28. Kapitel

Louis:

„Die erste Folge ist wirklich gut geworden." Charly steht an der Kaffeemaschine und über die Musikbox läuft die Datei, die ich gestern von Liam bekommen habe. „Danke", antworte ich lächelnd und setze Wasser für meinen Tee auf. Frühstück steht bereits auf dem Tisch. Ich bin gerade in die Wache gekommen. Charly scheint schon etwas länger hier zu sein, denn er hat schon die erste halbe Stunde der Folge durch. Liams Folgen gehen immer gut 45 Minuten, also ist er mit dem Podcast hoffentlich schon fertig, wenn wir auf unseren ersten Einsatz heute fahren.

„Ich hab ihn gestern schon gehört", meint Marah und setzt sich zu mir. „Du hast ganz schön über diesen Kerl abgezogen. Styles heißt er, oder?" – „Den haben wir doch letztens im Supermarkt getroffen", wirft Matt ein. Ich verdrehe die Augen. „Und ich habe den ganzen Einkauf allein gemacht, weil Louis mit ihm gequatscht hat", fügt er hinzu. „Das musste jetzt sein, oder?" Charly sieht prüfend zu mir. „Ich dachte, du kannst ihn nicht leiden." – „Kann ich auch nicht. Er ist ein arrogantes Arschloch", stelle ich klar. „Mhm. Merkt man", antwortet Marah. „Er kommt echt nicht gut weg in diesem Podcast."

Ich zucke mit den Schultern. „Ich habe seinen Namen nicht gesagt und außerdem hat er all das wirklich getan. Ihr wart doch dabei." – „Er ist also das perfekte Negativbeispiel", entgegnet Matt. Ich nicke. „Du hast es erfasst." Charly setzt sich mit seinem Kaffee zu uns. „Ich finde, du hast den Podcast ziemlich gut gemacht. Wann wird er veröffentlicht?" – „Ich glaube in zwei oder drei Wochen, ich bin mir nicht sicher", überlege ich und ziehe mein Handy aus der Hosentasche. „Übernächste Woche Donnerstag. Wenn die Folge gut ankommt, nehmen wir noch eine auf", sage ich. „Ich denke, das wird sie." Charly ist genauso optimistisch wie Liam. Er ist sich auch sicher, dass es klappen wird und würde am liebsten schon die nächste Folge aufnehmen.

Ich schreibe Liam, dass mein Captain sehr zufrieden mit der Folge ist und sie damit definitiv raus kann. Ihm war wichtig, abgesichert zu sein. Nicht, dass die Feuerwehr Londons seinen Podcast noch öffentlich kritisiert, wenn man etwas hätte ändern können. Heute ist es uns gegönnt, in Ruhe zu Frühstücken, bevor der erste Alarm der Schicht ertönt. Wir lassen alles stehen und liegen und laufen zum Auto.

„Ein Kind ist involviert", sagt Charly, als wir im Wagen sitzen und aufs Tablet mit den genauen Informationen aus der Leitstelle schaut. „Anscheinend hat es den Kopf durch ein Gitter bei dem Spielplatz ein paar Straßen weiter gesteckt und kommt nicht wieder raus", erklärt er. „Es besteht keine akute Gefahr, wir müssen das Gitter mit dem Hydraulikspreizer nur so weit auseinander bekommen, dass es da wieder herauskommt." Sofort bin ich bisschen weniger angespannt. Sobald Kinder involviert sind, ist die Stimmung anders. Wir geben bei jedem einzelnen Einsatz unser Bestes, aber Kinder – das ist etwas anderes.

Innerhalb weniger Minuten kommen wir bei dem Spielplatz an. „Lassen Sie uns bitte durch", sagt Charly laut. Ich habe den Spreizer in der Hand. Es ist ein alter Zaun. Er sieht aus für eine Balkonbrüstung oder ein Treppengeländer. Die Lücken sich gerade so breit, dass ein Kind den Kopf durchstecken könnte. Er begrenzt den Spielplatz zur Straße, sodass kein Kind einfach zwischen die fahrenden Autos rennen kann. „Hallo", sagt er Junge und versucht zu uns hochzuschauen. Die Mutter steht daneben. „Hi, ich bin Charly, das sind Louis und Marah. Wir holen dich da raus, okay?" – „Danke, dass Sie so schnell hergekommen sind", sagt die Mutter direkt. „Kein Problem. Treten Sie bitte einen Schritt zurück, ja?", bittet Marah sie.

„Ich bin Joshua", sagt er Junge. „Tut es weh, was ihr gleich macht?" – „Nein, versprochen", versichert Charly ihm und stützt seinen Kopf. Darunter klemme ich von der anderen Seite den Spreizer zwischen die Stangen und lasse ihn sie langsam auseinander drücken. Das Metall ist alt und lässt sich leicht biegen. Charly führt Joshs Kopf vorsichtig zurück und er kann sich wieder hinstellen. „Geht es dir gut?", möchte er wissen und bewegt vorsichtig Joshs Kopf. Er überprüft seinen Hals, aber der Junge grinst schon wieder. „Danke. Das war voll cool!" – „Das war überhaupt nicht cool", antwortet seine Mutter sofort. „Nicht das Steckenbleiben", sagt Josh sofort. „Das da!" Er deutet auf unsere Ausrüstung. „Die Feuerwehr ist cool!"

„Das stimmt. Aber steck dein Kopf trotzdem nicht noch einmal in so ein Gitter, okay?", erwidert Charly amüsiert. „Okay", stimmt Josh nickend zu.

„Kinder sind so dumm manchmal", sagt Matt, als wir wieder im Wagen sitzen. „Sagst gerade du", antworte ich amüsiert. „Was soll das denn heißen?" – „Wer wusste den bis Anfang zwanzig nicht, dass man Alufolie reißen kann?", zieht Marah ihn auf. Abends stand Matt einmal in der Küche und wollte das restliche Essen abdecken: mit Alufolie. Er hat sie mit einer Schere geschnitten und als Marah ihm dann helfen wollte und sie einfach abgerissen hat, hat er sie mit großen Augen verblüfft angeschaut und gefragt, seit wann das denn ginge. „Ihr seid solche Idioten", antwortet Matt trocken. „Mach dir nichts draus, jeder macht mal etwas dummes. Erinnere dich mal daran, was Louis am Anfang als kochen bezeichnet hat." – „Ey!", beschwere ich mich sofort. „Du hast es geschafft, Nudeln anbrennen zu lassen." – „Woher sollte ich denn wissen, wie lange die kochen müssen?!" – „Nicht über eine halbe Stunde", grinst Marah.

Wir kommen wieder an der Wache an. Dort sehe ich, dass ich eine Nachricht von Harry habe. Er hat mir seine Adresse geschickt. Er wohnt in einer ziemlich netten Gegend – nicht, dass ich etwas anderes erwartet hatte. Die Feier ist schon übermorgen. Ich bin nach wie vor nicht sicher, ob es klug war, zuzusagen. Ich sollte Harry diesen Gefallen nicht tun. Ich sollte ihm grundsätzlich keinen gefallen tun. Allerdings gefällt mir dieses Spiel zwischen uns und es wird eine Menge Spaß machen ihn aus der Fassung zu bringen. Natürlich mache ich das so subtil, dass es niemand anderem auf der Hochzeit auffallen wird, aber stark genug, dass er nervös wird.

Ich weiß genau, was ich tragen werde: einen dunkelblauen, leicht taillierten Anzug mit passender Krawatte und perfekt sitzendem Hemd. Dazu meine (einzigen) Anzugschuhe. Immerhin ist es eine Hochzeit. Zufrieden stehe ich in diesem Outfit wenige Tage später vor dem Spiegel. In einer halben Stunde hole ich Harry ab. Er hat mir seit vorgestern nicht mehr geschrieben, also gehe ich davon aus, es hat sich nichts geändert.

Me: Ich bin auf dem Weg.

(Natürlich) Ist neben dem Haus von Harry eine Garage. Ich stelle mich davor und schaue auf die Uhr. Drei Minuten vor der vereinbarten Zeit öffnet sich die Haustür und er kommt nach draußen. Er sieht gut aus. Er trägt einen dunkelroten Anzug mit einem passenden Hemd dazu. Er sitzt wie angegossen. Er öffnet die Tür und steigt ein. „Hey." – „Hi. Schicker Anzug." – „Uhm... danke gleichfalls", antwortet er und ich fahre los. Die Adresse der Location habe ich gerade schon ins Navi eingegeben. Harry wirklich nervös. „Ist alles okay?", frage ich ihn und sehe ihn kurz an, als wir vor einer roten Ampel stehen. Er zupft die Ärmel des Jacketts zurecht. „Ja. Ich bin nur nicht oft auf dieser Art Veranstaltung." – „Du meinst Hochzeiten?" – „Feiern von meinen Kollegen", antwortet er mir. „Du machst das nur, damit du Partner wirst", verstehe ich. Er zuckt mit den Schultern. „Das ist nichts Verwerfliches." – „Interessierst du dich wirklich so wenig für deine Kollegen?" – „Es sind nicht meine Freunde", antwortet er knapp. Ich nicke verstehend.

„Bei dir ist das anders, oder? Bei der Feuerwehr meine ich", fragt er. „Wir sind wie eine Familie. Wir leben während des Schichten zusammen", erwidere ich. „Natürlich interessiert man sich da für das Leben der Anderen." – „In meiner Branche ist das anders", erwidert er und wirklich nachdenklich. „Da geht es um Umsatz und Erfolg. Unternehmen sind Zweckgemeinschaften, nichts weiter." – „Gar nicht?" Er schüttelt den Kopf.

„Stelle ich mir schwierig vor", antworte ich ehrlich. „Ich kenne es nicht anders." Er zuckt mit den Schultern. „Außerdem habe ich meine Familie und Freunde. Ich finde es ganz gut, mein Privatleben und meinen Job zu trennen."

„Sind viele deiner Kollegen da?", möchte ich wissen. Ich kenne Oliver und Nick und ein paar der anderen, allerdings nur flüchtig. „Ja. Drei oder vier", nickt er. Dann sieht mich skeptisch an. „Wiese fragst du?" – „Was?" – „Hast du... also... etwas geplant oder so?" Amüsiert schmunzle ich. „Glaubst du, ich ziehe dich in ein Hinterzimmer, um dich dort zu vögeln, während dein Kollege die Hochzeitstorte anschneidet?" Harry wird dunkelrot im Gesicht. „Das machst du nicht... oder? Nein, das... also...", stottert er und ich kann nicht anders, als zu lachen. „Nein, keine Sorge, das hatte ich definitiv nicht vor." – „Okay, gut. Also, weil dort wäre das schon komisch. Und unangebracht, es wäre definitiv unangebracht", stellt er klar. Das heißt nicht, dass du es nicht mitmachen würdest.

Ihm steht die Neugier praktisch auf der Stirn geschrieben. Ein bisschen lasse ich dich noch zappeln, Harry. Damit wirst du wohl oder übel klarkommen müssen. „Wir werden auch so Spaß auf der Hochzeit haben", antworte ich gut gelaunt. Er mustert mich. „Spaß?" – „Ich rede von Torte essen und Sekt trinken, aber wenn du mir einen blasen willst, sage ich nicht nein." Ich liebe es, wie er errötet. „Uhm... das... also...So etwas sagst du aber gleich nicht vor meinem Kollegen, oder?" – „So ein Arsch bin ich nicht. Es reicht mir, dass du jetzt den ganzen Tag immer wieder daran denken wirst, was ich wohl mit dir tun könnte."

-- -- -- -- --

Was wird auf der Hochzeit wohl passieren? Ideen? 

Love, L 

Bạn đang đọc truyện trên: AzTruyen.Top