19
"Ich...ich", druckste ich vollkommen überfordert herum und wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte.
Tyran wurde nun tatsächlich ungeduldig und erlaubte mir für ein paar Sekunden den Blick hinter dem Vorhang seiner sonst so massiven Selbstbeherrschung.
Etwas verletzt sah er mich an. "Kannst du dich wirklich nicht an das Gespräch erinnern? Und besonders an das, was ich gesagt habe?" Seine eigentlich dominante Stimme war viel zu leise. Viel zu... traurig.
Mein Herz schmerzte einmal mehr und forderte mich dazu auf, endlich eine Entscheidung zu fällen.
Ich bleibe bei ihm, das schoss mir plötzlich durch den Kopf und das Gedankenkarussel kam endlich zum Stehen.
Ich wusste nicht wie lange, aber ich würde nicht weglaufen. Jedenfalls so lange er mir keinen Grund dafür gibt.
Verdammt, ich mag ihn. Sehr. Viel zu sehr. Ich würde ihn am liebsten ins Gesicht sagen, dass mir das alles irgendwie egal ist und er nur für mich als Person wichtig ist. Es zählt für mich nur, wie er zu mir ist.
Aber das klang in meinen Ohren einfach viel zu egoistisch.
Und trotzdem richtig.
Tief holte ich Luft. "Natürlich. Ich kann mich daran erinnern. Ich... ich weiß noch genau, was du gesagt hast."
Er wirkte nun etwas erleichterter. Wahrscheinlich auch, weil ich endlich meinen Mund zum Reden aufbekommen habe. "Kannst du mich nun verstehen, warum ich dir meinen Namen nicht gesagt habe?"
Wumm, wumm, wumm.
Das abgedämpfte Dröhnen des Basses passte gar nicht zu dieser Situation und bis eben hatte ich den fast ausgeblendet.
Ich sah Tyran wieder fest in die Augen und versank fast auf der Stelle in diesem schönem Gold. "Ja... ich kann es."
Um mich vor dem Versinken zu retten, wich ich seinen Augen aus und blickte über seine Schulter hinweg zur Tanzfläche. Die ersten hatten sich zusammengefunden, um so miteinander zu tanzen, dass die Kleidung an gewissen Stellen in zwei Stunden bestimmt weggerieben wurde.
Na toll, warum stellte ich mir bei dem Anblick, der mir heiße Wangen bescherrte, vor mit Tyran so zu tanzen?
Ich richtete meine Konzentration wieder auf ihn und bemerkte, dass er meinen Blick gefolgt ist und nun ebenfalls die tanzenden Menschen beobachtete.
Langsam wanderten seine nun deutlich dunkleren Augen zu mir zurück.
Wenigstend musste ich ihm schonmal hoch ankreiden, dass er nur für ein paar Sekunden auf meinen Lippen schaute, anstatt sie gleich mit seinen zu vereinen.
Die Anspannung zwischen uns wuchs weiter an, nur jetzt nicht mehr ganz in die Richtung Angst, Nervösität und Unbehaglichkeit.
Nein, viel eher zu dieser, die wir von Anfang verspürt hatten, als wir uns das erste Mal sahen.
War es so falsch für einen Menschen so zu empfinden, vor dem ich eigentlich Abstand wahren sollte?
Eigentlich konnte ich ihm vertrauen, jedenfalls etwas, da er mir schon öfter geholfen hatte. Und selbst in dieser Situation könnte ich problemlos flüchten, da er mich nicht bedrängte, sondern mir meinen Freiraum ließ. Ich war irgendwie sicher, wenn ich ihn darum bat, würde er mich gehen lassen.
Weil ich es wollte und es ihm anscheinend sehr wichtig war, was ich wollte. Genauso wie es ihm wichtig war, was ich über ihn dachte und von ihm hielt.
Okay, stimmt, was schadete es schon, wenn ich es nicht einfach versuche, ihn besser kennenzulernen?
Ihr beide würdet es einfach nicht langsam angehen lassen. Alleine wenn er dich wie jetzt anguckt mit diesem Ich will dich so sehr und Ich muss mich aber zurückhalten - Blick schmilzt du schon dahin wie Butter in der Sonne.
Jajaja, wie recht meine innere Stimme doch hatte.
Tyran hingegen versuchte vorsichtig die Grenzen auszuloten und zu überprüfen, wie weit er gehen kann. Behutsam griff er nach meinen Händen und verflochte unsere Finger miteinander, dabei hielt er unseren intensiven Blickkontakt nach wie vor stand. Dann aber beugte er sich weiter zu meinem Ohr hervor.
"Ich will, dass du bei mir bleibst", raunte er mir zu. "Ich will nicht, dass es einfach so vorbei ist, wenn es noch nichtmal richtig angefangen hat."
Ein heißer Schauer rollte mir bei seinen Worten den Rücken herunter und ich biss mir unwillkürlich auf die Lippe.
"Du musst vor mir keine Angst haben. Ich versichere dir, dass ich immer ein Nein akzeptiere und auch, wenn du gehst. Ich zwinge dich zu nichts." Sein heißer Atem strich über meinen Hals, seine Lippen berührten nur hauchzart meine Haut und trotzdem war es schon so, als würde er mich wirklich berühren. Diese Vorstellung, dass er es machen würde, kontrollierte meine schnelle Atmung komplett.
Wieder dieses federleichte Entlangstreichen seiner Lippen an meiner Haut. "Ich will, dass du mir vertraust, Shelby... Und deswegen musst du mir sagen, was ich dafür machen soll."
Jetzt wieder in seiner geduldigen Schiene gefangen, wartete er ab, was ich machen würde.
Ob ich ihm ausweiche, ihn wegstoße oder antworte.
Nur wurde ich gerade viel zu sehr von den Empfindungen meines Körpers beeinflusst, als dass ich ihm ausweichen oder wegstoßen wollte.
Mein Körper bettelte regelrecht nach mehr Nähe. Nach gierigen Küssen, nach seinen hemmungslosen Berührungen... einfach nach alles.
Und schließlich schob er den alles entscheidenen Satz hinterher. "Wenn du das alles aber nicht willst... dann sag es."
Ich wollte so sehr, aber konnte ich?
Was war das hier bitte für eine schwierige Entscheidung?
Ich spürte schon, wie er sich er mir mehr entzog und überlegte aufeinmal nicht mehr lange. Instinktiv entwich mir meine Antwort, wofür ich mich dann selbst schämte. "Nein...bleib."
Prima Shelby, jetzt wusste er genau, wie abhängig du von ihm bist.
Das zufriedene Funkeln in seinen Augen verriet es. Wieder lehnte er sich vor, allerdings diesmal nicht zu meinem Ohr. Wenige Zentimeter trennten unsere Lippen nur noch. Eine Bewegung und sie würden sich berühren.
"Also Shelby", murmelte er, dieser dunkle Blick jagte mir weitere Schauer den Rücken herunter.
"Tyran", betonte ich seinen Namen genauso. Ich musste wieder zu meinem Selbstbewusstsein zurückfinden. Komplett konnte ich dieses Herumspielen nicht zulassen.
Als ich seinen Namen aussprach, verzogen sich seine Lippen zu einem spöttischen Grinsen.
"Ich mag es, wie du meinen Namen betonst", raunte er mir gleich darauf zu. "Jeder betont das Y mehr, du aber das A."
"Mhm... hört sich besser an", gab ich schulterzuckend zu.
Er lachte etwas. "Würde es sich für dich auch besser anhören, dass ich gehofft habe, dich heute hier zu treffen?"
Ich lächelte ihn verwegen. "Vielleicht... Vielleicht."
"Na, das vielleicht hört sich aber noch nicht überzeugt an..." Und diesmal kam er mir wirklich näher. Seine Lippen legten sich auf meinen Hals und zogen eine Spur von langsamen Küssen über meine Haut. "Und nun? Wie ist nun dein Standpunkt, hm?" Zur Unterstreichung striff er mit seinen Zähnen über dieselben Stellen.
Oha...
Ich war mir sicher, dass mir nicht so warm war, weil es so viele Leute in der Halle gab. Ich verfestigte meinen Griff um seine Finger.
Das roch schon wieder nach einer Situation, die vollkommen außer Kontrolle geraten könnte. Gerade eben wollte ich noch fast vor ihm weglaufen... und jetzt?
"Willst du meine Frage gar nicht beantworten?", hakte er nach und küsste mich ein weiteres Mal an meinem Hals.
Wenn ich ihm die Antwort geben würde, dann würde ich sein viel zu großes Selbstbewusstsein ein weiteres Mal pushen und das hatte er nicht wirklich nötig.
Nein, ich lächelte ihn nur schweigend an, als er sich ein wenig zurückzog, um mich zu betrachten.
"Shelby, Shelby", ein Lächeln formte sich auf seine Lippen. Es war schön, aber auch irgendwie... gefährlich. Als würde es eigentlich wegen seinen geheimen Gedanken in seinem Kopf entstehen. Was auch immer er denken mochte...
Leider konnte ich diese Gedanken nicht lesen.
Tyran befreite eine Hand und strich mit dieser meine Taille hoch, immer weiter zu meiner Schulter und befreite einige gelösten Strähnen aus meinem Zopf, die sich unter den Trägern meines Tanktops geschoben hatten. Zum Glück trug ich nicht mehr den schweren Pullover auf meinen Schultern, sondern hatte ihn mir vorhin umgebunden. Und nun löste Tyran diesen Knoten um meine Hüfte.
"Warum hast du dir den eigentlich mitgebracht?", fragte er belustigt und hing ihn lässig an einen der Haken der Träger an. Er schloss dabei wieder den Abstand zwischen uns und nun war ich seinem Körper näher als zuvor. Durch den dünnen Stoff meiner Kleidung spürte ich alles.
"Falls mir beim Losgehen nachher vielleicht kalt ist", antwortete ich wahrheitsgetreu und genoss seine Nähe aus vollen Zügen, obwohl mich mein Engelchen auf der einen Schulter die ganze Zeit entgeistert fragte, was ich mir bitte hierbei dachte.
Er küsste mich erneut sanft. "Ich kann dich nachher auch wieder nach Hause fahren, falls du möchtest... dann wird es nicht so kalt."
"Das wäre... also wenn das geht... wäre es toll", sagte ich und musste eine Spur zu breit grinsen.
Oh man, ich bin absolut hoffnungslos verloren.
Er lehnte sich zu mir vor. "Und was machen wir jetzt? Bleibst du bei mir oder gehst du zu deinen Freunden zurück und kommst später zu mir?
Nachdenklich biss ich mir auf die Lippen. Mein Blick glitt schon wieder zu den tanzenden Leuten - und wieder zurück zu ihm.
Dieses Lächeln sah nun eindeutug nicht mehr nur nett aus. Ein Lächeln mit so einigen Hintergedanken. "Du willst tanzen, mhm?", bemerkte er, seine Augen funkelten mich herausfordernd an.
Ob das mit ihm eine gute Idee war?
Natürlich nicht.
Aber...
Egal.
Ich hatte mich so lange darauf gefreut ihn wieder zu sehen und nun soll ich dieses Angebot aus naja, auch vernünftigen Gründen abschlagen?
"Hast du denn überhaupt Lust darauf?", fragte ich ihn etwas unsicher.
Er lächelte wieder in sich hinein und es lag ihm etwas auf der Zunge, das sah ich ihm deutlich an, letztendlich reagierte er jedoch brav und unschuldig auf meine Frage. "Ja. Also?"
Ich ließ mich von ihm aus unserer geschützten Ecke in das bunte Treiben ziehen und konnte mich mit klopfendem Herzen die ganze Zeit, in der wir uns der Tanzfläche näherten, den Blick von ihm nicht abwenden.
Das Gold in seinen Augen schimmerte durch das nun rote Licht wie Feuer und in Kombination mit seinen dunklen dichten Wimpern und den Augenbrauen - eigentlich alles in seinem Gesicht - sah er so wunderschön aus.
Wunderschön gefährlich.
Hii :)
Ich habe mich voll gefreut, dass so viele im letzten Kapitel ihre Meinung dazu gesagt haben, was sie an Shelbys Stelle tun würden.
Nun... hier ist ihre "Lösung".
Ich hoffe wieder, es hat euch gefallen und bis zum nächsten Update.
❤
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