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Jungkook Pov
"Du hast ihn umgebracht", sage ich in die Stille hinein, die diesen riesigen Ort so klein wirken lässt.
Taehyung hat sich all die Jahre selber die Schuld am Tod seines Bruders gegeben. Seowon hat ihm damit seine ganze Familie genommen, den einzigen Menschen zu dem Taehyung hochgeschaut hat.
Er war es vielleicht nicht, der ihm ins Knie geschossen hat, aber er hat bei ihm eine andere Narbe hinterlassen, eine die nicht sichtbar ist und sie in hundert Jahren nicht verheilen würde.
So sehr ich Seowon als Freund geliebt habe, so sehr ich ihn all die Jahre vermisst und ihn wieder an meiner Seite haben wollte, genauso sehr hasse ich ihn im Moment und wünschte mir nichts sehnlicher, als das er nie aufgetaucht wäre.
"Ich wollte das nicht", sagt er. Seine Wangen sind bedeckt mit Tränen und er kommt mit dem wegwischen gar nicht hinterher. Am liebsten würde ich sie ihm aus dem Gesicht schlagen, aber ich muss mich kontrollieren, weil ich immer noch nicht alles von ihm weiß.
"Du wolltest das nicht? Wirst du ferngesteuert oder was? DU hast den Abzug gedrückt, DU hast Gott gespielt, Verdammt!"
"Ich weiß! Ich weiß, Jungkook, ich weiß das und ich werde es nie vergessen. Ich hatte solche Angst, weil für mich zum ersten Mal mehr auf dem Spiel stand als mein eigenes Leben."
Ist das eine Entschuldigung für ihn? Wer ist dieser Mensch mit dem ich hier rede überhaupt? Der Seowon, den ich kannte hat immer gelächelt, selbst wenn er keinen Grund dazu hatte, es war ansteckend und er konnte keiner Seele etwas antun, aber dieser hier ist weiter von dem Seowon entfernt den ich kenne, als die Sonne von der Erde.
"Was ist mit dir passiert?", frage ich und kralle mich in den Stoff meines Hemdes um nicht sofort in Taehyungs Namen auf ihn einzuschlagen.
Er schüttelt den Kopf als wüsste er selber nicht die passende Antwort darauf, trotzdem öffnet er den Mund und spricht.
"Ich habe jemanden kennen gelernt, ein Mädchen."
"Du hast viele Mädchen kennengelernt", sage ich und sehe ihn unzufrieden mit der Erklärung an.
"Aber sie ist die erste in die ich mich verliebt habe. Ich habe sie so sehr geliebt, dass ich bereit war alles für sie aufzugeben, aber Mr. Kang wollte das nicht zulassen. All seine Pläne brauchten mich als Hacker und wenn ich ging, würde alles was er aufgebaut hat zerbrechen. Allerdings ging er einen Deal mit mir ein.
Wenn ich ein allerletztes mal mit ihm gegen das Gesetz verstoße, dann würde er mich in Ruhe lassen."
Das Bild von Seowon im Café und das Mädchen mit dem er damals geschrieben hat, es besteht kein Zweifel daran, dass es das Mädchen ist von dem er gerade redet.
"Auf der Bühne... Er befahl mir zu schießen. Er sagte ich müsste schießen um meinen Teil des Deals zu erfüllen."
Pure Wut packte mich und der Hass nahm Besitz von meinem Körper. Ich schrie. Ich schrie so laut das ich befürchtete die Säulen würden nachgeben und das Gebäude würde über uns zusammenbrechen.
Seowon hatte ihn getötet um jemanden den er liebt zu retten, aber er hatte damit jemand anderem einen geliebten Menschen genommen.
Was soll ich tun? Gegen wen soll ich meinen Hass richten?
"Was passierte danach? Wieso bist du verschwunden?", frage ich.
"Mr. Kang dachte gar nicht erst daran mich gehen zu lassen. Ich spielte weiter die Marionette für ihn und er ignorierte dafür die Existenz von Bora."
Bora. Das muss das Mädchen sein von dem er sprach. Obwohl ich mir denken kann, wie schwer es für ihn gewesen sein muss ständig zu wissen, dass der Mensch, den man mehr als alles andere auf der Welt liebt, tot sein könnte wenn man etwas falsch macht, vergesse ich nicht das für seine Dummheit Hajun sterben musste.
"Sie kam schnell dahinter das ich mit illegalen Sache zu tun hatte und zwang mich ihr alles zu gestehen. Ich war mir sicher sie würde mich verlassen und tatsächlich vergingen Monate, ohne das ich ein Lebenszeichen von ihr bekam, bis sie mich vor die Wahl stellte. Ich arbeitete entweder weiter für Mr. Kang und verlor sie, oder ich nahm sie mit und wir verließen beide zusammen das Land."
Seowon war also gar nicht einführt oder ermordet worden, er war mit ihr weggelaufen.
Wieso hatte er mir nichts erzählt? Ich habe immer mit dem Gedanken gelebt das ihm etwas schreckliches zugestoßen sein musste, ich wäre glücklicher gewesen wenn ich gewusst hätte, das es ihm zumindest körperlich gut ging.
"Ich wusste sie würden mich verfolgen, also ließ ich etwas mitgehen."
"Das Handy", sage ich als ich langsam begreife was dieses Gerät mit all dem zu tun hat.
"Darauf befinden sich all ihre Namen und das Video der Nacht, ich wollte mich selber ausliefern und sie alle gleich mit. Wir sollten für das büßen was wir getan haben, aber es kam alles anders.
Das Handy war nicht das einzige was ich gestohlen habe, ich nahm alle Dateien, die wir die Jahre gesammelt haben ebenfalls, aber was für sie am wichtigsten war, ich nahm ihnen den Koffer."
Ohne die Dateien mussten sie von vorne anfangen und sie konnten die Menschen nicht mehr damit erpressen. Aber was mich viel brennender interessiert ist dieser Koffer.
"Ist ihnen das Geld darin so wichtig?"
Seowon schüttelt den Kopf und sieht mir jetzt endlich nach all der Zeit in die Augen.
"Darin befindet sich nicht nur Geld. Es ist etwas darin das Mr. Kang ruinieren könnte. Etwas das er unter allen Umständen vernichten will."
Moment. Mein Kopf ist zu klein um all die Informationen auf einmal zu verarbeiten. Dieser Koffer auf der Feier hatte also nicht nur den Zweck eine gute Tat zu begehen, es befand sich auch noch etwas anderes drin. Dann war Mr. Kang also nicht hinter dem Geld her, wieso auch wenn er durch Betrug an mehr ran kommt?
"Was war darin?", frage ich und sehe ihn eindringlich an.
Nervös kaut er sich auf der Lippe herum und macht den Anschein, als würde er alles dafür geben mir diese Information zu verschweigen, aber selbst als er den Mund öffnet um etwas zu sagen, kommt er nicht mehr dazu als die Tür hinter mir unsanft aufgerissen wird.
"So sieht man sich also wieder."
Erschrocken drehe ich mich um und weiche sofort einen Schritt zurück als ich die Waffe in seiner Hand entdecke die er direkt auf Seowon richtet.
Die Zeit hat ihre Spuren bei ihm hinterlassen, aber auch er ist genau wie Seowon kräftiger geworden. Allerdings finde ich keinerlei gute Worte für ihn, ganz im Gegenteil.
Als ich realisiere, dass er es tatsächlich ist und das Taehyung recht mit der Vermutung hatte das er eine größere Rolle spielt als wir vielleicht denken, brennen bei mir die Sicherungen durch.
"Hallo, Jungkook", sagt er mit einem ekelhaften Lächeln im Gesicht das mir als Schüler immer Trost gespendet hat.
"Sie dreckiger Mistkerl!", schreie ich ihm entgegen und er reagiert darauf indem er seine Waffe entsichert und sie statt auf Seowon nun auf mich richtet.
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