Die Befragung

Hicks verbrachte die ganze Nacht damit sich seinen Plan zu verinnerlichen, während Astrid auf dem einzigen Bett in der Zelle ihren Alkoholintus ausschlief. Vielleicht war sie nun fitter und konnte Hicks bei seinem Plan helfen. Er saß auf dem Boden, angelehnt an dem Gitter und starrte zu Astrid. Es war ihm ein Rätsel, warum sie sich immer betrinken musste. Das Geld, was sie für Getränke an dem Abend ausgegeben hatte, hätten sie gut für das Pferdefutter benutzen können. Ihre Pferde. Hicks hoffte, dass es ihnen gut ging und noch dort waren, wo sie sie zurückgelassen hatten. Noch besser wäre es, wenn Rotzbacke sie mit zum Gebäude gebracht hatte, doch er war sich dessen nicht sicher.

Die Zelle sah sehr benutzt aus, die Gitterstäbe waren rostig und auf der Wand waren Kritzeleien von anderen Leuten, die hier festsaßen. Die Morgensonne schien durch das verstaubte Fenster und erhellte den Schreibtisch, worauf eine Menge von Papieren lagen. An den Wänden hingen Verhandlungsplakate von gesuchten Personen. Darunter war auch ein Bild von Hicks und von Astrid. Als Hicks die Summe sah, die unter Astrids Bild stand, schüttelte er nur enttäuscht den Kopf. Wie konnte eine so weit gesuchte Kopfgeldjägerin nur so unvorsichtig sein. Hicks war neugierig, was sie alles erlebt hatte, um so zu werden. Er war sich sicher, das auch gutes in ihr steckte. Die Welt war nicht schwarz und weiß, wie einige Leute dachten. Rotzbacke hatte auch eine gute Seite, das wusste er, und irgendwie musste er Rotzbacke dazu bringen, sie beide freizulassen.

„Einen wunderschönen guten Morgen." Tönte Rotzbackes nervige Stimme in den Raum, als er soeben den Raum betrat. Astrid grummelte unzufrieden und bewegte sich. Sie schien wohl aufgewacht zu sein und hatte sicherlich mächtige Kopfschmerzen, wie Hicks Vater, wenn er mal wieder zu viel getrunken hatte.

Hicks sah zu dem selbstgefälligen Hilfsscheriff, der nun aufrecht vor der Zelle stand und zur Astrid grinsend sah, „Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen, denn es wird ein langer Tag heute." Hicks stand auf und stellte sich zwischen den beiden. Astrid war in keiner guten Verfassung und das wussten beide. Rotzbacke wollte das für sich nutzen und die meistgesuchte Person im Westen brechen. Hicks war bewusst, dass er Interesse an Astrid hatte, so wie er sie anstarrte, doch er wollte ihn nicht in ihre Nähe lassen. Er wusste nicht, warum er sie verteidigte, er konnte sie nicht mal leiden, aber dennoch glaubte er daran, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckte, und er hatte Astrid noch nicht aufgegeben.

„Ah, der verschwundene Sohn. Dagur hat dich schon überall gesucht." Meinte er noch grinsend, „ich habe ein paar Fragen an dich." Rotzbacke öffnete das Gefängnis, griff Hicks an seinen Arm und zerrte ihn raus. Sorgfältig verschloss er wieder die Tür und führte Hicks in einen Nebenraum, wo die beiden sich gegenübersaßen. Hicks Hände wurden gefesselt, sodass er machtlos auf dem Stuhl saß und Rotzbacke von letzter Nacht erzählte, wie Astrid den Mann umgebracht hatte. Allerdings fügte er noch Einzelheiten hinzu, um es weniger Brutal wirken zu lassen. Er erzählte ihm, wie der Mann auf Astrid losgegangen war und sie aus Notwehr abgedrückt hatte. Hicks hoffte dadurch, dass sie nicht so schuldig da stand, als sie es eigentlich war.

„Ich habe noch ein paar letzte Fragen an dich, bevor ich dich wieder in deine Dreckige Zelle sperre. Du passt gut da rein." Sagte Rotzbacke und kritzelte irgendetwas auf seinem Block. Hicks bezweifelte dass auf Rotzbackes Brett irgendetwas Informatives stand. Sein Blick blieb ernst und auf Rotzbacke gerichtet. Er antwortete nichts auf seine Provokation, denn er durfte gegenüber ihm keine Schwäche zeigen, sonst war er ihm ausgeliefert.

„Wieso bist du in der Nacht weggelaufen, als Dagur das Dorf eingenommen hatte, huh? Warst zu feige zum kämpfen?"

Hicks wusste, das Rotzbacke ihn nur aufzog. Ihm interessierte es einen Dreck, warum Hicks geflohen war. Was für ihn zählte war, dass er geflohen war. Wie ein Feigling. Rotzbacke hatte Hicks in seinen früheren Jahren immer aufgezogen und ihn als jemand schlechteren dargestellt. Es hatte eine Weile gedauert, bis Hicks begriffen hatte, dass Rotzbacke ihn eigentlich nur provozierte, weil er etwas hatte, was Rotzbacke nicht bekommen konnte. Seinen Posten, als Nachfolger des Bürgermeisteramtes.

„Wäre ich geblieben, hätte Dagur mich ebenfalls umgebracht, wie mein Vater." Sagte Hicks monoton und mit unveränderter Mine. Rotzbacke sah ihn verwundert an.

„Dagur hat den Bürgermeister ermordet?" fragte er verunsichert. Rotzbacke wusste anscheinend nicht davon, „Kannst du das auch beweisen?" er fing an unsicher zu lachen und schaute kurz zur Tür und dann wieder zu Hicks.

„Nein, aber ich bin mir sicher, dass er ihn umgebracht hat." Sagte Hicks ernst, „ Deswegen musst du uns gehen lassen. Damit ich das Dorf von diesem verrückten Irren befreien kann."

Rotzbacke fing an nervös zu lachen, „Und wie hast du das vor, Knirps?"

„Wir haben einen Plan ..."

„Du und die Kopfgeldjägerin?" sagte Rotzbacke jetzt mehr lachend und unterbrach ihn. Es war klar, dass Rotzbacke Hicks nicht ernst nahm.

„Es ist mir egal, ob du mir glaubst, oder nicht. Wir haben einen Plan und ich werde Dagur dafür bezahlen lassen, was er meinem Vater angetan hat." Sagte Hicks beherrscht und sah ihn mit festen Blick an.

„Ha, du glaubst wirklich, dass du gegen Dagur was anrichten kannst?" fragte Rotzbacke und lehnte sich noch immer lachend in den Stuhl zurück, doch als er Hicks ernstes Gesicht erblichte, verstummte sein Lachen. Hicks antwortete nicht darauf, sondern nickte nur. Er musste Rotzbacke überzeugen, dass er es ernst meinte, sonst konnte er auf seine Hilfe verzichten.

„Und ich brauche deine Hilfe dafür." Sagte Hicks und der Hilfsscheriff sah nervös zur Tür und dann zu Hicks.

„Meine Hilfe?" fing er nervös an, er hatte offensichtlich Angst vor jemanden. Und dieser jemand war sein Vater.

„Rotzbacke, hier geht es um mehr als nur dich und deinem Vater. Du musst anfangen deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Willst du denn weiter unter einem Verrückten Kobold wie Dagur leben, der dich jeden Moment hinrichten lassen könnte, würde dir nur ein Fehler unterlaufen?"

Rotzbacke sah ihn noch weiter an und zögerte. Gerade in dem Moment schwang die Tür auf und Kotzbacke, Rotzbackes Vater, betrat den Raum. Er war ein großer breitschultriger Mann mit einem schlecht rasierten Gesicht und eine aufrechte Haltung. Hicks hatte seinen Blick auf ihn gerichtet, als er den Raum betrat. Er war dafür berüchtigt die schlimmsten Kopfgeldjäger hinter Gitter zu bringen.

„Wie läuft die Befragung, Junge?" fragte Kotzbacke seinen Sohn und dieser sah etwas stolz lächelnd zu seinem Vater.

„Wir sind gerade damit fertig geworden. Es gab eine Provokation in dem Saloon, die Kopfgeldjägerin und das Opfer sind aufeinander losgegangen, und sie hatte ihn aus Notwehr erschossen." Fasste Rotzbacke kurz Hicks Worte zusammen.

„Und das glaubst du ihm?" fragte Kotzbacke stirnrunzelnd und stand mit dem armen vor der brust verschränkt neben ihn.

„Nun ja, denke schon, warum sollte er auch lügen?" sagte Rotzbacke unsicher.

„Vielleicht, weil er sie in den Schutz nimmt?" Kotzbacke sah seinen Sohn bedrohlich an, als könnte er ihm jeden Moment eine verpassen. Rotzbacke bemerkte diesen Blick und zuckte leicht zusammen.

„Das ist doch lächerlich ... ich meine ..." murmelte Rotzbacke unsicher und lachte leicht nervös, doch der Blick seines Vaters ließ ihn verstummen.

„Befrag ihn weiter, bis er mit der Wahrheit herausrückt." Befahl Kotzbacke und verließ daraufhin den Raum und schloss die Tür hinter sich.

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