2.
Der Sommer unseres Lebens kam natürlich nicht. Eigentlich war das zu erwarten, denn es gibt in unserer kleinen Stadt nicht wirklich Möglichkeiten, um den Alltag besonders zu gestalten.
Also verbrachte ich meine Zeit hauptsächlich mit Freunden, Netflix und Eiscreme, so wie es sich für einen richtigen Sommer gehört. Und wie jedes Jahr verging er schneller als mir lieb ist.
Das letzte Schuljahr macht mir Angst. Ich erinnere mich noch daran, wie ich in der fünften Klasse zu den Großen heraufgeschaut habe und mich fragte, ob ich jemals auch so weit sein werde. Und jetzt, ein paar Jährchen später, ist es so weit. Das Problem ist, dass es schneller ging, als zunächst erwartet. Jetzt stehe ich vor dieser großen Hürde, deren Ergebnis mein ganzes Leben und seinen Verlauf bestimmen wird. Ich muss sagen, dass ich mich überhaupt nicht bereit dazu fühle.
Seufzend betrete ich das Schulgelände und passiere alle aufgeregten, schreienden Jugendlichen. Ich habe absolut keine Lust und am liebsten würde ich mich wieder nach Hause in mein Bett verziehen. Ich bin noch nicht bereit für diese Verantwortung und diesen Druck.
Schon von Weitem sehe ich Faiths blonde Mähne und automatisch verzieht sich mein Mund zu einem Grinsen. Sie ist und bleibt einfach die Beste.
"Ava, du bist eine absolute Schnecke und noch dazu richtig fies. Wieso hast du mir auf meine Nachrichten nicht geantwortet?", schimpft sie und ich rolle mit den Augen.
„Ist das hier...", ich wedele wild mit meinen Armen und zeige auf die Leute um uns herum. „...etwa kein Grund für dich, Depressionen zu bekommen? Ich hatte den Drang zur vollkommener Isolation."
Sie lacht und schüttelt den Kopf. „Es ist unser letztes Jahr, freu dich doch!"
Ich kann mich beim besten Willen nicht freuen. Von jeder Seite wird man daran erinnert und jedes Mal wird mir nur noch bewusster, dass ich einfach absolut nicht dazu in der Lage bin, so einen großen Schritt Richtung Zukunft zu gehen.
„Außerdem kommt gerade Riley fucking Carter auf uns zu!", flüstert sie plötzlich aufgeregt und lenkt somit vom eigentlichen Thema ab und starrt fasziniert auf einen Punkt hinter mir. Langsam drehe ich mich um und sehe die besagte 10 von 10 auf uns zulaufen. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er Faiths und somit auch meine Gedanken vom Abschlussjahr ablenkt.
Riley Carter gehört zu den Jungs, die man in unserer Stadt einfach kennen muss. Selbst wenn man Abstand hielt, bekam man Geschichten von ihm mit. Und es kommt mir bis heute so vor, als würde er diese seltsame Art von Aufmerksamkeit genießen. Diese Gerüchte, oder zumindest Halbwahrheiten, die über ihn herumgingen. Natürlich wird er trotz all dieser bekannten Geschichten angehimmelt und kann sich wahrscheinlich täglich zwischen 5 potenziellen Datingpartnern entscheiden. Auch jetzt bekomme ich das Gefühl, dass alle Augen auf ihm liegen, zumindest von den weiblichen Besuchern unserer Schule.
Ich könnte schwören, dass Faith innerhalb der nächsten Sekunde hyperventiliert, wenn er weiterhin auf uns zu kommt. Und er läuft und läuft und läuft natürlich geradeaus an uns vorbei.
„Wirklich dämlich von dir, dass du denkst, er würde zu uns kommen", merke ich an und lache leise. Er kennt uns nicht. Für ihn sind alle Menschen auf dieser Schule nun „die Kleinen" und ich kann es vollkommen verstehen, wenn er Kontakt meiden würde.
Faith schaut mich zunächst mit großen Augen an und blickt dann fast etwas traurig der 10 von 10 hinterher. „Ich dachte, er würde mich erkennen", meint sie ein wenig zerknirscht und ich schlage meinen Spind zu.
„Wie kommst du da drauf?"
Sie zuckt mit den Schultern. „Eventuell habe ich in den Ferien ein wenig mit ihm geschrieben. Und er kam garnicht so abgeneigt rüber", gibt sie zu. Ich rolle mit den Augen. „Faith, wenn du dir mal wieder das Herz brechen lassen willst, dann wollte ich nur kurz anmerken, dass dies offensichtlich das Startsignal war. Werf dich ihm um den Hals und es wird schneller passieren als du denkst", sage ich ehrlich.
Manchmal nerven mich Faiths Liebesgeschichten. Es ist nicht so, dass ich es ihr nicht gönnen würde oder neidisch drauf bin. Aber ich kann und will es nicht verstehen, wie unfassbar dämlich ein Mensch sein kann und sich völlig selbstlos einem Jungen hingibt, der von Anfang an klar und deutlich macht, dass sein einziges Ziel ein weiteres gebrochenes Herz auf seiner Liste ist. Faith ist genau so ein Mensch. Man könnte zahlreiche Ampeln und Stopschilder aufbauen, sie würde sich bei Gott nicht davon zurückhalten lassen. Und am Ende bin ich die Leidtragende, die wochenlang einen Menschen hassen darf, der mir im Grunde genommen nichts getan hat. Meinem Geldbeutel tut der Konsum von massenhaft Eiscreme im Übrigen meist auch nicht so gut.
„Du bist wirklich fies", murmelt sie, dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort. Ich sehe ihr nach und begebe mich dann zu meinem Klassenzimmer. Meine Fächerwahl unterscheidet sich für das letzte Jahr von ihrem, weshalb wir so gut wie keine Fächer mehr zusammen haben.
Ich suche mir einen Platz möglichst weit hinten und vorallem alleine aus. Ich hasse es, wenn jemand neben mir sitzt. Ich kann mich einfach nicht auf den Unterricht konzentrieren. Eventuell könnte es daran liegen, dass ich enorm viel rede, egal wer bei mir sitzt. Um es mir selbst einfacher zu machen, habe ich nach zahlreichen Mahnungen meiner Lehrer schließlich beschlossen, nur noch Einzelplätze zu nehmen und siehe da: sie sind perfekt. Jedes Mal habe ich extrem viel Platz für mich und mein Zeug, kann in Ruhe aufpassen und bin fokussiert auf den Unterricht, ohne von jemandem genervt zu werden.
Zumindest war das bis jetzt immer so. Um ehrlich zu sein, mein Leben meinte es nie wirklich gut mit mir.
Auch jetzt nicht.
Denn als Letzter betritt Riley Carter das völlig überfüllte Klassenzimmer. Meine Rechnung mit einem Einzelplatz hat letztes Jahr gepasst. Es blieb immer ein Platz übrig in unserem Kurs.
Dabei habe ich aber nicht mit einem sitzengebliebenen, neuen Klassenkameraden gerechnet, der vom Lehrer aufgefordert auf mich zumaschiert. Diesmal leider wirklich.
-
es wird interessanter. versprochen.
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