17

Shelby

Meine Muskeln schmerzten, ich hatte das Gefühl, dass ich gleich wie eine Maschine in meine Einzelteile auseinanderfiel.

Aber trotzdem fühlte ich mich befreit.

Der Sport hatte mit mir genau wieder das gemacht, was er sonst mit mir machte. Und wofür ich ihn sonst sehr schätzte. Ich hatte alles um mich herum vergessen, war nur darauf fokussiert, das Hindernis vor mir zu bewältigen, sonst nichts.

In einem schnelleren Tempo als sonst kamen wir bei der McAcon Halle an. Oder besser gesagt, ich war zügiger als sonst unterwegs gewesen, denn Reece und Daniel hingen dezent hinterher.

Sie kamen ganze zwei Minuten später an.

Für sie fühlte es sich vielleicht nicht als Triumph an, für mich schon. Denn mindestens einer von ihnen hatte, je nach Tag, eine bessere Kondition als ich. Meistens hing ich hechelnd hinterher und brauchte ein paar Minuten zum Sammeln, ehe ich nach unserem erreichten Ziel den nächsten Schritt machte.

Diesmal brauchten Reece und Daniel diese paar Minuten, ehe wir in Richtung Halle schlenderten.

Die McAcon Halle hatten wir als Namen von dem früheren Firmenbesitzer alle übernommen, da er mit Hinternamen so hieß. Früher, vor fünf Jahren, war das eine riesige Fabrikhalle gewesen, in der Maschinenersatzteile hergestellt wurden. Heute ist das eine leere Fabrikhalle, aus der alles nach der Pleite von Mr McAcon herausgeräumt wurde. Glücklicherweise war der Neffe von ihm an der Halle interessiert und der hat sie ihm einfach überlassen. Und er überließ sie uns.

Jason Acon hieß er.

Vor einem Jahr ist er bei einem Autounfall gestorben. Viele meinen, es wäre seine Schuld gewesen, denn er ist ja selbst verrückt genug gewesen, um jeden Tag Autorennen durch die Stadt zu unternehmen. Andere meinen, man habe die Bremsen des Audis manipuliert.

Ich wusste nicht, was ich glauben sollte und ließ es deshalb bleiben.

Fakt war auf jeden Fall, so abgedreht Jason auch war, hatte er immer gute Laune und entwickelte mit die beliebtesten Lichtshows und Partys in dieser Halle.

Momentan hatte Piere Acon, sein Bruder, so ein bisschen die Leitung übernommen und garantiert war er derjenige gewesen, der auch das Essen sponserte.

Wir kamen an dem hohen Bauzaun an, der ungefähr zweihundert Meter um die riesige komplette Halle herumgezogen wurde, sodass nicht jeder die betreten konnte. Am Eingang hatte sich schon eine kleine Schlange gebildet und ein paar Leute gingen, nachdem sie von zwei Türstehern am Tor abgecheckt wurden, Richtung Halle. Noch war das Licht grell im Gebäude an, das sah man durch die in die breiten gezogenen Glasfenstern ganz oben, sie grenzten fast schon am flachen Dach.

"Mega", kommentierte Daniel das fröhlich, der es sich auch nicht nehmen ließ, das Gelände der alten Fabrik nochmal gründlich zu betrachten. "Die Show hat wohl noch gar nicht angefangen. Um so besser."

Reece verdrehte neben mir die Augen. "Bestimmt hat sich irgendeine Band wieder verspätet."

Daniel schüttelte entschlossen den Kopf. "Das glaube ich nicht. Ich habe gestern noch mit Piere telefoniert und der meinte, heute tritt ein ziemlich professioneller DJ auf, der zum Beispiel oft bei Luison auflegt."

"Ahhh", machte ich und wusste sofort, wen er meinte. "Du meinst Carter Radson, richtig? Weil wenn der auftritt, dann hält der sich auch nach Plan und verspätet sich nie."

"Richtig", antwortete Daniel lachend. "War klar, dass du ihn wieder kennst."

Verwirrt zog Reece nur die Stirn kraus. "Warum kenne ich diesen Carter Radson nicht? Wer ist das denn bitte?"

"Klar, den kennst du mindestens vom sehen her", überzeugte ich ihn, im Innern war ich froh, dass ich mich mit ihm gerade normal unterhalten konnte. "Carter ist doch kleinwüchsig, hat immer irgendwelche schrille Blumenhemde an und seine Haare reichen ihm bis zu der Brust. Die sind dunkelblond und ziemlich kraus gelockt."

Reece zog die Mundwinkel kurz herunter. "Nö, keine Ahnung. Null Plan."

"Wir zeigen dir ihn gleich", beschwichtigte ihn Daniel.

Jetzt wurde es doch wieder still zwischen uns und meine anfängliche Vorfreude wurde etwas getrübt. Um mich nicht ganz so zu langweilen, hörte ich bei dem Gespräch der zwei Typen vor mir zu und schnappte augenblicklich wieder den Namen Tyran auf. Entschlossen drehte ich mich wieder zu meinen Jungs, die mich etwas erschrocken ansahen. "Ihr müsst mir jetzt mal unbedingt gleich zeigen, wer dieser Tyran Argento ist. Jeder redet von ihm und ich bin so verwundert, dass ich ihn nicht kenne, wenn er wohl so bekannt ist."

"Naja", fing Daniel schulterzuckend an. "Er ist auch gerade erst wieder in der Stadt aufgetaucht. Gut möglich, dass du ihn schon gesehen hast, aber der Typ kann sich ziemlich gut in einer Menge und gerade erst in einer Stadt tarnen. Wenn der nicht an öffentlichen Orten wie beispielsweise hier ist, findet man ihn nur schwierig."

Ich nickte langsam. "Ah. Okay."

"Shelbylein, auch wieder dabei?"

Zügig wandte ich mich um und stellte erstaunt fest, dass wir schon direkt am Eingang angekommen waren und mich der eine Türsteher anlächelte. Ich vermutete, er kannte mich von Luisons Club, da er dort bestimmt auch ein paar mal schon stand. Das Gesicht kam mir bekannt vor, von dem anderen, der uns prüfend betrachtete, aber nicht.

Geschätzt war er bestimmt auch in unserem Alter. Seine Haaren waren knallrot gefärbt und zu einem Irokesenschnitt frisiert worden. Vom Körperbau her konnte man ihn schon mit einem Schrank locker vergleichen, nur das Gesicht wies eben mit vereinzelten weichen Zügen auf, dass er nocht allzu alt war.

"Ja, hi. Wir sind auch wieder dabei", lächelte ich den gesprächigen Türsteher an und zu meiner Überraschung lächelte der Irokese, der vorher fast nur eine Pokerfacemiene zur Schau gestellt hatte, uns ebenfalls an.

Daniel und Reece wurde noch freundlich zugenickt, bevor wir durchgelassen wurden.

Durch meine Schuhe hindurch konnte ich schon fast den rauen Asphalt der Straße, die zu einem großen Tor der Halle führte, spüren.

Jetzt packte mich die Spannung wieder. Die Spannung auf vieles. Wie der Showakt wird, ob die anderen Leute mir hoffentlich wenig Beachtung schenkten, wer jetzt dieser Tyran war und ob der Unbekannte auch unter den Feiernden in der Menge umherlief.

Gleich am Tor wurde uns von Melanie, die auch oft bei Luison arbeitete, ein kleiner Cocktail angeboten. Dankend nahmen wir ihn entgegen.

Ihr konnte ich vertrauen, dass sie dort keine Pillen oder irgendetwas anderes untermischte. In der Halle werde ich nämlich nur noch direkt an der Bar etwas annehmen. Unterwegs auf der Tanzfläche liefen so viele notgeile Typen herum, die nur darauf warteten, Mädchen K.O.- Tropfen unterzujubeln.

Tja, zwar harmonierten wir alle als ein Haufen hormonsprühender Jugendliche mit kriminellen Hobbies, aber es gab trotzdem immer diese Ausnahmefälle.

Wie zum Beispiel Quinn Velvet, der leider Gottes wie Stefan Salvatore aussah, und uns, als wir beim Halle betreten an ihm vorbeiliefen, ein schmieriges Grinsen zuwarf.

Definitiv war er einer dieser Ausnahmefälle.

Neugierig sah ich mich um und bemerkte, dass alles von der Anordnung so wie immer gehändelt wurde. Direkt, wenn man den Eingang passiert hatte, wurde man auf die Tanzfläche im mittleren Teil des Gebäudes befördert. Ganz hinten war die riesige langgezogene Bar und gegenüber ganz vorn die kleine Bühne mit dem Mischpult, den Scheinwerfern und dem anderen Zeug, was man eben zu einer Nebel - und Lasershow brauchte. Die Lautsprecherboxen hingen an den Seiten der Halle in gleichen Abständen.

Über unseren Köpfen befand sich noch eine zweite Etage, die nur aus Gitterwegen bestand und die sich in viereckigen Bahnen knapp unter der Decke langzogen. Die waren seit geraumer Zeit gesperrt, da ein völlig betrunkener Idiot fliegen üben wollte. Zum Glück hatte man ihn von der Reeling heruntergezerrt, bevor als Matsch unten ankam.

Das Tuscheln, Gelächter und Geraune in der Halle war ziemlich laut, weil es hier so hallte. Besonders viele starrten gebannt auf die riesige digitale Uhr über der Bühne, die den Countdown zum Auftritt anzeigte.

Noch waren es knapp zwei Minuten, wir hatten wiedermal perfektes Timing erwiesen.

"Ich gehe uns ein paar Drinks holen", verkündete Reece und verschwand, ohne unsere Reaktionen abzuwarten, in der Menge, um sich nachhinten durchzukämpfen.

"Ähm, okay", sagte ich irritiert wegen seinem übereilten Abgang.

Daniel stieß mich plötzlich unsanft in die Seite und ich wollte ihn gerade deshalb anmotzen, als ich seinem Blick nach rechts von uns folgte.

Die Menschen an der Stelle wichen wie auf Befehl zur Seite weg.

Was zum Henker? Kam jetzt doch ein Star - DJ oder was?

Meine Frage beantwortete sich von selbst, denn genau jetzt teilte sich die Menge vor meinen geweiteten Augen, gleichzeitig keuchte ich überrascht auf.

Da war er wieder, dort stand er.

Dieser Unbekannte.

Alleine und trotzdem strahlte er so viel Selbstbewusstsein aus, als hätte er hinter sich noch eine ganze Armee zu stehen, die ihn notfalls verteidigte. Er machte sich seine halbaufgesetzte Kapuze seines schwarzen Hoodies herunter und augenblicklich glänzten seine heute mal zum Undercut gestylten Haare im hellen Licht dunkelbraun auf. Die Hände vergrub er gleich danach in den Taschen seiner dunkelblauen zerrissenen Jeans. Dabei lehnte er sich lässig leicht an einen der breiten vielen Träger, die das Dach der Halle stützten an und musterte die Umgebung.

Mein Herz machte automatisch einen Sprung höher und ich wünschte mir auf lächerlicher Art und Weise, dass er mich jetzt auch gleich entdecken würde.

"Du wolltest doch Tyran sehen. Das ist er. Das ist Tyran Argento", ertönte Daniel neben mir leise, seine Stimme rückte in den Hintergrund, weil mich nun der Schock von innen gefühlt auffraß.

Er, der Unbekannte, war Tyran Argento.

Ich holte tief Luft und trotzdem füllte sie nicht gut genug meine Lunge aus, so stickig wie es hier drinnen schon war.

Tyran Argento.

Oh mein Gott.

Anhand der Gerüchte, die ich mitbekommen hatte und das Verhalten der Menschen in seiner Nähe, wann immer ich bei ihm war, hätte ich mir eigentlich denken können, dass er das war. Verdammt, wie dumm bin ich gewesen.

Aber das war nicht das, was mich am meisten mitnahm.

Am meisten nahm mich mit, dass ich so nah an mich herangelasen hatte. Und dass ich mit ihm gut auskam.

Obwohl er eigentlich der Mensch war, der er anscheinend trotzdem war.

Jemand, der viel zu gefährliche Eigenschaften hatte und dem zu viel Schlechtes nachgesagt wurde, sodass der Respekt der anderen Menschen eher wegen ihrer Angst vor ihm verursacht wurde.

Meine Gedanken sprangen plötzlich zurück zu der Erinnerung, dass er auf der Suche nach mir war und vielen gleich klargestellt hatte, dass er mich wollte. Ich war das Mädchen, das tatsächlich etwas mit ihm hatte und vorhin wollte ich es allen noch wutenbrannt ausreden, was dieses Gerücht soll und so weiter.

Jetzt wurde mir heiß und kalt und ich wusste nicht mit dieser Situation umzugehen.

Ich freute mich ihn wiederzusehen, gerade, weil ich ihn so vermisst hatte. Aber nun wusste ich, wer er war und konnte es regelrecht verstehen, dass er mir seinen Namen nicht sagen wollte. Wegen dieser ganzen Vorurteile, dass ich ihn wohl ohne die kennenlernen sollte.

Und das Wissen, dass er zu mir so sanft und aufmerksam war und eigentlich zutiefst brutal und unberechenbar sein soll, zerrüttelte meine Emotionen stark.

"Aha", war das Einzige, was ich herausbrachte. Und gerade als ich dachte, noch schlimmer könnte es nicht werden, blieben die goldenen Augen bei mir stehen.

Oh.

Stechend durchbohrten sie mich und ich wusste instinktiv, dass er nun wusste, dass ich wusste, wer er wirklich war.

Ohje.

Die Luft wurde für mich immer dünner, auch, weil er einfach nicht von mir wegschauen wollte. Es war keine Regung in seinem ausdruckslos wirkenden Gesicht zu erkennen, deswegen rechnete ich auch nicht damit, dass er sich aufeinmal von dem Träger abstieß - um auf mich zuzulaufen.

Mein Herz blieb gefühlt vor Schreck stehen und ich spürte schon die verwunderten Blicke, die seine Bewegungen verfolgten. Als würden die anderen herausfinden wollen, was er nun anvisiert hatte.

Noch wussten sie nicht, dass ich dieses Ziel war.

In ungefähr zehn Sekunden würde er bei mir sein, vor ihm war bis auf ein paar vereinzelt stehende Leute alles frei. Nur hinter uns, hinter ihm und zur linken Seiten hatten sich die meisten versammelt.

Und nun kam er immer näher.

Ach du schande.



Es geht weiterrrr. Meine Prüfungen sind done, ab jetzt werden die Kapitel von diesem Buch hier nur so losgelassen. Stellt euch auf alle zwei oder drei Tage ein. Ich habe schließlich ordentlich etwas nachzuholen :)

Wer uns auf Instagram verfolgt, hat vielleicht auch schon gesehen, dass Tyran demnächst zu einer Reihe gehören wird.

In diesen Büchern wird es nach Tyran weitergehen und es werden andere "extreme" Charaktere im Mittelpunkt stehen. Seid ihr mehr auf Hades oder auf Viper gespannt?

Ich hoffe, ihr freut euch.

Bleibt gesund und danke für euer liebes Feedback!

Deman

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