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Jungkook Pov
Die Strapazen der letzten Monate sind nicht ohne Folgen an uns vorbei gegangen.
Mal abgesehen von den körperlichen Narben, die wir jetzt ein Leben lang mit uns tragen werden, hat das ganze auch innerlich seine Spuren hinterlassen.
Taehyung wurde mit allem konfrontiert, was er jahrelang versucht hat zu verdrängen.
Der Tod seines Bruders, die Verantwortung eine ganze Group zu leiten die auf ihm lastete, die verlorene Schwester, die er einst in Jungsook gesehen hat und dann noch mit dem Grund, warum all das passiert ist.
Auch wenn es an mir nicht so ohne vorbei geht, muss es für Taehyung noch viel schlimmer sein, immerhin hat sich all das um den Abend gedreht an dem seine eigene kleine Welt auf den Kopf gestellt, wenn nicht sogar ruiniert wurde.
Wenn ich erfahren hätte, dass mein Bruder sterben musste, um zwei weitere Morde zu vertuschen, dann wäre ich sicher verrückt geworden.
Manchmal, da sehe ich wie traurig und wie verletzt er ist und ich bin für ihn da. Ich nehme ihn in den Arm und erinnere ihn daran, das egal was passiert, ich für ihn da bin.
Er wird seine Zeit brauchen, bis er sich von all dem erholt hat, aber ich sehe das alles positiv, denn er hat aufgehört sich die Schuld an etwas zu geben, was er nicht hätte verhindern können.
Eine Sache tröstet uns beide, nämlich das Mr. Kang sein ganzes Leben hinter Gittern verbringen werden muss.
Nachdem Taehyung 24 und ich sogar 48 Stunden in Untersuchungshaft mit zahlreichen Vernehmungen und Konfrontationen mit den Beweisen und Fakten, die wir die letzten Monate gesammelt haben verbringen mussten, wurden wir als freie Bürger wieder raus gelassen.
Zu verdanken haben wir das aber nicht nur dem Koffer und den Ordnern im Handy, sondern auch den Aussagen des Taxifahrers und vor allem denen von Jungsook.
Obwohl Taehyung ihr im Krankenhaus damals deutlich gemacht hat, dass er sie nie wieder sehen möchte und das sie sich in Zukunft aus seinem Leben heraus halten soll, war sie da als wir sie gebraucht haben.
Ohne sie hätte es deutlich länger gedauert bis wir raus gekommen wären, sie hat den Prozess beschleunigt und unsere Glaubwürdigkeit bestätigt, denn alle drei von uns haben das selbe ausgesagt und dafür gesorgt, dass es Mr. Kang, der sich von seinen Verletzungen erholt hat, selbst mit dem besten Anwalt ganz Koreas unmöglich ist, jemals wieder einen Fuß außerhalb des Gefängnisses zu setzen.
Taehyung hat im Gegenzug die ganze Sache vor Jungsooks Mann aufgeklärt und dafür gesorgt, dass die beiden sich vertragen. Er hat allerdings auch deutlich gemacht, dass er das nicht für sie, sondern für das Kind, das nichts dafür kann, getan hat.
Die beiden werden sich wohl nie wieder vertragen und auch wenn ich ihm anmerke, wie schwer es für ihn ist einen Menschen hinter sich zu lassen, der ihn an seinen Bruder erinnert hat, ist es auch eine gute Sache, denn so ist es ihm möglich von vorne anzufangen.
"Meinst du wir sollen ihn öffnen?", frage ich und sehe zwischen Taehyung und dem Brief in der Mitte hin und her.
Heute, als wir nach den Tagen in Haft wieder in Taes Wohnung durften, lag ein Brief auf dem Tisch im Wohnzimmer.
Es war etwas angsteinflößend zu wissen, dass jemand ohne Schlüssel in die Wohnung eingedrungen ist, aber als ich gelesen habe, dass der Brief von Seowon ist, hat mich das viel merke überrascht als schockiert.
"Ich weiß nicht was du machst, aber ich werde ihn nicht lesen. Die Worte von jemandem, der all die Jahre davon gesprochen hat sich den Konsequenzen für seine Taten zu stellen und danach wegläuft, sind mir nicht viel Wert."
Taehyung spricht ruhig und obwohl seine Worte in manchen Ohren etwas hartes klingen mögen, merke ich das er mit der Sache abgeschlossen hat.
Nachdem die Liste mit den Namen der Polizei bekannt wurde, begann die Suche nach den Männern, die drauf standen. Jungsook meldete der Polizei auch Seowons Addresse in der er unter einem falschen Namen mit Bora und seinem Kind gelebt hat, allerdings waren alle drei wie vom Erdboden verschwunden als sie dort aufgetaucht sind.
Er hat all das gestartet, damit es ein Ende nimmt und er sein schlechtes Gewissen bereinigen kann, aber seinen Worten sind leider keine Taten gefolgt.
Ich frage mich, wann er entschieden hat zu verschwinden, wahrscheinlich bereits an dem Tag an dem er mich blutend auf dem kalten Boden zurückgelassen und mir ein "verzeih mir" ins Ohr flüsterte.
"Der Brief ist an uns beide adressiert, wenn du ihn nicht lesen willst, dann tue ich das auch nicht."
Früher hätte mich meine Neugier dazu getrieben ihn zu lesen, ich hätte jede Minute, in der ich ihn nicht öffne daran gedacht, was sich wohl darin befindet. Aber heute ist es anders. Es gibt viel wichtigere Dinge als auf Papier geschriebene Worte und eine davon sitzt direkt vor mir.
Ich lächle Taehyung an als er mich zweifelnd ansieht, dann seufzt er als hätten wir einen Kampf ausgetragen und er würde aufgeben.
"Öffne ihn", sagt er und setzt sich an den Rand der Couch.
"Aber du sagtest doch..."
"Jetzt sage ich, du sollst ihn öffnen. Du hast es selber gesagt, dieser Brief ist an uns beide adressiert, dann lass uns diesen Brief dafür nutzen gemeinsam mit der ganzen Sache abzuschließen."
Überrascht von seiner Entscheidungen sehe ich ihn mit großen Augen an und versuche zu erkennen, ob da vielleicht doch noch irgendetwas in ihm ist was das nicht möchte, aber er wirkt sehr entschlossen und bereit das zu tun. Trotzdem frage ich nach.
"Bist du dir sicher? Wir können ihn auch einfach wegwerfen."
"Wir würden uns immer fragen was wohl darin gestanden hat. Lass ihn uns lesen, Jungkook, lass uns das ganze mit einem sauberen Schnitt beenden."
Er nimmt den Brief vom Tisch und legt ihn mir auf den Schoß, eine Stumme Aufforderung das ich ihn lesen sollte.
Langsam öffne ich den blauen Briefumschlag und Falte den Zettel auf der sich zusammengefaltet darin befindet.
Was mir zu aller erst ins Auge sticht, ist die saubere Schrift in der das alles geschrieben wurde. Obwohl es Jahre her ist, seit ich es zuletzt gesehen habe, bin ich mir sicher, dass das hier nicht von Seowon geschrieben wurde.
Aber bevor ich in Gedanken mit irgendwelchen Spekulationen anfange, beginne ich damit ihn laut zu lesen.
"Lieber Taehyung, lieber Jungkook,
ich weiß nicht, ob ihr diesen Brief irgendwann lesen werdet, oder ob er, zusammen mit den Erinnerungen an uns verschwinden wird, aber ich möchte ihn trotzdem schreiben, weil ich denke das ich euch das Schulde.
Wir drei sind uns noch nie begegnet und ich denke, dass es uns in diesem Leben auch nicht mehr möglich sein wird, aber nach allem was passiert ist, wird es wohl das beste für uns sein.
Ich schreibe diesen Brief ohne Seowons Wissen, weil ich mich an seiner Stelle für alles entschuldigen möchte.
Es ist vielleicht Naiv von mir zu glauben, dass wir eure Vergebung verdient haben, aber uns bleibt nichts anderes übrig als zu hoffen, dass die Zeit unser aller Wunden heilt.
Ihr sucht vielleicht nach einem Grund, warum wir weg sind, warum Seowon sich all dem Chaos, das er angerichtet hat nicht stellen möchte und auch wenn euch der Grund dafür nicht gefallen wird und er bei den meisten Menschen auf taube Ohren stoßen würde, ist er simpel: Es ist Jungkook.
Nicht der Jungkook, der jetzt hoffentlich diesen Brief liest, sondern unser kleiner, der nichts für das kann, was sein Vater angerichtet hat.
Es tut mir leid, dass unser Egoismus dich so leiden lässt, Taehyung und es tut mir leid, dass Seowon sich in dein Leben gemischt hat, Kook, aber wir Menschen sind egoistisch und auch wenn ich mich wahrscheinlich den Rest meines Lebens dafür hassen werde, das ich Seowon davon abgebracht habe sich zu stellen, so wird es das Lächeln meines Sohnes, wenn er mit seinem Vater an seiner Seite aufwachsen darf, das alles Wert sein.
Ich erwarte keine Vergebung von euch, kein Mensch könnte das, was euch beiden zugestoßen ist vergessen, aber ich hoffe das ihr hiermit einen neuen Start wagen könnt.
Alles worum ich euch bitte ist den Hass gegen Seowon nicht mit euch herum zu schleppen, weil es niemandem außer euch schaden wird.
Vielleicht haben wir irgendwann die Chance uns kennenzulernen, wir fünf, sei es in einigen Jahren oder im nächsten Leben.
Alles gute für die Zukunft,
Bora"
Stumm starre ich die mit schöner Handschrift geschriebenen Worte an und lasse sie auf mich einwirken.
Auf dem Umschlag stand, dass er von Seowon stammt, umso überraschter bin ich also, das sie nicht von ihm sind, sondern von seiner Freundin.
Obwohl ich sie noch nie gesehen oder ein Wort mit ihr gewechselt habe, kommt es mir so vor, als würden wir uns kennen.
Alleine der Spitzname, den sie mir gegeben hat, so hat nur Seowon mich früher genannt. Kook. Es war die Abkürzung, für Momente in denen er zu faul war meinen vollen Namen auszusprechen.
Es hat zwar nicht die gleiche Wirkung auf mich wie Taehyungs Kookie, aber es macht mich irgendwie glücklich.
Zwar rechtfertigt dieser Brief noch lange nicht die Entscheidung, denn ich bin der Meinung, dass jeder Mensch für das was er tut gerade stehen müsste, aber Taehyung hatte recht, es hilft mir mit dem ganzen abzuschließen.
"Alles in Ordnung?", frage ich Taehyung der still da sitzt und die Stelle auf dem Tisch anstarrte auf der bis eben der Umschlag lag.
"Ich denke schon", antwortet er und das Lächeln das er mir daraufhin schenkt, ist ehrlich, das merke ich sofort. "Es macht mich immer noch wütend und sie hat recht, ich verzeihe ihm nicht, aber das brauche ich auch nicht. Es ist vorbei, Jungkook. Wir haben es geschafft."
Plötzlich springt er nach vorne, nimmt mein Gesicht in seine Hände und presst seine Lippen auf meine.
Als er sich von mir löst, ist das Lächeln noch breiter und obwohl ich nicht verstehe, was genau ihn so glücklich macht, lächel ich mit ihm, denn er hat recht.
Das alles hätte noch schlechter ausgehen können, aber wir sitzen hier und ich habe Taehyung an meiner Seite. Egal was jetzt noch kommen mag, wir werden das zusammen durchstehen, da bin ich mir sicher.
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