The Fall


"Rosen ist jetzt im Himmel."

Güldensterns Stimme war tief und rau wie immer, doch wohnte ihr ein ungewohnt sanfter, liebevoller Ton inne als er eine Hand auf Lichts Schulter legte und ihn aus besorgten, roten Augen musterte.

Licht zitterte ganz schrecklich am ganzen Körper, doch sein Gesicht war völlig ausdruckslos, die blauen Augen leer.

An sich sah der Engel aus wie immer, trug die selben Sachen wie immer, ein etwas zu großer schwarzer Pullover, eine weiße Hose...
Seine schwarzen Stiefel jedoch waren nicht mehr nur schwarz, sondern auch rot.

Blutrot.

"Lawless, bitte... Kümmer dich kurz um ihn. Ich brauche einen Moment." Güldenstern sah zu dem Servamp der Habgier, welcher seinen Abkömmling kurz umarmte bevor er sich vor seinem Eve auf den Boden kniete, ihm sanft die blutbefleckten Stiefel auszog.

Der süße Geruch von Blut ließ Lawless leise seufzen - er hatte Rosens Blut immer geliebt, es an manchen Tagen sogar gegenüber dem seines Eves bevorzugt, doch jetzt machte ihn der Geruch nur traurig.

Er schob die Stiefel unter das Sofa, ganz nach dem Motto aus den Augen aus dem Sinn, und legte seinem Eve sanft eine Hand auf die Schulter wie es sein Abkömmling zuvor getan hatte.

An jeden anderem Tag hätte Licht ihn dafür einmal quer durch den Raum getreten, aber heute reagierte der Engel gar nicht auf seine Berührung, und Lawless wünschte sich mehr als jemals zuvor, er würde ihn doch einfach wieder als Teufel beschimpfen, ihn angreifen, ihn treten, irgendetwas. Doch der Engel blieb still.

"Komm mit, Lichtan." Lawless stand auf, nahm den Engel bei der Hand. "Du solltest ins Bett gehen." Licht stand auf, kam gehorsam mit dem Servamp, und Lawless hätte schreien mögen. Licht sollte nicht gehorsam sein. Nicht bei einem Vampir. Nicht bei ihm.

Lawless hielt für einen Moment bei der Küche, um den Wasserkocher anzumachen, dann führte er den Engel in langsamen Schritt in sein Schlafzimmer. Er wartete für einen Moment, ob er sich von alleine ausziehen würde, zog ihm dann sanft den Rucksack von
den Schultern und den Pullover über den Kopf. Noch immer keine Reaktion.

"Setz dich hin."

Licht gehorchte und nahm auf dem Bett Platz. Rosen hatte es an dem Morgen noch neu bezogen, das Bettlaken war weiß, die Bettdecke weich und flauschig und silbergrau. An die Wand gelehnt saßen zwei große Stofftiere, eine Katze und ein Hund, und ließen das Zimmer des Engels so unschuldig wie immer aussehen.

Auch die Hose und die Socken zog Lawless seinem Eve vorsichtig aus, und als Licht sich hinlegte deckte er ihn zu, schob den Stoffhund etwas näher zu ihm und löschte dann das Licht.

Er verließ nur kurz das Schlafzimmer des Eves, um ihm einen Tee zu machen und eine Packung Tabletten aus dem kleinen Medizinschrank im Badezimmer zu holen, und als er wiederkam, endlich, eine Regung des Engels.

Er weinte.

Nur leise, aber er weinte.

Lawless hielt inne. Er hatte Licht noch nie weinen gesehen. Er war kein emotionaler Mensch - er lächelte nicht einmal wenn Lawless schon vor Freude weinen würde - und vielleicht traf es den Servamp gerade deswegen so hart.

Er stellte den Tee und die Schlaftabletten auf dem Tisch ab und setzte sich dann neben seinem Eve auf das Bett. Sanft fuhr er mit einer Hand durch seine unordentlichen, schwarzen Haare und über seinen Rücken.

"Ganz ruhig, mein Engel..."

Lawless war selbst überrascht davon, wie sanft seine Stimme klang, denn die meiste Zeit stritt er sich mit Licht oder machte sich über ihn lustig, doch der Engel schien darauf anzuspringen. Er drückte sich zitternd und noch immer weinend an seinen Servamp, und fast war Lawless schon erleichtert - eine Reaktion! - Doch es schmerzte ihn, den Engel so gebrochen zu sehen.

"Ganz ruhig..."

"Lawless? Licht?" Die Tür zu Lichts Zimmer wurde einen Spalt geöffnet und Güldenstern sah zu ihnen herein. Vielleicht hatte er Licht weinen gehört, vielleicht wollte er sich nur nach ihnen erkundigen, Lawless war sich nicht sicher.

"Ich kümmer mich um ihn", versicherte Lawless. "Versprochen. Geh schlafen, Güldenstern."

Der Abkömmling wirkte noch immer besorgt, doch er nickte nur. "In Ordnung, Lawless. Weck mich ruhig, wenn du mich brauchst."

"Mach ich. Gute Nacht, Güldenstern."

"Gute Nacht, Lawless."

Und die Tür wurde wieder geschlossen.

Lawless legte sich neben Licht. Der Servamp hatte schon mehr als einmal neben seinem Eve geschlafen, jedoch nie in menschlicher Gestalt, und nun so neben ihm zu legen...

Lawless errötete. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich selbst. Licht braucht dich.

Der Eve legte seinen Kopf an die Brust des Servamps, lauschte auf seinen Herzschlag und seinen Atem, und innerhalb einer halben Stunde war er eingeschlafen, auch ganz ohne Schlaftabletten.

Lawless legte einen Arm um seinen Engel. Es war seltsam, ihm so nahe zu sein, schließlich war er ein Teufel, und Licht duldete nur selten Teufel in seiner direkten Nähe, aber es schien so, als wäre es das, was der Engel gerade brauchte, und Lawless wollte seinem Eve alles geben was er brauchte, wollte für ihn da sein.

Sanft küsste er die Stirn seines Eves. "Schlaf gut, mein Engel." Flüsterte er und strich die unordentlichen, schwarzen Haare mit sanfter Hand glatt.

Und dann, Lawless konnte nicht sagen ob es Minuten oder Stunden dauerte, war auch der Servamp selbst eingeschlafen.

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