3. Brombeerhecken
„Wie lange sitzen wir jetzt schon hier?", fragte Nornea ungeduldig und ließ ihren Blick einmal zu jedem wandern. Sie saßen nebeneinander auf einem abgesägten Baumstamm, der von den letzten Forstarbeiten wohl noch übrig war.
Elrond, der schon die ganze Zeit am Handy irgendetwas machte, hielt in seinem aktuellen Tun inne und warf einen Blick auf die digitale Uhr. „Knapp eine Stunde", antwortete er. „Wir sollten zurück, es wird kalt. Ich glaube nicht, dass wir heute noch irgendwo ein Lebenszeichen von ihm aufschnappen", meinte Calia leise. Sie hatte die Hoffnung schon vor einer halben Stunde aufgegeben, nachdem sie eine Weile in den Wald gelauscht hatte und außer ihnen selbst kein menschliches Lebenszeichen wahrgenommen hatte. Nornea seufzte schwer. „Ich habe Angst", gestand sie, „Was ist, wenn er wieder zu Leshy geworden ist?". Sie sprach nicht aus, dass sie das schon seit einer Weile fürchtete. Löschi war in letzter Zeit immer ruhiger geworden und hatte sich aus der menschlichen Welt quasi zurückgezogen. Sie war kaum noch zu ihm durchgedrungen.
Es gab Tage, da war er den ganzen Tag am Fenster gesessen und hatte apathisch hinaus geschaut, hatte nichts gegessen und einfach nur total in sich versunken die Welt beobachtet. Hauptsächlich die Bäume. Er hatte sie auch gezeichnet und Texte über sie geschrieben. Wie ein Wahnsinniger hatte er manchmal dann ein Blatt bekritzelt, kaum leserlich und vollkommen unsinnig. Hinterher hatte er sich dann nur spärlich daran erinnern können, sah die Texte und Bilder an, als wären sie nicht seine.
Diese Anfälle hatten sich in den letzten zwei Wochen vermehrt, doch er beteuerte weiterhin, nichts mit Leshy am Hut zu haben. Er wollte es auch nicht. Es musste schrecklich sein, in seinem Körper gefangen zu sein, ständig mit dem Gedanken, dass man zu jeder Zeit zu jedem Moment, vollkommen die Kontrolle an einen bösen Waldgeist abgeben musste.
„Warum sollte er? Das letzte Mal war es doch der Kampf gegen Cernunnos gewesen, wenn ich das richtig verstanden habe. Warum sollte Leshy ihn jetzt einfach so befallen, so vollkommen ohne Grund?", fragte Pan zurück. „Wer weiß? Cernunnos hat ihn ja nicht besiegt. Und er hat Cernunnos nicht besiegt. Vielleicht braucht Leshy einfach nur wieder einen Mittelmann?"
„Leshy kann jeden befallen. Dass es damals euer Freund gewesen war, war reiner Zufall", kam es plötzlich von rechts. Überrascht drehten sie alle ihre Köpfe. „Fred!", rief Calia begeistert auf und konnte sich nur knapp zurückhalten, dem Gott des Waldes um den Hals zu fallen. Es war ihnen zwar allen ein Rätsel, wie er auf einmal aus dem Nichts aufgetaucht war, doch es hinterfragte niemand. Schließlich war er ein Gott.
„Weißt du, ob er ihn wieder in seiner Gewalt hat?", fragte Nornea vorsichtig nach. „Nein. Es...", plötzlich hielt er inne und fuhr sich gequält mit beiden Händen über das Gesicht.
„Alles in Ordnung?", wollte Calia besorgt wissen. „Ja, nur...", setzte er an, doch sprach wieder nicht zu Ende. Stattdessen begann er nun sich die Schläfen zu massieren. „Hört zu", begann er schließlich und sprach auf einmal sehr schnell, „Ihr müsst in den Wald rein. Ich weiß, dass euch das nicht behagt, aber ihr müsst mir vertrauen! Lauft immer geradeaus, haltet euch an die Wildpfade. Brombeerhecken markieren euren Weg. Ihr werdet zum Eingang einer Höhle kommen, wenn Leshy euren Freund hat, dann ist er dort", erklärte er und verzog nun das Gesicht, als ob ihm etwas ganz große Schmerzen bereiten würde. Ohne weitere Anweisungen stand er auf und begann loszurennen. Noch im Lauf verschwamm seine Gestalt und machte dem Hirsch Platz, der ein paar Mal den Kopf schüttelte und dann zwischen den Bäumen verschwand.
Die Freunde warfen sich einige ratlose Blicke zu.
„Und was jetzt?", war Elrond der Erste, der sich zu Wort meldete. „Naja, so viele Optionen haben wir nicht. Entweder wir gehen jetzt los und suchen ihn, oder wir warten bis Morgen, um dann entweder die Polizei einzuschalten oder um dann loszugehen, wenn es wieder hell ist", fasste Pan ihre Möglichkeiten zusammen. „Was, wenn Löschi irgendwo da draußen liegt, vielleicht gestürzt und bewusstlos. Dann überlebt er diese Nacht nicht! Wir müssen JETZT los!", meinte Nornea selbstbewusst und sprang auf. Calia stand ebenfalls auf und stellte sich unterstützend neben sie. „Das denke ich auch!", pflichtete sie bei. Elrond lehnte sich allerdings etwas zurück. „Und wenn wir uns verlaufen ist auch keinem geholfen. Es wird bald dunkel! Da finden wir ihn doch sowieso nicht. Wir sollten bis Morgen warten", meinte er.
Pan, warf einen fragenden Blick zu den beiden Frauen und dann zu Elrond, der die Arme verschränkt hat. „Ich denke, wir sollten es zumindest versuchen. Wir haben dieses Mal alle unsere Handys dabei, wir können die Taschenlampen benutzen und uns mithilfe von GPS orientieren. Wir können ja mal nach der Höhle Ausschau halten und wenn wir sie nicht finden ehe die Dunkelheit einbricht, dann kehren wir wieder um und warten bis Morgen", erklärte er und Elrond schnaubte zwar leicht genervt, nickte aber. „Na gut", willigte er schließlich ein, „Aber sobald es dunkel wird, drehen wir wieder um. Ich werde bei dieser Kälte auf gar keinen Fall die Nacht draußen verbringen!".
Darauf hatten auch die Anderen nur wenig Lust und so marschierten sie los. Nornea, die voraus lief, fand auch bald den Wildpfad, von dem der Gott gesprochen hatte und die dazugehörigen Brombeerhecken. Sie wirkten unscheinbar, doch schmiegten sich immer wieder wie stumme Wegweiser an die Windungen.
Es war still im Wald. Obwohl es eigentlich viele Tierarten gab, die dämmerungsaktiv waren, so begegneten sie doch keinem. Nornea strich mit der flachen Hand über den Strauch, den sie gerade passierten. Die Blätter waren schon fast braun und zerbröselten teilweise unter ihrer Berührung. Sie wusste nicht, wie sie die jüngsten Ereignisse einordnen sollte. Oft dachte die Band zurück an ihr letztes Abenteuer, besonders an den Teil, bei dem sie Cernunnos zum ersten Mal begegnet waren. Als er auf sie zukam umhüllt von den blauen Glühwürmchen und ihnen die Magie gezeigt hatte. So sehr hatte sie sich gewünscht, dass Löschi das auch erlebt hatte. Stattdessen hatte er leiden müssen, konnte sich an kaum etwas erinnern und hatte nur behalten, dass Leshy von ihm Besitz ergriffen hatte.
Vielleicht hätten sie ihm das gar nicht erzählen dürfen. Hätten sie geschwiegen, dann wäre das heute nicht passiert. Dann hätte er niemals angefangen sich diese Vorwürfe zu machen und sich in etwas hineinzusteigern, was nicht einmal seine Schuld war. Er war drauf und dran gewesen daran zu zerbrechen. Und jetzt waren sie wieder auf der Suche nach ihm, weil er sich aufgegeben hatte. Hatte er sich aufgegeben? Was genau hatte ihn zum Wald gezogen? Er hatte immerzu von diesem Drang gesprochen, diese Sehnsucht, die ihn zu den Bäumen gezogen hatte. Wie ein Drogensüchtiger auf Entzug.
Bis zu einem gewissen Grad konnte Nornea ihn verstehen. Auch sie liebte die Natur, fühlte diesen Drang, wenn sie den ganzen Tag nur in ihren vier Wänden gesessen hatte. Dann musste sie raus, Gras unter ihren nackten Füßen spüren, den Wind auf der Haut oder wenn es nur die Regentropfen auf ihrem Gesicht waren. Fühlen, dass die Natur existiert und die Kraft schöpfen aus den Elementen und Pflanzen.
„Nornea, halt mal", wurde sie plötzlich von Pan aus ihren Gedanken gerissen, der direkt hinter ihr gegangen war. Ertappt zuckte sie kurz zusammen und konzentrierte sich wieder auf die Umgebung. Es war merklich dunkler geworden und inzwischen erleuchtete Elrond von hinten den Weg. Der Pfad, dem sie die ganze Zeit gefolgt waren, war hier zu Ende. Er mündete in eine kreisrunde, von gras bewachsene Fläche, die rundherum von den niedrigen Brombeerhecken umrahmt war.
„Hier ist keine Höhle", sagte Calia und klang dabei bitter enttäuscht. Sie hatte in Cernunnos vertraut und dass er sie jetzt offensichtlich in die Irre geführt hatte, zerstörte mit einem Schlag ihr heldenhaftes Bild von der Gottheit.
„Na bitte, dann lasst uns zurückgehen und morgen weitersuchen", meinte Elrond und drehte sich bereits um, um einige Schritte auf dem Pfad zurück zu laufen. Bis er plötzlich stolperte. Sein Handy fiel ihm aus der Hand und man hörte seinen erschrockenen Schrei, dann war er verschwunden.
„Elrond!", rief nun Calia entsetzt und rannte dorthin, wo er sich soeben scheinbar in Luft aufgelöst hat.
„Au! Nie wieder gehe ich mit euch nachts in den Wald!", hörte man ihn von weiter unten zetern, gefolgt von einigen unsittlichen Flüchen. Calia hob das heruntergefallene Telefon auf und leuchtete in die Richtung seines Schreies. Sie schob die Hecke etwas beiseite und entblößte so ein Loch im Boden. „Ich glaube, wir haben die Höhle gefunden", sagte sie, ungeachtet von Elrond, der sich immer noch lautstark über seine Situation beschwerte.
„Jetzt hör schon auf", fuhr Nornea ihn an, die sich neben Calia hockte und ebenfalls einen Blick in die Öffnung warf. Knapp eineinhalb Meter ging es steil in die Tiefe, am Boden saß Elrond, hielt sich das Handgelenk und funkelte bitterböse nach oben. „Was siehst du?", fragte sie ihn und versuchte mit dem Handy weiter hinein zu leuchten. Durch den ungünstigen Winkel gelang es ihr jedoch nur schlecht. Der Angesprochene stieß noch einen letzten Fluch aus und blickte sich dann um. „Hier geht es auf jeden Fall weiter", sagte er motzend und deutete in eine Richtung. „Irgendeine Spur von Löschi oder sonst irgendeinem Lebzeichen?", fragte sie weiter. „Was weiß ich! Ich sehe nichts! Aber mein scheiß Handgelenk tut weh wie Sau! Ich will einfach nur hier raus und zurück!", blaffte er als Antwort zurück.
Ungeachtet seiner Schimpftirade setzte sich Nornea an den Rand des Loches, nahm Calia das Handy ab und sprang damit in der Hand hinunter. „Hier ist es auf jeden Fall wärmer als oben und trocken", meldete sie den beiden Verbliebenen und beugte sich dann zu Elrond hinunter, der noch immer auf dem Boden saß. „Jetzt zeig mal her!", forderte sie auf und er hob sein Handgelenk, welches schon anfing leicht bläulich zu schimmern. „Oh", formte sie mit den Lippen. Das sah gar nicht gut aus. „Damit kann ich den Bass für die nächsten paar Wochen vergessen", knurrte Elrond und zog seinen Arm wieder an sich, um das Gelenk mit der gesunden Hand festzuhalten.
„Sollen wir runterkommen und einen Blick in die Höhle wagen?", meldete sich nun wieder Pan zu Wort. „Wir können es auf jeden Fall versuchen. Es sieht so aus, als könnte man hier gut und bequem ein ganzes Stückchen laufen", erklärte Nornea und leuchtete nun wieder auf den Weg vor sich. Es ging gleichmäßig, nicht zu steil, in die Tiefe. Der Weg war gerade breit genug, um entspannt hintereinander durchzulaufen. Außerdem war es für eine Höhle überraschend trocken, kein Wasser an den Wänden oder auf dem Boden. Stattdessen bedeckte Moos den Grund, welches durch die fehlende Feuchtigkeit auch nicht rutschig war. Es hatte die letzten Tage auch nicht geregnet, vielleicht deshalb.
„Können wir nicht einfach wieder zurück? Im Ernst, ich habe jetzt echt gestrichen die Nase voll von so etwas", jammerte Elrond schon wieder los. „Ach, sei ruhig, jetzt sind wir schon mal hier, jetzt können wir auch gleich einen Blick in die Höhle werfen", sagte Nornea, auf einmal wild entschlossen ihren fehlenden Bandkollegen zu finden. Elrond seufzte geschlagen und stand auf, um mit seiner gesunden Hand Calia und Pan ebenfalls hinunter zu helfen.
Als er dabei jedoch unfreiwillig mit der anderen Hand die felsige Wand berührte, durchfuhr ihn ein stechender Schmerz. Zischend zog er die Luft ein und umklammerte wieder das Gelenk. Calia nahm sich den dünnen Schal, den sie trug, vom Hals und reichte ihn ihm. „Vielleicht kannst du es damit stützen?", fragte sie und Elrond nahm es an sich. Mit zusammengebissenen Zähnen wickelte er den Stoff fest um die Verletzung und verschaffte sich so zumindest etwas Erleichterung.
„Und jetzt?", wollte er wissen, nun deutlich versöhnlicher als zuvor. „Ich würde sagen, wir tasten uns allmählich vor. Keine unüberlegten Wege einschlagen und sobald es nicht mehr weitergeht drehen wir sofort um. Ich habe, um ehrlich zu sein, auch keine Lust hier verschüttet zu werden oder ähnliches", schlug Pan vor und dagegen hatte keiner etwas. Also liefen sie los.
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