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Tyran

"Tyran Argento, also. Freut mich, dich endlich auch mal kennenzulernen."

Ich nickte ihm mit einem ausdruckslosen Gesichtsausdruck zu und ergriff seine raue, etwas kleinere Hand, die ich fest zur Begrüßung drückte. "Luison Capre", entgegnete ich. Die eisige Kälte, die in meiner Stimme mitschwang, entging ihm und ganz besonders seinen zwei Freunden, nicht.

Voller Misstrauen sahen mich alle drei starr an und widerwilliger Respekt tauchte in den Augen auf.

Innerlich grinste ich breit.

Sollten sie ruhig Angst haben, um so besser. Dann unterschätzten sie mich nicht und ich musste nicht irgendwelche freundlichen Erwartungen erfüllen.

Luison deutete mit seinem stoppeligen Kinn auf den roten Sessel direkt gegenüber von ihm.

So wie er saß, konnte er seine gesamte, ziemlich gut gefüllte Discothek überwachen. Der andere Sessel jedoch ermöglichte nur die Sicht auf eine kahle Wand, an der seine Freunde mit ernsten Mienen lehnten, und dem letzten Thekenstück einer Bar.

Wenigstens konnte ich so schneller einen Drink bestellen.

Mit einer fließenden Bewegung zog ich mir meine schwarze Kapuze vom Kopf, ging mir kurz mit einer Hand durch meine dunkelbraunen, wirren Haare und ließ mich letztendlich auf den roten Ledersessel fallen. Die Arme legte ich auf die Lehnen links und rechts ab, parallel dazu hob ich mein Kinn etwas an und schaute Luison direkt in die dunkelgrün schimmernden Augen.

Seine Pupillen waren geweitet und ich tippte stark darauf, dass er Gras geraucht hatte.

Spinner.

Vor was rannte er denn bitte weg? Was wollte er für ein paar Stunden vergessen? Er würde nichtmal halb so viele schlimme Sachen erlebt oder gemacht haben wie ich. Wenn ich danach jedesmal kiffen würde, wäre ich dauerhigh. Es reichte schon, dass meine Lunge vom Rauchen misshandelt wurde. Sollte sie jemals untersucht werden, die Ärzte würden feststellen, dass sie tiefschwarz wäre.

"Also, Tyran." Er betonte meinen Namen nochmal extra und ich verkniff es mir gerade noch so, nicht meine Augen genervt zu verdrehen.

Wie oft mein Name schon in meiner Lebenszeit ausgesprochen wurde, war nicht mehr normal.

Den Blick hielt ich nach wie vor fest auf ihn gerichtet und ich merkte zufrieden, dass er von Sekunde zu Sekunde unter ihm unsicherer wurde.

Sehr gut.

"Ja?", hakte ich nach und hob eine Augenbraue an. "Überrascht es dich etwa sehr, dass ich deinem Club mal einen Besuch abstatten wollte? Ich dachte, hier sind alle Willkommen."

Der eine seiner Freunde, seine schwarzen Haare waren bestimmt bis auf fünf Millimeter heruntergestutzt, schnaubte verächtlich. "Massenmörder sind aber immer ein ganz anderes Kaliber-"

Massenmörder? Also bitte. Was reden sich die Leute bloß immer zurecht?

Nichts wusste sie. Nichts und wieder nichts.

"Garry", mahnte Luison mit einem warnenden Seitenblick, worauf dieser Garry verstummte. "Entschuldigung", wendete sich er danach schnell an mich. "Er weiß mamchmal einfach nicht, was gut ist und außerdem ist er noch nicht so lange mit den Regeln hier vertraut", rechtfertigte er sich mit aufrichtiger Miene.

Ich hingegen blieb stumm, während ich Garry unentweg musterte.

Diese Nervösität, die alle ausstrahlten, war unglaublich. Dazu gemischt mit der Angst war das für mich die beste Kombination überhaupt, um mein Selbstbewusstsein weiter zu stärken.

Unterlegen drehte Garry seinen Kopf plötzlich zur Seite und unterbrach unser Blickduell.

Spöttisch lächelnd lehnte ich mich wieder in meinen Sessel zurück, dabei kramte ich ein Feuerzeug heraus, um mir wenig später eine Zigarrette anzuzünden. Unter wachsamer Beobachtung nahm ich amüsiert einen tiefen Zug, ehe ich den Rauch zur Seite weg ausatmete. "Soso, Garry."

Er zuckte zusammen, als ich ihn ansprach.

Es war immer wieder faszinierend, wie ich wohl auf andere Menschen wirken musste. Dieser vor Ego strotzende und breitgebaute Schrank stand neben Luison's Sessel wie ein geschlagender Hund, der um Gnade bettelte.

Luison übernahm die Initiative und stieß Garry mit dem Ellbogen in die Seite. "Sag was", zischte er.

Gar nicht auffällig, diese Aufforderung.

Garry räusperte sich, ließ sein Gesicht aber immer noch von mir abgewendet. "Ja?"

Ich nahm wieder grinsend einen Zug, der Qualm vernebelte kurz meine Sicht. "Du findest also, dass Massenmörder ein ganz anderes Kaliber sind, ja?"

Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte und er schwieg beharrlich weiterhin.

Das reichte mir schon irgendwie als Antwort. "Okay. Nun frage ich mich, wie viele angebliche Massenmörder du getroffen hast, um sie mit mir zu vergleichen. Nur so nebenbei. Da ich denke, dass eh schon viel über mich gerätselt und vermutet wird... aber ein Massenmörder bin ich garantiert nicht."

Diesmal hob Luison eine Augenbraue an. "Nicht?"

Sofort lenkte ich meine komplette Aufmerksamkeit auf ihn und gefühlt sank er mehrere Zentimeter tiefer in das rote Polster ein. "Nein, das bin ich nicht", schnalzte ich langsam ungeduldig mit der Zunge. "Und mehr braucht niemand zu wissen. Das war so als Beruhigung angemerkt, ihr wisst schon. Am besten solltest ihr noch ein bisschen mehr Marihuanatee trinken, vielleicht wirkt das Zeug dann endlich."

"Ich deale nicht mit Marihuanatee", entgegnete Luison verärgert.

Ich seufzte entnervt. "Mhm. Klar."

Bevor Luison, der sich jetzt doch anscheinend durch mich immer mehr provoziert fühlte, etwas sagen konnte, schob sich aufeinmal jemand vor mir und umarmte Luison stürmisch - jedenfalls so gut wie es einem gelingen konnte, wenn der andere in einem Sessel saß.

"Shelby", lächelte er sie glücklich an.

Erst dachte ich, sie war die Freundin von ihm, so vertraut und voller Selbstverständlichkeit sie auf ihn zugegangen ist, denn das trauten sich auch nicht viele. Aber der Name Shelby erklärte sich zusammen mit meinem Hintergrundwissen nach und nach mehr.

Da sie noch immer mit dem Rücken zu mir stand, wusste ich nicht, ob sie sein Lächeln erwiderte, aber dafür reichte mir ihre Stimme, die erstaunlich angenehm anzuhören war, völlig als Reaktion darauf aus. Es war eine Stimme, die stundenlang Bücher vorlesen oder Vorträge halten konnte und man wurde von dieser Stimmfarbe komplett eingelullt. "Hi, Luison."

Das war sie also.

Shelby.

Shelby Daffodil.

Ich legte den Kopf etwas schief und ignorierte, dass Garry und sein anderer Kumpel mich nun wieder streng überwachten.

Shelby, der kleine gehütete Schatz von Luison Capre, die niemals Schutz von ihm brauchen würde. Laut Derec, der schon öfter von ihr gehört und mit ihr ab und zu mal erzählt hatte, war sie mit eine der selbstbewusstesten Mädchen, die er kannte. Sie zog wegen ihrer Art viele in den Bann. Ihre engen Freunde waren ein gewisser Reece und ein Daniel, mit denen sie ab und zu Pacours auf abgesperrtem Gelände trainierte und manchmal von der Polizei eingesammelt wurde. In der Schule sei sie, laut anderen, eine echte Niete. Und dann war da noch diese ganz, für mich ziemlich interessante Info, die ich erst seit gestern wusste. Dass ihre jüngere Schwester die kleine Sharret Daffodil war.

Die widerspenstige, nun eingeschüchterte Streitschlichterin und die vor Energie sprühende Rebellin.

Das war außerordentlich interessant.

Es gab Menschen, die verabscheute man von der ersten Minute an, obwohl man sie noch gar nicht kannte, so war es nämlich mit Sharret und mir. Und es gab fremde Menschen, welche sofort die innere Neugierde weckten.

Wie sie.

Shelby Daffodil.

Als hätte sie meinen Blick auf ihre langen Beine, den magentaroten Haaren und den zierlichen Händen, die sie in die Seite von dem schwarzen Hoodie gestämmt hatte, bemerkt, drehte sie sich um.

Und eine Sache war mir sofort klar.

Ohne weiter darüber nachzudenken.

Ich war fasziniert von ihr.

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