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Jungkook Pov
Ich ignoriere das Geräusch der Schlüssel im Schlüsselloch und stehe nicht auf als ich seine Schritte direkt hinter mir höre.
Auch wenn er für mich schwer zu ignorieren ist, spiele ich den beleidigten, drehe mich um und wische an ihm vorbei den Boden entlang. Ich bin nicht wütend, vielleicht wäre ich das normalerweise bei jedem anderen der das getan hätte, aber nicht bei ihm.
Zum einen weil er es ist, Kim Taehyung dem ich nicht lange böse sein kann und zum anderen weil ich wahrscheinlich nicht anders reagiert hätte wenn so ein Video von meinem Bruder existieren würde.
"Du musst das nicht tun", sagt er hinter mir, aber ich drehe mich nicht um sondern sammle weiter die Glasscherben auf die er hinterlassen hat bevor er gegangen ist.
"Schon gut."
Wenn er sich Sorgen darum macht das ich mich verletzen könnte, dann braucht er das nicht. Ich bin vorsichtig und noch dazu trage ich Gummi Handschuhe, so leicht ist es nicht sich damit zu schneiden.
Außerdem muss das irgendjemand machen und er ist gerade nicht in der Lage dazu, verständlich.
"Geh dich ausruhen, ich mache das", sage ich und lege die Scherben vorsichtig auf das Zeitungspapier, das ich neben mir hingelegt habe. Er hat eine riesen Sauerei veranstaltet, aber wenn man bedenkt was dazu geführt hat, dann kann man ihm keine Vorwürfe machen.
Er geht nicht, sondern bleibt weiterhin hinter mir stehen ohne irgendetwas zu sagen, aber ich tue so als würde ich das nicht bemerken oder als würde es mich zumindest nicht stören.
"Hast du es gesehen?"
Ich bleibe mitten in der Bewegung stehen und hebe langsam den Kopf, trotzdem traue ich mich nicht mich umzudrehen. Woher weiß er das? Hat er es an meinem Verhalten so leicht erkannt?
Vielleicht wechselt er das Thema wenn ich ihn einfach ignoriere. Ich krieche weiter nach vorne um auch dort die Scherben auf zu sammeln, aber Taehyung hat nicht vor diese Sache einfach ruhen zu lassen.
"Jungkook", sagt er leise meinen Namen und im nächsten Moment ist ein dumpfer laut zu hören. Erschrocken drehe ich mich um, nur um zu sehen das er nicht länger hinter mir steht, sondern vor mir auf den Knien hockt.
"Du hast es dir angesehen nicht wahr?", fragt er und sieht mich mit großen Augen an.
Ich ziehe die Handschuhe aus und nicke. Selbst wenn ich wollte, ich könnte ihn nicht anlügen.
"Wie viel weißt du?", fragt er und senkt den Blick.
Der Mann der hier vor mir sitzt wie ein Haufen Elend hat nichts mit den Taehyung gemeinsam den ich sonst kenne. Dieser hier ist gebrochen.
"Das dein Bruder verletzt wurde. Mehr war nicht zu sehen."
Ich bin mir sicher im Internet hätte ich mehr zum Fall gefunden, aber ich konnte das nicht mit mir selber vereinbaren. Immer wieder habe ich mich geweigert Taehyung etwas privates über mich zu erzählen, wieso also sollte ich das Recht haben hinter seinem Rücken über ihn zu forschen? Das schien mir nicht richtig.
"Er starb", sagt er leise und sieht mir nach wie vor nicht in die Augen.
Sein Bruder starb an der Verletzung? Deswegen muss es ihn so fertig machen. Es ist nicht nur das Ereignis an sich sondern auch die Konsequenzen, die die Taten dieser Menschen nach sich zogen.
"Du musst es mir nicht sagen", fange ich an und lege meine Hand auf seine. Als hätte er darauf gewartet, verschränkt er seine Finger mit meinen.
"Du würdest es sowieso aus dem Internet erfahren, ich erzähle es dir lieber selber."
Taehyung ist der beste Beweis dafür das egal wie stark und selbstbewusst er nach außen hin scheinen mag, er auch nicht weniger zerbrechlich ist als jeder andere Mensch. Der Tod seines Bruders muss schwer für ihn gewesen sein, aber da steckt noch mehr hinter, es scheint fast so als plagen ihn Schuld Gefühle.
"Es war die erste Veranstaltung an der ich teilnehmen durfte, ich war erst 13, mein Bruder damals so alt wie du heute, 19. Es ging darum Spenden zu sammeln und das Unternehmen meines Vaters war der Gastgeber dieser Veranstaltung. Die ersten Stunden verliefen normal, es gab keine Anzeichen für irgendwelche Schwierigkeiten, aber genau dann als mein Vater mit uns auf die Bühne trat um im Namen der GL Group zu spenden, kamen diese Bastarde."
Ich drücke seine Hand um ihm zu zeigen das ich da bin, das er nicht alleine ist und das er nicht weiter reden muss wenn er das nicht möchte, aber er schüttelt nur den Kopf und fixiert wieder einen Punkt auf dem Boden.
"Es sah alles nach einem normalen Raub aus, sie richteten ihre Waffen auf uns und verlangten nach dem Koffer in dem sich 100.000 Bar befanden. Vater zögerte, es war ihm wichtig dieses Geld zu spenden, aber sie richteten ihre Waffen auf uns und er hatte keine andere Wahl als es ihnen zu geben, nur kam es nicht mehr dazu."
Er stoppt, schluckt und öffnet den Mund um weiter zu reden, aber es scheint als würde er nach den richtigen Worten suchen um das, was passiert ist verständlich zu beschreiben.
"Die Polizei kam", sage ich um ihm zu helfen und er nickt.
"Sie waren umzingelt, hatten eigentlich keine Chance als aufzugeben, aber das kam für sie nicht infrage. Sie schrien den Polizisten entgegen sie sollen ihre Waffen fallen lassen, im Saal brach Panik aus und in dem ganzen Tumult fiel irgendwann ein Schuss."
Die Stelle an der das Video endete. Auch wenn Taehyung mich nicht ansieht, bemerke ich das glänzen in seinen Augen als sie sich mit Tränen füllen.
"Ich rannte zu ihm, aber er fing an Blut zu spucken. Es war nicht die Verletzung in seiner Brust die ihn tötete, er erstickte an seinem eigenen Blut noch an Ort und Stelle."
Ich musste mir das vorstellen, wie er da hockte und seinem Bruder beim sterben zusehen musste, nicht in der Lage irgendetwas dagegen zu tun. Wie schrecklich muss er sich gefühlt haben, wie hilflos und voller Hass.
"Der Schütze ließ seine Waffe fallen und ich weiß nicht warum ich in diesem Moment so reagierte, aber ich hob sie auf und richtete sie auf ihn. Es war Angst, Wut und Hass die mich den Abzug drücken ließen."
Überrascht von der Wendung der Geschehnisse sehe ich ihn mit gerunzelter Stirn an und versuche meine Hand aus seiner zu lösen, aber er legt seine andere noch oben drauf und sieht mich nun endlich an.
Die Tränen lassen sich nicht länger zurückhalten und genau wie vorhin strömen sie sein Gesicht unaufhaltsam herunter.
"Bitte nicht", fleht er mich an. "Bitte halte mich nicht für ein Monster."
Wie konnten sie so etwas tun? Eine Veranstaltung die gute Absichten hat stürmen und Menschen derart verletzen?
Ich lege meine Hand auf seine Wange und streiche sanft darüber. "Ich halte dich nicht für ein Monster."
"Hass mich nicht."
"Ist schon gut", sage ich und wische die Tränen weg. "Ich hasse dich nicht, ich könnte dich niemals hassen. Wenn ich jemanden hasse, dann sind es die Menschen, die dir das angetan haben."
Seine Augenbrauen sind zweifelnd zusammengezogen, aber ich halte seinem forschenden und zweifelndem Blick stand.
Taehyung, jemand der sich von nichts unterkriegen lässt, der mit dem Motto gelebt hat so wenig wie möglich Nein zu sagen, diese Person sitzt jetzt vor mir und ist vollkommen am Ende.
"Was ist danach passiert?", frage ich und versuche ihn mit meinem Blick zu trösten. "Haben sie die Männer gefasst?"
Er schüttelt den Kopf und senkt wieder seinen Blick. "Einer von ihnen schoss mir ins Knie um zu verhindern das ich noch jemanden von ihnen verletzte. Dann fingen sie an auf die Polizisten zu schießen und verletzten viele Gäste. Es war ein Massaker, Blut überall wo du hingesehen hast."
Ich lasse meinen Blick weiter nach unten wandern, zu seinem Knie das von der schwarzen Hose verdeckt wird. Damals in der Sauna, die Narbe die ich gesehen habe, daher hat er sie und ich Dummkopf habe ihn auch noch darauf abgesprochen, kein Wunder das er nicht darüber sprechen wollte.
Ich schlinge meine Arme um seinen Hals und drücke ihn so fest an mich wie es nur geht. Er war erst dreizehn als er das alles erlebte, etwas was kein Mensch jemals erleben sollte. Wie schlimm muss es für ihn gewesen sein all die Zeit mit diesen Erinnerungen zu leben.
Vielleicht hat er damals gelogen als er meinte er wäre ausgezogen weil er unabhängig sein wollte, es scheint viel eher so zu sein das er ausgezogen ist, weil er vor den Erinnerungen fliehen wollte die ihn verfolgten und so schrecklich es auch klingt, sein Familien Name und die GL Group werden ihn immer an das erinnern, was damals geschehen ist.
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