16.

Ich hoffe inständig, dass mich niemand sieht, als ich zur Mädchentoilette eile und die Tür schnell hinter mir verschließe. Mit leicht verheulten und roten Augen schaue ich in den riesigen Spiegel und der Anblick macht mich noch wütender, als ich sowieso schon bin. Energisch drehe ich den Wasserhahn auf und spritze mir die kalten Tropfen ins Gesicht, um die Röte loszuwerden.

„Verfluchter Mist", murmele ich und greife nach zwei Papiertüchern.

Ich bin nicht traurig. Das ist nicht der Grund dafür, wieso mir plötzlich Tränen in die Augen geschossen sind. Ich weine, weil ich so unfassbar enttäuscht und wütend auf Faith bin. Noch nie habe ich mich so beleidigt gefühlt.

Ich seufze und werfe die nassen Papiertücher in den sowieso schon vollen Mülleimer.

Um ehrlich zu sein, bin ich gerade mehr als nur abgefuckt. Ich habe immer versucht, eine gute Freundin zu sein. Da zu sein und zuzuhören, so wie es immer verlangt wird. Und jetzt bin ich eine schlechte Freundin? Ich fasse es nicht.

Meine Wut lenkt sich jedoch schnell auf eine andere Person - nämlich Riley Carter. Denn erst, seitdem dieser Idiot in meinem Jahrgang ist, habe ich diese Probleme.

Ich denke zurück an Faiths letzten Satz, den sie mir an den Kopf geworfen hat und frage mich, was sie damit meint. Möchte sie mir die Freundschaft kündigen?

Bei dem Gedanken wird mir ganz schlecht. Es gab schon immer nur Faith und mich. Faith und Ava. Was soll ich denn tun, wenn sie wirklich nicht mehr mit mir befreundet sein will?

Wieder seufze ich, stoße mich dann vom Waschbecken ab und greife nach meiner Tasche. Leise öffne ich die Türe und blicke mich im Schulflur um. Der Gang ist wie leergefegt, denn der Unterricht hat bereits begonnen. Jedoch gestehe ich mir selbst ein, dass ich absolut keine Lust darauf habe, mich jetzt durch 45 Minuten Mathematik zu quälen und beschließe kurzerhand, einfach zu schwänzen.

Ich fühle mich wie ein Verbrecher, als ich die Gänge runterschleiche und zum Ausgang eile. In meinen dreizehn Jahren Schule habe ich noch nie geschwänzt. Fraglich ist, ob das Abschlussjahr dafür geeignet ist, es erstmals auszuprobieren. Ich seufze und stoße die große Eingangstür auf. Nichts und niemand kriegt mich jetzt in einen Klassenraum.

Plötzlich fällt mir auch auf, dass unsere Diskussion mitten in der Pause und vor mehreren Streitlustigen stattgefunden hat. Ich verdrehe die Augen und hoffe, dass nicht allzu viele gesprächige Schnepfen die Unterhaltung mitgekriegt haben. Ansonsten konnte ich mich bereits auf mehrere Gerüchte und komische Blicke vorbereiten. Die Spottsensation im letzten Jahr zu sein, kommt mir ebenfalls als nicht ganz so ideal vor.

Ich starre auf den grauen Teer, während ich schnell über den großen Schulhof eile und hoffe, dass keiner der Lehrer aus dem Fenster sieht und mich für verdächtig hält.

Fast hätte ich es bis zum Schultor geschafft, als eine große Hand plötzlich meine Schulter packt und mich ruckartig umdreht. Ich schreie vor Schreck auf und hoffe, dass es kein Entführer ist, der mich jetzt packen und in deinen Van schleppen wird.

„Was wird das?", fragt mein Angreifer und ich werfe ihm einen tötenden Blick zu. „Nimm deine Pfoten von mir, Riley. Spinnst du? Du hast mich total erschrocken", zische ich und ich sehe, wie sich sein ernster Blick zu einem Grinsen verzieht.

„Sorry. Wohin gehst du?"

Ich zucke mit den Schultern und trete ein wenig zurück, da er mir eindeutig auf die Pelle rückt.

„Ich habe keine Lust mehr auf Unterricht. Ich werde nach Hause gehen. Stalkst du mich etwa?", meine ich und ziehe meine Augenbrauen zusammen. Er rauft sich die Haare und schüttelt leicht den Kopf.

„Ich habe dich aus dem Klo stürmen sehen. Komm schon, du kannst mich doch nicht alleine in Mathematik zurücklassen. Das ist todeslangweilig, aber wirklich t-o-d-e-s", quengelt er und ich muss ein wenig lachen.

„Mir ist die Lust auf Schule vergangen", gebe ich ehrlich zu. Er seufzt und greift nach seiner Zigarettenschachtel in seiner Hosentasche. Misstrauisch beäuge ich ihn, als er schamlos mitten auf dem Pausenhof eine Zigarette anzündet.

„Du weißt schon, dass du gerade nicht im Raucherbereich bist und es verboten ist, mitten  auf dem Hof zu rauchen?", frage ich skeptisch. Er rollt genervt mit den Augen und zieht an seiner Kippe.

„Manchmal hörst du dich an wie Mitte 40, Streber-Ava. Außerdem musst du nicht so tun, als würdest du dich an Regeln halten. Immerhin habe ich dich gerade dabei erwischt, wie du während der Unterrichtszeit über den Pausenhof gerannt bist und nach Hause gehen wolltest. Ohne Befreiung vom Unterricht", sagt er und hebt dabei tadelnd den Finger.

„Mir egal. Darf ich jetzt gehen?", seufze ich und er nickt. Doch als ich mich umdrehe, folgt er mir plötzlich.

„Noch etwas?", gebe ich säuerlich von mir und blicke schnell um mich. Ich hoffe, dass uns in der Zeit niemand hier entdeckt hat.

„Ich werde auch schwänzen", meint er und ich hebe überrascht die Augenbrauen an. Ich erinnere mich zurück an Faiths Aussage, dass er wohl eher wegen zu vielen Fehltagen als seinen Noten durchgefallen ist.

„Schau nicht so. Ich habe noch keinen einzigen Fehltag dieses Schuljahr. Da kann man sich das schon mal gönnen", lacht er und schubst mich leicht. Ich zucke mit den Schultern. Eigentlich ist es mir egal, was er macht. Von mir aus kann er erneut durchfallen, dann wäre ich ihn zumindest los. Schlagartig fällt mir ein, dass ich sauer auf ihn sein sollte.

„Wegen dir hatte ich Streit mit Faith", zische ich und er blickt mich überrascht an. „Wieso?"

Ich zucke mit den Schultern. „Weil sie nicht möchte, dass ich mit dir rede."

Kurz ist er still, doch dann fängt er an zu lachen. „Das ist lächerlich", meint er schließlich. „Die ist ja noch schlimmer als ich gedacht habe."

Ich schnaube und haue ihm gegen den Oberarm. „Rede nicht so über sie. Du kennst sie nicht."

Er winkt ab und bleibt stehen. „Jeder kennt Mädchen wie Faith. Ich finde sie bemitleidenswert. Allein ihr Auftritt auf der Party hat mir das bestätigt. Ich hoffe, du wirst niemals so. Das wäre wirklich schade."

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