21. Seelen-Striptease

Und wie man sich auf mein Gefühl verlassen konnte. Polignano a mare ist ein wahrer Schatz, wenn man denn eine kleine Stadt als Schatz bezeichnen kann. Doch für mich ist dieser Ort genau das, ein Schatz, wenn man so will eine Goldmünze oder eine Perle, in Apulien. Ich war ja schon auf den ersten Blick begeistert von diesem Ort und nach einem kleinen Rundgang schaffe ich es auch Lucas zu überzeugen. Natürlich, nach einem kleinen verdienten Mittagsschlaf in unserem neuen Hotel.

Die Altstadt thront wie ein Adlernest auf den Kalkklippen direkt über der Adriaküste, traditionell weiß gekalkte Häuser und enge Gassen prägen den Ort und verleihen ihm einen intimen Charakter. Nach jeder Abzweigung der unzähligen schmalen Gassen trifft man auf neue Details und wunderschöne Aussichten auf das Meer, die man bestaunen kann.

Neben der spektakulären Lage sind die vielen Grotten, die den Felsen, auf dem die Stadt steht, durchsetzen, die Hauptattraktion des Ortes. Direkt unter den Häusern ist die Küste vom Meer so ausgespült, dass man meint, der durchlöcherte Fels könne das Gewicht der Stadt nicht länger tragen und würde jeden Moment einstürzten.

Doch das Highlight ist wohl der spektakuläre Stadtstrand. In der Mitte der Stadt scheinen, das Meer so kraftvoll gewesen zu sein, dass es in der Lage war die Felsen auseinander zu reißen und in eine Schlucht zu verwandeln. Dort unten, zwischen den Klippen und den Häusern, die bis zum Abgrund reichen, befindet er sich, der Kiesstrand mit dem glasklaren Wasser.

Genau auf dieses Meer blicke ich jetzt, von einem Restaurant, das in so einer Grotte liegt. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, wie es Lucas geschafft hat hier einen Tisch für uns zwei zu bekommen, sogar direkt am Wasser, das nur wenige Meter unter uns sich im ungleichmäßigen Rhythmus an den Felsen bricht. Was ich aber weiß ist, dass ich ganz sicher falsch gekleidet bin. Denn ein Restaurant mit so einer spektakulären Lage, für die es sogar weltweit berühmt ist, wie ich gerade erfahren habe, ist natürlich ein Nobelrestaurant. So kann Lucas endlich mal wieder in seinem Gewohnten Umfeld speisen und ich, mit Hot-Pants und meinem hellblauen T-Shirt, versinke so tief in meinem Stuhl, wie ich nur kann.

„Du musst dich einfach nur gerade hinsetzte."

Ich schaue zu Lucas, der mich schmunzelnd beobachtet.

Auf meinen fragenden Blick antwortet er schlicht: „Wenn du so tust als ob du hierhergehörst, dann glauben dir die anderen das auch. Das ist alles."

„Du hättest mich aber trotzdem vorwarnen können, dass hier Abendgarderobe Pflicht ist", murmle ich während ich mich, etwas, wiederwillig aufsetzte. Unruhig blicke ich mich um, und ich könnte schwören, dass die Frau mit dem hässlichen, aber edel wirkenden Hut, am Tisch hinter uns gerade mit vorgehaltener Hand, mit ihrem bärtigen Ehemann, der gerade sehr damit beschäftigt ist sich die Vorspeise aus seinem Gestrüpp über und unter der Lippe zu puhlen, über mich lästert.

„Na gut, wird nicht wieder vorkommen. Nächstes Mal geb ich dir bescheid", sagt Lucas und schlägt die Speisekarte auf.

„Das hätte auch nicht wirklich was gebracht, da ich nicht mal was Passendes mithätte", gebe ich zu, reise meinen Blick vom leise lachenden Ehepaar los und richte ihn stattdessen ebenfalls auf die vor mir liegende Karte. Die Preise sind sogar ganz akzeptabel, obwohl ich mir sicher bin, dass Lucas wieder darauf besteht mich einzuladen.

„Warum, machst du dir überhaupt über sowas Gedanken? Du bist schön und jung, die meisten Frauen hier würden für deine Figur und deine Haut töten. Besonders die aufgespritzte Oma hinter dir mit dem schrecklichen Hut und dem toten Tier um den Hals."

Ich halte inmitten meiner Bewegung inne und versuche krampfhaft gegen das Blut anzukämpfen, das in meinem Kopf steigt. Hoffentlich sieht man in dem gedämmten Licht nicht, wie rot ich werde, kommt kurz der Gedanke in mir auf. Er wird aber sofort von der alles überstrahlenden Frage abgelöst ob Lucas mir grad wirklich ein Kompliment gemacht hat, sogar ein riesen großes.

Verlegen streiche ich mir diese eine rebellische Strähne, die sich permanent weigert hinter meinem Ohr zu bleiben, hinter jenes zurück. Mein hochroter Kopf ist unübersehbar, aber Lucas erspart mir eine peinliche Bemerkung, nur sein Schmunzeln wird etwas breiter.

„Ich bin einfach...wie soll ich sagen... Das alles hier,", ich deute auf meine Umgebung, die aufwendig gefalteten Servietten, die vielen Gabeln und Messer in diversen Größen, die akkurat neben den Tellern aufgereiht sind und die vielen Gäste in ihrer Abendgarderobe mit einem Glas edlen Wein in der Hand, „bin ich überhaupt nicht gewöhnt. Ich mein, ich bin in einer kleinen drei Zimmer Wohnung aufgewachsen. Zu Mittag musste ich mir schon seit ich denken selbst etwas kochen und abends gab es entweder die verkochten Nudeln von Jenny, Tiefkühlessen, oder ein Stück Fleisch vom Supermarkt, das einfach von beiden Seiten angebraten wurde und fertig. Bis auf das kleine Restaurant fünf Minuten, die Straße runter, wo wir zu Weihnachten und Ostern gegessen haben waren wir nie auswärts essen. Da ist es doch irgendwie nachvollziehbar, dass ich mich hier unwohl fühle, oder?"

Das Schmunzeln ist kleiner geworden und sogar fast verschwunden, es hat Platz gemacht für eine aufmerksame Mine gemacht. Er hört mir zu. Etwas so Selbstverständliches in einem normalen Gespräch zwischen zwei Menschen und doch ist es für mich immer wieder schön zu bemerken, wenn er mir aufmerksam folgt, wenn er nicht einfach nur so tut als würde er zuhören, sondern es wirklich auch wirklich macht.

„Ja doch, das ist es. Aber das kann man alles lernen, also das so tun als ob man dazugehört", zwinkert er kurz.

Lernen? Wie kann man so was wie Selbstbewusstsein lernen? Bevor ich nachfragen kann, was er damit meint kommt der Kellner an unseren Tisch um die Bestellung aufzunehmen. Für Lucas irgendwas mit Fleisch und mich ein Risotto mit Meeresfrüchten, damit kann ich hier sicher nichts falsch machen. Dazu bestellt Lucas noch eine Flasche Wein, trotz meines Einwandes das ich Wein nicht besonders mag und lieber Wasser trinke. Aber Lucas ist jemand der eigentlich immer das macht was er will. So auch jetzt. Wie wir zu zwei eine ganze Flasche von diesem Zeug wegbekommen sollen ist mir ein Rätsel. Schlimmstenfalls schütte ich mein Glas einfach, gang unauffällig natürlich, ins Meer. Sollen sich die Fische ihren Spaß mit dem Alkohol haben.

„Wie hast du das gemeint? Das mit dem lernen?"

„So wie ich es gesagt habe", lautet die schlichte Antwort, dann richtet sich seine Aufmerksamkeit auf den Kellner, der mit der bestellten Flasche Wein an unseren Tisch kommt und einen kleinen Schluck in Lucas Glas einfüllt und auf sein Einverständnis zu warten scheint. Lucas nimmt das Glas, schwenkt kurz die rote Flüssigkeit darin, riecht kurz dran und probiert. Kurz zögert er, lässt den Geschmack auf sich wirken und erst dann nickt er erst dem Kellner zu. Das Glas wird weiter aufgefüllt und schließlich auch meines. Dezent tretet die Bedienung zurück und mein Gegenüber nimmt noch mal einen großen Schluck.

Ein kurzer einladender Blick und ich greifen, nicht wirklich voller Begeisterung, zum Glas. Ein Schluck, so schlimm wird das schon nicht. Besonders gut schmeckt er nicht, aber auch nicht wirklich schlecht.

„Was ich sagen wollte ist. Niemand ist von Natur aus jemand der arrogant, mit unverschämt teuren Klamotten in einem Restaurant sitzt und sich dabei wie zu Hause fühlt. Das kann man alles lernen, so zumindest meine Theorie."

„Und wie hast du es gelernt?"

„Ich wurd quasi in diese Welt reingeboren und wenn man zum Gefühl hundertsten Mal in so einem Luxusschuppen sitzt ist es irgendwann nichts Besonderes mehr, man merkt, dass hinter den ganzen, auf Hochglanz polierten, Fassaden doch nur Menschen stecken, die auch Probleme und Fehler haben. Der Großteil ist Schein, der Rest schlichtes Theater. Das beste Beispiel, ist heute dein Outfit", er zeigt mit dem Weinglas in der Hand auf mich und nimmt den nächsten Schluck bevor er antwortet, „Kein Mensch hier, weiß, dass die Hose eben nicht von Karl Lagerfeld designt worden ist. Niemand kann das prüfen und das kann ich mit Sicherheit sagen, da dir niemand in aller Öffentlichkeit die Klamotten vom Leib reißen würde, nur um die Marke nachzuprüfen. So verrückt sind nicht mal die hier. Tu also einfach so als ob. Setz dich gerade hin, nimm das Glas in deine Hand, trink einen Schluck, nicht zu groß und nicht zu klein und denk einfach, dass du um länger besser bist als der Großteil der Idioten hier und tada du fällst nicht mehr auf und noch besser, du schaust dich nicht die ganze Zeit um wie ein verschrecktes Reh."

Warum überrascht es mich nicht, genau solche Vorschläge aus Lucas Lippen zu hören. Genauso, oder zumindest so ähnlich habe ich mir immer vorgestellt wie sein Kopf funktioniert.

Mein, dezent, überforderter Blick muss Bände sprechen, aber Lucas lässt sich davon nicht beeinflussen, sondern setzt genau das was er eben versucht hat mir nahe zu bringen, in die Tat um.

„Komm schon, versuch's zumindest", fordert er mich auf.

Ich habe wohl keine andere Wahl. Also setze ich mich gerade hin, Schultern zurück, nehme da Glas und versuche einen nicht zu großen aber auch nicht zu kleinen Schluck zu trinken. Ja, ich muss zugeben, ich fühle mich besser, und das kann ich ganz unabhängig vom Wein oder dem nicht zu großen und nicht zu kleinen Schluck sagen. Sondern, die Haltung macht einiges aus.

Der nächste Punkt, ist da schon etwas schwieriger umzusetzen. Aber wenn ich mich so umsehe, den Mann, der noch immer dabei ist Essen Reste aus seinem Bart zu zupfen, eine junge Frau, die mit einem viel zu alten Mann zusammen am Tisch sitzt, der sich unverschämt an flirtet und sie ihn einen gespielt schmachtenden Blick zuwirft, dass viel zu kleine Kleid einer brünetten Frau, das unvorteilhafte Körperpartien betont ein paar Tische weiter, dann fällt auch der Gedanke um einiges leichter, dass man mindestens genauso viel Wert ist wie jeder hier. Auf dem ersten Blick wirkt vieles oft perfekt, doch bei genauer Hinsehen erkennt man schnell die Unsauberkeiten, Makle und Fehler.

„Ich sag doch, dass es funktioniert", lehnt sich Lucas siegessicher zurück. Er benötigt keine Aufrechte Haltung, auch so strahlt er schon genug Selbstbewusst sein aus.

„Ja vielleicht", das Essen wird serviert und mein Glas, nachdem ich es endlich ausgetrunken habe, sofort wieder von Lucas gefüllt, „Aber zurück zu meiner Frage. Wo hast du gelernt, zu denken wie ein egoistischer Arsch?" Vor einigen Wochen wäre so ein Satz nie, aber wirklich nie, über meine Lippen gekommen. Aber jetzt fühlt es sich nicht peinlich oder falsch an. Die Situation ist so herrlich entspannt und desto mehr Zeit ich in Lucas Gegenwart verbringe desto lockerer scheine ich selbst zu werden. Lucas Entspanntheit, scheint abzufärben.

Er schmunzelt nur, trinkt sein Glas aus, schenkt sich neu ein und meint: „Hab ich doch schon gesagt, ich wurde reingeboren, bin quasi dafür geschaffen wie ein Arschloch zu denken."

„Das ist mir klar, aber eigentlich wollte ich ja die Hintergründe wissen. Ich habe das Gefühl du kennst mein halbes Leben, ich weiß aber nur, dass dein Vater eine Firma hat, in die du einsteigen wirst und das sie offensichtlich gut läuft."

Meine Erfahrung sagt mir, dass ich zu weit gegangen bin, dass spätestens jetzt seine gute Laune verpuffen wird und ich wieder mal Zeugin seiner Stimmungsschwankungen werde. Sie hat recht, seine Haltung und auch seine Mimik verändert sich, aber nur minimal, fast nicht beobachtbar, mehr aber auch nicht.

„Okay, du willst also mehr über mich wissen und du hast gute Argumente, das muss ich zugeben. Also. Wo soll ich anfangen...", kurz wird er von der Bedienung unterbrochen, die jeweils einen Teller vor uns hinstellt und uns mit einem unüberhörbaren italienischen Akzent guten Appetit wünscht, „Mein Vater, Harvey Collister, stammt aus einer Neureichen Familie, wie man früher gesagt hat. Sein Vater war Tischler und hat im Lotto eine Menge Geld gewonnen, das er, entgegen alle Erwartungen, der neidischen Nachbarn, klug investiert und somit über Nacht quasi verfünffacht hat. Mein Vater, war eines von drei Kindern und hat sich immer schon für Wissenschaftlichen Kram interessiert. Er war ein richtiger Überflieger, wollte die Welt verändern, so ein Streber eben. So hat er nach dem Studium und nachdem er einige Jahre für diverse Unternehmen gearbeitet hat, sein eigenes kleines Imperium gegründet, es konnte auch ruhig schiefgehen, er war schließlich abgesichert. So spezialisierte er sich auf erneuerbare Energien, und siehe da, es ging nicht schief und Collister Technology ist mittlerweile weltweiter Markführer. Ich weiß, der Namen ist bescheuert. Außerhalb seines Fachgebiets ist mein Vater nicht gerade kreativ."

Kurz kämpft er mit einem widerspenstigen Teil seines Abendessens, oder tut zumindest so. Vielmehr scheint er darüber nachzudenken, was er mich als nächstes erzählen kann.

„Mit dem Erfolg kam das Geld und mit dem eigen verdienten Geld die Verantwortung und der Wille, es nicht wieder zu verlieren. Ich kenne den Erfinder und Wissenschaftler nur aus den Erzählungen meines Opas. Ich, bin im Haus eines Perfektionisten aufgewachsen, der für seine Firma sein Leben geben würde. Im Labor steht er schon lange nicht mehr und statt sich damit zu beschäftigen wie man dem Klimawandel entgegenwirken könnte, befasst er sich mit Quartals Zahlen, neuen Investitionen und die Maximierung des Gewinns."

Fasziniert lausche ich Lucas und schiebe eine Gabel Risotto nach der andern in meinen Mund. „Und deine Mutter?", wage ich mich auf dünnes Eis, aber ich will nicht, dass sein Redefluss schon wieder aufhört, zu schön ist es ihm zuzuhören.

„Du bist heute aber wirklich neugierig", ein gespielt tadelnder Blick trifft mich, und ein weiteres Mal wird mein leeres Glas mit Wein nachgefüllt, wenn das seine einzige Bedingung ist, dass er weitererzählt, dann trinke ich von mir auch noch die ganze Flasche leer.

Demonstrativ nehme ich einen Schluck, und achte dabei nicht mehr darauf ob er zu klein oder zu große sein könnte.

„Erin Winterbuttom, wurde in einer Familie geboren, die darauf beharrt, dass sie über sieben oder acht Ecken mit der Königsfamilie verwandt sei. Mein Vater und sie haben sich in seinem letzte Studien Jahr in Oxford kennen gelernt. Sie war auf der Suche nach einer guten Partie, und das war Harvey Collister. Reich, nicht unbedingt hässlich, intelligent und man versprach sich viel von ihm. Und er ... keine Ahnung was er überhaupt wollte. Vielleicht verknallte er sich einfach nur Hals über Kopf, oder er wollte den nächsten Punkt abhaken, was seiner Meinung nach zu einem Leben gehören sollte. Auf jeden Fall haben sie ein gutes Jahr später geheiratet und das einzige kurze Drama seither in ihrer Beziehung war, dass meine Mutter sich gezwungen sah ihren pseudo Adelsnamen zu ändern. Sie wird es aber nicht müde so oft es geht von ihrem blauen Blut zu erzählen. Die Frau hat wirklich ein erstaunliches Durchhaltevermögen. So und jetzt lautet mein Argument, dass du eindeutig mehr über meine Familie weißt als ich über dich. Ideen, wie du das Verhältnis wieder ausgleichen könntest?"

Beide Teller sind fast leer. Auf Lucas befinden sich noch die Spuren einer dunkelbraunen Soße und ein Rosmarin Zweig, auf meinem die Schalen von Muscheln, drei Panzer von mittelgroßen Scampi und eine dünne Schicht grün schimmerndes Olivenöl am Tellerboden.

Eleganter Themenwechsel, das muss man ihm lassen.

„Mein Leben war bis jetzt nicht gerade spannend. Alles was es zu erzählen gibt weißt du ja schon. Jenny und Bill, der damals ein Auslands Semester machte, haben sich in München getroffen und nach ein paar Monaten war ich da. Wir haben in einer kleinen aber gemütlichen Wohnung etwas außerhalb gelebt. Jenny hat in einer kleinen Boutique gearbeitet und Bill als Steuerberater. Als ich sechs war haben die beiden entschieden irgendwo anders noch mal ihr Glück zu suchen und die Wahl fiel auf unseren letzte Urlaubsort Mallorca. Am Anfang ging alles noch ziemlich gut, glaub ich zumindest, doch irgendwann war Bill einfach weg, es muss so ungefähr ein Jahr nach der Auswanderung gewesen sein. Er ist mit einer viel jüngeren Spanierin in die USA durchgebrannt. Nachdem sie verlassen wurde hat Jenny einen Typen nach dem andern abgeschleppt, sie wollte sich wohl beweisen, dass sie noch jung und schön genug dazu ist, von anderen Männern heiß gefunden zu werden. Irgendwann ist einer der Vollidioten geblieben und vor zwei Jahren hat sie Tom sogar geheiratet, frag mich nicht warum, die Luft ist bei denen schon lange raus. Von Bill habe ich, seit er verschwunden ist nichts mehr gehört. Ich kann mich ehrlichgesagt kaum noch dran erinnern wie er ausgesehen hat. Ich weiß zwar welche Haarfarbe und Statur er hatte, doch immer, wenn ich versuche mich genauer an ihn zu erinnern, da verschwimmt das Bild. Fotos gibt es auch keine mehr, die hat Jenny in einem Wutanfall alle vernichtet. Tja ansonsten hab ich vor einem guten Monat den Abschluss gemacht und wollte eigentlich den Sommer über im Sunny's arbeiten. Dann hast du mir aber einen Strich durch die Rechnung gemacht und jetzt bin ich hier in Apulien."

Wie traurig und verrückt das alles ist, bemerke ich gerade jetzt das erste Mal so richtig. Lucas verschmitzte Grinsen ist schon nach einiges Sätzen verschwunden. Den Großteil meiner Geschichte kannte er ja schon, doch einige Details hört er gerade zum ersten Mal, bis eben war mir nicht mal wirklich bewusst, dass ich Dinge verschweigen habe.

„Hast du nie darüber nachgedacht ihn zu suchen, also deinen Va..ähm Bill?"

„Nein nicht wirklich", antworte ich nach kurzem Zögern, „Vielleicht als Kind, da habe ich mir manchmal vorgestellt, dass ich einfach nach Amerika fliege und an seine Haustür klopfe. Aber nach einigen Jahren habe ich völlig den Bezug zu ihn verloren. Ich kenne diesen Mann ja so gut wie nicht und er ist ja schließlich einfach so abgehauen."

Seit Jahren, lasse ich wieder den Gedanken an meinem Vater zu und natürlich taucht in diesem Zusammenhang auch die Frage auf, wo er jetzt wohl lebt, hat er eine neue Familie gegründet, habe ich etwas andere Halbgeschwister. So viele Fragen, auf die ich nicht annähernd eine Antwort habe.

„Irgendwie kann ich ihn auch verstehen, Jenny ist nicht besonders einfach", füge ich leise hinzu und fixiere die Klippen rechts unter mir. Elektronischen Laternen, die über den Tischen direkt an der Klippe angebracht sind, beleuchten mit ihrem sanften Schein den Felsen und das unruhige Meer unter uns.

Unser Gespräch, das zu Beginn unbeschwert und locker verlief, hat eine unerwartete Wendung genommen. Auch wenn ich ihn nicht anschaue, so weiß ich doch, dass er gerade sicher betreten zur Seite schaut.

„Und sind wir jetzt quitt?", reise ich meinen Blick von dunklen Wasser los und zwinge meine Mundwinkel sich nach oben zu ziehen.

Innerhalb eines Wimpernschlages erscheint wieder, das freche Grinsen auf Lucas Gesicht: „Konnte grad so hinkommen."

Der Nachtisch wurde von weniger dramatischen Geschichten begleitet und die leere Flasche Wein in der Mitte des Tisches trägt den Rest zu unserer entspannten Stimmung bei. Wir sind eindeutig der lauteste Tisch, in der Höhle, nicht nur einmal drehen sich andere Gäste zu uns um und verziehen missbilligend ihr Gesicht. Doch das war uns herrlich egal.

Nachdem Lucas bezahlt entscheiden wir uns, dass es eindeutig noch zu früh ist, ins Hotelzimmer zurück zu gehen, so führen wir unseren Rundgang durch die Stadt vom Nachmittag fort. Erkunden die kleinen Bars, die nun geöffnet haben. Probieren hier einen Drink, da einen Veneziano, dann den hausgemachten Schnaps, der Mutter des Mannes an der Bar im dritten Lokal. Wir waren nicht wirklich betrunken, zumindest fühlt es nicht so an.

Irgendwann – ich weiß nicht mehr genau von wem die Idee kam – landen wir am Kiesstrand unten in der Bucht, zwischen den Felsen. Das Restaurant in der Höhle, dass man von hier aussehen kann, ist mittlerweile geschlossen und man kann nur noch im Zwielicht den Tisch erahnen, an dem wir gesessen sind.

Außer uns scheint niemand die, meiner Meinung nach, geniale Idee gehabt zu haben, noch einen kurzen Abstecher an diesen wunderschönen Strand zu machen, denn er ist Menschen leer. Zugegeben, wir hatten so unsere kleinen Schwierigkeiten den schmalen Weg im Dunkeln, nur mit der Hilfe der Straßenlaternen über uns und Lucas Handyblitz, heil zu bewältigen, aber die Mühe hat sich gelohnt. Undamenhaft lasse ich mich auf den Kies, unweit von der Stelle, wo die Brandung die kleinen Steine immer wieder überspült, plumpsen.

Auch Lucas gesellt sich mit dem Satz: „Jap, der Strand hat wirklich was", zu mir. Ob er die kleine Flasche Weißwein, die er mir reicht, im zweiten oder dritten Lokal gekauft hat könnte ich auch nicht mehr so genau sagen, nur dass Weißwein eindeutig besser schmeckt als Rotwein.

„Eine Sache ist da, die geht mir einfach nicht mehr aus dem Kopf", sagt er, löst seinen Blick aber nicht vom, jetzt fast, schwarzen Wasser.

„Welche Sache?", nach einem Schluck reiche ich die Flasche an ihn weiter. Mein Körper fühlt sich ungewohnt an, so leicht. Das Wasser ist plötzlich um einiges lauter als sonst immer und mein Kopf... ich habe keine Schmerzen oder fühle mich irgendwie beflügelt, aber ich merke, dass Barrieren, die sonst immer dort sind, hinunterfahren, oder gar schon ganz verschwunden sind.

Lucas trinkt aus der Flasche, nimmt sie schließlich in die Hände und studiert die Form des Glaskörpers. Er scheint zu überlegen, ob er diese Frage, diese eine Sache, die ihm nicht loslässt, laut aussprechen kann. Vielleicht hat er den Entschluss es zu sagen auch schon gefasst und such nur noch nach der richtigen Formulierung.

„Deine Eltern. Du nennst sie immer nur bei ihren Vornamen. Jenny und Bill, das sagst du. Nicht Mum und Dad oder Mutter und Vater. Von mir auch Mami und Papi. Das hab ich nie von dir gehört. Immer nur Jenny, Bill oder eben Tom."

Er hält mir die Flasche entgegen. Kurz schwebt sie in der Luft. Seine Feststellung überrascht mich, viel mehr macht sie mich sprachlos und überfordert mich.

„Ich frag mich warum das so ist. Also, warum du sie nicht Mum und Dad nennst", fügt er hinzu, als ich noch immer nicht reagiere.

Langsam, es fühlt sich zumindest unglaublich langsam an, hebe ich die Hand und greife nach der Flasche, die sich durch seinen festen Griff aufgewärmt hat. Ein Schluck und ein zweiter verschaffen mir Bedenkzeit und als ich sie sinken lasse, sodass ihr Boden den groben Kies berührt, habe ich die Antwort auf eine Frage gefunden, die ich mir bis jetzt nie gestellt habe, obwohl ich das schon längst hätte tun sollen.

„Bill ist kein Vater für mich. Als ich klein war, da war er das sicher. Wenn er mich auf der Schaukel so fest er konnte an geschupst hat, oder wir zusammen gelacht haben, da habe ich sicher Papa zu ihm gesagt. Doch er hat mich alleine gelassen. Er ist kein Vater, denn ein Vater würde so etwas nicht machen, oder?" Mein fragender Blick fällt auf Lucas, der jede meiner Bewegungen beobachtet.

„Jenny ist Jenny und nicht meine Mutter, weil sie keine Mutter ist. Eine Mutter redet mit ihrer Tochter, hilft ihr, spricht mit ihre über Jungs und zeigt ihr Dinge die eine Mutter ihrer Tochter zeigen muss. Eine Mutter ist stolz, schimpft, wenn man einen Fehler macht und tröstet einen wenn man traurig ist. Sie hat Antworten auf Fragen, sie steht zu ihrem Kind und versucht es zu unterstützen. Jenny war ich immer nur im Weg, ich hab sie nur an den größten Fehler in ihrem Leben erinnert, an den Mann der sie wegen einer Jüngeren, Schöneren, verlassen hat. Ich war ein nerviges Anhängsel, das sie nicht umtauschen konnte. Eine Mutter beschützt ihre Kinder und steht nicht mit einem tatenlos Lächeln, wenn ihr Freund ihrer Tochter eine nach der anderen scheuert. Oder macht das etwa eine Mutter?", meine Stimme bebt, automatisch krampfen sich meine Finger um den Flaschenhals zusammen und ich blicke völlig hilflos zu Lucas auf.

Er wirkt erschrocken, doch auch gefasst, mit so etwas in der Art muss er gerechnet haben. Doch es zu hören, scheint etwas Anderes zu sein, denn überfordert hängt sein Arm kurz in der Luft, bevor er mich an seine Seite zieht.

„Nein, das ist keine Mutter", flüstert er und streicht vorsichtig meinem Arm, auf und ab. Diese Bewegung wirkt so beruhigend.

„Tom hat mich nicht oft geschlagen. Ab und zu ist ihm seine Hand ausgekommen, mehr nicht. Es ist nicht oft passiert, wirklich nicht, man könnte sie an einer Hand abzählen", ich versuche ihn nicht in Schutz zu nehmen, ich will nur nicht, dass sich Lucas ein falsches Bild von mir macht. Ich wurde nicht Tag täglich auf brutalste misshandelt oder ähnliches.

Aber er scheint das nicht so zu sehen, denn er erwidert nur: „Aber es gab sie und diese Tatsache alleine ist eine Schande."

Ich lehne mich an ihn, sein warmer und starker Körper ... es fühlt sich so sicher an, so als ob mir nichts passieren könnte, als ob ich gegen alles und jeden immun wäre. Meine Barrieren sind verschwunden und neben meinen ehrlichen Worten ist, dass hier der Moment, indem ich mir das erste Mal eingestehe, dass ich für Lucas mehr empfinde und mein, vom Alkohol beflügelter Geist, ist davon überzeugt, dass es auch auf Gegenseitigkeit beruht.

„Ich bin froh, dass du mich gefragt hast ob wir zusammen wegfahren, wirklich", ich blicke zu ihm auf und unsere Gesichter sind sich kurz so nahe, dass ich kurz davon ausgehe, dass wir uns küssen. Doch Lucas zieht mich noch enger an sich und murmelt.

„Ich auch... Ich auch...."

Dort, an diesem Strand, habe ich blank gezogen, im übertragenen Sinn natürlich. Das war ein Seelen-Striptease vom feinsten, ein Moment, ach was ein Tag voller offener Ehrlichkeit und ich bin fest davon ausgegangen, dass wir beide die Karten auf den Tisch gelegt haben. All in. Es gab keine Geheimnisse mehr oder böse Überraschungen. Dass ich nun nackt vor Lucas, der noch immer in einen dicken Wollpullover gehüllt war, gestanden bin, konnte ich an diesem Abend nicht wissen.  

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