6.
Ich beschließe, Faith nichts von dem Vorfall mit Riley zu erzählen. Diese ausdrückliche Art von Abweisung tut sogar mir weh und ich will es möglichst vermeiden, es ihr unter die Nase zu reiben. Ich beschließe, darauf zu hoffen, dass sie selbst merkt, was für ein Idiot er ist und lasse mir nichts anmerken.
So kam es, dass ich mich am nächsten Tag wie sonst auch immer neben sie setze und mein Pausenbrot auspacke. „Er hat mich blockiert! Ich fasse es nicht. Ava!", sagt sie plötzlich und ich stoppe mitten im Kauen.
„Wer?", frage ich hinterhältig und kurz überkommt mich ein schlechtes Gewissen. Immerhin habe ich ihm dazu geraten, sie einfach zu blockieren, jedoch habe ich nicht erwartet, dass Riley sich meinem Rat annimmt.
„Na, Riley!", zischt sie und blickt wütend in seine Richtung. Er sitzt am selben Tisch wie immer, das Handy in der Hand und den Blick tief gesenkt.
„Soll ich zu ihm hin und das klären?", fragt sie mich nachdenklich und ich verschlucke mich fast an meinem Sandwich.
„Was? Verdammt, nein! Gott Faith, er ist dir nichts schuldig. Guck mal, da drüben sitzen doch noch ein Haufen süßer Kerle, die dich nicht blockieren und sich darüber freuen, mit dir zu reden", meine ich und zeige auf eine Gruppe Jungs, die wohl den Jahrgang unter uns besuchen. Faith schürzt die Lippen und blickt verstohlen auf ihr Handy.
„Ich habe gedacht, dass es was werden könnte. Er hat zu Beginn wirklich den Anschein gemacht, als wäre er interessiert", sagt sie enttäuscht und ich streiche ihr über den Arm.
„Sei doch froh, dass du es jetzt besser weißt, bevor du Gefühle entwickeln konntest", aufmunternd lächele ich sie an.
Sie nickt langsam. „Du hast recht. Er kann mich mal. Ich werde seine Nummer löschen."
Ich grinse sie an und werfe dann einen Blick zu Riley Carter. Kaum zu glauben, dass ich bereits so viel Drama ertragen musste, obwohl er noch völlig irrelevant in Faiths Leben ist.
In diesem Moment sieht mich der dunkelhaarige Junge an und unsere Blicke treffen sich. Ich runzele die Stirn und werfe ihm einen bösen Blick zu, den er zu ignorieren scheint.
„Hör auf, ihn so böse anzustarren", lacht Faith und ich grinse sie an. „Niemals. Niemand behandelt meine beste Freundin schlecht. Erst recht nicht, wenn noch nicht mal was am Laufen war", meine ich und überspiele damit den Gedanken, dass Faith einzig und alleine deswegen so eine fiese Abfuhr erhalten hat, weil ich es dem Jungen quasi so vorgeschlagen habe.
„Ich darf jetzt noch eine Stunde Biologie mit ihm genießen", sage ich seufzend und Faith blickt mich interessiert an. „Sitzt er immer noch beim Fenster?"
Ich nicke. „Am Fenster, mit einem großen Abstand zwischen uns. Und um ehrlich zu sein, freut mich das", meine ich und packe meine Brotdose in meine Tasche.
„Wie dem auch sei, wir sehen uns nachher", sage ich, stehe auf und mache mich auf dem Weg zu meinem Raum. Aus dem Augenwinkel merke ich, wie Mr. Riley Carter seinen riesigen Körper ebenfalls aufhievt und Richtung Ausgang schiebt. Ich rolle genervt mit den Augen, als ich merke, dass er auf mich zu warten scheint, anstatt die Türe einfach hinter sich zufallen zu lassen.
„Danke", sage ich zuckersüß mit einem völlig aufgesetzten Lächeln. Er verzieht keine Miene und bleibt stehen, obwohl ich bereits die Türe passiert habe.
„Tut mir leid, das gestern", meint er kalt und ich runzele die Stirn.
„Ich brauche keine Entschuldigung", antworte ich und laufe weiter, damit Faith nicht die Möglichkeit hat, etwas von diesem Gespräch mitzubekommen. Jedoch bemerke ich, dass Mr. Carter mir regelrecht hinterherrennt, um dann neben mir zu laufen.
„Wie heißt du eigentlich?", fragt er mich und mustert mich dabei von der Seite. Ich kann es kaum glauben, dass Riley Carter ernsthaft dazu bemüht ist, ein Gespräch mit mir anzufangen.
„Das würdest du wissen, wenn du deinen Tisch nicht wie ein Kleinkind von meinem Tisch entfernt hättest", fauche ich, wobei mein verletzter Stolz, der es immer noch nicht verarbeitet hat, dass sich jemand von mir wegsetzt weil er mich nicht erträgt, sich zu Wort meldet.
Riley grinst schief. „Du hast mich genervt. Deswegen habe ich ihn weggeschoben", erklärt er. Ich stöhne genervt auf.
„Noch nie in meinem ganzen Leben musste ich mir sagen lassen, dass ich nervig bin", gebe ich entgeistert zu und er lacht leise. „So eine bist du also. Das habe ich mir fast gedacht."
Ich sehe ihn fragend an. „Na, das Mädchen, das alle mögen. Die gute Einserschülerin mit Potenzial, die jeder mag und mit der niemand ein Problem hat", erklärt er seine Behauptung.
Ich denke nach. Die Tage, in denen ich meine Einser-Siegesserien erhalten habe, sind lange vorbei. Eventuell in Sport ist beim Dauerlauf noch eine Eins drin, was mich selbst erstaunt. In den anderen Fächern scheine ich bis jetzt jedoch völlig verloren. Dass mich jeder mag und niemand mit mir ein Problem hat, lässt sich mit meiner Zeit als Mobbingopfer von Cassie widerlegen und ein Problem habe ich grundsätzlich mit jedem. Menschen sind nämlich ziemlich nervig.
Aber ich beschließe, Carter in dem Glauben zu lassen, denn eventuell gefällt mir meine Erscheinung und die Wirkung, die ich wohl auf andere zu haben scheine. Deshalb zucke ich nur mit den Achseln und betrete den noch leeren Klassenraum.
Ich laufe auf meinen Platz zu und setze mich, um einmal den Stoff der letzten Stunde durchzulesen. Biologie ist ätzend.
Riley Carter jedoch packt seinen Tisch und schiebt ihn kurzerhand neben meinen, wodurch ich beim Lesen unterbrochen werde.
„Was wird das, wenn es fertig ist?", frage ich mit einer hochgezogenen Augenbraue und er lächelt verschmitzt. „Ich dachte, du würdest dich über meine erneute Anwesenheit freuen", antwortet er und setzt sich neben mich. Dieses Szenario gefällt mir ganz und garnicht.
Ein wenig eingeschüchtert rücke ich ein Stück mit meinem Stuhl weg und blicke ihn warnend an.
„Du musst nicht denken, dass wir jetzt befreundet sind, nur weil ich im Gang mit dir gequatscht habe", meine ich und er lächelt.
„Keine Sorge, das denke ich nicht. Du sitzt jedes Mal so verloren im Unterricht, vielleicht kann ich dir ja helfen", erklärt er und ich sehe ihn angewidert an.
„Beobachtest du mich etwa während des Unterrichts?"
„Du warst in meinem Blickfeld", achselzuckend packt er seinen Block aus.
„Wie dem auch sei, ich mag dich immer noch nicht. Du musst nicht denken, dass du mich jetzt hier vollsülzeln kannst. Das klappt nur bei Faith", sage ich und mir fällt auf, wie böse das klingt. Carter lacht belustigt.
„Keine Sorge. Zwischen uns beiden herrscht absolute Eiszeit."
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