8.
Trotz meiner Proteste und meines inneren Unwohlseins stehe ich am Samstagabend vor meinem Spiegel und tusche meine Wimpern, während im Hintergrund meine Partyplaylist auf Spotify läuft. Es ist nicht so, dass ich nicht gerne feiern gehe oder auf Geburtstage – jedoch bin ich mir sicher, dass ich heute nach mehreren Jahren wieder vor Cassie Brooke stehen werde und schon allein der Gedanke daran bereitet mir Kopfschmerzen.
Diese ist nach der achten Klasse durchgefallen und hat daraufhin auf eine private Schule gewechselt, bei der ihre Eltern wohl hofften, dass sie dort bessere Noten bekommen wird. Seitdem musste ich mich nie wieder vor sie stellen und ihre Demütigungen über mich ergehen lassen. Ich fühle mich nicht bereit dazu, dies jetzt tun zu müssen.
Außerdem hätte ich wirklich gerne gelernt, denn die miesen Zensuren in den ersten beiden Klausuren bereiten mir Angst. Was ist, wenn das ab jetzt immer so laufen wird und ich das Jahr nicht schaffe? Unendlich viele Gedanken kreisen um die Schule und es hätte mein Gewissen beruhigt, wenn ich noch weitere Blätter für die Chemieklausur hätte zusammenfassen und lernen können. Jedoch hat Faith sich nicht weich klopfen lassen, da sie unbedingt auf die Feier möchte. Sie ist der Meinung, dass man Geburtstage nie absagen sollte.
Ich seufze, skippe das Lied und betrachte mich im Spiegel. Dank meinem neuen Lifehack schaffe ich es, meine Wimpern nahezu perfekt zu tuschen, was mich wirklich stolz macht. Ich stehe auf und sehe mich in meinem Zimmer um, während ich überlege, was ich anziehen könnte. Nachdem ich eine Wahl getroffen habe, schreibe ich Faith schließlich, dass ich fertig bin und in 15 Minuten bei ihr sein werde. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel verrät mir, dass Cassie Brooke hoffentlich nichts finden wird, was sie kritisieren könnte.
„Mum? Daddy? Ich gehe jetzt raus, in Ordnung?", rufe ich durch den Flur. Keine Sekunde später streckt mein Vater seinen Kopf durch die Wohnzimmertüre. Er trägt immer noch seinen Anzug, was bedeutet, dass er vor nicht allzu langer Zeit die Kanzlei erst verlassen hat.
„Raus? Wohin denn?", fragt er. „Zu einer Klassenkameradin. Sie feiert heute ihren Geburtstag", sage ich und halte demonstrativ die riesige, bunt verpackte Kugel hoch. Es betrachtet das Geschenk in meiner Hand und lächelt leicht. „Okay Liebling. Bleib bitte nicht zu lange", meint er streng und ich rolle mit den Augen.
„Papa, das ist ein Geburtstag", sage ich genervt, bevor ich die Tür aufmache und raustreten. „Was soll das denn heißen?", ruft er mir noch hinterher, aber um weitere Konversationen zu vermeiden, ziehe ich die Tür zu und laufe los.
Ich frage mich, wie das Zwischentreffen mit Cassie Brooke ablaufen wird. Ob sie sich wohl stark verändert hat? Ich denke an das blonde Mädchen zurück, dass für mich als 12-Jährige die Ausgeburt der Hölle dargestellt hat. Ich erinnere mir daran, wie sie mich vor der gesamten Klasse aufgrund meiner nicht ganz so stylischen Schuhe runtergemacht und wegen meinen pinken Strähnen in den Haaren bloßgestellt hat. Nun ja, das mit den Strähnen kann man ihr nicht verübeln, denn es sah wirklich schrecklich aus, aber dennoch. Wie hasserfüllt muss ein Kind sein, dass es andere in diesem Alter schon fertig macht? Um ehrlich zu sein bin ich gottfroh darüber, dass sie die Schule gewechselt hat. Ich möchte nicht wissen, was sie mittlerweile für Sprüche draufhat.
„Was schaust du denn so grimmig?", fragt Faith lachend, als sie mir bereits vor ihrem Haus entgegenläuft. Demotiviert zucke ich mit den Schultern. „Ich habe einfach keine Lust", gebe ich zu.
Sie mustert mich kritisch von der Seite. „Aber wieso denn? Ich freue mich. Es ist mal wieder eine Abwechslung." Wieder zucke ich mit den Schultern. „Ich habe absolut keine Lust darauf, auf Cassie Brooke zu treffen", meine ich und Faith sieht mich verwirrt an. „Cassie Brooke? Die Cassie Brooke? Wieso das denn?"
Entgeistert sehe ich die an. „Hallo? Hast du schon vergessen, was sie mir in der sechsten Klasse angetan hat?", frage ich schockiert und sie hält einen Moment lang inne. „In der sechsten Klasse? Ava, das ist eine Ewigkeit her. Nimmst du ihr das etwa immer noch übel?", fragt sie und ich nicke heftig. „Natürlich! Sie ist ein Monster. Kinder sind grausam."
Faith lacht und schüttelt den Kopf. „Ehrlich, dass du nach so einer langen Zeit immer noch daran denkst." Sie hat gut reden. Sie wurde wahrscheinlich in ihrem gesamten Leben noch kein einziges Mal gehänselt und musste sicherlich nie überlegen, ob das was sie tut nun Angriffsfläche bietet oder nicht.
„Entspann dich. Das wird cool", meint sie und betritt nach unserem kleinen Marsch Demis Grundstück. Das rustikale Bauhaus ist hell erleuchtet durch die kleinen Lämpchen im Vorgarten und man hört die Musik bis auf die Straße. Ich atme tief ein und nicke, während ich Faith folge.
„Gott, ist die Musik laut. Meine Eltern würden mir das niemals erlauben", kommentiert Faith, als sie um das Haus herum durch den Garten läuft und ich nicke bekräftigend. Partys wie diese käme bei meinen Eltern überhaupt nicht in Frage – die sind schon wütend, wenn mehr als zwei Personen bei uns auf dem Sofa sitzen. Das Ausmaß dieser Geburtstagsfeier würden sie nicht dulden.
Ich staune nicht schlecht, als ich durch das riesige Terrassenfenster einen Haufen Jugendliche im Haus stehen sehe und entdecke auch schließlich Demi, die mit einer Glitzerkrone auf das Fenster zuspringt und uns entgegenkommt. „Hey, da seid ihr ja! Kommt nur herein", sagt sie und zieht uns beide in eine Umarmung. „Happy Birthday", presse ich hervor und reiche ihr mein Geschenk. Erst jetzt fällt mir auf, dass ich nicht mal weiß, wie alt sie wird.
„Oh wow, danke! Das ist lieb von euch. Na los, kommt schon", meint sie erfreut und zieht Faith hinter sich in das Haus. Es ist laut, überall stehen Gruppen und in der Mitte des Wohnzimmers wurde ein Bierpong Tisch aufgebaut. Ich hasse Bierpong.
Und dann steht sie da, vor mir. Die Ausgeburt der Hölle. „Wen hast du denn da mitgebracht, Demi?", fragt Cassie und schaut uns eindringlich an. Sie lächelt und wirft ihre blonden Haare nach hinten. „Das sind Faith und Ava. Sie gehen in meinen Jahrgang", erklärt Demi und lächelt mich an.
„Oh wow, Hi Faith, Hi Ava. Wie geht es euch? Ich bin Cassie. Bedient euch ruhig in der Küche, meine Mutter war den ganzen Tag am kochen für Demi", meint sie und schaut ihre beste Freundin lächelnd an.
Ich kann jedoch nicht anders, als Cassie gehässig anzustarren. Wie falsch kann man den sein? Tut sie jetzt ernsthaft so, als würde sie mich nicht kennen? Ich bin fassungslos.
„Das ist cool. Dankeschön", meint Faith. Ich schaue sie an und bin schockiert über ihren Hinterhalt. Wie kann sie mir nur in den Rücken fallen?
Bevor ich weiterhin Cassie anstarren kann, packt Faith mich am Arm und zieht mich in die Küche. „Na siehst du, das war doch halb so schlimm", sagt sie und sieht sich in der modernen Küche um. Ich seufze. „Wie kann sie so tun, als würde sie mich nicht kennen? Sie ist einfach die Hölle", gebe ich von mir und Faith zuckt mit den Schultern. „Nicht jeder erinnert sich an Dinge, die Ewigkeiten zurückliegen. Immerhin war sie doch wirklich nett. Vielleicht hat sie sich ja geändert", versucht sie es mir gut zu reden. Aber keine Chance. Menschen ändern sich nicht, Faith.
„Um ehrlich zu sein hasse ich Geburtstage. Alle Flaschen sind schon halb geöffnet, du weißt nie wer bereits da reingesabbelt hat und selbst bei den normalen Getränken weißt du nicht, ob sie wirklich frei von irgendwelchen Rauschgiften sind", meint sie abfällig und greift mit spitzen Fingern nach einer Flasche Malibu. „Auch ein Malibu-Maracuja?", fragt sie und ich nicke. Das brauche ich jetzt.
Ich sehe mich um und blicke in viele fremde Gesichter. Nur vereinzelt entdecke ich Personen aus meiner Jahrgangsstufe. „Kennst du hier jemanden?", frage ich und nehme den kleinen, weißen Becher entgegen. Sie zuckt mit den Schultern und nimmt einen Schluck. „Nur vereinzelt. Da sind ein paar Leute aus der letzten Abschlussklasse dabei", antwortet Faith und grinst plötzlich breit.
„Hey, na!", ruft sie einem Typen zu, der gerade die Küche betritt. „Faith! Lange nicht gesehen, was geht", meint er und strahlt sie an. „Wir sind gerade erst gekommen. Das ist Ava. Ava, das ist Joey. Er war letztes Jahr mein Tanzkurspartner", erklärt sie und ich nicke höflich. Der blonde, zugegebenermaßen sehr hübsche Junge lächelt mich an und widmet sich dann voll und ganz Faith. Ich nippe an meinem Becher und seufze innerlich, denn mir ist bewusst, dass es den ganzen Abend so gehen wird.
Während die Beiden sich aufgeregt unterhalten und dabei immer weiter von mir wegrücken, mixe ich mir ein Getränk nach dem anderen. So läuft das immer ab und das muss ich akzeptieren. Faith ist nun mal Faith und ich werde immer in ihrem Schatten stehen. Manchmal fühle ich mich wie ihre Duff. Nachdem der Film rausgekommen ist, konnte ich mich noch nie so sehr mit etwas identifizieren wie mit der Protagonistin. Faith hatte es noch nie schwer mit Jungs, aber wer konnte ihr das auch verübeln? Sie ist einfach perfekt und ich selbst weiß am besten, was die Jungs an ihr sehen.
Nach meinem dritten Becher probiere ich eine neue Kombination aus und mische Fanta und Sprite mit einem Tetrapack-Weißwein. Ich kichere, denn langsam schlägt mir der Alkohol auf den Magen. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine letzte Mahlzeit das Frühstück war, weil ich damit beschäftigt war, mich mit einem Beautyprogramm herzurichten. Ich atme tief ein und spüre die Übelkeit. Schnell exe ich würgend den Becher und schmeiße ihn in das mittlerweile volle Spülbecken. Mit einem letzten Blick auf Faith, die sich mittlerweile an die Bar gesetzt und mich völlig vergessen hat, drehe ich mich um und laufe in das Wohnzimmer. Ein Bierpongturnier ist voll im Gange und ich weiche den aufgeregten Menschen aus, die die Dreierteams voller Motivation anfeuern und auf und ab springen. Irgendwer rempelt mich an und ich taumele auf die Seite. „Arschloch", zische ich und nehme mein Ziel, die Terrassentür, ins Visier.
„Ist alles okay, Süße?", höre ich jemanden neben mir säuseln. Eine Hand wird mir auf die Schulter gelegt und ich blicke direkt in das Gesicht von Cassie Brooke, die mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Belustigung anschaut. Ich nicke und entziehe mich ihrem Griff. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie mich nie wieder anfassen soll und sich lieber mal darüber Gedanken machen sollte, was für ein ekeliger Mensch sie ist.
„Pass bloß auf, dass du den Teppich nicht voll kotzt. Da kennen Demis Eltern kein Pardon, glaub mir", sagt sie lachend, jedoch kann ich ihren mahnenden Unterton heraushören. Dass ein Haufen Bier vom Turnier bereits auf dem Boden gelandet ist, verschweige ich und laufe weiter.
Nach kurzen Schwierigkeiten an der Terrassentür gelingt es mir endlich, diese aufzustoßen und herauszustolpern. Genau im richtigen Moment, denn keine Sekunde später stürme ich auf einen Baum zu und übergebe mich. Während ich mich meinem spärlichen Mageninhalt entledige, überlege ich wann ich es das letzte Mal so weit habe kommen lassen und komme zu dem Schluss, dass es lange her ist, seitdem ich das letzte mal im Vollsuff war.
„War' ja mal wieder Zeit", nuschele ich vor mich hin und muss unwillkürlich kichern. Dass ich keinen Alkohol vertrage, ist mir bewusst, aber dass es so schlimm werden würde, hätte ich nicht gedacht.
„Ava? Streber-Ava? Wow, geht es dir gut?", fragt mich plötzlich eine Stimme und ich zucke zusammen. Gerne würde ich hinsehen, jedoch dreht sich alles und ich bin nicht dazu in der Lage, mich aufrecht hinzustellen, weshalb ich in gebückter Haltung mit den Armen am Baum lehne und mir völlig idiotisch vorkomme.
„Halt die Fresse, Riley", zische ich und höre ihn dabei lachen. „Sag mal, bist du etwa betrunken?", lacht er und ich kann mir seine dämliche Visage nur allzu gut vorstellen.
„Nein, ich stehe hier, weil ich die Grashalme zählen will", gebe ich leise zurück und versuche, mich aufzurichten.
Ich spüre zwei Arme um mich herum, die mich fest packen und aufhieven.
„Ich fasse es nicht, Streber-Ava ist betrunken."
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