere einfach runter. Wir servieren nur noch Schokoladenkuchen aus Trüffel Schokolade. Zumindest ist das von nun an die einzige Empfehlung, die ich noch an meine Gäste weitergeben werde."

„Aber das Himbeer-Parfait!", beschwerte sich Baekhyun – noch immer mit vollem Mund.

„Das hier ist auch ziemlich gut", meldete sich Sehun zu Wort.

Minseok grinste breit, zufrieden über all das Lob. Minseok war Koch aus Leidenschaft geworden und er steckte viel Mühe und Arbeit in jedes seiner Gerichte. „Wir lassen Junmyeon entscheiden." Er wandte sich wieder Sehun zu. „Also du fängst an hier zu studieren, nicht wahr?" Sehun nickte. „Was genau?"

Luhan fragte sich für einen Moment, woher Minseok das wusste, bevor er sich daran erinnerte dass Junmyeon ihnen davon erzählt hatte – Luhan hatte währenddessen seine Lippen angestarrt und sich gewundert, ob er den Fleck Tomatensauce an seinem Mundwinkeln mit der Zunge entfernen durfte. Er hatte es nicht getan als Minseok ihm unterm Tisch mit dem Fuß gegen das Schienbein getreten hatte.

„BWL", antwortete Sehun auf Minseoks Frage. „In Fachrichtung Gastronomie und Hotelmanagement."

„Oh du trittst also ganz in Junmyeons Fußstapfen?"

Sehun nickte wieder. „Hyung hat nur gutes darüber erzählt und meine Familie betreibt ein paar kleine Ferienhäuser in Chungcheongbuk-do um den Songnisan Nationalpark herum."

Junmyeon hatte ihnen von den Bergen und den Tempeln um Chungcheongbuk-do erzählt und wie sauber die Luft und ruhig die Abende dort waren. Es zog jährlich etliche Touristen und Wanderer dorthin. Junmyeon hatte oft beteuert, dass es eine der schwersten Entscheidungen seines Lebens gewesen war sich für die Großstadt Seoul und gegen das friedliche Leben in Chungcheongbuk-do zu entscheiden.

„Und du wirst bei Junmyeon einziehen?"

Sehuns Augen folgten Baekhyun als er sich einen neuen Teller mit einem Törtchen heranzog. „Richtig. Eigentlich wollten meine Eltern dass ich ins Wohnheim ziehe weil", er sah auf, während seine Wangen rot wurden. „Na ja, sie wollen das Hyung heiratet und solche Sachen." Minseok grinste über seinen verlegenen Gesichtsausdruck. „Aber Hyung hat versprochen, dass das kein Problem sein wird und seine Wohnung ist in der Nähe von der Uni und groß genug für uns beide."

„Ich denke Junmyeon freut sich mehr darauf dich jetzt bei sich zu haben als du dir vorstellen kannst Sehun. Er kaut uns wirklich die ganze Zeit die Ohren über dich ab."

Sehun sah Luhan an. „Das kommt mir bekannt vor."

Luhan spürte den Zuckerrausch in seinem System und ließ den Teller in seiner Hand sinken. Er verengte die Augen, bis Sehun von ihm fort sah.

„Ich hoffe ihr quetscht Sehunnie nicht zu sehr aus?" Sie blickten zu Junmyeon hinüber, der gerade mit Jongdae den Raum betrat. „Luhan und Minseok sind gut in solchen Dingen."

„Aw Mist wir hatten noch keine Gelegenheit ihn zu fragen, ob er eine feste Freundin hat." Minseok zwinkerte Sehun zu. „Und?"

„Was?"

Junmyeon lachte über den überwältigten Ausdruck auf dem Gesicht seines Bruders. „Er ärgert dich nur Sehunnie."

„Aw keine Person, die du magst?"

„Doch", antwortete Sehun leise und sah Luhan dabei flüchtig an. Luhan entschied dass dies ein guter Moment war, um an der Luft in seinen Lungen zu ersticken.

„Woah Luhan alles klar?", fragte Baekhyun überrascht und klopfte ihm auf den Rücken. Luhan winkte mit Tränen in den Augen ab und nahm das Wasserglas entgegen das Junmyeon – segne ihn – ihm geholt hatte.

„Also", setzte Minseok wieder an, sobald Luhan das Glas auf einen Zug geleert hatte.

„Wir sollten ihn in Ruhe lassen", sagte Kyungsoo mit ruhiger Stimme. Er hatte bisher nur still dabei gestanden und ihre Reaktionen beim Essen seiner Törtchen beobachtet. Kyungsoo war Koch geworden, weil er das Talent dazu hatte. Er war perfektionistisch und achtete akribisch auf Details und Ordnung in seiner Küche.

„Ich wusste nicht dass es eine Person gibt, die du magst", murmelte Junmyeon und betrachtete Sehun für einen Moment, bevor er das Thema fallen ließ. Yixing Chanyeol und Jisoo schlenderten daraufhin ebenfalls in die Küche, um Desserts zu probieren und Sehun kennenzulernen.

Junmyeon stellte sich neben Luhan als die anderen sich ebenfalls um den Tisch versammelten. Ihre Ellbogen berührten sich.

Luhan nahm seinen Teller in die Handfläche und zeigte mit der Gabel auf seinen Schokoladen Kuchen. „Den sollten wir auf die Karte nehmen", sagte er. „Ich bin mir sicher er wird sich gut verkaufen."

Junmyeon legte den Kopf schräg und öffnete den Mund leicht. Luhan brach ein Stück für ihn ab (die Gabel versank ganz einfach durch die vielen Kuchenschichten) und führte sie ihm vor den Mund damit Junmyeon probieren konnte. Seine Lippen schlossen sich um die Gabel und Luhan konnte nicht anders als der Bewegung seiner Lippen zu folgen als sie über das Metall strichen. Ihm wurde schrecklich warm, als er bemerkte dass Junmyeon ihn dabei beobachtet hatte, wie er ihn beobachtete.

Minseok räusperte sich, was Luhans Stichwort war, um sich von Junmyeons Anblick loszureißen. Er legte den Teller ab.

„Luhan hat Recht", sagte Junmyeon und klang nur eine Spur amüsiert. „Den sollten wir auf jeden Fall auf die Karte nehmen."

„Notiert Chef", sagte Minseok und ging zu seinem Papierblock herüber. Kyungsoo schob Junmyeon anschließend noch ein paar mehr Törtchen zu, die er persönlich empfehlen würde. Junmyeon probierte von allen ein kleines Stück und sie anderen verputzten den Rest. Zum Schluss hatten Minseok und Kyungsoo eine Liste mit neuen Desserts und sie anderen einen Zuckerrausch, der ihnen dabei half das Restaurant in Rekordzeit sauber zu machen.

Luhan dachte noch immer an den kurzen Moment in der Küche als er Junmyeon mit Kuchen gefüttert hatte und versuchte angestrengt nicht zu breit über die Erinnerung zu grinsen, während er mit dem Besen den Gastbereich fegte. Sehun saß an der Theke und ließ sich von Chanyeol irgendetwas über verschiedene Scotch Sorten erzählen, während er immer wieder über die Schulter und zu Luhan herübersah. Luhan tat so als würde er es nicht bemerken.

Wahrscheinlich hatte sich Luhan alles etwas zu einfach vorgestellt und wahrscheinlich würde er seine Lektion nun lernen.

Er öffnete die Tür in Pyjamahosen und einem grauen T-Shirt auf dem in schwarzen, fetten Druckbuchstaben ‚Fetch me some SOCKS' stand. Luhan war nicht sonderlich flüssig in Englisch aber was auch immer das bedeutete, er hoffte es würde seinen Gegenüber beleidigen.

„Du bist nicht der Jjajangmyeon-Lieferant."

Sehun strahlte ihn an mit all seiner jugendlichen Naivität, dass Luhan unweigerlich den Mund verzog. „Hey. Du sieht unglaublich aus."

Luhan blinzelte mehrfach. Er hatte sich weder rasiert, noch seine Haare gekämmt, er war im Pyjama und Barfuß. „Ich schließe jetzt die Tür."

„Warte!" Sehun legte eine Hand gegen die Tür und trat einen Schritt näher zu ihm heran. „Ich wollte fragen, ob du heute beschäftigt bist?"

„Schwer beschäftigt", sagte er. „Tut mir leid mein ganzer Tag ist komplett ausgebucht."

Er sah betont auf Luhans Wollhosen hinunter. „Es ist nach zwei Uhr mittags."

„Und? Kann ein Mann an seinem freien Tag nicht ausschlafen?"

„Also bist du heute frei?"

Er verengte die Augen. So ein Mistkerl. „Nicht für die kleinen Brüder meines Chefs."

„Ich bin Junmyeons einziger Bruder", sagte Sehun und sprach überstürzt weiter als Luhan etwas fester gegen die Tür stemmte. „Mh ich wollte einfach nur etwas Zeit mit dir verbringen? Ich hab ein paar Filme dabei und Mikrowellenpopcorn?" Er lächelte ihn hoffnungsvoll an. „Hast du Zeit?"

Luhan dachte an seine Couch, die ihn sehnsüchtig erwartete und wahrscheinlich auch Platz für eine zweite Person hatte. Er seufzte und ließ die Tür schließlich los. „Gut von mir aus. Weiß Junmyeon wo du bist?"

„Nein, also er weiß das ich weg bin aber er weiß nicht dass ich hier bin." Er schloss die Tür hinter sich mit einem breiten Lächeln. „Bei dir."

„Wunderbar. Wo denkt Junmyeon dann wo du bist?"

„Bei einem Freund."

„Du bist gerade erst hergezogen und hast schon Freunde?"

„Jongin, das ist mein Freund von Zuhause, und ich, sind zusammen nach Seoul gezogen. Er lebt aber im Campuswohnheim."

Luhan nickte, bereits auf dem Weg zurück zu seiner Couch. Er ließ sich unzeremoniell ins Polster fallen und verschränkte die Hände über dem Bauch. Theoretisch könnte Luhan versuchen auf seine eigenen Kosten zu kommen. Immerhin hatte er den kleinen Bruder von Junmyeon an der Backe und das bedeutete, dass er ihn alle möglichen Dinge über Junmyeon ausfragen könnte. Junmyeon war bestimmt ein unheimlich süßes Kind gewesen. Der Gedanke legte ein Lächeln auf seine Lippen.

Sehun setzte sich vorsichtig neben ihn und rieb sich die Hände zwischen den Knien. Er trug graue Jeans, die ihm viel zu weit waren und ein weißes Shirt ohne Druck.

Luhan starrte an den Fernseher ohne den Ton wieder anzuschalten, den er ausgemacht hatte als es an der Tür geklingelt hatte. Sehun räusperte sich leise.

„Mh du und Minseok seid gute Freunde oder?"

Luhan drehte den Kopf zu Sehun und hob eine Augenbraue an. „Willst du wissen ob wir Freunde sind oder ob wir miteinander schlafen?"

Sehuns Nacken wurde rot, was, das musste Luhan zugeben, ziemlich niedlich war. „Mh, beides?"

„Hmm. Tja wer weiß?"

Sehun verzog unglücklich das Gesicht. „Er kann wirklich gut backen...vielleicht sollte ich das auch lernen?"

„Wieso?"

„Weil du es magst."

Luhan sah Sehun mit gerunzelter Stirn an und richtete sich dann etwas gerader auf der Couch auf. „Okay Sehunnie." Er sprach seinen Namen mit Spott aus. „Du kannst mir nicht ernsthaft sagen dass du dich allein über mein Tinder-Bild so in mich verschossen hast. Das Bild ist gut, keine Frage, aber bitte. So einfach geht das nicht."

Sehun zuckte die Achseln. „Ich mag dich eben."

Luhan schüttelte den Kopf. „Du bist verdammt eigenartig."

Sehun rutschte ein klein wenig näher zu ihm heran, was Luhan mit Misstrauen beobachtete. Sehun blickte überallhin aber nicht zu Luhan. Er streckte die Arme über den Kopf, so dass sein Shirt ein wenig von seinem flachen Bauch preisgab und ließ einen Arm dann um Luhans Schultern fallen. Sehun grinste. Luhan sah ihn sehr unbeeindruckt an.

„Ich werde ihn dir gleich brechen." Kyungsoo hatte eine Weile Karate gelernt und als ein Gast in ihrem Restaurant einmal einen schrecklichen Aufstand angezettelt hatte, war er ruhig, wie ein Chirurg bei der Arbeit, aus seiner Küche gekommen und hatte ihm mit ein paar Arm- und Handbewegungen den Gar ausgemacht. Luhan und die andern waren so beeindruckt gewesen, dass sie sich ein paar von Kyungsoos Techniken beibringen ließen.

Sehun runzelte die Stirn, nahm jedoch den Arm wieder zurück und rutschte davon. „Wusste ich doch das Hyung alle seinen guten Ratschlägen nur aus Filmen hat."

Luhan spitzte ein Ohr. „Das hat Junmyeon dir empfohlen?" Er musste unweigerlich lachen. „Das passt zu ihm." Junmyeon war ernst und kompetent in den meisten Fällen und in manchen anderen so süß und unbeholfen wie ein verlorenes Kätzchen. „Ich denke das wirkt nicht einmal mehr bei süßen kleinen Mädchen in deinem Alter Sehunnie, du solltest nicht allzu viel von dem ausprobieren was Junmyeon dir erzählt."

Sehun seufzte. „Was könnte ich denn tun?"

„Du willst Tipps von mir bekommen, wie du dich an Mädchen ranmachen kannst?"

Sehun schüttelte den Kopf. „Nein. An dich. Ich will Tipps wie ich dich rumkriegen kann."

Das kam unerwartet. Er hatte nicht mit so viel Ehrlichkeit von Sehun gerechnet, gar so einer Direktheit. Sein Bild von dem schüchternen, kleinen Sehunnie geriet ein klein wenig ins Wanken aber das konnte auch nur ein Ausrutscher gewesen sein.

„Netter Versuch. Es gibt genau zwei Dinge, aufgrund derer du dir das ganze sofort wieder abschminken kannst."

„Welche? Daran kann ich arbeiten."

Luhan lachte, denn wo zum Teufel nahm dieser Junge seine ganze Energie her? „Nein das kannst du nicht."

Sehun schmollte. „Doch das kann ich."

„In Ordnung. Eins:" Er streckte seinen Zeigefinger in die Luft. „Du bist Junmyeons kleiner Bruder." Sehuns Mund schloss sich. „Und Zwei:" Er holte den Mittelfinger dazu. „Du bist nicht Junmyeon."

Sehuns Augen weiteten sich langsam. „Du...du magst Hyung?"

„Jap."

„Du magst ihn wirklich?"

„Seit vielen, vielen Jahren."

Sehun ließ sich geschafft ins Polster zurücksinken. ‚Na also', dachte Luhan, mit nicht wenig Selbstzufriedenheit. ‚Das war's'.

„Was...magst du an Hyung?"

Luhan mochte vieles an Junmyeon. Die Ernsthaftigkeit mit der er über Dinge sprach, die ihm am Herzen lagen oder die Art wie er mit seinen Freunden sprach und seinem Gesprächspartner seine ganze Aufmerksamkeit widmete. Sein Sinn für Details, vor allem für winzige Dinge, die man ihm einmal mitgeteilt hatte und die er sich trotzdem auch noch nach Monaten gemerkt hatte. Seine Fähigkeit niemals einen Namen einer Person zu vergessen, die er schon einmal gesehen hatte. Sein Lächeln, wenn er Luhan ein Kompliment machte. Der Druck seiner Hand wenn er sie auf seinen Rücken legte, seine Oberlippe die nicht ganz symmetrisch war. Seine Witze über die man nur lachte, weil er sie erzählte und seine Gelassenheit wenn um ihn herum alles in Flammen stand. Junmyeon war immer gut zu Luhan gewesen, er hatte nie auf ihn hinunter geblickt, selbst als Luhan seinen Tiefpunkt erreicht hatte. Er hatte nicht versucht Luhan zu ‚reparieren' als er alles hingeschmissen hatte und sich in seiner Wohnung vergrub. Er war nur für ihn da gewesen und dabei so wundervoll und großartig.

„Alles", sagte er zu Sehun und meinte es. „Ich mag alles an ihm."

Sehun schwieg, vielleicht weil er nun einsah dass er niemals bei Luhan landen würde, vielleicht weil er gehört hatte wie ernst es Luhan war. Bevor einer von ihnen ein weiteres Wort sagen konnte, klingelte es durch die Wohnung. Dieses Mal war es tatsächlich der Lieferbote. Luhan bezahlte und brachte die Styroporpackung in die Küche. Er verteilte die schwarzgetränkten Nudeln auf zwei Tellern und holte noch andere kleine Speisen, die ihm Kyungsoo aus dem Restaurant mitgegeben hatte, aus dem Kühlschrank heraus, um sie auf die Küchentheke zu stellen.

Sehun blickte auf seine verschränkten Hände hinunter als Luhan mit den zwei Dampfenden Tellern und zwei Paar Stäbchen zurückkam. „Iss und dann können wir uns einen deiner Filme ansehen, okay?"

Sehun nickte nach einem Moment, seine Mundwinkel zeigten nach unten und Luhan war ein zu guter Mensch um den Ausdruck auf seinem Gesicht weiterhin zu ertragen. Er hatte schon immer eine Schwäche für kleine Tiere gehabt und Sehun sah aus wie ein getretener Welpe. Er zerzauste ihm das braune Haar und ließ seine Hand für einen Moment auf seinem Kopf liegen. „Du schmollst zu viel Sehunnie. Kopf hoch, darüber kommst du schon hinweg. Glaub mir das dauert meistens gar nicht so lange."

Sehun zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. War dein Herz schon einmal gebrochen?"

Luhan blinzelte erstaunt. „Ja."

Sehun atmete tief aus. „So ein Idiot."

Luhan nahm die Hand zurück und trat einen Schritt zur Seite. „Na ja, Dinge geschehen wenn man jung ist. Iss Sehun."

Sie aßen die Jjangmyeonnudeln in relativer Stille und sahen sich anschließend ‚Inception' an, den Luhan damals mit Minseok und seiner Freundin im Kino gesehen hatte und den er bis heute noch ziemlich gut fand. Sehun saß neben ihm aber er schien nicht wirklich bei ihm zu sein. Als der Abspann über den Bildschirm kroch, holte Luhan die CD aus dem DVD Player heraus und gab Sehun die Verpackung zurück.

„Danke", sagte Sehun, nahm die CD-Hülle an, ging in den Flur, stieg in seine Schuhe und sah mit hängenden Schultern zurück zu Luhan. „Wir sehen uns."

Und das war es gewesen.

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Nicht wirklich, das ist längst nicht das Ende für Luhan und Sehun. 

Zweites Kapitel! Ich hoffe es hat euch gefallen? Ich habe immer noch keinen festen Update-Tag...hm heute ist Donnerstag...ja dann lege ich ihn wahrscheinlich einfach auf Donnerstag ^^

Liebe Grüße!

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