Chapter 3
Ein Lächeln umspielte die Lippen des Mörders, als er durch das plötzliche Weiten meiner Augen sah, dass ich ihn erkannt hatte. "Ein bisschen spät, wenn du doch vor mir gewarnt worden bist." "Gewarnt würde ich das nicht nennen", erwiderte ich kühn, nachdem ich den Kloß in meinem Hals hinunter geschluckt hatte. "Eher darauf aufmerksam gemacht." Seine einzige Entgegnung war ein langer Blick, aus dem ich nichts ableiten konnte. Das schüchterte mich ziemlich ein. Normalerweise konnte ich Menschen lesen. Ich wusste durch ihre Haltung und vorallem durch ihre Augen wer sie waren, nein, eher wie sie waren. Aber bei ihm war das anders. War er wirklich so gefährlich, wie das Fernsehen gesagt hatte? War er echt aus dem Gefängnis ausgebrochen? War er überhaupt Raynard Waits? "Einen Vorteil hat es; ich weiß jetzt wie du heißt." Entweder meine Worte, meine Dreistigkeit ihn schon zu duzen oder mein hoffnungsloses, schiefes Lächeln, mussten ihn davon überzeugt haben, dass ich nicht weglaufen würde, und er trat einen Schritt zurück. "Komm mit." Trotzdem, wahrscheinlich nur zur Sicherheit, packte er mich am Handgelenk und ich spürte nur durch diesen Griff wie stark er in Wirklichkeit war. Nicht, dass ich ihn unterschätzt hatte, aber er war kleiner als ich gedacht hatte, ich war fast genauso groß, und bisher hatte er nunmal noch nicht von seiner Kraft Gebrauch gemacht. Meinen Rucksack mit der anderen Hand gegen meine Brust geklemmt, folgte ich ihm schnell, denn er zog mich schon fast hinter sich her. Anstatt rechts die Treppe hinauf zu der Vordertür zu gehen, öffnete er eine große Holztür direkt an der Straße. Ich tippte auf Garage und es war wohl auch so, denn darin stand ein Auto und hingen Geräte und dergleichen an den Wänden. Was wollte er mit mir in der Garage? Er hatte ein Ziel, das sah ich, als er ein Tuch an der hinteren Wand beiseite schob und dahinter ein Tunnel sichtbar wurde. Oh, wie sehr ich Tunnel hasste. "Muss ich..?" Ich konnte meinen Satz nicht beenden, denn er hatte mich schon hinein gestoßen und ich wäre fast gestolpert, hätte ich mich nicht im letzten Moment wieder gefangen. Der Untergrund war nass und glitschig und ich hörte Wasser plätschern. "Ich will lieber nicht...", versuchte ich es nochmal und drehte mich ruckartig wieder zurück in Richtung Freiheit. Der Tunnel war eng, auch wenn man gerade stehen konnte, er war finster und er roch nach Fäulnis. Bewahrte er dort seine Leichen auf? Aber den Weg zurück versperrte er und das einzige, was uns noch trennte, war mein Rucksack, den ich immer noch vor meine Brust gequetscht hatte und auch auf keiner Fall da weg nehmen würde. "Lass mich raus", flüsterte ich mit einem Beben in der Stimme und er legte leicht spöttisch den Kopf schief, wobei er sogar noch näher kam. "Hast du Angst?" Was war das für eine Frage? Natürlich! Jeder würde in meiner Situation Angst haben. Es war schon ein Wunder, dass ich so lange durchgehalten hatte. Im Gegensatz zu den meisten Jungen in meinem Alter, die bei diesem Satz, egal wer ihn ausgesprochen hatte, wohl empört den Kopf schütteln, sich umdrehen und den Gang entlang marschieren würden, nickte ich. Das war alles was ich zustande brachte. Die erwähnte Gabe des kühlen Kopfes schien mich irgendwie verlassen zu haben und wie ein kleiner Schuljunge umklammerte ich meinen Rucksack noch fester. Er zog nur eine Augenbraue hoch. Was hatte ich auch erwartet? Dass er mich loben würde, weil ich mich von den anderen abhob? Wahrscheinlich war eben dieser Punkt meine Unterschrift zu meinem Tod. "Lauf schon." Er deutete mit dem Kinn in Richtung Tunnel und ich drehte mich mit zitternden Beinen wieder um. Im Gegensatz zu das, was ich vorhin zu sehen gedacht hatte, war der Schacht überhaupt nicht unbeleuchtet. Eine Lichterkette mit bunten Kugeln zog sich über die Höhlendecke und das tröstete mich ein wenig. Vorsichtig machte ich den ersten Schritt, und sogar der Fakt, dass er sich genau hinter mir befand, beruhigte mich.
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