22. Kocherei

Gut, vielleicht war ich doch etwas betrunken, aber wirklich nur ein wenig. Zumindest beharrt mein brummender Kopf darauf, als ich am Morgen kurz die Augen aufmache, da sich neben mir jemand aus dem Bett gerollt hat. Die Störung war aber so kurz, dass mein Unterbewusstsein beschließt es unter der Kategorie "Traum" zu verbuchen, ich mich umdrehe und weiterschlafe.

Dass ich definitiv einen Kater habe, merk ich erst, als ich das zweite Mal vom Schließen einer Tür geweckt werde. Die Gardinen sind zu dünn, um die immer höher steigende Sonne aus dem Zimmer auszusperren und so scheint sie mir unangenehm ins Gesicht.

Ich bin also chancenlos, starte noch mal einen letzten Versuch, indem ich mich wieder umdrehe, aber da stoße ich auf etwas Harten, hart und weich zu gleich. Noch mit einem Fuß, im Land der Träume, taste ich irritiert über dem Fremdkörper im Bett. Zuerst ist da Stoff, nasser Stoff, bis da ein Gesicht auftaucht und dieses Etwas, atmet. Als meine Finger Lippen erreichen, zucke ich zurück und bin plötzlich hellwach. Vor mir, wie soll es anders sein, Lucas, ein breit grinsender Lucas.

Augenblicklich schießt mir das Blut in den Kopf und ich vergrabe das Gesicht im weichen Kissen, frei nach dem Motto, wenn ich ihn nicht sehe, kann er mich vielleicht auch nicht sehen. Dass, diese Tatsache ein schrecklicher Irrtum ist, hat jeder von uns spätestens im dritten Lebensjahr erkennen müssen, aber ein Versuch ist es wert.

Wie peinlich!

„Guten Morgen Schlafmütze", die Matratze bewegt sich, Lucas kommt mir näher. Ich spüre seine unmittelbare Anwesenheit.

„Morgen", murmle ich in den Stoff und versuche weiter so zu tun, als wäre ich gar nicht hier.

„Du kannst mich auch gerne weiter begrabschen, wenn du willst. Ich hätte nichts dagegen", ich kann sein anzügliches Grinsen förmlich hören. Spielerisch stupst er mich an.

„Ich habe noch geschlafen okay", versuche ich mich zu verteidigen.

„Das ist mir klar, du hast dich in den zwei Stunden, wo ich weg war, keinen Millimeter bewegt."

Stutzig schaue ich auf. Meine Haare müssen sich über Nacht in ein Vogelnest verwandelt haben und der Abdruck des Bettlakens hat sich bestimmt in meine Gesichtshaut gedrückt.

„Zwei Stunden? Was hast du so lange gemacht?", mir sind es wie wenige Minuten vorgekommen, die zwischen dem ersten kurzen Aufwachen und dem zweiten vergangen sind.

Meine Augen brauchen noch einen kurzen Moment, bis sie voll ihren Dienst aufnehme, jetzt erst kenne ich auch, das verschwitzte blaue T-Shirt, die kurzen Stoffhosen und seine wild durcheinander verwuschelten Haare.

„Du warst Laufen?", stelle ich mit einem, leicht, entsetzten Unterton fest. Ich fühle mich wie eine überreife Banane oder zumindest wie ich denke, wie sich eine überreife Banane fühlen könnte, wenn sie denn Gefühle hätte, und er geht laufen, viel mehr noch, er ist danach noch top fit.

„Ja", bestätigt er mit einem schlichten Schulterzucken, als wäre es das normalste auf der Welt, nach .... keine Ahnung vielleicht 3 oder 4 Stunden Schlaf joggen zu gehen.

Zwei Stunden lang!

Das sind 120 Minuten Folter, von denen ich wahrscheinlich nicht mal 30 überleben würde.

„Warum?"

Wieder nur ein kurzes Schulterzucken. „Ist das Beste gegen Kater."

Natürlich, ich verspüre jetzt auch den unwiderstehlichen Drang laufen zu gehen.

Nicht!

Manchmal verstehe ich ihn einfach nicht, okay ich verstehe ihn sehr oft nicht. Ja, vielleicht hilft sportliche Betätigung einigen, richtig wach zu werden, ist auch irgendwie nachvollziehbar. Aber Lucas praktiziert den Sport ja fast schon exzessiv. Oder bin ich einfach nur zu faul?

Zu viele Gedanken, an so einem Morgen, eindeutig! Mein Kopf brummt und meine Kehle fühlt sich unangenehm trocken an. Starr drehe ich mich auf den Rücken und richte meinen Blick auf die weiße Decke. Vielleicht hilft, dass ja gegen die Kopfschmerzen.

Wieder eine Bewegung der Matratze, die Badezimmertür wird geöffnet und wenig später taucht ein Glas in meinem Blickfeld auf, indem sich eine Tablette sprudelnd auflöst.

„Trink das, ich gehe noch schnell duschen und danach suchen wir uns was zum Frühstücken."

Langsam richte ich mich auf und lehne mich an das Kopfteil des Bettes. Lucas verschwindet im Bad und ich bleibe mit meinem kleinen Lebensretter, in Form des sprudelnden Wassers, im Zimmer zurück.

Letzte Nacht hat etwas geändert.

Der Umgang mit Lucas ist plötzlich so leicht, fast schon normal. Obwohl, normal trifft es nicht wirklich, viel mehr ungezwungen und locker. Ich bin nicht mehr so unruhig in seiner Nähe, fühle mich nicht länger als eine Fremde. Allein schon die Tatsache, dass er mich gestern Abend, oder vielmehr heute Morgen wie selbst verständlich an sich gezogen hat, und wir in dieser Position eingeschlafen sind, ohne, dass ich panisch werde oder mich unwohl fühle, ist doch Beweis genug.

Ich fühle mich gut, richtig gut. Kopfschmerzen habe ich zwar immer noch und am liebsten würde ich den Rest des Tages im Bett verbringen, aber dennoch fühle ich mich so gut wie schon lange nicht mehr.

Dieses Gespräch gestern, auf dem Strand. Das war das Beste, das mir passieren konnte. Es scheint so, als wären Lucas und ich bis jetzt immer am Abgrund einer Schlucht gestanden – oder vielleicht etwas weniger dramatisch – am Ufer eines Flusses, auf der jeweils anderen Seite und dieses Gespräch, dieser Abend, hat eine Brücke zwischen uns gebaut.

Euphorie und Vorfreude auf unser Abenteuer und was uns noch so alles bevorstehen könnte erfüllt mich. In einem Schluck trinke ich das Aspirin aus, stehe auf und suche in meinem Rucksack nach frischer Kleidung. Ich muss unbedingt einen Waschsalon finde, denn keines meiner T-Shirts ist noch wirklich frisch.

Als Lucas mir das Bad überlässt, genieße ich es erst Mal ohne Salzwasserüberraschung Duschen und Zähneputzen zu können. Was für ein Luxus. Ich kann mich sogar dazu durchringen, das angenehm warm Wasser, am Ende kurz auf kaltzustellen um endlich richtig aufzuwachen. Ob es was gebracht hat....?

Ich wage es zu bezweifeln. Bis auf einen Kälteschock und einem schmerzenden Zeh, weil ich so überstürzt aus der Dusche gesprungen bin, dass ich mir den kleinen Zeh an einer Kante angestoßen habe, spüre ich nicht wirklich irgendwelche Veränderungen.

Im Erdgeschoss befindet sich das reichliche Frühstücksbuffet und wir können uns sogar einen kleinen Tisch auf der schmalen Terrasse, mit Meeresblick sichern. Meine Befürchtung, dass ich nicht wirklich etwas runterkriegen werde, löst sich spätestens nach dem ersten Croissant auf und ich schlage richtig zu. Mein Gegenüber beäugt mich nur mit einem belustigten Grinsen und verkneift sich jeglichen Kommentar, zu meiner Verteidigung, erstens die frischen Croissants sind der Hammer und zweitens, Lucas isst genauso viel wie ich, wenn nicht noch mehr.

Unser erstes Ziel, nach dem unsere Mägen, fast am Platzen sind, ist tatsächlich ein kleiner Waschsalon, im Erdgeschoss eines Neubaus, am Rande des Ortes, mit genau vier Waschmaschinen. Meine erste Aufgabe, ist es weder mir eine Maschine zu schnappen – das ist nicht nötig, denn alle sind frei – oder meine Sachen zu waschen. Nein, sondern Lucas in die Kunst der Bedienung einer solchen Maschine einzuweihen, dass er es sich in den Kopf gesetzt hat, er müsse das jetzt plötzlich können. Es wäre ja nicht so gewesen, dass ich es ihm nicht angeboten hätte, es für ihn zu übernehmen. Aber er scheint heute mit dem Motto "selbst ist der Mann", aufgestanden zu sein.

Sobald die Basics geklärt sind und alle Funktionen der Maschine erläutert geht es auch schon los. Keine große Kunst und Lucas hat sich das Mysterium Waschmaschine offensichtlich spannender vorgestellt. Während die Maschine ihrer Arbeit nachgeht, gehen wir ein Eis essen, in der offiziell besten Eisdiele in Italien und was soll ich sagen, Himmel war dieses Eis lecker.

Die ganze Prozedur wiederholt sich dann noch mal, als wir die gewaschenen Sachen in den Trockner stopfen. So können wir uns durch acht verschiedene Eissorten probieren, von denen Pistazie mein absoluter Favorit bleibt, und gleich das Mittagessen ausfallen lassen.

Nachdem wir die Mittagsruhe über in einem schattigen Plätzchen gefaulenzt haben, nehmen wir den Bus nach Ostuni, in die weiße Stadt. Den Namen, hat die Stadt von den vielen weiß getünchten Gebäuden und sie thront wie ein weißer Schneeball auf einem Plateau inmitten der, für Apulien in dieser Jahreszeit, typischen trockenen Landschaft zwischen tausenden Olivenbäumen.

In den engen, von vielen Bögen überspannten Gassen fühlt man einen Hauch von Orient. Die meist dunkelgrünen Fensterläden, die überall zum Trocknen aufgehängte Wäsche und, zahlreiche rosafarbene Blüten setzen die einzigen Farbtupfer im weißen Gassengewirr.

Wir bummeln durch die kleinen Geschäfte und ich kann es mir nicht verkneifen bei einem langen dunkelblauen Sommerkleid mit zart rosa Blütenblättern, zuzuschlagen, während Lucas damit beschäftigt ist mit einer in die Jahre gekommen Frau, mit weißem schütteren Haar, die aber mit den Jahren nichts von ihrem italienischen Temperament eingebüßt hat, hartnäckig und in gebrochenen Englisch über Olivenöl zu feilschen. Ich hätte mein, ansonsten schon beschränkten Budget natürlich besser investieren können, aber das Kleid sah an der Stange so schön aus und war nicht mal so teuer. Überhaupt muss ich vorbereitet sein, falls Lucas – was sicher passieren wird – wieder in so einem Edelrestaurant essen will.

Da man ein Ding selten allein kauft und ich gerade in Shopping Laune bin, greife ich zwei Geschäfte weiter, in einem „hier findest du alles, was du irgendwann mal vielleicht brauchen kannst-Laden" bei einer Einwegkamera zu. So eine wollte ich schon immer mal haben, aber ich hätte nie eine Gelegenheit gehabt sie zu benutzen. Jetzt, werde ich sogar viele Gelegenheiten haben.

Ich bin glücklich und Lucas ist es auch, da er die riesige Ölflasche für ein Schnäppchen bekommen hat, das ist denkt er zumindest. Als ich aber das kurze verschlagene Grinsen der alten Frau sehe, nachdem er bezahlt hat, bin ich mir sicher, dass sie ihn richtig über den Tisch gezogen hat. Tja, unterschätze niemals deinen Verhandlungspartner, wenn er eine italienische Familien Oberhaupt ist. Ich lasse ihn aber bei seinem Glauben, er hätte den Deal des Tages rausgehauen, die Freude und gute Laune würde ich ihm nur ungern nehmen, überhaupt, da ich mittlerweile schon genug Fassetten seiner schlechten Laune gesehen hab, und auf weitere Einblicke gerne verzichten würde.

So ist Lucas, der triumphierend eine 4-Literflasche Olivenöl aus Apulien, wie eine Trophäe über seinem Kopf hält, das erste Bild auf meiner Kamera, gefolgt von einigen Aufnahmen der Stadt und einem peinlichen Foto, wie ich versuche Spaghetti mit Tomatensauce zu essen ohne mich vollzusauen. In einem unbeobachteten Moment hat sich Lucas die Kamera geschnappt und dokumentiert, wie ich die langen Nudeln umständlich versuche in meinen Mund zu saugen und dabei mein halbes Gesicht mit roter Soße bekleckere. Von der Existenz dieses Fotos, sollte ich aber erst an dem Tag, an dem ich den Film entwickeln lassen werde, erfahren. In diesem Zeitpunkt war ich zu sehr damit beschäftigt nach einer Serviette zu tasten und Schadensbegrenzung zu betreiben, als dass ich Lucas kurzen Griff zur Kamera bemerkt hätte.

Den Abend lassen wir entspannt auf der Piazza mit einem Glas Veneziano – so langsam beginne ich dieses Getränk wirklich zu mögen – und drei Schälchen mit verschiedenen Häppchen, die es zum unverschämt teuren Getränk dazugibt, ausklingen. Dabei entsteht auch ein weiteres Foto auf meiner Einwegkamera, von dem ich aber ausgehe, dass es bis zur Unkenntlichkeit verwackelt ist.

Der ursprüngliche Plan war es ein Selfie zu machen, leider hat Lucas kurz bevor wir uns in Pose begeben noch schnell eine der gefüllten Paprika probiert und in dem Moment, indem ich die Kamera in unsere Richtung drehe und auf den Auslöser gedrückt habe hat die Schärfe eingesetzt. Hecktisch hat er seinen Mund aufgerissen und nach dem Glas vor sich gegriffen und es in einem Zug ausgetrunken.

Tja, ob das Bild nun unkenntlich ist oder ob der Moment, indem Lucas mit vor Panik geweiteten Augen einen stummen Schrei ausstößt, festgehalten wurde, werde ich ebenfalls erst in unbestimmter Zukunft erfahren. Genau, das ist doch der Reiz an diesen Kameras.

Den Donnerstag verbringen wir an einem Strand etwas südlich von Polignano a Mare und am Freitag ist es endlich so weit und die Reparatur des Bullis abgeschlossen. Mit einem Taxi fahren wir in das kleine Dorf, wo wir Renato wieder im Schaukelstuhl vor seiner Werkstatt wiederfinden. Mit einem breiten Lächeln präsentiert er uns seine Arbeit. Stolz erzählt er von seinem Schwiegersohn Giacomo, der auf die schnelle einige original Ersatzteile auftreiben konnte, da er – an dieser Stelle zwinkert er verschwörerisch – die richtigen Leute kenne. Ich kann mir gut vorstellen was das bedeutet und hoffe nicht, dass irgendein anderes Auto eines Touristen für diese Ersatzteile ausgeschlachtet worden ist.

Kurz versucht er mir zu erklären, was er genau an dem Auto gemacht hat, aber da er ebenso gut über die Zusammensetzung von Tapetenkleister sprechen gekonnt hätte, nicke ich nur brav und versuche zumindest so zu tun als wüsste ich welche Funktion die Teile des Motors haben, auf die er zeigt.

Am Ende fügt er noch mal, mit einem Augenzwinkern, hinzu, dass er uns einen guten Preis machen wird, dass mein ragazzo sich jetzt einen Termin beim Frisör leisten könne.

An Lucas überraschten und ungläubigen Blick, als ich ihm die Kosten übersetzt, merke ich auch, dass es wirklich ein guter Preis ist. Das ordentliche Trinkgeld, das mein Reisebegleiter mit der Selbstverständlichkeit, eines freundlichen Hallos, auf die Summe noch mal drauflegt, starrt Renato ungläubig an und hört gar nicht mehr auf sich zu bedanken. Das geht sogar so weit, dass wir wenig später in einem Hinterhof zwei Häuser weiter, an einem großen Tisch bei einem Familienmittagessen sitzen, da seine Frau, so Renato, die beste Köchin der Welt wäre und wir unbedingt mal ihre Orecchiette probieren müssten.

17 Leute, inklusive uns. Es ist laut, es wird viel gelacht aber trotz, dass es eine sprachliche Barriere gibt – für Lucas eine etwas Größere, denn er versteht so gut wie nichts – fühlen wir uns nicht ausgeschlossen, sondern willkommen. Maria, die beste Köchin der Welt, ist mit Sicherheit eine hervorragende Köchin, obwohl die Fischsuppe versalzen ist und die Pasta sehr aldente, aber niemand würde es wagen diesen Status infrage zu stellen. Bewaffnet mit blauer streifen Schürze und einem Löffel, ist die kleine Frau immer darauf bedacht, dass ja nie ein Teller leer wird und jeder von allen Gerichten auf dem Tisch probiert.

Und als wir uns, nach dem Nachtisch – einer Panna Cotta—, langsam zum Gehen bereitmachen und uns von allen verabschieden, wartet Maria am Ende der Reihe an freundlichen Personen, in den Händen ein Stapel mit Proviant, damit wir ja nicht verhungern, wir wären ja so schrecklich abgemagert.

Von Polignano a Mare geht es mit unserem Bulli, der jetzt zum Glück keine seltsamen Geräusche mehr von sich gibt und fit wie ein Turnschuh klingt, über Bari nach Neapel, der Hafenstadt in der angeblich die Pizza Margaritha erfunden wurde.

Die Bucht von Neapel wird von dem imposanten Vulkan Vesuv und den Hügeln des Vomero und Posillipo umgeben. Wir haben Glück und können von unserem Platz am Hafen die Inseln Capri, Ischia und Procida im Dunst erkennen. Nach dem Kaffee am Hafen wird die Stadt erkundet und wieder bekommen wir ein neues Bild von Italien zu sehen.

Das Herz Neapels sind definitiv die engen Gässchen der Altstadt, die zu geheimnisvollen Kirchen, Katakomben und unterirdischen Höhlen führen. Zwischen Kunsthandwerkern, flatternder Wäsche und Fischverkäufern offenbart sich die alte neapolitanische Volkskultur. Doch sobald man das historische Zentrum verlässt, zeigt die süditalienische Stadt auch ihre Schattenseiten. Berge von Müll türmen sich neben den Straßen. Da unsere Fahrt länger gedauert hat als angenommen – Stau sein dank – verlassen wir auch schon bald die Stadt und fahren mit dem Bus etwas die Küste hinunter und stellen den Bulli abseits von einer abgelegenen Schotterstraße mit Blick auf das Meer ab.

Kein Hotel, kein Restaurant nur der alte VW-Bus, Lucas, ich, zwei Stühle und ein kleiner Tisch, den wir heute noch in Neapel gekaufte haben. Lucas sitzt entspannt, mit ausgestreckten Beinen, auf einen der Campingstühle und ist mit seinem Handy beschäftigt, während ich das Wasser für den Reis aufsetzte, den es heute Abend zusammen mit frischen Tomaten, eingelegten Oliven, Artischocken und getrockneten Kräutern geben wird.

Wie selbst verständlich habe ich das Kochen übernommen, das ist das mindestens, was ich tun kann, nachdem Lucas mich die letzten zwei Wochen ständig eingeladen hat, zudem habe ich nichts gegen kochen, ich tu es sogar sehr gerne.

Zum Gemüse schnippeln setzte ich mich zu Lucas an den Tisch, da im Bus der Platz doch ziemlich begrenzt ist, und gehe alle paar Minuten rein um den Reis umzurühren oder um ihn mit noch etwas Wasser aufzugießen. Dabei werde ich stets mit einem skeptischen Seitenblick von Lucas beobachtet, der sich wohl noch nicht so sicher ist, was denn bei meiner Kocherei herauskommt. Da ihm aber sehr wohl bewusst ist, dass das Ergebnis bei ihm, wenn er denn den Versuch zu kochen starten würde, bei weitem schlechter ist, als sein befürchtetes versagen bei mir. Abwarten, denke ich nur. Ich bin zwar keine herausragende Köchin, die mit Fachbegriffen um sich werfen könnte. Aber ich kann ganz gut Kochen, Basics eben und mit einem Kochbuch würde ich auch etwas anspruchsvollere Gerichte hinbekommen. Aber dazu haben wir weder die Lebensmittel, geschweige denn das Werkzeug noch habe ich Lust stundenlang in der gebückten Haltung, die der Bulli einem aufzwingt, herumzuhantieren.

„Das hier ist wirklich paradiesisch, oder?", fragend blickt Lucas zu mir.

Meine Antwort: ein Lächeln gepaart mit einem Nicken, bevor ich mich wieder umdrehe um mich um den Reis zu kümmern. Ich verkneife mir die Bemerkung, dass ein Campingplatz praktischer wäre, da der Sanitäranlagen, Möglichkeiten zum Abspülen und Strom zu bieten hätte. Ich muss einfach abenteuerlicher werden und so schwer dürfte das nicht sein, immerhin ist der Ort wo Lucas den Bulli geparkt hat ein wahrer Traum. Genug Wasser haben wir auch, das Meer ist unsere Dusche – mit Salzwasser am Morgen habe ich ja schließlich schon Erfahrung – und die Büsche hundert Meter weiter unser Klo.

Den garen Reis gebe ich in unsere, top moderne faltbare Schüssel, etwas Olivenöl darauf, gut durchmischen und dann das Gemüse unterrühren. Fertig ist unser Abendessen.

Ich trage die Schüssel zum kleinen Tisch und verteile das Abendessen auf zwei der Camping-Teller, aus Bambus. Der letzte Schrei unter der Campingausrüstung, so zumindest das Schild, im Supermarkt in Sizilien.

Kurzerhand schnappen wir uns aber die Teller samt Plastik universal Löffel/Messer/Gabel, jeweils eine Flasche Wasser und verlagern das Essen auf den Strand. Nur eine kleine zugewachsene Böschung trennt uns vom Strand, doch diese zu überwinden ist kein Problem. Es ist ein schöner Strand, keiner der auf Hochglanz gereinigten. Treibgut, Seetang und auch Müll prägen das Bild, aber er ist leer. Keine Menschenseele befindet sich hier, nur Lucas und ich, zwei Personen die im Sand sitzen, Abendessen und dabei die Sonne beobachten, die sich langsam dem Horizont nähert.

„Das ist echt leckeren", sagt Lucas, nachdem er den ersten Bissen zögernd gegessen hat. Meine Meinung nach fehlt noch etwas Salz und der Reis war etwas zu lange auf dem Gasherd, aber ansonsten ist er ganz okay.

Die Natur verwandelt sich in unseren Fernsehbildschirm. Ich habe schon so viele Sonnenuntergänge über dem Meer gesehen und doch ist dieser hier was Besonderes. Diese herrlich entspannte Atmosphäre, der sich rot verfärbende Himmel, meine nackten Füße im warmen Sand vergraben, ein Bambus-Teller, der aussieht wie ein normaler Plastikteller, auf meinem Schoß und Lucas neben mir.

„Auch, wenn das vielleicht, das unmännlichste überhaupt ist, aber ich mag Sonnenuntergänge."

„Warum sollte das unmännlich sein? Sie sind ja auch schön."

Darauf folgt kurzes Schweigen, die leeren Teller haben wir mittlerweile neben mir gestapelt. Auch wenn es niemand von uns laut ausgesprochen hat, so haben wir doch stillschweigend beschlossen sitzen zu bleiben, bis der immer kleiner werdende rote Ball ganz hinter der geraden Wasserlinie dort draußen verschwunden ist.

„Irgendwie ist es schon ganz schön krass, wie sich die Farben so extrem verändern. Ich mein orange, Rot und sogar Rosa, das ist schon irgendwie cool fast schon magisch", er klingt schon fast etwas verlegen. Auch bei ihm hat sich seit der Nacht am Strand von Polignano a mare etwas verändert. Nicht nur, dass seine Stimmung Schwankungen die letzten Tage völlig ausgeblieben sind, sondern dass ich viel öfter das Gefühl habe, das er einfach nur so drauf losredet, dass er mir Dinge erzählt, die ihn beschäftigen oder einfach nur durch den Kopf gehen.

„Der Sonnenuntergang ist aus dem ähnlichen Grund rot, wie der Himmel blau ist. Das Sonnenlicht besteht ja aus verschiedenen Farben: rot, orange, gelb, grün, blau, violett. Die blaue Farbe wird aber viel schneller gestreut als die rote, weil sie eine kürzere Wellenlänge hat und deshalb wird über größere Strecken der blaue Anteil des Lichts stärker reduziert. Am Abend ist aber der Weg des Lichtes zur Erde länger, deshalb sehen wir nun vor allem die roten Anteile des Lichts", lautet meine Erklärung zum magischen Phänomen, die ich im Physikunterricht vor zwei oder drei Jahren verinnerlicht habe.

„Ui, haben wir da etwas eine kleine Streberin?", spielerisch rempelt er mich von der Seite an.

„Nein", verteidige ich mich, da ich das Wort Streber hasse, „Ich merk mir Dinge einfach gut."

„Dein Gedächtnis möchte ich wirklich gernhaben, da hätte ich mir die Ehrenrunde in der Schule sparen können und ich wäre nicht von der Uni geflogen."

Schlicht zucke ich mit meinen Schultern, das Thema ist mir ehrlich gesagt etwas unangenehm. „Dafür bist du sportlich. Da bin ich eine richtige Niete."

„Ach Sport", winkt er ab, „Das ist alles nur Training. Aber ein schlaues Köpfchen hat man oder man hat sie eben nicht. Aber wenn du willst, du kannst jederzeit mitkommen, wenn ich Sport mache."

Mittlerweile ist die Sonne schon fast vollständig verschwunden und mit ihr geht auch das Tageslicht. Aber Lucas Grinsen ist, sogar in der Dämmerung zu sehen.

„Lieber nicht, da würde ich dich doch nur aufhalten", nachdenklich betrachte ich meine Füße, wie sie sich immer wieder in den Sand eingraben und sich daraus befreien.

„Ach, was jeder hat mal klein angefangen und vielleicht macht es dir sogar Spaß."

„Vielleicht, aber wirklich, nur wenn ich dich mit meiner Unsportlichkeit nicht nerve", sage ich und zögere. Ist das wirklich eine gute Idee? Ich blamiere mich doch sicher. Aber da ist es schon zu spät, denn Lucas steckt mir seine Hand entgegen.

„Morgen früh?"

Und ich schlage ein. So ein wenig Laufen, kann doch nicht schlimm sein. Laufen, pah von wegen Laufen. Lucas Programm ging viel weiter über Laufen hinaus, als ich mir zu diesem Zeitpunkt hätte vorstellen können.


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