12.
Er blickt mich an und mustert mich einen Moment lang. Dann nickt er langsam und wendet sich ab. Zufrieden damit, dass er nachgibt und mich wirklich in Ruhe lässt, atme ich langsam aus. Ich hätte es mir schwerer vorgestellt, denn meist tue ich mir schwer dabei, Leute auf Abstand zu halten, da ich nicht unfreundlich sein möchte. Aber dies zeigt, dass er sich wirklich nur mit mir unterhalten hat, um an Faith ranzukommen.
Die Tatsache versetzt mir erneut einen kleinen Stich ins Herz. Ich gönne es Faith. Ich gönne ihr wirklich alles von Herzen. Jedoch stört es mich, immer nur als ihr Accessoire angesehen und nie als eigener Mensch angesprochen zu werden. Langsam habe ich das Gefühl, dass mich alle nur benutzen, um an sie ran zu kommen, jedoch scheinen das wohl die alltäglichen Probleme zu sein, wenn man eine tolle beste Freundin hat. Zum einen verstehe ich Riley, denn wie kommt man am besten an ein Mädchen ran, als über seine beste Freundin? Jedoch hatte er doch seit Anfang des Schuljahres die Chance, alles mit ihr persönlich zu klären - wieso hat er diese dann nicht genutzt?
Ich seufze und blicke wieder auf meine Notizen. Ich versuche, diese Gedanken über Faith und Jungs zu verdrängen und mich auf meine Klausur zu konzentrieren. Minuten verstreichen und als es zur kleinen Zwischenpause gongt, werde ich immer nervöser. Ich beschließe, in der Pause direkt zum Klassenraum zu laufen, um nochmal den Stoff in Ruhe durchgehen zu können.
In dem Moment, in dem es klingelt, springt Riley neben mir auf und packt energisch seine Tasche. Ich sehe, wie er aus der Jackentasche seiner grauen Jacke eine kleine Schachtel Zigaretten herausfischt und mit dieser in der Hand aus dem Raum stürmt. Ich blicke ihm nach und verdränge ihn sofort aus meinen Gedanken. Rauchende Jungs sind sowieso super ekelig.
Schnell packe ich meine Sachen und laufe direkt zum Klassenzimmer, während ich mir den Stoff noch einmal durchlese. In den Pausen hatte man auf den Gang meisten seine Ruhe, da alle Mittelstüfler sich in der Cafeteria um den letzten Wurstsemmel stritten und sich dort auspowerten.
Meine Sicht verschwimmt und ich habe das Gefühl, kurz vor der Ohnmacht zu stehen. Gott, seit wann hat die Schule denn so einen Einfluss auf mich?
Ich zittere beinahe, als Mrs. Grey nach den kurzen fünf Minuten auf mich zuläuft und mir freundlich lächelnd die Türe öffnet.
„Ist alles okay, Ava? Du siehst so blass aus", fragt sie nach, während ich mich als Erste auf meinem Platz niederlasse. „Ja, an sich schon. Ich bin nur so unfassbar nervös. Die Klausur bereitet mir wirklich Magenschmerzen", gebe ich zu und sie sieht mich mitleidig an. „Keine Sorge, es ist nichts dabei, was du nicht beantworten kannst", versucht sie mich zu beruhigen - doch jeder Schüler weiß: Wenn ein Lehrer diesen Satz sagt, kann es nur scheiße werden.
Ich warte, bis sich der Klassenraum langsam füllt und schließlich auch Riley mit einer Rauchfahne neben mir auftaucht. Ich versuche, den Geruch zu ignorieren und rümpfe die Nase. Eigentlich verstehe ich auch nicht, wieso er plötzlich denkt, ich müsste ihm schreiben. Immerhin habe ich ihm oft genug gesagt, dass ich ihn nicht mag und auch er hatte ja betont, dass zwischen uns Eiszeit herrscht. Nur, weil ich auf der Party ein wenig betrunken war und er netterweise darauf geachtet hat, dass ich beim Kotzen nicht ersticke, heißt es nicht, dass ich ihm eine Antwort schuldig bin. Ich versuche, mir ein gutes Gefühl einzureden und mich vollständig auf die Sache mit der Geschichtsklausur zu konzentrieren.
Als Mrs. Grey mir das Blatt auf den Tisch legt, greife ich mit zitternden Händen nach meinem Kulli. Ich darf nicht erneut versagen.
Jedoch wird mir beim Durchlesen der Fragen schnell bewusst, dass ich auf einiges absolut keine Antwort habe. Es sind eher Denkfragen, womit ich mir meist schwer tue, da ich besonders in der Geschichte absolut keine Zusammenhänge oder Gründe für manche Verläufe sehe. Sorgfältig versuche ich die Fragen zu beantworten, bei welchen ich mich mit meiner Antwort sicher fühle und merke nach zwanzig Minuten Arbeitszeit, dass mir doch einiges fehlt. Verzweifelt seufze ich leise und ernte damit einen prüfenden Blick von meiner Lehrerin. Was soll ich jetzt tun? Es riskieren und googeln? Oder es dabei belassen und hoffen, dass es noch eine eventuell eine Vier wird?
Ich blicke langsam und unauffällig zur linken Seite, als mein Banknachbar ebenfalls den Kugelschreiber auf den Tisch legt. Beeindruckt mustere ich das Blatt, welches mit langen, ausführlichen Antworten gefüllt ist.
Ich muss wohl sehr verzweifelt aussehen, denn Riley schiebt langsam sein Blatt in meine Richtung, während er Mrs. Grey genauestens mustert. Dann deutet er unauffällig darauf und ich verstehe, was er meint.
Und so kam es, dass ich, Ava Miller, zum ersten Mal meine halbe Klausur völlig schamlos von Riley Carter abgeschrieben habe.
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