VII

Vielleicht sollte man Geheimnisse ruhen lassen. Vielleicht sollten sie begraben bleiben, tief unter der Erde, sodass niemand sich daran wagt, sie wieder auszugraben.

Aber vielleicht sind Geheimnisse auch wie Vögel in einem Käfig. Behütet und beschützt, und man denkt, es wäre das Beste, sie dort zu behalten. Aber eigentlich sollte man sie frei und wegfliegen lassen, um danach ohne die Last der Schuld leben zu können.

Und ich entscheide mich jetzt dafür. Ich entscheide mich dafür, mein dunkelstes Geheimnis nicht länger zu bewahren, sondern diesen Vogel frei zu lassen. Also wende ich mich Aurélien zu, trete vor ihn, sodass er mir ins Gesicht sehen muss. Und dann packe ich das Messer mit meiner linken Hand an der Klinge – und zerbreche es. Die Klinge schneidet tief in meine Handfläche, während Aurélien mich mit Schock in der Miene beobachtet und ich vor Schmerz das Gesicht verziehe. Die beiden Teile des Messers, von dem nun eines blutverschmiert ist, lasse ich fallen. Er muss das Aufblitzen von rot in meinen Augen, das jetzt immer noch bestehen bleibt, gesehen haben, trotzdem wage ich es zu sprechen.

»Ich werde dich nicht töten.« Die Worte kommen mir entschlossener, als ich gedacht hätte, über die Lippen. Der tiefe Schnitt beginnt schon zu verheilen, während meine Augen weiterhin rot glühen.

»Kylie …« Aurélien scheint völlig neben sich zu stehen. »Wie ist das möglich – du – ich meine …«

»Mein Vater war ein Dämon«, spreche ich das aus, wovon ich immer gefürchtet hatte, es würde meinen Tod besiegeln. »Nachdem er erfahren hatte, dass sie schwanger war, hat er meine Mutter getötet.« Der Schnitt ist jetzt fast vollkommen verheilt. »Er weiß nicht, dass ich überlebt habe.« Und das ist nur einer der wenigen Gründe, weshalb ich Dämonen hasse. Weshalb ich finde, dass sie nicht hierher gehören. Ich habe die dämonische Seite an mir per Zufall entdeckt, als ich noch ein Kind war – und seitdem unterdrückt. Ich wollte nicht so sein. Ich wollte kein Monster sein.

»Jetzt verstehe ich deine Vorbehalte …« Aurélien scheint verlegen, aber das muss er nicht sein. Er ist nicht Schuld am Tod meiner Mutter. Und ein kleiner Teil von mir weiß auch, dass er nicht Schuld am Tod von Traze ist. Dass er ihn auch gerettet hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre.

Der Schnitt ist verheilt und meine Augen nehmen wieder das gewöhnliche Braun an. Ich habe seit Jahren diese Seite an mir unterdrückt, aber vielleicht kann ich ja nun einen Neuanfang starten.

»Es ist nicht deine Schuld, was passiert ist«, sage ich und bin dabei aufrichtig. »Ich hätte wissen sollen, dass man nicht in Gut und Böse unterteilen kann. Du hast es nicht verdient, dich schuldig zu fühlen. Und mein Vertrauen hast du auf jeden Fall, Aurélien.«

»Du nennst mich beim Namen?«, fragt er verblüfft.

»Scheint so«, meine ich schulterzuckend und Aurélien lacht. Es ist das erste Mal, dass ich ihn lachen sehe. Mir ist jedoch nicht danach zumute. Traze' Tod ist noch zu nah und die Wunden noch zu frisch. Ich kann nicht mit ihm lachen. Jetzt noch nicht.

»Weißt du, Kylie?«, sagt Aurélien und kommt mit Schritten, so geschmeidig, als wäre er bloß ein Schatten, auf mich zu. Wir stehen nun so nah beieinander, dass ich seinen Atem spüren kann. Vorsichtig greift er nach meiner Hand – und ich lasse ihn gewähren. »Ich kenne dich kaum, aber ich weiß, dass wir eine Verbindung haben, Kylie. Und ich würde dich gerne weiterhin bei mir haben. Ich denke, das zwischen uns, das könnte …«

»Nein«, unterbreche ich ihn harsch. Ich weiß zwar, dass er recht hat – ja, wir haben definitiv eine Verbindung, ich spüre es schon, seit wir uns begegnet sind – aber das kann ich Traze und vor allem auch mir nicht antun. »Sag das nicht. Ich habe Traze geliebt, ich liebe ihn immer noch. Und ich werde das nicht tun, nicht jetzt.« Ich sehe Enttäuschung, aber auch Bedauern in Auréliens roten Augen aufflackern. Eine Verbindung ist seelisch und ein Leben lang bindend. Besonders bei Dämonen ist diese sehr ausgeprägt. Er könnte mich gar nicht anders ansehen. »Aber vielleicht kann ich dir eine Chance geben.« Seine Augen funkeln wie glitzernde Sterne am dunklen Nachthimmel. »Irgendwann.« Das Leuchten bleibt und er packt meine Hand noch fester. Es fühlt sich an wie ein Versprechen, und ich werde dieses auch um jeden Preis halten.

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