16

Shelby
Die Tagen vergingen.
Viel zu schnell für meinen Geschmack war die Schulwoche um und schließlich hatte der Samstagnachmittag begonnen.
Ich saß auf meinem Bett, vor mir mein aufgeklappter Laptop, der gerade Greys Anatomy abspielte. Allerdings würdigte ich dem Bildschirm fast gar keinen Blick, weil ich in den Gedanken wieder bei ihm war.
Diesem Unbekannten mit den goldenen Augen.
Zum tausendsten Mal in diesen vergangenen Tagen stellte ich mir die Frage, wer zur Hölle er denn eigentlich war. Und genauso, wo er jetzt war und wann ich ihn wieder sehen konnte, um in seiner Nähe zu sein.
Laut seufzend vergrub ich meine Zehe in die weiche Bettdecke unter mir und ließ mich nachhinten fallen, um mich schräg ausgestreckt auf meinem Bett wiederzufinden.
Gerade hatte ich so gar keinen Plan von überhaupt irgendetwas.
In dieser Woche hatten nur so schlechte Noten auf mich eingeschlagen, Reece und Daniel verhielten sich komisch zu mir, meine Schwester wurde zu einer psychisch labilen Person, die schon einen Anfall bekam, wenn man ihr ein Trinkglas auf dem Tisch herüberschob, und ich sehnte mich nach einem Menschen, über den ich gar nichts wusste.
Meistens in letzter Zeit, wenn meine Gedanken zu meinem verkorksten Leben wanderten, holte ich mir die Gerüchte über diesen Tyran ins Gedächtnis und versuchte herauszukriegen, wer das bitte war. Aber es endete, so wie jetzt nur damit, dass ich verzweifelt daran herumrätselte und wieder zu keiner Lösung kam.
Ich könnte heute Abend theoretisch zu Luison gehen und ihn fragen, nur hatte ich im Moment auf den Club nicht besonders Lust und Reece und Daniels Gesichter, wenn sie mitkriegen, dass ich dort wieder alleine hingestiefelt war, wollte ich auch nicht unbedingt ertragen.
Also hatte ich ausnahmsweise mal gar keinen Plan, was ich an einem Samstagabend machen sollte.
Vielleicht brauchte ich, außer Parcours, noch ein anderes Hobbie, um nicht immer nur eine Sache zu machen.
Klettern gehen. Oder mal sowas abgefahrenes und langweiliges wie Schach spielen. Mit Glück lernte ich süße nerdige Jungs kennen und konnte sie um Nachhilfe bitten, auch wenn ich ungerne bettelte. Langsam musste ich mir um die Schule aber echt Sorgen machen.
Der hässliche Ton unserer Klingel ertönte.
Weil ich wusste, dass Mom gerade wieder bei der Arbeit war und ich nicht einschätzen konnte, ob Sharret so sozial sein würde und die Tür öffnete, musste ich wohl aufstehen.
Sie hatte sich für ihr Verhalten mit dem Abhauen nach der Übergabe ihres ach so wichtigen Kunstprojektes immmer noch nicht bedankt. Ich würde es bereuen dort hin gefahren zu sein, aber ich hatte als Entschädigung wieder ihn getroffen.
Was auch immer mit Sharret los war, das musste ich dringender herausbekommen, als wer Tyan Argento war, dessen Name allen schon einen Schrecken einjagte. Oder Bewunderung hervorrief.
So viele Probleme.
Die Klingel ertönte nochmal, worauf ich endlich die Türklinke meines Zimmers herunterdrückte und die Treppe herunterpolterte, um zu sehen, dass Sharret gerade Reece und Daniel hereinließ, sich dann zu mir umdrehte und mich finster anzufunkelte.
"Hast du deine Geschwindigkeit mit der einer Schildkröte ausgetauscht? Wegen dir musste ich jetzt extra herunterrennen", nörgelte sie genervt, schob sich dann augenrollend an mir vorbei und ging die Treppe hoch. Wenig später schlug eine Tür laut zu.
"Oh man", machte ich nur, wandte mich dann zu Reece und Daniel, die mich verstörrt ansahen. "Hi erstmal." Ich wusste nicht ganz, wie ich sie so begrüßen sollte, da sie diese Woche so distanziert zu mir waren. Es entstanden immer mehr peinliche Stillen, weil niemand von uns wusste, was er sagen sollte und mit dem neuen Gruppenklima erst recht gar nicht zurechtkam.
Reece ging sich durch die hellen Locken und starrte mich eine Weile an, bis er zu reden anfing. "Ja... hi."
Hätte sich ein Fremder mir gegenüber so unsicher verhalten und mit reichlich Zeitverzögerung geantwortet, hätte ich eine Augenbraue angehoben und mich gefragt, was das denn für einer war, ohne es böse zu meinen.
Aber er war mein bester Freund.
Warum veränderten sich gerade so viele Menschen in meinem Umfeld? Das war doch nicht mehr zum Aushalten.
"Hey, Shelby", riss Daniel nun die Gesprächsführung nach einem Räuspern an sich. "Was ist denn mit Sharret los? So kenne ich sie gar nicht."
Ich zuckte mit den Schultern und visierte die Spitzen meiner roten Socken an. "Keine Ahnung, sie ist jetzt schon seit einer Weile so und ich werde immmer ratloser mit ihr."
"Komisch", gab Daniel nachdenklich von sich.
"Naja", ich schaute jetzt wieder zu ihnen auf, dabei schob ich meine Hände in die Taschen meiner ausgewaschenen Jogginghose. "Gerade kann ich das nicht ändern, weil sie ja auch nicht mit der Sprache herausrückt." Ich legte eine kurze Pause ein und lächelte beide dann schief an, um die angespannte Stimmung etwas aufzulockern. "Und was hat euch hierher verschlagen?"
Und wieder war es Daniel, der antwortete. Reece lehnte stumm neben ihm an der Haustür und betrachtete mich nachdenklich. Vielleicht war er gerade extrem in einer anderen Welt, auch wenn dieses Abwesende gar nicht so zu ihm passte.
Ich kam damit nicht klar.
Überhaupt nicht.
Daniel hob einen Mundwinkel an. "Wir wollten zur Mc Acon Halle. Heute treffen sich besonders viele Skater, Parcoursleute und Streetfighter dort. Die ganze Palette. Soll eine nette Runde mit ein bisschen Musik werden, das Essen sponsert einer der Leute dort, der das von dem Unternehmen seines Vaters bekommen hatte."
"Das hört sich toll an", entgegnete ich begeistert.
"Jap, deshalb wollten dich auch fragen", lachte Daniel nun leise. Er war eindeutig besser als in der Schulzeit drauf. "Ziehst du dich um? Wir warten schnell hier."
Ich nickte. "Ja. Ja, klar." Als ich die Treppe fast fast vollständig hochgegangen bin, hörte ich, wie Reece noch etwas zu Daniel sagte.
"Du hast vergessen ihr zu sagen, dass die meisten Leute nicht nur wegen dem kostenfreien Essen dort sind, sondern auch, weil Tyran sich dort heute bestimmt auch untermischt und die alle sensationsgeil auf diesen verrückten Kerl sind", stellte er kritisch klar.
"Also ich fand das jetzt nicht so wichtig zu sagen?"
"Nicht?"
"Nein, warum denn?"
"Weil die ganze Zeit schon Gerüchte im Umlauf sind, dass er ein Mädchen in der Stadt sucht, beziehungsweise schon manchen deutlich gemacht hat, dass sie sie nicht anzufassen haben. Und viele vermuten, dass es sich um Shelby handelt, weil sie so mit die Einzige ist, die in Luisons Club ab und zu alleine geht und er sie wohl dort kennengelernt hat."
"Unwahrscheinlich, dass es so sein sollte. Tyran kann genauso gut auch Ivana meinen oder Lesly. Die sind doch auch oft bei Luison und relativ in der Stadt bekannt. Außerdem, wenn Shelby mit Tyran etwas am Laufen hätte, hätte sie uns das doch schon längst erzählt", erwiderte Daniel überzeugt. "Gerade mit Tyran."
Stirnrunzelnd ging ich in mein Zimmer und entfernte mich somit von der obersten Treppenstufe, auf der man mich nicht sehen konnte, weil unser Geländer an der Stelle sehr hoch war und wir eine Wendeltreppe besaßen.
Dieser Tyran war also auf der Suche nach einem Mädchen mit der er wohl etwas am Laufen hat oder hatte und es wird vermutet, dass ich es bin.
Das wird ja hier immer verrückter.
Ich kenne Tyran nicht und trotzdem zählte ich zu diesen verdächtigten Mädchen. Ein Grund mehr, dass ich zu dieser Mc Acon Halle hinging, um endlich herauszufinden, wer dieser Typ war und diese ganzen Gerüchte klarzustellen, dass ich nämlich nichts mit dem zutun hatte. Und wenn alles gut lief, traf ich bestimmt noch den Unbekannten, der sich so ein Event an einem Samstagabend auch nicht entgehen ließ.
Höchst motiviert und entschlossen kramte ich aus meinem Schrank ein weißes Tanktop, eine schwarze zerissene Jeans und einen grauen Hoodie zum Umbinden heraus für später, wenn es etwas kühler werden sollte. Die Haare band ich mir schnell zu einem lockeren Pferdeschwanz zuammen, das sie mich auf dem Hinweg, wenn wir im Parcoursstyle die Stadt durchquerten, nicht störten und nicht dauernd im Gesicht hingen.
Ein letzter Blick in meinen Spiegel und ich drehte mich zur Tür.
Dann jetzt mal los.
Ich bin bereit.
Hi, da bin ich wieder. Ich weiß, lange Zeit, in der nichts kam, aber es ging nicht anders. Aber jetzt wird wieder regelmäßig etwas kommen, ich versuche es.
Oben sieht man, wie ich mir Daniel ungefähr vorstelle.
:)
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