⚡︎ fünfzig ⚡︎
Taehyung
Die nächsten Tage vergingen ruhig. Auf unseren Nahrungssuchen kam uns nichts ungewöhnlich vor und meine allererste Nachtwache war auch ziemlich langweilig und unspektakulär. Wer auch immer diese Drohung geschrieben hat, hat sich fürs Erste wohl zurückgezogen.
Gerade sitze ich auf Jungkooks und meinem Platz und sehe mir gemeinsam mit Jin eine Zeitung durch, die wir heute Morgen in einem Mülleimer gefunden haben. Die Schlagzeile ist ihm förmlich ins Auge gesprungen: Mord bei Multimillionär Kwon Jiyong!
„Der Multimillionär und Modeschöpfer Kwon Jiyong ist Mittwochnacht Opfer einer grausamen Gewalttat geworden", liest Jin vor und ich lausche gebannt. Meine eigenen Lesekünste sind einfach nicht gut genug.
„Beinahe zu Tode geprügelt wurde der neunundzwanzig Jährige mit schwersten Verletzungen ins städtische Krankenhaus eingeliefert. Eine Angestellte des Hauses alarmierte am nächsten Morgen die Polizei, nachdem sie die Leiche der Nachtwache bei der täglichen Reinigung vorfand. Herr Kwon konnte noch rechtzeitig gerettet werden, doch für den anderen Mann kam jede Hilfe zu spät. Unklar ist, was zur endgültigen Todesursache geführt hat, die Polizei lässt Spekulationen offen."
Ich atme erleichtert aus und schließe kurz die Augen.
„Jiyong lebt noch", murmele ich und reibe mir über meine Stirn. Mir fällt erst jetzt auf, was für große Sorgen ich mir wirklich gemacht habe.
„Leider", ertönt es von hinten und mit einem strafenden Blick drehe ich mich zu meinem Gefährten um.
„Jungkook, wir wünschen anderen nicht den Tod", ermahne ich ihn und er wendet sich schnaubend ab. „Dem Idioten wünsche ich noch viel mehr. Die Pest oder Hodenkrebs."
Augenrollend ignoriere ich ihn und sehe zu Jin, der nachdenklich auf seiner vollen Unterlippe kaut. „Ich frage mich, warum das passiert ist. Klar, G-Dragon ist reich und hat großen Einfluss, aber irgendwie bringt es niemandem etwas, wenn er tot wäre. Niemand weiß, an wen sein Geld nach seinem Tod geht und sehr viele Arbeitsplätze würden mit seinem Verlust verloren gehen."
„Keine Ahnung", murmele ich nachdenklich. „Vielleicht so etwas wie eine persönliche Rache?"
Hinter uns seufzt Jungkook genervt und ich sehe ihn nicht einmal an, bevor ich frage: „Was ist denn jetzt schon wieder?"
„Seid ihr eigentlich blind? Der Grund liegt doch auf der Hand!"
Jetzt wende ich mich doch zu ihm um und mir scheint meine Verwirrung ins Gesicht geschrieben zu sein.
„Du", erklärt Jungkook. „Du bist der Grund."
Beleidigt verziehe ich das Gesicht und verschränke die Arme vor der Brust.
„Was hab ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?", frage ich schnippisch und fühle mich von Jungkooks Vorwurf direkt angegriffen.
„Existiert. Und Zeit mit Mister Ich-Bin-Ja-So-Geil-Und-Reich-Und-Will-Kleine-Omegas-Um-Den-Finger-Wickeln verbracht."
Kühl mustert mich mein Gefährte und bei seinen eifersüchtigen Worten kann ich nur den Kopf schütteln.
„Also willst du mir sagen, dass du ihn umgebracht hast? Weil du nicht damit klarkommst, dass wir uns gut verstehen?"
Irritiert und ungläubig sehe ich ihn an und er schlägt sich die flache Hand vor die Stirn.
„Nein du Dummie", murrt er und packt mich kurzerhand an der Hüfte, um mich auf seinen Schoß zu ziehen. Mir ist das vor Jin unfassbar peinlich, aber bevor ich meckern kann, spricht Jungkook schon weiter. Blödmann.
„Jiyong scheint dir - leider - etwas zu bedeuten und erinnerst du dich noch an die Drohung? Das all die, die dir am Herzen liegen, sterben werden? Anscheinend war der Drache der Beginn davon."
Mit offenem Mund starte ich Jungkook an und liebevoll drückt er meinen Kiefer nach oben.
„A-Also bin ich schuld, das er fast gestorben wäre?", flüstere ich verletzt und Jungkook schüttelt den Kopf.
„Du bist der Auslöser, ja - allerdings nicht absichtlich. Und Schuld haben nur die, die ihn angegriffen haben."
Meine Schultern sacken nach unten und ich lehne mich an meinen Gefährten, weil ich mich gerade unfassbar schlapp und schlecht fühle. Ich habe sicherlich nie gewollt, dass jemand wegen mir verletzt oder sogar getötet wird!
Ein leises Schluchzen entkommt meiner Kehle und ich spüre das verräterische Brennen in meinen Augen.
„I-Ich hätte abhauen sollen, bevor ich in dieses Rudelleben gerate. Oder ihr hättet mich töten sollen, wie ihr es am Anfang wolltet", wimmere ich und Jungkook schlingt seine Arme fester um meine Taille.
„Erzähl bitte nicht so einen Scheiss, Taehyung. Wir haben dich gerne hier und wer weiß, was passiert wäre würdest du alleine dort draußen rumtigern", versucht mein Gefährte mich zu beruhigen.
„Ja und? Dann wäre nur mir was passiert, aber es wären nicht so viele andere in Gefahr!", widerspreche ich und ich sehe Jungkook an, dass er nicht weiß, was es darauf erwidern soll. Es ist schließlich die Wahrheit.
„Aber das Rudel begibt sich gerne für dich in Gefahr, Taehyung", mischt sich plötzlich Jin ein. „Für Jiyong kann ich nicht sprechen, aber du bist jetzt ein Teil von uns, du gehörst dazu. Wir mögen dich und beschützen dich und nehmen für dich Gefahr in Kauf. Du musst endlich akzeptieren, nicht mehr alleine zu sein, sondern Teil einer großen Gruppe. Wir haben zwar unsere Differenzen, aber letztendlich stehen wir mit allem was wir haben hinter einander."
Jin sieht mich ernst an und Jungkook wischt mir liebevoll meine Tränen von der Wange.
„Okay", hauche ich - und es fühlt sich tatsächlich okay an. Ich bin Teil eines Rudels, Teil einer Familie. Und Familie hält zusammen.
Ich denke, dass habe ich jetzt verstanden.
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