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Tyran
Als ich die Tür zuschlug und nach draußen trat, empfing mich ein Unwetter mit offenen Armen. Seufzend blieb ich an Ort und Stelle stehen und kramte lieber erstmal nach einer Zigarrette und einem Feuerzeug in den Weiten meiner Jackentaschen.
In aller Ruhe nahm ich nach dem Anzünden meinen ersten Zug und blies den Rauch wenig später in die feuchte Luft, während ich aufmerksam mein Umfeld betrachtete.
Es war abends, der Verkehr vor Luisons Haus nahm langsam ab. Die bunten Lichter der Autos, Reklamen, Ampeln und Gebäudebeleuchtung spiegelten stark auf dem nassen Asphalt.
EIn Grund mehr, bei diesem Höllenwetter nicht mit dem Auto zu fahren.
Ich streckte mich etwas, um meinen verspannten Nacken zu lösen und atmete tief ein.
Es roch nach Regen, nasser Erde und irgendwie nach etwas Gebratenen. Mein Blick viel auf den vietnamesischen Imbiss schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite.
Mein Magen fing schon bei dem Gedanken daran, was der Koch dort alles leckeres zubereitete, laut zu knurren an.
Missmutig versuchte ich es zu ignorieren.
Für Essen blieb auch noch später Zeit.
Meine Augen blieben an den Menschen hängen. Manche blieben interessiert an den Schaufenstern von einigen Läden stehen. Es gab welche, die eilten ohne Regenschirm von Vordach zu Vordach. Wieder andere spazierten gemütlich mit ihrem Regenschirm Arm in Arm mit einem anderen Menschen, während sie sich lachend unterhielten.
Ich sah dieses Bild nicht zum ersten Mal vor meiner Haustür.
Und es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, ich fühlte dabei nichts. Denn da war ganz deutlich etwas.
Einsamkeit.
Leere.
Doch diesmal stellte ich mir die Frage, ob ich vielleicht bald einer von diesen Menschen sein konnte, der Hand in Hand die Straßen hinabschlenderte und so unglaublich glücklich in diesem Moment war, wie sie zu sein schienen.
Allerdings wusste ich insgeheim, dass es nie so werden würde.
Ich hielt lieber an diesem Wunsch fest, doch nicht mit allzu großer Hoffnung. Shelby hatte mir wieder ein Fünkchen verliehen, den ich versuchte in ein Glas einzufangen und ihn in den sichersten Safe wegzusperren.
Beschützt vor meiner anderen Seite, die ihn nur zerstören würde - und das mit einer boshaften Leichtigkeit, die mir selber Angst machte.
Mein Handy vibrierte in der Hosentasche zweimal auf.
Instinktiv wusste ich, es wurde langsam Zeit sich auf den Weg zu machen.
Wiederstrebend ließ ich die Zigarrette nach unten fallen und trat sie mit der Fußspitze aus. Meine Hände steckte ich in die Jackentaschen, nachdem ich mir meine dunkle Kapuze über den Kopf gezogen hatte, und trat in den strömenden Regen heraus.
Den Blick immer wieder neugierig und auch viel zu aufmerksam umherschweifend, lief ich den großen Hausblock ab zum Bahnhof. Meine Schritte hallten merkwürdig in dem von Neonlicht belichteten Gebäude, als mich meine Füße automatisch zu meiner U-Bahnlinie führten. Fast zeitgleich hielt die Bahn vor mir an, sodass ich durch die geöffneten Türen eintrat.
Die zehn Minuten bis zu meiner Zielstation vergingen wie im Flug. Wieder trugen mich meine Beine ganz von alleine aus der U-Bahnstation heraus in die liladunkelblaue Abenddämmerung, die wie eine Glocke über unsere Stadt hing.
Schließlich blieb ich wenig später vor einem stattlichen Tor stehen. Die dünnen schwarzen Metallstäbe, deren zum Himmel gerichteten Enden wie Pfeilspitzen aussahen, grüßten mich nicht zum ersten Mal.
Das große geschwungene Tor öffnete sich, als ich näher herantrat. Die breite, aus grauem Stein gepflasterte Auffahrt führte direkt zu einem Anwesen, das locker die perfekte Location für einen historischen Film bieten könnte.
In Wahrheit war dieses Anwesen ein Hotel - aber nicht irgendein Hotel. Nein, es gehörte zu der Kette "Chateau De Ville."
Das Stadtschloss.
Und so sah es auch aus.
Das neugebaute und dennoch aus der fernen Vergangenheit wirkende Gebäude erstreckte sich vor mir in seiner beachtlichen Größe und ließ mich immer wieder in seinem Anblick innehalten, obwohl ich schon so oft hierhergekommen bin.
Ich könnte mich stundenlang in den ganzen Details über das äußere Aussehen und der Umgebung verlieren - dabei hatte ich nichtmal die offizielle Seite des Anwesens betreten, sondern befand mich auf einen der vielen Seitenwegen.
Trotzdem wusste Hades nunmal ganz genau, was es bedeutete, einen bleibenden Eindruck zu erreichen - dabei meinte ich nicht nur seine persönliche Ausstrahlung.
Auch die Umsetzungen seiner Ideen.
Angefangen hatte seine Karriere mit diesem Grundstück am Michigansee, das er von seinem Vater vererbt bekommen hatte. Anstatt sich dort aber selbst einzunisten, entschied dieser kluge Kopf etwas ganz anderes daraus zu machen.
Ein Hotel, das sich von den anderen bedeutend abheben sollte. Ein Hotel in Chicago, das aber trotzdem den Flair der Natur behalten sollte. Ein Hotel, das niemals vergessen werden würde. Und aus diesem einen Hotel sind mehrere geworden, was nicht anders zu erwarten gewesen ist.
Diese Geschäftsidee war einfach brilliant.
Dieses Hotel hier am Seeufer mit seinen wunderschönen angelegten Gärten und Wegen am See entlang war ein weiteres Zuhause von mir - und zugleich das Hauptquartier für geheime Besprechungen.
Als hätte mich ein weiteres Mitglied gehört, wurde das Tor hinter mir ein zweites Mal geöffnet und nun mischte sich zu dem Geräusch meiner Schuhe auf dem rauen Stein das laute Brummen eines Motors.
Der pechschwarze und alte, aber liebevoll aufgewertete Rolls-Royce ballerte an mir vorbei, als würde es kein Morgen geben.
Mit quietschenden Reifen hielt er Meter vor mir unter einer riesigen Weide an, drehte sich mit einem Mal schwungvoll um seine eigene Achse und kam letztendlich zum Schweigen. Eine Tür wurde geräuschevoll geöffnet und wieder laut krachend zugeschlagen.
Ein breites Grinsen schlich sich auf meinen Lippen, dennoch musste ich genervt über den Auftritt mit den Augen rollen.
Genauso wie Hades um seinen imposanten, bleibenden Stempel wusste, den er jedermann bei einer Begegnung mit ihm unbewusst auf die Stirn pflasterte, so beherrschte ein anderer wichtiger Kopf unserer Gruppe die Faszination der Menschen wegen seiner Unwillkürlichkeit und Unberechenbarkeit.
Dieser gewisse andere Kopf trat nun in das schwache Licht der altmodischen Laterne, die sich über ihn zu den kleinen, im leichten Wind wehenden Blättern der Weide streckte.
Erst jetzt fiel es mir auf, dass der Regen längst aufgehört hatte und sich die Wolken blitzschnell verzogen haben mussten, so sehr war ich in den letzten vergangenen Augenblicken in meinen eigenen Gedanken versunken gewesen.
Meine Augen wanderten zur der Gestalt, die sich so lässig an das Auto lehnte, als würde ihm hier das gesamte Grundstück gehören und nicht Hades.
Die in der einbrechenden Dunkelheit glühenden grünen Augen beobachteten wachsam, wie ich mich Schritt für Schritt näherte. Von der Nähe aus wurden sie immer intensiver und abstrakter.
Nicht zum ersten Mal jagte mir dieses spezielle Augenpaar einen kalten Schauer über den Rücken.
Der Besitzer dieser exotischen Augen strich sich eine seiner hartnäckigen welligen Strähnen zurück. Dieses weißblonde Haar stand in einem starken Kontrast zu seinen Augen und den dunklen, immer etwas düsteren verzogenen Augenbrauen. Wie so oft wurden seine Mundwinkel von einem spöttischen Lächeln umspielt, als er mir zur Begrüßung zunickte.
Die Kapuze von meinem Kopf ziehend und ihm nun ebenfalls zunickend blieb ich vor ihm stehen.
Mein Blick fiel auf seinen langen grauen Mantel, der sich über seinen Schultern spannte, weil er die Arme vor seiner Brust überkreuzt hatte. Ein Bein hatte er vor das andere gestellt, wie immer trug er eine elegante, nahezu perfekt gebügelte Business Hose, doch diesmal waren keine Lederschuhe, sondern Sportschuhe dazu kombiniert.
Meine Augen wanderten wieder hoch zu sein blasses Gesicht und den hohen kantigen Wangenknochen.
Ich wusste, er war es nicht. Doch er wirkte auf mich jedesmal wie ein Prinz aus einem fernen Land, der es nun irgendwie versuchte in dieser Welt zurechtzukommen.
Ich meine, er lebte und liebte die Astronomie - wer konnte da nicht behaupten, er wäre nicht auch aus einem anderen Universum?
Jedenfalls diese rebellische, irgendwie einzigartige exotische Präsenz nur für sich.
"Tyran", erhob er das Wort in dieser gewohnt leisen Stimme. "Schön, dich zu sehen."
Tief - dennoch vor sich hinklimpernd wie ein metallisches Windspiel, das durch den Wind zum Leben erweckt wurde. Das Windspiel war seine Stimmfarbe und der Wind sein Unterton. Je nach Stärke war dieser mal beharrlich, mal sanft und mal rau. Und so klimperte das Windspiel oft geheimnisvoll vor sich hin. Er ließ sich ungerne in seine Karten schauen - wie wir alle.
Und trotzdem vertrauten wir uns untereinander mehr als irgendeinen anderen.
Ich lächelte ihn unberührt von seiner einnehmenden Ausstrahlung, die meiner sehr ähnelte, an. "Viper. Du hast es ja ausnahmweise mal pünktlich hierhergeschafft."
Er deutete eine Verbeugung an, während er verschmitzt vor sich hingrinste. "Stets zu Diensten - besonders für das Küken unserer Gruppe", spielte er auf mein Alter an.
Für mich war das jedoch keine große Sache, dass ich deutlich der Jüngste von ihnen war. Hades war fünfundzwanzig Jahre alt, Viper zweiundzwanzig. Mit gerade mal achtzehn Jahren betrachtete ich es als Ruhm, bei ihnen mitzumischen.
"Sagt die Schlange, der man eigentlich nicht weit über den Weg trauen sollte", ging ich auf unser gewohntes Geplänkel ein.
Er legte sich gespielt enttäuscht seine Hand über das Herz. "Autsch, das hat gesessen."
Wir lachten beide, dann boxte er mir gegen den Arm und zusammen machten wir uns auf den Weg zum Hotel.
"Nun aber mal Spaß beiseite", meinte Viper und legte mir im Gehen seine schwere Hand auf die Schulter. "Jetzt fängt wieder der Ernst an. Hades hat keine guten Nachrichten."
"Ich weiß. Unendlich beruhigend", brummte ich missmutig.
"Ansichtssache, Kleiner. Ansichtssache. Manchmal kann man unter großem Druck besser arbeiten. Es wäre nicht das erste Mal."
Hiii.
Ein kleiner Einblick in Tyrans geheimen Nebenbeschäftigungen.... was haltet ihr so davon? Erwartet?
Was habt ihr für einen Eindruck von Viper?
Und welche schlechten Nachrichten wird Hades wohl überbringen?
Danke nochmal für eure Votes und sehr lieben Kommentare.
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