2. Mikula

Als Löschi die Augen aufschlug befand er sich in einer Art Unterschlupf. In sich verflochtene Zweige bildeten eine von braunen Herbstblättern bedeckte Wand. Schwach schien die Sonne durch die natürlichen Lücken hindurch und malte ein verschnörkeltes Muster auf den Moosboden.

Er hatte immer noch Kopfschmerzen und stöhnte leise vor Schmerzen auf, als er sich aufrichten wollte. Es dauerte einen Moment bis er sich bewusst war, doch dann durchfuhr ihn blankes Entsetzen.

„Bitte, bitte, lass mich keinen umgebracht haben", flüsterte er und versuchte seinen Umgebung zu fokussieren. Doch es war außer ihm keiner da. Wie war er hierhergekommen? War das Leshys Nest? War er selbst Leshy gewesen?

Panisch stand er auf, ignorierte den pochenden Schmerz und drehte sich mehrmals um sich selbst, auf der Suche nach einem Anhaltspunkt.

Doch es gab nur eine logische Erklärung für seinen Aufenthaltsort. Entsetzt sank er wieder zu Boden. „NeinNeinNeinNeinNeinNein", sagte er immer wieder und konnte nicht verhindern, dass eine einzelne Träne aus seinen Augen den Weg über sein Gesicht fand.

Langsam wich dem Entsetzen die Wut, die sich einzig und allein gegen ihn selbst richtete. „NEIN", schrie er nun, ballte die Hände zu Fäusten und begann immer wieder auf das weiche Moos unter ihm einzuschlagen. Die salzige Flüssigkeit floss nun ungehindert über seine Wangen, ließen seine Sicht verschwimmen.

Irgendwann war er erschöpft, rollte sich auf dem Boden zusammen und starrte vor sich hin. Er hatte keine Ahnung, wo er sich befand und vielleicht wollte er es auch gar nicht wissen.

Plötzlich hörte er leise Klänge in der Ferne.

„Breathe in, breathe out
hear every sound
Smell meadows sweet
and feel the ground
beneath my feet"

Er schloss gequält die Augen. Das konnte doch nicht wahr sein. Das war ein Song aus ihrem Repertoire! Aber er wurde vollkommen neu interpretiert. Statt den vertrauten Stimmen der Frauen aus ihrer Band sang eine männliche Tenorstimme, unterlegt von den Klängen einer Harfe oder so etwas in der Art. Er konnte es nicht genau zuordnen. Bildete er sich das ein? Spielte sein Unterbewusstsein ihm einen Streich? Er war sich über sich selbst nicht mehr im Klaren. Es konnte alles sein, schließlich existierte auch Leshy, welcher sich einen Spaß daraus machte, seinen Körper zu besetzen.

Der Gesang wurde lauter, schien näherzukommen. Stöhnend versuchte er es zu ignorieren, presste sich die Hände auf die Ohren, doch er konnte es nicht länger ausblenden. Es war real. Langsam, noch geschwächt von den vorherigen Ereignissen, stand er auf und blickte sich um.

Den Sänger der vertrauten Liedzeilen konnte er erst einmal nicht sehen, was ihn nicht davon abhielt, in die Richtung des Geräusches zu gehen. Vielleicht wusste dieser Jemand ja, wo er sich befand und er konnte sich wieder zurück in die Zivilisation begeben.

Wollte er da überhaupt noch hin? Wollte er mit dem Blut an seinen Händen noch zurück zu den Menschen, die er liebte? Er war sich nicht sicher.

Um ihn herum waren nur Bäume. Hauptsächlich Laubbäume, die durch die mit letzten braunen Blättern bedeckten Äste den blassgrauen Himmel zeigten. Es schien wohl schon später Nachmittag zu sein, es war merklich kühler geworden. Sein Atem zeigte feine Nebelwölkchen in der Luft.

Unter ihm knirschte und knackte es beruhigend, als er behutsam einen Schritt vor den Anderen setzte, immer dem Gesang folgend.

Er lief eine gefühlte Ewigkeit und eigentlich hätte er den Sänger schon lange finden müssen, doch das Geräusch war nur gemächlich lauter geworden. Als ob es verstärkt wurde, aber auch wieder nicht. Es schien sich über alle physikalischen Gesetze hinweg zu setzen und das verwirrte ihn. Aber er wunderte sich nicht mehr. So viele Dinge, von denen er ursprünglich dachte, dass es sie nicht gäbe, gab es wohl nun doch. Götter, Waldgeister, Naturenergie. Da gab es bestimmt auch einen magischen Klang, dem er gerade folgte.

Inzwischen legte sich die ersten Ausläufer der Dunkelheit über den Wald und ließen die schillernden, braunen und orangenen, Farben um ihn herum nach und nach verblassen. Eine beruhigende Gleichgültigkeit hatte sich über seine Gedanken gelegt. Irgendwann hatte er sich einfach nur noch auf seine Umgebung konzentriert und auf das Lied, welches immer und immer wieder wiederholt wurde, mit unregelmäßigen Pausen dazwischen. Und diese Konzentration half ihm seine Gedanken auszuschalten, es einfach zu verdrängen. Wie er es das letzte halbe Jahr schon getan hatte.

Er vermisste seinen Stressball, irgendwo unterwegs musste er ihn wohl verloren haben, denn er hatte ihn nicht finden können. Stattdessen knetete er das Innenfutter seiner Jackentaschen, in die er seine Hände vergraben hatte.

Und als er die Hoffnung schon aufgegeben hatte, fand er den Sänger endlich. Er saß da, gehüllt in einen schwarzen Mantel, mit dem Rücken zu ihm, auf einem Stein. Er besaß dunkle, mittellange Haare, die von grünen Strähnen durchzogen waren. Und er strahlte eine unglaubliche Ruhe aus, die Löschi in einen Bann zog. So blieb er für einen Moment still stehen, lauschte dem Spiel des Musikers, welches sich inzwischen gewandelt hatte. Seinen Gesang hatte er eingestellt, er zupfte nur noch versonnen die Saiten seiner kleinen Lyra.

„Hallo", meldete Löschi sich schließlich vorsichtig zu Wort. Seine Stimme kratzte und er bemerkte wie durstig er war.

„Hallo", grüßte der Spieler und sah sich kurz nach ihm um, drehte sich jedoch gleich wieder zurück und versank erneut in seinem Spiel.

Löschi kam näher. „Schön spielen Sie", versuchte er die Konversation wieder zu starten, doch er erhielt nur ein kurz angebundenes „Danke" zurück.

„Es ist bald dunkel, wissen Sie, wie ich zurück zur Stadt komme?", begann er seinen nächsten Versuch.

„Nein".

Toll. Löschi war sich nicht ganz sicher, ob er gerade auf den Arm genommen wurde oder ob der Mann es ernst meinte.

„Und wie sind sie dann hier her gekommen?", fragte er weiter.

„Gar nicht. Ich bin hier seit Anbeginn der Zeit.", erklärte sich der Spieler leise und spielte weiter seine Melodie, die so sanft und berauschend war, dass Löschi erst einmal wieder in Stille versank. Im Schneidersitz ließ er sich auf den Boden nieder und lauschte eine Weile.

Irgendwann stellte er sein Spiel ein. Man konnte inzwischen nicht mehr weit sehen. Die Dunkelheit begann alles zu verschlucken. Nur spärlich erkannte er die Umrisse des anderen Mannes. Dieser erhob sich, kam auf ihn zu und streckte vorsichtig die Hand aus. Verwirrt hob Löschi die Augenbrauen, doch der Mann berührte nur behutsam seine Wange, strich beinahe zärtlich eine Strähne des wirren Haares aus dessen Gesicht.

„Komm mit", sagte er sanft.

Löschi fühlte sich unbehaglich und entzog sich misstrauisch den fremden Fingern. Inzwischen war er sich sicher, dass er an jemanden Verrückten geraten war. „Wohin?", wollte er also wissen. „Dorthin, wo ich Zuhause bin. Ist nicht weit von hier", bekam er eine einfache Antwort. „Warum sollte ich? Ich kenne Sie nicht einmal!"

„Weil es heute Nacht noch Minusgrade haben wird und du sicherlich erfrieren wirst, wenn du hier sitzen bleiben wirst. Also zier dich nicht!", wurde der Fremde nun nachdrücklicher. Löschi fiel spontan eine Doku über Höhlenhippies ein, die er mal im Fernsehen gesehen hatte und irgendwie erinnerte der Andere ihn an diese Hippies. Vielleicht war er auch so einer. Jemand, der hier in den Wälder lebte, als Aussteiger oder so ähnlich. Es blieb ihm auch gar nicht viel anderes übrig, als ihm zu folgen. Denn er hatte recht. Sein Hoodie, der Tagsüber durchaus warm genug gewesen war, reichte schon lange nicht mehr aus um ihn warm zu halten. Er fror.

Widerwillig, ohne die ihm angebotene Hand anzunehmen, rappelte er sich also auf und versuchte das Laub des Waldes, welches an seiner Hose klebte, notdürftig abzuklopfen. Dabei fiel ihm auf, dass mit der Melodie, der er vorhin so andächtig gelauscht hatte, ein Teil seiner Sorgen einfach in den Hintergrund gerutscht waren. Er fühlte sich auf eine merkwürdige Art und Weise beschwingt, fast sogar fröhlich. Als hätte man ihm eine Last von den Schultern genommen. Merkwürdig behütet und eingelullt.

„Nimm meine Hand, sonst verlieren wir uns in der Dunkelheit", sagte der Mann und obwohl Löschi so gar nicht danach war, tat er es. Er hatte keine große andere Wahl.

Bis ihm ein merkwürdiger Gedanke war. Er wusste die auf einmal sehr aufdringlichen Gesten des Fremden nicht wirklich einzuschätzen, war er vielleicht etwa an einen Menschenschänder, Mörder oder gar Vergewaltiger geraten? Ihm schauderte bei diesen Gedanken. Doch er rief sich innerlich wieder selbst zur Ordnung, er war ein gestandener Mann, er war kein kleiner Junge mehr, der sich von seiner Mutter erzählen lassen musste, dass man nicht mit fremden Männern mitging. Nein, falls das vor ihm tatsächlich jemand war, der böse Absichten gehabt hätte, dann würde er sich schon zu verteidigen wissen. Und außerdem, wer so liebevoll Harfe spielte, der konnte gar nichts Böses im Sinn haben. Und wer war er selbst, dass er über jemanden richtete, obwohl er selbst Blut an den Händen hatte?

Löschi riss sich zusammen und versuchte sich von den Gedanken abzulenken, indem er erneut das Gespräch suchte: „Wie heißt du eigentlich?", fragte er.

„Silvan", bekam er nun endlich als Antwort. „Seltener Name, hat er eine bestimmte Bedeutung?", wollte Löschi wissen, einfach, um nicht schon wieder in ein ewiges Schweigen zu verfallen. „Muss ich darauf antworten?", entgegnete Silvan gleichgültig und betreten senkte Löschi den Blick. „Nein", meinte er entschuldigend und schwieg letztendlich dann doch.

Es dauerte eine Weile, dann wurde es auf einmal behaglich warm um sie herum. Inzwischen erkannte man fast nichts mehr, doch es reichte aus, um auszumachen, dass sie sich in einer offenen Höhle befanden, die sich wie ein alter Steinbruch an einen Hügel schmiegte. Silvan lies Löschis Hand los und man hörte ihn kurz etwas sortieren, dann entzündete er eine kleine Fackel und steckte sie in eine Halterung an die Wand.

Erstaunt blickte Löschi sich um. Ein paar Kisten waren provisorisch als Möbel gestapelt und in einer Ecke lag eine große Matratze. Es erinnerte ihn an die Einrichtung des Baumhauses, das er zusammen mit seinem besten Freund aus Kindertagen bewohnt hatte. Unzählige Stunden hatten sie dort drin verbracht, hatten zusammen die lustigsten Abenteuer in imaginären Geschichten erlebt und versteckt vor ihren Eltern die ersten Spiele für Nintendo ausprobiert.

Die Atmosphäre lullte ihn auf einmal ein und seine Gedanken wurden träge und schwer. Müde setzte er sich auf eine Kiste und lehnte sich gegen die Wand. Er fühlte sich wie benebelt und wollte auf einmal nur noch schlafen. Irgendwo im Hinterkopf flogen Fetzen von Bildern seiner Bandkollegen und der Gedanke, dass sie inzwischen schon bestimmt nach ihm suchen würden. Aber das war ihm egal. Alles war egal. Es war so schön, einmal nicht an all die vergangenen Ereignisse zu denken, einfach die Augen zu schließen und sich treiben lassen. Treiben lassen in einer Welt, die ihm eine Decke der Geborgenheit bot. Er seufzte und schloss die Augen.

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