19.
Als ich am nächsten Tag das Schulgelände betrete, fühle ich mich so motiviert wie bisher noch nie in meinem Leben. Mit meinen Kopfhörern in den Ohren und im Takt meines Lieblingssongs eile ich die Treppen am Eingang hoch und drücke die schwere Tür auf. Der Flur ist bereits überfüllt und ich quetsche mich durch, um zu meinem Spind zu gelangen. In der ersten Stunde werde ich Chemie haben und da ich in einen der folgenden Stunden auch in diesem Fach eine Klausur schreiben werde, nehme ich mir vor, anständig aufzupassen und nebenbei bereits meine Notizen zusammenzufassen, um Fragen stellen zu können.
Ich öffne meinen Spind, dessen Nummer ich bereits im Schlaf aufsagen kann und greife nach den Büchern, die ich brauche. Als ich meine Hände kurz entferne und in meine Tasche greife, wird meine Spindtür plötzlich zugeknallt und ich zucke erschrocken zusammen.
„Wenn du mir schon einen Korb gibst, dann wenigstens anständig, Ava. Einfach ignorieren ist nicht cool", meint Riley trocken und ich sehe ihn entsetzt an. Schnell blicke ich mich um und hoffe, dass uns niemand beobachtet.
„Was meinst du?", frage ich ihn und versuche ihn ein wenig von meinem Spind wegzudrängen.
„Du hättest mir auch einfach schreiben können, dass du nicht willst", sagt er und ich erinnere mich an seine Frage gestern. „Oh, ja. Sorry. Oder so", stottere ich, völlig überfordert damit, dass er mich darauf anspricht. „Das musst du jetzt aber gutmachen", meint er, dreht sich um und läuft dann in Richtung Klassenzimmer, in die ich ebenfalls muss.
Völlig überrumpelt öffne ich meinen Schrank und blicke noch einmal kurz um mich, um wirklich sicher zu gehen, dass niemand gesehen hat, dass Riley FUCKING Carter mich angesprochen hat. Vor dem Unterricht, nicht während der Schulzeit.
Ich hole das letzte Buch aus meinem Spind und werfe es achtlos ich meine Tasche. Erwartungsvoll blicke ich mich im Flur um und suche ihn nach Faith ab. Als ich sie nicht entdecke, beschließe ich, vor ihrem Spind zu warten. Es bleiben nur noch fünfzehn Minuten bis zum Unterrichtsbeginn und ich wundere mich, dass sie noch nicht vor ihrem Spind steht und ihr Make Up checkt. Verwirrt sehe ich mich um und halte nach ihr Ausschau. Normalerweise ist sie eine der Personen, die immer überpünktlich in der Schule auftaucht, damit sie sich vor dem Unterricht noch entspannt vorbereiten kann.
Genervt blicke ich abwechselnd über den Flur und auf die Uhr. Als es nur noch wenige Minuten bis zum Gong sind, möchte ich mich gerade umdrehen und gehen, jedoch bemerke ich aus dem Augenwinkel eine Gestalt, die auf mich zukommt.
Erschrocken starre ich sie an und mustere sie daraufhin. „Faith? Was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?", frage ich baff und betrachte das Mädchen mit dem hellblonden Kurzhaarschnitt.
Faith streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht und drängt sich an mir vorbei zu ihrem Spind.
„Offensichtlich habe ich sie abschneiden lassen", gibt sie zurück und öffnet ihren Spind. Prüfend blickt sie in ihren Spiegel und zupft ein paar der Ponysträhnen zurecht.
„Aber so radikal?", ich deute auf ihren hellblonden Longbob. „Ich dachte, du liebst deine Haare."
„Ich habe sie auch geliebt, aber ich habe etwas neues gebraucht. Es hilft mir, abzuschließen."
„Mit was?", frage ich verwirrt und sie öffnet einen Lipgloss, um ihn sich großzügig auf den Lippen zu verteilen.
„Mit Riley. Ich habe viel mit Cassie geredet und mir ist klar geworden, dass ich ihn liebe. Sie sagte, eine Typänderung könnte mir helfen. Entweder mit ihm abzuschließen oder ihn rumzukriegen - Riley steht schließlich auf blonde Haare", meint sie und blickt sich zufrieden im kleinen Spiegel an. Erschrocken sehe ich sie an.
„Meinst du nicht, dass du zu viel in deine Gefühle interpretierst? Ich meine, lieben ist schon viel. Er ist doch nur dein Crush", meine ich, doch sie knallt den Spind zu und schüttelt fest den Kopf. „Nein, es ist mehr. Und ich spüre, dass da auch mehr sein sollte. Cassie hat es auch bestätigt. Ich werde dafür kämpfen, ihn zu bekommen. Sowas habe ich noch nie zuvor gefühlt. Deshalb möchte ich nicht, dass du mit ihm befreundet bist. Und als gute Freundin machst du das auch nicht", sagt sie und blickt mir fest in die Augen. Perplex schaue ich sie an und nicke einfach nur.
„Ich wusste nicht, dass es dir so ernst ist", gebe ich zu und sie zuckt mit den Schultern.
„Ich auch nicht. Aber wie gesagt, ich habe viel mit Cassie geredet und sie hat mir die Augen geöffnet", sagt sie leicht lächelnd und wieder spüre ich den leichten Stich in der Nähe meines Herzens. Wieso hat sie nicht mit mir darüber geredet? Wieso spricht sie mit jemandem, den sie seit einer Woche kennt?
„Ich muss jetzt los, wir sehen uns", meint sie und zischt an mir vorbei. In diesem Moment ertönt der Schulgong und ich zucke zusammen. Scheiße, ich werde zu spät kommen. Ich eile los Richtung Klassenzimmer und reiße atemlos die Türe auf. Glücklicherweise stehen meine Klassenkameraden und sind gerade dabei, den Lehrer zu begrüßen. Entschuldigend blicke ich diesen an und beeile mich zu meinem Platz. Auf eine Strafarbeit habe ich nicht besonders Lust.
„Seit wann kommt Streber-Ava denn zu spät?", raunt mir Riley zu und ich blicke ihn kurz an und widme mich dann meinen Schulsachen. Sein für mich gedachter Spitzname regt mich langsam auf und am liebsten würde ich ihm vorgeigen, wie nervig es ist, doch ich lasse es.
„Gehst du heute mit mir essen?", flüstert er mir nach einer Weile zu und ich zucke zusammen und versteife mich. Fest blicke ich nach vorne zum Lehrer und schaue ihn dann eindringlich an, während ich den Kopf schüttele. „Hör zu Riley, wir können echt nicht befreundet sein und miteinander chillen. Das wäre Faith gegenüber einfach nicht fair. Also hör auf, mich sowas zu fragen. Zwischen uns herrscht Eiszeit, schon vergessen?", sage ich möglichst leise, um keine Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen.
„Ach ja? Und wieso hast du dann gestern mit mir Zeit verbracht?", gibt er zurück und ich zucke mit den Schultern. „Du hast mir keine Wahl gelassen. Du wolltest doch unbedingt mit mir mit", gebe ich zurück und er wendet den Blick ab und starrt den Lehrer an. Ich sehe, wie sein Kiefer sich anspannt und er seine Fäuste ballt.
„Also hörst du doch auf Faith", zischt er schließlich, doch ich winke ab. „Nein, aber dann wäre ich einfach keine gute Freundin. Ich würde sie hintergehen."
Und das war das letzte, was ich zu Riley fucking Carter sagte, nachdem ich beschlossen habe nicht mit ihm befreundet sein zu wollen.
Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top