Verscherzt
Schockiert blieb Gerrit in der Tür stehen und sah auf die blonde Frau, die zusammengesunken auf einer art Bett hockte. Ihre Klamotten waren zerrissen und Blut haftete an ihrem Körper. Übelkeit stieg in ihm auf, als er die Frau begutachtete. Sie sah klein und zerbrechlich aus, rührte sich nicht. Er sah die wunden an ihrem Körper und das viele Blut. Er konnte nicht ausmachen, ob die Wunden tief oder sogar tödlich waren. Lebte sie überhaupt noch? Langsam trat er einen Schritt näher. "Hallo?", fragte er leise, den Blick auf der Frau ruhend. In dem Raum war es dunkel. Nur das Licht, welches durch die geöffnete Tür drang, warf seinen Schein genau auf die Frau. Angespannt zückte er seine Waffe und suchte den Raum mit seinen Augen ab, doch niemand war zu sehen. Eine Bewegung, die er aus den Augenwinkeln mitbekam, ließ ihn wieder zum Bett schauen und er erschrak nochmals, als er in das Gesicht der Frau blickte. Der Schreck und die Fassungslosigkeit fuhren ihm in die Glieder und ließen abwechselnd warme und kalte Schauer durch sein Knochenmark fahren. Er hatte viel in seiner Laufbahn als Kommissar gesehen, doch dieser Schrecken, ließ ihm die Waffe aus seinen Händen gleiten, die wenig später mit einem lauten Poltern zu Boden krachte. Dieses Geräusch ließ ihn wieder ins Hier und Jetzt zurückkehren und er hörte das Blut in seinen Adern rauschen. "Alex... was.. was hat er dir nur angetan?", fragte er leise, war sich seiner Stimme nicht sicher. Langsam trat er einen Schritt auf seine Kollegin zu, die ihn voller Misstrauen ansah. "Komm nicht näher!", hörte er ihre brüchige und verwaschene Stimme. "Bleib da stehen!". Gerrit sah seine Kollegin schockiert an. Er hatte sie zuerst gar nicht erkannt. Sie sah aus, wie ein Häufchen elend. Ihre Augen waren rot unterlaufen und ziemlich glasig. Dennoch hatten sie immer noch ihren starken Ausdruck. Und dieser war voller Missachtung und Misstrauen. "Alex ich bin es! Gerrit! Es ist vorbei! Es wird dir keiner mehr etwas tun!", sprach er beruhigend auf sie ein und wollte wieder einen Schritt auf sie zumachen, doch sie drückte sich nur weiter an die Wand. "Du sollst da stehen bleiben! Lass mich in Ruhe!", fuhr sie ihn an. In ihrer Stimme schwang Schmerz und Wut mit. Hilflos sah Gerrit sich um. "Michael!", rief er. "Michael komm schnell!" Langsam griff er in seine Tasche und holte sein Handy hervor um einen Notruf abzusetzen. Er hörte polternde Schritte auf dem Gang, als Michael ins Zimmer stürzte, der erst ihn ansah und dann zu Alex. Sofort ließ er seine Waffe sinken. "Ach du Scheiße, Alex!", Gerrit hörte die selbe Fassungslosigkeit in der Stimme seines Kollegen, die er selbst verspürte. Mit einem letzten Blick zu Alex, hielt er sich das Handy ans Ohr und verschwand auf den gang. Er konnte ihr Verhalten verstehen. Er war Schuld, dass sie in diese Lage geraten war.
Alex sah Michael an. Sämtliche Anspannung fiel von ihr ab. War es jetzt wirklich vorbei? Zitternd versuchte sie aufzustehen. Michael machte vorsichtige Schritte auf sie zu, bis er das Bett erreicht hatte. vorsichtig hielt er ihr seine hand hin. Lange sah sie zu ihm hoch, ehe sie zögernd seine Hand nahm um mit seiner Hilfe aufzustehen. Michael wollte sie sofort in seine Arme ziehen, doch Alex stieß ihn weg. "Michael, bitte!", sagte sie flehend. "Ich.. weiß nicht was hier passiert ist. Ich kann das jetzt noch nicht!", flüsterte sie entschuldigend. Für einen Kurzen Moment war sie den Tränen nahe, doch sie wollte jetzt nicht schwach sein. "Ist in Ordnung, Alex. Es ist alles vorbei! Du bist in Sicherheit und alles wird wieder gut!", sagte er beruhigend. Alex stand unsicher auf ihren Beinen und machte ein paar vorsichtige Schritte. Es klappte besser, als sie gedacht hatte. "Wo sind die anderen Mädchen?", fragte sie und sah ihren Kollegen an. Michael schüttelte den Kopf. "Wir haben noch nicht weiter geguckt. Es ging alles ziemlich schnell!", erklärte er und Alex sah ihn nun entschlossen an. Sie lief kurzerhand an ihrem Kollegen vorbei, hinaus aus dem Zimmer. Vor der Tür stieß sie beinahe mit Gerrit zusammen, der sie lange ansah. Sie senkte ihren Blick und drängte sich an ihm vorbei. Sie wollte jetzt nicht mit ihm reden. Sie wollte ihn nicht sehen und erst recht nicht an ihn denken. Sie fühlte sich von ihm verraten und das würde sie ihn auch spüren lassen. Suchend tastete sie den Gang mit ihren Augen ab und blieb an einer Tür ganz am Ende des Ganges hängen. Mit schnellen Schritten hastete sie auf die Tür zu und ignorierte die dabei aufkommenden Schmerzen. "Alex warte!", rief Michael und hastete ihr hinterher. Doch sie war schon an der Tür angelangt und öffnete diese mit einem Ruck. Auf dem Boden lagen Matratzen, es roch wirklich übel, aber es gab keine Spur von den Mädchen. Wut stieg in ihr auf. "Sie sind weg!", rief sie aufgebracht. "Er hat sie wegbringen lassen!" Sie sah Michael herausfordernd an. "Wo ist er?! Wo ist dieses Schwein!", sie machte schon Anstalten sich an Michael vorbeizudrängen, doch dieser hielt sie mit sanfter Gewalt zurück. "Nein Alex! das ist jetzt nicht gut für dich. Du wirst gleich erstmal behandelt und dann sehen wir weiter!", sprach er ruhig auf sie ein. Alex war wütend. "Du verstehst es nicht!", rief sie und ihre Stimme klang verzweifelt. Sie war selbst erschrocken über dieses Zittern in ihrer Stimme, doch ihre Gefühle fuhren gerade Achterbahn. "Ich habe es ihnen versprochen verdammt!", schrie sie aufgebracht. Es war ihr egal, das alle Dämme brachen und dazu, auch ihre Selbstbeherrschung. Tränen liefen über ihre Wangen und sie versuchte sich an Michael vorbeizudrücken, doch er hielt sie immer noch sanft fest. "Jetzt geh mir aus dem Weg du Idiot!", schrie sie verzweifelt und trommelte mit ihren Fäusten auf seine Brust. Sie hatte versagt. Die Mädchen waren weg und mal wieder hatten sie keine Spur. "Sie haben auf mich gezählt!", rief sie verzweifelt aus, zitterte und spürte, wie ihre Knie nachgaben. Michael konnte sie gerade noch auffangen, bevor sie auf dem harten Boden aufschlug. "Alex!", hörte er Gerrits besorgte Stimme. "Michael was ist mit ihr?!" Alex spürte wie Michael sie sanft an seine Brust zog. "Alles wird gut Alex. Du musst dich nur einmal behandeln lassen!", sprach er ruhig auf sie ein, ehe er sie sanft den Gang entlang trug. Apathisch starrte sie durch die Luft, nahm die Stimmen zwar wahr, konnte sie aber gerade nicht verarbeiten. "Gerrit sorg dafür, dass die beiden ins K11 gebracht werden! ich bleib bei Alex!", hörte sie Michaels Stimme, ehe ihr schwarz vor Augen wurde.
Es waren mittlerweile schon viele Menschen und Ärzte an ihm vorbei gelaufen. Doch noch kein Anzeichen von seiner Kollegin war zu sehen. Mittlerweile hatte Michael schon seinen dritten Krankenhauskaffee in der Hand. Auch wenn das zeug wirklich ekelhaft schmeckte, brauchte er das gerade. Er ließ die letzten Stunden noch einmal Revue passieren. Wie sie Alex aus ihrer Lage befreit hatten. Sie war verletzt. Nicht nur äußerlich, das wusste Michael. So etwas, ging an niemanden Spurlos vorbei. Es gab noch keine näheren Infos. Hatte Pablo Alex betäubt und sie dann einfach vergewaltigt? Alex hatte keine Erinnerungen mehr und jegliche gynäkologische Untersuchung verweigert. Er wurde durch das Quietschen einer Tür aus seinen Gedanken gerissen, als Alex in frischen Klamotten aus dem Zimmer kam. Ihre Arme waren verbunden und sie sah Müde aus. Doch mittlerweile machte sie einen gefassteren Eindruck, brachte sogar ein gequältes Lächeln zustande, als sie auf ihn zutrat. "Hey Liebelein", sagte er sanft und sah sie prüfend an. "Michi.. es tut mir leid! Ich wollte dich nicht schlagen..", sagte sie schuldbewusst und sah ihn aus ihren großen brauen Augen an. "Schwamm drüber Kollegin! Was sagt der Arzt?", fragte er sie interessiert und gab ihr eine Jacke zum Überziehen. Alex holte tief Luft und seufzte. "Naja.. es sind keine ernsthaften Verletzungen. Mehrere kleine, aber nicht tiefe Schnitte, die er gereinigt hat. Pablo hat mir Drogen gespritzt, damit ich mich an nichts erinnre", sie verstummte und lief neben ihm her. Michael schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. "Alex, das das passiert ist, ist nicht Gerrits Schuld!", sagte er. Alex schnaubte. "Hätte er mich nicht verwanzt wäre das alles gar nicht passiert!", sagte sie und ihre Stimme klang kühl. "Nein Alex, du verstehst das nicht. Wir wussten alle davon! Ja, Gerrit war ein Arschloch" "Und das ist er auch immer noch!", unterbrach sie ihn barsch und ging etwas schneller. "So. Und jetzt haben wir einen Fall zu klären, also komm!", murmelte sie und Michael wusste, das dies ihr vorerst letztes Wort zu diesem Thema war. Niedergeschlagen folgte er ihr. Er wusste, das es Gerrit ziemlich erwischt hatte, auch wenn er Probleme hatte, es sich selbst einzugestehen. Und allem Anschein nach, hatte er es sich mit Alex ziemlich verscherzt.
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