Chance vertan?

Michael hatte seine liebe Mühe, Gerrit einzuholen. Er wollte seinen Kollegen bremsen, ihn zur Vernunft bringen, dass er mit kühlem Kopf an die Sache heranging. Aber das war alles vergeblich, Gerrit blockte jedwedes Gespräch ab und brauste mit dem Auto los, kaum das Michael die Tür geschlossen hatte. Michael packte das Blaulicht aufs Dach und los ging die wilde Fahrt. Ein ums andere Mal schrammte Gerrit beinahe ein Auto, dass ihm nicht schnell genug aus dem Weg gefahren war und Michaels Herz setzte aus. Erneut versuchte er dem Kollegen mit Worten nahe zu kommen, doch Gerrit blendete ihn immer noch aus. Das lag nicht an Michael, der hielt sich schließlich mit Vorwürfen und Ähnlichem aktuell zurück. Nein es schien ihm als könnte er nichts weiter tun als Autofahren. Viel zu aufgewühlt war er und er konnte seine Gedanken nicht ordnen. Bilder von Julias Leiche vermischten sich mit Alex Gesicht, in ihren braunen Rehaugen stand der Schock, dann waren die Augen geschlossen und nichts bewegte sich mehr. Gerrit fuhr wie in Trance Auto. Er konnte die anderen Wägen sehen, wie sie langsam vor ihm Platz machten und sah genau die Lücke durch die er fahren konnte. Gerrit sah alles als wäre die Welt verlangsamt und nur er würde schnell sein. Sein Gehirn spielte die verschiedensten Szenarien durch, wie sie Alex da nun herausholen sollten. Lebhaft stellte er sich vor, wie er diesem Pablo die Lunge aus dem Leib prügelte. Irgendwie stimmte ihn das fröhlich und seine bis dahin angestrengte Miene wurde von einem grausamen Lächeln abgelöst. Gerrit war nie ein Sadist gewesen, solch ein Verhalten war ihm stets zuwider gewesen und er hatte sich dagegen gestellt. Doch nun hatte er so einiges, was er anstellen wollte sobald sie Alex gefunden und Pablo gestellt hatten. Wehe wenn Alex nur ein Haar gekrümmt worden war, dann gäbe er aber wirklich keine Ruhe mehr bis die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen worden waren. Und wenn er über ihr Schicksal entscheiden würde – die Strafe würde folgen. Michaels Stimme rief Gerrit in die Wirklichkeit zurück. „..musst jetzt endlich zuhören! Du bringst noch einen von uns um, Kollege!" Michael hatte nun wirklich schon länger versucht seinen Freund und Kollegen zu erreichen und war erleichtert, als dieser endlich reagierte und kurz zu ihm herüber sah. „Was ist los, Michael? Ich war ganz in Gedanken." Michael beschloss, nicht zu sehr auf diese Gedanken einzugehen und antwortete nur trocken: „Habe ich gemerkt. Und ganz nebenbei hast du uns fast gegen die Wand gesetzt. Aber das ist gerade egal – wir brauchen einen Plan. Bis das SEK oder eine Streife da ist, könnten sie schon weg sein. Wer weiß, vielleicht haben sie auch Alex' Handy schon gefunden oder herausgefunden, dass wir kommen. Und dann geht es um Sekunden. Wir können nicht warten! Warst du schon einmal in dieser Gegend? Ich kenne mich da nicht sehr gut aus. Wir sind ein Team, Gerrit und müssen zusammen bleiben. Ich werde hinten herum gehen, du klingelst vorne. Und wenn ich ein Fenster eintreten muss, ich sichere hinten ab. Schaffst du das alleine?" Gerrit nickte nur und konzentrierte sich weiter auf die Steuerung des Autos.

Keine fünf Minuten stand Gerrit vor der Tür einer Villa in der Reutherstraße und hielt die Klingel gedrückt. Michael war bereits um die Ecke verschwunden in der Hoffnung hinten einen Zugang zum Haus zu finden. Gerrit löste seinen Finger erst von der Klingel als die Türe geöffnet wurde. Ein grobschlächtiger, muskulöser Mann mit leichtem Kinnbart stand vor ihm und grunzte ihn an: „Was soll denn das! Hör gefälligst das Klingeln auf!" Gerrit ließ sich in keinster Weise beeindrucken sondern stellte sich wie gewohnt vor: „Grass vom K11, ich bin hier um mit einem gewissen Pablo zu sprechen." Der Muskelprotz verneinte und wollte die Tür schließen, doch Gerrit hatte den Fuß in der Tür und drückte sie auf. Dann drängte er an dem Kerl vorbei ins Innere des Hauses. Er hörte wie die schweren Schritte ihm folgten und hörte Geräusche aus dem Keller. Schnell wie der Wind war er die Treppe unten und erblickte Pablo, der augenscheinlich gerade ein zerbrochenes Glas aufsammelte. Und eine blutige Hand hatte. Gerrit trat auf ihn zu und hielt ihm seinen Ausweis vor die Augen, dabei blickte er nach hinten und war verwundert, dass ihm der Handlanger noch nicht gefolgt war. Doch er wandte seine Aufmerksamkeit schnell wieder seinem Gegenüber zu. Pablo trug nur einen Bademantel und wirkte sehr überrascht, dass Gerrit ihn hier unten aufsuchte. Doch Gerrit gab da Nichts drauf – er wusste was für ein guter Schauspieler dieser Kerl war. „Wir haben Informationen bekommen, wonach Sie hier Mädchen gegen Ihren Willen festhalten. Haben Sie dazu etwas zu sagen? Und wo haben Sie diese Verletzung her?" fragte Gerrit mit Blick auf Pablos Hand. „Oh solch eine Geschichte haben Sie gehört? Das weise ich aber entschlossen von mir. Zu so etwas bin ich gar nicht fähig.  Ich habe vorhin diese Vase herunter geworfen und mich beim Scherben aufheben geschnitten. Ich bin wohl ein rechter Tollpatsch.", grinste Pablo schief und wedelte mit der beschmierten Hand umher. „Besser noch, ich überzeuge mich gleich selbst davon. Und Sie legen die Scherben weg, ansonsten muss ich Sie erst einmal in Gewahrsam nehmen." Mit diesen Worten betrat Gerrit das erste Zimmer des Kellers. Schnell suchte er es nach irgendwelchen Hinweisen ab. Ebenso verfuhr er mit allen anderen Räumen aber er konnte nirgends einen Beweis des Hierseins der Mädchen und Alex finden. Er beschloss, dass Michael und er sich die beiden Ganoven in Ruhe vorknöpfen sollten. Daher deutete er Pablo die Treppe hoch zu gehen und betrat gemeinsam mit ihm das Wohnzimmer. Nun sah er auch den Grund, weswegen der Muskelprotz ihm nicht gefolgt war: Michael hatte ihn mit Handschellen gefesselt und drückte ihn nun an ein Dekorationsgitter im Wohnzimmer. „Er wollte mich verprügeln und daher ist er jetzt etwas unbeweglicher. Wissen tut er angeblich nichts.", zuckte Michael die Schultern, hielt den Mann aber weiterhin fest. Gerrit merkte, wie seine Frustration in Wut um schwang als er Pablos zufriedenes Grinsen sah. Dieser Kerl wusste etwas, ließ sie hier herumstehen und am Ende hatte er etwas mit Alex und den anderen angestellt. Am Ende ließ er sie irgendwohin wegschaffen während er, Gerrit, hier herumstand! „ Sie wissen, wo die Mädchen sind, wir haben selber gehört, wie sie heute Nachmittag eine Frau zusammen mit Drogen gekauft haben! Jetzt reden Sie schon!", rief Gerrit aus, doch Pablo schwieg weiter, stellte sich tiefenentspannt vor das Sofa und lehnte sich an das Polster, dabei grinste er ihn nur widerwärtig an.

Das Blut rauschte Gerrit durch die Adern und er spürte wie sich seine Wut langsam in Ruhe umwandelte. „Wo sind die Mädchen? Und vor allem wo ist sie? Wo ist Alex?", fragte er gefährlich leise. Michael überließ seinem Kollegen die Fragerei und beobachtete, wie sein Kollege auf sein Gegenüber zu schlich. In diesem Moment ähnelte er eher einer Raubkatze auf Pirsch als einem Menschen und Michael befürchtete, dass es nicht mehr lange dauern könnte, bis sein Freund ausrastete. Pablo starrte derweil an die Wand und gab sich unwissend. Er redete sich heraus, dass er ein unbescholtener Bürger sei, dessen Freunde gerade zu Besuch waren und sich nun alle fragten, was denn hier gespielt werde. Von Mädchen oder gar einer blonden Frau gab er vor überhaupt nichts zu wissen. „Ich würde keiner Fliege etwas zu leide tun, Herr Kommissar.", säuselte der Mann mit einem Lächeln, das seine Worte Lügen strafte. „Ich frage ein letztes Mal, Pablo. Ich verliere allmählich die Geduld. Du. Sagst. Mir. Sofort. Wo. Alex. Ist.", stieß Gerrit zwischen den Zähnen hervor. Pablo grinste und setzte zu einer gehässigen Antwort an, da verlor Gerrit die Geduld und schlug mit voller Wucht zu. Noch während seine Faust wie geplant auf der Wange des Ganoven landete, registrierte er vieles gleichzeitig: Pablo wirkte tatsächlich überrascht aber der Schlag tat ihm auch ziemlich weh, wie Gerrit mit Genugtuung feststellte. Michael schrie seinen Kollegen an, musste aber zeitgleich den Handlanger festhalten und Pablo fiel nach hinten. Wie in Zeitlupe fiel er und segelte mit dem Kopf nur Zentimeter an der Steintischplatte vorbei, die neben der Couch stand. Michaels Puls war auf Hundertachzig, sie hatten Pablo nicht ernstlich verletzen dürfen – vor allem weil so die letzte Chance, Alex und die Mädchen zu finden, verloren gegangen wäre. Noch während er so dachte, registrierte er, dass Pablo auf einmal eine Waffe in der Hand hatte und wollte seinen Kollegen warnen. Doch der hatte sich schon in Bewegung gesetzt und hatte zu einem erneuten Schlag auf Pablos Gesicht angesetzt. Als Gerrits Faust Pablos Gesicht erreichte, schoss dieser die Pistole ab und Michaels Warnung wurde zu einem erschrockenen Schrei.

Alex erwachte aus ihrer Lethargie, als sie den Schuss hörte. Zuerst bemerkte sie die Schnitte auf ihren Armen und das Blut, das an ihren Klamotten und Armen hing. Zu ihrer Überraschung spürte sie keinen Schmerz, im Gegenteil – sie fühlte sich wirklich gut. Auch waren ihre Klamotten oben herum etwas zerrissen, sodass man ihren BH sehen konnte, doch mehr war nicht kaputt. Sie versuchte sich zu erinnern, was zuletzt passiert war. Der Einstich am Arm, das mussten Drogen gewesen sein. Gedankenverloren rieb sie mit ihrer Hand über die Stelle. Die Drogen hatten sie außer Gefecht gesetzt. Sie hatte gerade so mitbekommen, wie sie aus dem Raum mit den Mädchen getragen wurde. Das Zimmer nebenan war scheinbar dieses. Und dann war Pablo hereingekommen und hatte ihr etwas ins Gesicht gesprüht. Dann hatte sie sich nicht mehr rühren können und die Augen geschlossen. Und jetzt ein Schuss! Was war da oben los? Hatten ihre Kollegen sie gefunden? Aber wenn ein Schuss gefallen war hieß das, dass jemand verletzt war? Vorsichtig stand sie auf, stellte sich auf das Bett und hüpfte nach oben um an die Decke zu schlagen. Beinahe wäre sie dabei vom Bett gefallen, doch Glücklicherweise kam ihr Gleichgewicht langsam wieder. Sie bezweifelte zwar, dass sie mit ihren Knöcheln viel Lärm machen konnte, doch ein Blick durch den beinahe leeren Raum hatte ihr klar gemacht, dass sie schon ein Bein des Bettes herausreißen musste um lauter zu sein. Daher rief sie nun mit dünner Stimme um Hilfe. Sie hoffte sehr, dass sie jemand hörte, doch leider merkte sie auch, dass ihre Kraft langsam aber sicher schwand. Trotzdem nahm sie sich vor zu schreien und zu klopfen bis sie umfiel.

Im Raum über ihr lag Gerrit über Pablo, drückte ihn mit den Beinen auf den Boden und hielt seine Arme fest. Die Pistole lag inzwischen unter dem Tisch, die hatte Gerrit da hinunter befördert nachdem Pablo den Schuss abgefeuert hatte. Der Kommissar ignorierte das stetige Pochen und das Blut, das seinen Arm hinunterlief. Der Schuss hatte ihn aus irgendeinem Grund nicht in die Brust getroffen, dafür aber in den rechten Bizeps. Es tat ganz schön weh doch Gerrit war viel zu fokussiert um sich von so etwas aus der Bahn werfen zu lassen. Er biss die Zähne zusammen und funkelte Pablo aufgebracht an. Michael, der hinter ihm stand und sich besorgt nach seinem Zustand erkundigte, wurde ignoriert. Dann hörte er das dumpfe Klopfen und die gedämpften Hilfeschreie. Gerrit schlug jedwedes Polizei-Verhaltensprotokoll in den Wind brüllte nun lautstark: „Ich höre doch jemanden! Jetzt zeig mir wo du sie hingebracht hast! Du hast Mädchen hier eingesperrt und du wirst mir jetzt sagen, wo sie sind!"-  „Okay, okay, ich sag es euch ja!" schniefte Pablo, dessen Nase durch den erneuten Schlag ganz schön blutete. Gerrit stand auf und zog ihn unsanft auf die Füße. „Brauchst du Hilfe, Gerrit? Wie geht es deinem Arm, verbinde ihn doch wenigstens!" Michael versuchte zum hundertsten Mal an diesem Tag seinen Kollegen zur Vernunft zu rufen, doch vergeblich. Gerrit gab nur ein unwirsches: „Mir geht's gut, Michael!" zurück. Dann verschwand er die Treppe hinunter und beobachtete wie Pablo dort, wo er vorhin die Scherben aufgehoben hatte, einen versteckten Knopf im Bücherregal drückte und dieses danach zur Seite schob. Gerrit zog ihn zurück zur Treppe, kettete ihn mit seinen Handschellen ans Geländer und zog seine Dienstwaffe. Dann trat er in den kleinen Gang hinein, der hinter dem Bücherregal versteckt gelegen hatte und öffnete vorsichtig die erste Tür.  Was er sah, ließ ihn zusammenzucken und er stieß einen erschrockenen Schrei aus.


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