27 - Vor Gericht

Der 1. Zaubererkrieg (Teil 6):

Der Gerichtssaal war zum Bersten gefüllt. In den Rängen saßen zahlreiche Hexen und Zauberer in roten und schwarzen Roben. Mein Vater höchstpersönlich stand hinter dem Rednerpult und leitete die Versammlung. Und in der Mitte des Raumes, von allen Anwesenden angestarrt, entdeckte ich drei mir nur allzu bekannte Gesichter. Barty, Regulus und Evan standen nebeneinander, alle drei meinem Vater zugewandt. Nicht, dass sie diesbezüglich eine Wahl gehabt hätten. Schwere eiserne Ketten, die im Boden verankert und um ihre Arm- und Fußgelenke gewickelt waren, hinderten sie daran, wegzulaufen. Sie ließen ihnen gerade genug Freiheit, um aufrecht zu stehen.

"Ihr gebt also zu, Todesser zu sein?", verlangte Dad mit tonloser Stimme zu wissen.

"Ja, aber-", setzte Barty an, doch sofort wurde er unterbrochen.

"Wann habt ihr euch den Todessern angeschlossen?", fragte er weiter, und so emotionslos wie seine Stimme klang wäre ich niemals auf die Idee gekommen, dass er gerade mit seinem Sohn sprach.

"In unserem letzten Hogwartsjahr", sagte Evan, "Aber wir haben das nur gemacht, weil-"

"Und ihr wart in den Kampf verwickelt, der vor ein paar Tagen im Lestrange Manor stattgefunden hat? Im Zuge dessen einige Ordensmitglieder verschleppt wurden?", hakte Dad unbeirrt weiter nach.

"Das stimmt, aber wir-", antwortete Regulus.

"Damit wäre die Sache geklärt. Schuldig gesprochen. Die Dementoren sollen sie nach Askaban bringen", bestimmte Dad und klang dabei so, als würde er lediglich ein paar Socken wegwerfen, nicht seinen Sohn den Dementoren ausliefern, "Oder hat jemand Einwände?"

Ich blinzelte zweimal, dann wurde mir siedend heiß klar, dass das meine letzte Chance war. Denn Einwände hatte natürlich keiner.

"Halt! Ich habe Einwände!", brüllte ich und ohne zu wissen, was ich da eigentlich tat, stolperte ich in die Mitte des Raumes und stellte mich zwischen Barty, Regulus und Evan und meinen Vater.

Im Raum wurde es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören hätte können. Dad sah mich mit gerunzelter Stirn an.

"Cassidy, was machst du denn hier?", verlangte er zu wissen, aber ich ging nicht auf seine Frage ein.

"Was war das denn bitte für eine Gerichtsverhandlung?! Du hast sie ja noch nicht mal irgendwas zu ihrer Verteidigung vorbringen lassen!", beschwerte ich mich.

"Cassidy, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment. Wir können später reden, aber jetzt müssen wir zuerst diese Todesser nach Askaban bringen", sagte Dad bestimmt.

"Äh, nein! Das sind meine Freunde und ich verlange, dass sie eine Chance bekommen, sich zu erklären!", beharrte ich wütend.

Ein kollektives Aufkeuchen ging durch die Menge. Das war es wohl, was man bekam, wenn man verkündete, mit drei Todessern befreundet zu sein.

"Cassy, was machst du da?", murmelte Regulus hinter mir, "Du bringst dich nur selbst in Schwierigkeiten!"

Ich warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Tja, zu spät. Ich hatte beschlossen, ihnen zu verzeihen, und das wiederum hieß, dass ich sie mit allen Mitteln verteidigen würde. Denn niemand hatte das Recht, meine Freunde schlecht zu behandeln - auch nicht, oder vielleicht vor allem nicht, mein Dad.

"Cassidy, ich warne dich! Dieses Theater wird noch Konsequenzen haben!", sagte Dad, auch in seiner Stimme schwang die Wut nun deutlich mit.

"Wie kannst du das tun?!", fragte ich, dann deutete ich auf Barty, "Er ist dein Sohn, verdammt!"

Einen Moment lang schien Dad sich zu versteifen, doch dann wurde seine Miene ganz kalt.

"Er ist nicht mein Sohn", sagte er mit eisiger Stimme.

Barty sackte hinter mir ein klein wenig in sich zusammen. Auch mir blieb kurz die Luft weg. Es war ja doch etwas anderes seinen Sohn jahrelang zu ignorieren, oder ihn vor dem versammelten Zaubergamot zu verleugnen.

"Oh. Tja, das ist lustig", sagte ich und lachte humorlos auf, "Denn Barty ist definitiv mein Bruder. Aber wenn er nicht dein Sohn ist... dann bin ich wohl auch nicht deine Tochter."

Ich wartete auf eine Antwort, doch es kam keine. Bartemius Crouch Senior öffnete und schloss seinen Mund, doch kein Laut kam über seine Lippen. Es hatte ihm die Sprache verschlagen - und mit ihm dem gesamten Zaubergamot.

"Nun gut, da ich jetzt Ihre Aufmerksamkeit habe... Lassen Sie mich die Sache erklären. Bitte", richtete ich das Wort nun an alle versammelten Hexen und Zauberer, und die schienen wirklich gebannt an meinen Lippen zu hängen, "Zuallererst: Nein, ich laufe nicht rum und freunde mich willkürlich mit Todessern an. Aber diese drei hier... mit denen war ich schon in der Schule befreundet. Sie sind einige meiner besten Freunde. Und als ich rausgefunden hab, dass sie sich den Todessern angeschlossen haben... Tja, da habe ich den Kontakt mit ihnen abgebrochen. Im Nachhinein bedacht hätte ich das nicht tun sollen. Vielleicht hätte ich ihnen helfen können."

"Cassidy, hör sofort auf zu reden!", verlangte Dad, offenbar hatte er sein Stimme wiedergefunden.

Tja, ich dachte ja gar nicht daran! Außerdem spürte ich, wie etwas Blut durch den zuvor angefertigten Verband zu sickern begann. Ich musste mich beeilen.

Also sprach ich weiter: "Ich versuche hier auch gar nicht, Entschuldigungen dafür zu finden, ein Todesser zu sein. Aber als sie sich den Todessern angeschlossen haben, sind sie doch gerade erst Volljährig geworden. So, wie viele, die sich dem Orden angeschlossen haben. Wir hatten doch alle keine Ahnung, worauf wir uns da eigentlich einlassen, nicht wirklich."

"CASSIDY!"

In meinem Kopf begann es zu pochen und vor meinen Augen tanzten schwarze Punkte. Das war ungünstig...

"Der wirklich wichtige Teil ist aber doch, dass sie ihre Meinung geändert haben", rief ich, "Dass sie ihren Fehler erkannt haben. Denn abgesehen davon, dass sie mir während dem Kampf im Lestrange Manor alle drei das Leben gerettet haben... Ohne sie hätten wir auch nicht aus der Gefangenschaft entkommen können, keiner von uns, und einen derartigen Verlust hätte der Orden wohl kaum verkraftet. Ich bitte Sie, überdenken Sie das nochmal. Schlechte Entscheidungen machen keine schlechten Menschen! Ich- Ach, scheiße."

Schon spürte ich, wie sich die Welt um mich zu drehen begann, bis ich das Gleichgewicht nicht mehr halten konnte. Dann kippte ich rückwärts um, doch bevor der Aufprall kam, wurde ich von jemanden aufgefangen. Regulus. Mein Sichtfeld wurde immer kleiner und kleiner bis die Welt um mich herum nur noch aus Geräuschen bestand. Und Chaos, aber das lag wohl nicht an mir, sondern den versammelten Hexen und Zauberern.

"Jemand soll meine Tochter retten, die Todesser-"

"Der Todesser hat ihren Zauberstab, er hat ihren Zauberstab!"

"Wo bleiben die Auroren?! Oder Dementoren?! Irgendwer!"

"Scheiße! Cassy?! Cassy, was hast du? Was hat sie denn?!" Diese Stimme erkannte ich, sie gehörte Barty.

Plötzlich spürte ich, wie jemand zwei Finger an meinen Hals legte.

"Der Puls ist noch da, aber nicht sehr stark", sagte Evan, dann rief er lauter: "Wir brauchen einen Heiler!"

"Ferula!", erklang Regulus' Stimme, dann wickelte sich erneut ein Verband um meine Wunde - diesmal weitaus besser.

Ein lauter Knall ertönte. Ich tippte, dass die Tür aufgeflogen war. Die Tür. Welche Tür? Wo war ich nochmal? Und warum? Warum schrien alle so laut durcheinander? Vage erinnerte ich mich daran, dass ich Regulus, Barty und Evan retten hatte wollen. Aber wovor? Und warum war alles dunkel? Warum hatte ich das Bedürfnis zu schlafen? Aber nein, ich konnte noch nicht bewusstlos werden. Warum nochmal?

"Ich bin Heilerin!", brüllte jemand, Marlene, und Schritte wurden lauter, "Sirius, hilf mir sie hier raus zu levitieren, ich brauche einen vernünftigen Arbeitsplatz!"

Ich spürte, wie ich in die Luft gehoben wurde. Überrascht schloss ich meine Finger um Regulus' Hand, doch ich war nicht stark genug und sie entglitt mir.

"RUHE!", rief jemand, vermutlich mein Vater, während ich wegschwebte, "Können wir jetzt endlich dafür stimmen, sie nach Askaban zu schicken?!"

"NEIN!", brüllte da noch jemand, so laut kannte ich Pandora ja gar nicht.

"Ne, nicht so schnell", widersprach auch Dorcas, "Sie werden uns jetzt Mal ganz gut zuhören."

Dann fiel die Tür hinter mir ins Schloss und in der plötzlichen Stille sank ich endgültig in die Bewusstlosigkeit.

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