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Licht schlief noch, als Lawless am nächsten Morgen aufwachte.

Tatsächlich schlief er sogar sehr tief.

Warte. Atmete der Engel überhaupt?

Lawless legte die Hände auf Lichts Schultern und schüttelte ihn, erst vorsichtig, um ihn nicht zu sehr zu erschrecken, dann stärker, als er darauf keine Reaktion zeigte. "Licht!"

Der Engel reagierte nicht, öffnete nicht einmal die Augen, und Lawless war außer sich vor Angst, seine Hände zitterten, seine Finger krallten sich in die Schultern seines Eves. "Licht! Licht, wach auf!"

Die Tür wurde aufgerissen und Güldenstern kam herein, er hatte wohl Lawless' verzweifelte Rufe gehört.

"Lawless, was ist passiert?"

"Irgendwas stimmt mit Lichtan nicht!"

Schnell war Güldenstern an ihrer Seite, befühlte Lichts Handgelenk nach einem Puls. Er war da, beruhigte er Lawless, schwach, aber er war da. Lawless wollte erleichtert sein, aber er konnte es nicht. Noch war er da, dachte er für sich. Noch.

"Ruf einen Krankenwagen, Lawless."

Der Servamp nickte, nahm sein Handy vom Nachttisch. 1-1-2, wählte er, und seine Finger zitterten.

Der Mann an der anderen Seite des Hörers war freundlich und ruhig, und Lawless hätte ihn am liebsten erwürgt dafür. Wie konnte er so ruhig bleiben? Licht, seinem Engel, ging es schlecht, vielleicht würde er sogar sterben, doch der Mann wirkte kein bisschen beunruhigt.

"Ein Krankenwagen ist auf dem Weg."

"Okay, gut, vielen Dank."

Lawless legte auf.

Er sah sich unruhig im Raum um. Die Wände waren frisch weiß gestrichen, Rosen hatte das im vorherigen Monat übernommen, nachdem Lichts Mutter es immer wieder aufgeschoben hatte, nur eine Wand war nicht weiß. Die Wand, an der Lichts Bett stand, war himmelblau mit weißen Wolken - Licht hatte sie selbst gemalt, vor einigen Jahren, das hatte Rosen ihm erzählt.

Lichts Zimmer sah nicht aus wie das eines 18-Jährigen. In seinem Bücherregal standen neben Noten und Poesie auch dicke Märchen- und Kinderbücher, neben dem Regal lagen zwei viel zu große Sitzsäcke, ein Bär und eine Katze. Licht hatte sie in einem Laden in Frankreich gesehen, erinnerte sich Lawless und musste lächeln bei dem Gedanken daran, wie glücklich der Eve gewirkt hatte als er und Rosen die zwei aus dem Laden getragen hatten.

An den Wänden hingen Tierposter, die Licht immer sorgfältig aus den Zeitschriften ausschnitt, die er sich an Bahnhöfen oder Flughäfen kaufte wann immer eine längere Reise anstand. Katzen, Hunde, Pferde, sogar ein paar Igel waren dabei. Licht hatte Tiere schon immer geliebt.

Bevor der Servamp noch tiefer in seinen Gedanken versinken konnte öffnete sich die Tür und ein Team von Notfallsanitätern betrat den Raum. Sie überprüften Lichts Puls and Atem, dann nahmen sie ihn mit sich und brachten ihn in den Krankenwagen der vor dem Haus der Todorokis stand, mit Blaulicht und Sirene.

Der Lärm war schrecklich laut in Lawless' Ohren, doch in seinem Kopf war nur Platz für Licht und dessen Wohlbefinden. "Darf ich mitfahren?", fragte Lawless einen der Sanitäter, doch dieser schüttelte nur den Kopf. Das seie nur für Angehörige, sagte er, und eine Versicherungsfrage, doch Lawless hörte bereits nicht mehr hin.

Er sprang förmlich in Rosens Auto.

"Bitte Lichtan...", murmelte er leise. "Du kannst jetzt nicht sterben."

Leise betete Lawless. Er glaubte schon seit vielen hundert Jahren nicht mehr an Gott, aber Licht war ein Engel, und war es nicht Gott, der für diese verantwortlich war?

Lawless fuhr los.

Als er dann endlich im Krankenhaus angekommen war musste er viel zu lange warten. Nervös tippte er mit seinen Fingern auf der Armlehne seines Stuhls herum und machte sich damit unter den anderen wartenden ganz sicher keine Freunde, aber das war ihm gerade mehr als egal.

Er zitterte. Er hatte Angst davor, was der Arzt ihm sagen würde, wenn er aus dem Raum treten würde, er hatte Angst davor hören zu müssen, dass sein Engel gestorben war. Das könnte er nicht ertragen, er hatte schon viel zu viele Eves verloren, er konnte nicht auch noch Licht verlieren, er-

Die Tür öffnete sich, der Arzt trat aus.

Der weiße Kittel und der Geruch von Desinfektionsmittel und Blut schüchterten Lawless ein. Es war eine ganz widerliche Mischung, eine die Lawless einen Schauder über den Rücken jagte und ihn erzittern ließ.

"Herr..." Der Arzt sah ihn fragend an. Lawless hatte ihm seinen Namen noch nicht genannt? Hatte er sich am Telefon überhaupt vorgestellt?

"Hyde," stellte er sich vor und seine Stimme zitterte. "Nennen sie mich Hyde."

"Herr Hyde, sie sind ein Freund von Herr Todoroki?"

So viel mehr als das, würde Lawless gerne sagen. Er war Lichts Freund, ja, aber auch sein Partner, sein Servamp, sein Drecksigel. Er beließ es bei einem Nicken. Der Arzt würde es ja doch nicht verstehen.

"Ich bin Herr Katzenbach." Der Arzt deutete auf das Namensschild an seiner Brust. "Ich bin hier der Oberarzt. Sie können jetzt hereinkommen, aber erschrecken sie sich nicht. Herr Todoroki sieht eventuell etwas anders aus."

Lawless nickte nur und die beiden betraten den Raum ohne ein weiteres Wort.

Lawless schlug sich eine Hand vor den Mund als er Licht sah. Der junge Mann lag still in seinem Bett. Sein Gesicht war leicht blau angelaufen, wenn auch seine Brust sich zittrig hob und senkte, Speichel rann in einer dünnen Spur von seinen Lippen und seine blauen Augen waren zwar offen, wirkten aber endlos müde.

"Herr Todoroki hat sich selbst auf Benzodiazepinen überdosiert."

"Schlaftabletten?"

Der Arzt nickte. "Wir gehen von einem Suizidversuch aus - ist Herr Todoroki schon länger suizidgefährtet? Leidet er an Depressionen?"

Lawless schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Er ist ein sehr lebensfroher Mann!"

Die gelben Augen des Arztes waren traurig und es sah aus, als hätte er das oder ähnliches schon öfters gehört. "In Ordnung. Wir haben seine Eltern bereits informiert."

"Werden sie kommen?"

"Zwei Tage." Der Arzt seufzte. "Vielleicht länger. Sie sind wohl auf Reisen?"

Lawless hätte schreien mögen. Licht hätte sterben können, verdammt, er hatte versucht sich umzubringen, und seine Eltern schafften es nicht, einmal ein verficktes Konzert abzusagen? Einmal für ihren Sohn da zu sein? Er ballte die Faust und seine Fingernägel drückten sich schmerzhaft in seine Handfläche, doch er spürte die Schmerzen kaum.

"Hyde..."

Die Stimme des Eves war heiser und klang so angestrengt, als hätte er so eben den schwersten Kampf seines Lebens gekämpft.

Lawless drehte sich zu Licht. "Ja, mein Engel?", fragte er sanft und setzte sich zu ihm ans Bett, nahm seine Hand. "Ich bin hier."

"Du siehst scheiße aus."

Lawless musste lächeln. "Jaja, als ob du besser wärst."

Der Engel wurde wieder still. Lawless nahm ihn sanft in den Arm. Er wartete, ob noch weitere Worte folgen würden, doch Licht schwieg nur.

"Schon okay...", murmelte Lawless und strich seinem Eve liebevoll durch die unordentlichen schwarzen Haare. "Du musst nicht mit mir reden. Ich bin nur froh, dass es dir gut geht."

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